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Offener Brief der Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz

An: Bürger, Politiker, Behörden und Öffentlichkeit

Die meisten, die diesen Briet lesen, wissen, was die Sächsische Schweiz ist: Eines der schönsten deutschen Mittelgebirge ein Teil des Elbsandsteingebirges, zusammen mit dem tschechischen Teil eine höchst vielfältige, in Europa einzigartige, zivilisatorisch maßvoll und ausreichend erschlossene, außergewöhnlich sensible, schon immer gefährdete Natur- und Kulturlandschaft.

Für viele ist die Sächsische Schweiz, bewahrenswerte Heimat oder ein Ort, wo noch wirkliche Erholung möglich ist, wo Natur noch ganz NATUR sein darf, eine Landschaft, die reiche Anregungen und ganz elementare Erlebnisse vermitteln kann. Für andere ist das Gebiet nur ein Objekt des Geldverdienens der Ausbeutung, der rücksichtslosen Inanspruchnahme und ein Probierfeld für Betätigungen, die jegliches Verständnis für die Eigenart diese Landschaft seit jeher im besonderen Maße dem Konflikt zwischenfragwürdigen Nutzungsinteressen und einem übergreifenden, komplexen Verantwortungsgefühl ausgesetzt gewesen.

Bürgervereinigungen und einzelne Menschen, aber auch bestimmte Behörden haben seit über 100 Jahren immer wieder versucht, die Sächsische Schweiz vor zerstörerischer Übernutzung zu bewahren. Besonders in den vergangenen Jahrzehnten war es außerordentlich schwer, gegen Gefühlslosigkeit Egoismus und ökologisch - ökonomische Unvernunft, gegen fehlendes Rechts- und Umweltbewusstsein und gegen Rücksichtslosigkeit in bezug auf die gegenwärtigen und zukünftige, allgemeinen Interessen am Erhalt der Werte dieser Landschaft zu bestehen. Dabei gab es viele Enttäuschungen. Fehlentwicklungen, machtpolitisch durchgesetzt oder verantwtmungslos geduldet, blieben nicht aus. Aber immerhin ist die Sächsische Schweiz in einem vergleichsweise noch gut erhaltenen Zustand in die Vereinigung mit der Alt- BRD eingebracht worden. Westdeutsche und ausländische Besucher und Fachleute beneiden uns um die relativ umzersiedelte und unverbaute Landschaf tund machen uns Mut, sie so zu bewahren.

Nach der Wende in unserem Land war die Hoffnung groß, die Werterhaltung der Sächsischen Schweiz, nun besser als bisher und nachhaltig zu sichern und hier ein Gebiet mit vorbildlicher Landschaftspflege und landschaftsverträglicher Vitalität zu entwickeln, also auch zum Vorteil der Menschen, die dort wohnen.

Ist aber diese Hoffnung noch berechtigt?

Wir erleben, daß mit der Wende in unserem Land das fragwürdig-einseitige ALTE DENKEN in bezug auf die Behandlung der Sächsischen Schweiz nicht nur keineswegs verschwunden ist, sondern daß es eine unheilvolle Allianz mit Anhängern einer falsch verstandenen, also unsozialen und unökologischen Marktwirtschaft eingeht. Eine furchtbar materialistische Allianz:

Dabei ist Täuschung im Spiel: Zu Natur- und Umweltschutz wird ein verbales Bekenntnis abgelegt. Es wird der Eindruck vermittelt, daß die vorgelegten Konzeptionen und Planungsvorschläge die einzig besten seien, und es wird verschwiegen, daß solcherart Vorschläge in vergleichbaren Landschaft der Alt-BRD zu den Fehlern der Vergangenheit gehören, die heute sehr bereut werden. Zudem werden auch Projekte angeboten die schon anderenorts einmal verkauft wurden, aber hierher überhaupt nicht passen. Mit einer Kurzzeit- und Ressortökonomie die dem 19. Jahrhundert zuzurechnen ist, werden uns schnelle ökonomische Vorteile versprochen, und es bleibt ungesagt, dass Vorhaben, die die Landschaftscharakteristik und Naturräume beeinträchtigen oder verändern, aus längerfristiger und aus volkswirtschaftlich- gesamtgesellschaftlicher Sicht vollkommen unökonomisch sind. Das ist so, weil Naturräume kulturelle Traditionen und das Gesicht einer Landschaft auch ein ökonomisches Potential haben, dessen Wert - ein weltweiter Vorgang - zudem stetig wächst. Und schamlos wird die Unerfahrenheit unserer Kommunen und Behörden mit der neuen Rechtslage und moderner Planungspraxis ausgenutzt, so dass schließlich auch Fördermittel des Bundes oder Gelder aus den Partnerländern oft in scheinträchtige falsche Kanäle geleitet werden. Wir, die wir uns auch für eine Vitalitätssicherung der Sächsischen Schweiz einsetzen, wehren uns dagegen, daß so getan wird, als wüßten wir nicht, was gut für die Sächsische Schweiz ist, was Not tut und was dafür na einzelnen zu machen ist. Wir wissen auch, dass es in der Alt-BRD sehrwohl Institute, Behörden und Planungsbüros gibt, die, getragen auch von einem komplexe ökonomisch- ökologischen Denken, zu einer für uns wünschenswerten modernen Landschafts-, Regional-, Flächennutzung,- und Ortsbildgestaltungsplanung beitragen können.

Wenn uns aber Marketing-Berater und Planer einreden wollen, die Sächsische Schweiz sei vom Aussterben bedroht und wegen de, Sächsischen Schweiz allein käme niemand hierher und sie müsse deshalb mit Erlebnisbädern, Golfplätzen, 200-300-Betten-Hotels (in Dörfern), Gewerbegebieten (auf Freiräumen der Landschaft), Sommerrodelbahnen, Rundflügen. Drachenfliegern u. ä. aufgewertet werden, ist das so absurd wie unsinnig. Die Sächsische Schweiz, ein Magnet für jährlich 2,5 - 3 Mio. Touristen, kann auch auf anderen Wegen eine gute,und wir denken, sogar eine wesentlich bessere Zukunft haben.

Die Sächsische Schweiz ist eine Ganzheit und es gibt in ihr keine Teile, die weniger wertvoll und weniger erhaltenswürdig sind. So bringt auch die Erklärung von 2 kleineren Teilen der Sächsischen Schweiz zum Nationalpark keine Beruhigung. Im Gegenteil: Für 3/4 der Region ist nun ist nun die Gefahr der Übernutzung und Verfremdung noch erhöht, und sie ist ganz akut.

Deshalb bitten wir alle, die Kenntnis von diesem Brief erhalten. im Hinblick auf unser aller konkrete Verantwortung für die BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG und für die Pflege des natürlichen und kulturellen Erbes folgendes nach Kräften und Möglichkeiten mit voranzubringen und zu unterstützen:

  1. Einen neuen SCHUTZSTATUS für die Sächsische Schweiz, mit dem das Gebiet als Naturraum und Kulturlandschaft insgesamt und in allen seinen Teilen und Werten erhalten wird und das Absichern dieses Zieles durch eine entsprechende, nachhaltig wirksame GESETZGEBUNG;
  2. das kurzfristige Erstellen von Konzeptionen und Plänen für den SCHUTZ, die SANIERUNG, die PFLEGE und die NATUR- UND LANDSCHAFTSVERTRAGLICHE NUTZUNG UND VITALITÄTSSICHERUNG des Gesamtgebietes unter der Voraussetzung, dass es für die Sächsische Schweiz entwicklungsbegrenzende Faktoren gibt, dass die Region eine extensive Entwicklung nicht mehr verträgt, dass Kompromisse, die irreversible Veränderungen zu Folge haben, nicht mehr zugelassen werden dürfen und dass vergangene Fehlentwicklungen zurückgebaut werden;
  3. eine WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG, die der Spezifik der Sächsischen Schweiz und ihrer nationalen und internationalen Bedeutung gerecht wird und zur Existenzsicherung darin dem Gebiet lebenden Menschen sinnvolle und zum Teil schon vorgeschlagene Alternativen und Unterstützungen in Angriff nimmt;
  4. eine auch überregional wirkende AUFKLÄRUNGSUND BILDUNGSARBEIT, die allen. Die mit der Sächsischen Schweiz zu tun haben, die Bedeutung der natürlichen und kulturellen Werte der Region, ihre Gefährdung und die Verantwortung jedes einzelnen für die Erhaltung dieser Werte nahe bringt und das Wirksamwerden eines historisch, ästhetisch und ökologisch gebildeten Verantwortungsbewusstseins aller zum Ziele hat.

Alle, die diesen Brief lesen, rufen wir auf, in dieser, Sinne mitzudenken und mitzutun.

Pirna, den 22. 4. 1991

Peter Hildebrand,
Vorsitzender der Schutzgemeinschaft

Als sehr wichtig erachten wir eine enge Zusammenarbeit sowohl mit den staatlichen Verantwortlichen als auch mit den anderen Naturschutzverbänden die sich in der Sächsischen Schweiz engagieren. Letzteren wallen wir immer die Möglichkeit geben, ihre Beiträge in diesem Heft zu veröffentlichen.
Ein ganz wichtiger Partner für uns ist die Schutzgemeinschaft "Sächsische Schweiz ", deren Offener Briefwenige Tage vor der offiziellen Eröffnung des Nationalparks entstand.
(Anm. der Redaktion)



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