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DIE SÄCHSISCHE SCHWEIZ IST EINE GANZHEIT

Umdenken in der Behandlung und Nutzung von Natur, Landschaft und Heimat

"Seine Majestät der König haben das Protektorat über den Verein Allergnädigst zu übemehmen geruht". Das geschah dem 1910 in Dresden gegründeten Verein zum Schutze der Sächsischen Schweiz. Oberbürgermeister Geheimer Rat Dr. Beutler, Königlicher Kammerherr Geheimer Regierungsrat Amtshauptmann von Nostiz, Pirna und Prof. Dr. Meiche Privatgelehrter, waren die Vorsitzenden. Der Verein hat Sandsteinbrüche im Elbtal aufgekauft, stillgelegt und renaturiert. So ist ihm unter anderem zu danken, daß die Basteiwände so erhalten geblieben sind, wie wir sie heute kennen und daß die ehemaligen Brüche - bis auf die spätere teilweise Verdatschung - zu einem ökologi sehen Kleinod unserer Heimat geworden sind.

Der Blick auf diese Geschichte lehrt uns allerlei:

  1. Privatbesitz an oder in einer Landschaft hat oft den Hang zur Übertreibung und nicht den Blick fürs Ganze und die Zusammenhange,
  2. der Konflikt zwischen einem übergreifenden Verantwortungsgefühl für die Sächsische Schweiz und unangemessenen oder maßlosen Nutzungsinteressen an ihr ist nicht neu,
  3. Staatsmacht und Wirtschaft waren früher weniger miteinander verbunden als heute.
  4. Die Bewahrung der Sächsischen Schweiz kostet auch Geld, doch kommt dieses vermehrt und auf vielfältige Weise der Region wieder zugute.
  5. Es gibt auch marktwirtschaftliche Mechanismen, die zum Schutz von Natur und Landschaft eingesetzt werden können und
  6. ohne ein die Besitzstände und die Gegenwart übersteigendes Verantwortungsbewußtsein gibt es keine gute Zukunft für die Sachsische Schweiz.

Mit dem Blick auf unsere heutige Situation stellen wir fest, daß sie problematischer geworden und nicht so leicht zu bewältigen ist. Einerseits macht der weltweit zu beobachtende Verlust anBodenundZerstörung freier Landschaft (Flächenverbrauch in der Alt-BRD 60000 ha/Jahr) den Besitz eines solchen Naturraumes wie die Sächsische Schweiz zu einem höchsten Schatz und seine unverminderte Werterhaltung zu einem absoluten, nationalen und internationalen Gebot. Dabei sind die geologisch und morphologisch bedingte Sensibilität, die charakteristische kleinräumige Gliederung und der zivilisatorische Erschließungsgrad der Sächsischen Schweiz die speziellen Gründe, warum auch keines ihrer Teile irgendeine extensive Entwicklung verträgt, warum es entwicklungsbegrenzende Faktoren für das Gebiet gibt und warum Kompromisse, die irreversible Veränderungen beinhalten, nicht mehr geduldet werden können. Andererseits ist auch die Sachsische Schweiz unsererZivilisationskrankheit, das heißt den "Folgen von Disharmonien und einem Ungleichgewicht zwischen Gott, Natur, Gesellschaft und eigener Lebensführung" (H.-J. Maaz), also der immer noch fortschreitenden Entfremdung des Menschen ausgesetzt. So ist der Griff nach der Sächsischen Schweiz, der neuerdings in dem Wort "Vermarktung" gipfelt, eingebettet in den Kult des Konsumierens und Verbrauchens, in den zerstörerischen Glauben an ständigen Fortschritt und Wachstum. Natur und Landschaft geraten in die unmittelbare Gefahr, daß sie Opfer von Scheinbedürfnissen und Ersatzbefriedigungen werden und weithin nur noch mit kurzsichtigmerkantilen Augen gesehen werden. Noch wenig Freunde hat die Erkenntnis, daß die Bewahrung der Sächsischen Schweiz der denkbar höchste Investitionsgewinn für die ganze Nation ist und der Befriedigung echter Grundbedürfnisse der Menschen entgegenkommt. Das macht die Größe der Aufgabe deutlich.

Ist nun die Bewahrung der Sächsischen Schweiz durch die Erklärung eines Teiles von ihr zum Nationalpark schon gesichert? Nein, das ist nicht der Fall. Aber es kann ein Fortschritt sein. 1978 wurde während einer Beratung beider Staatsmacht in Dresden versucht,mir den Begriff "Nationalpark" auszureden. Grund nun zur Freude?

Ja, aber nicht ungetrübt. Die Sächsische Schweiz ist eine Ganzheit. Was wir jetzt haben, sind zwei Nationalparkteile und das auch nur rechtselbisch. Deshalb hat die Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz bereits bei der wohl notgedrungen überstürzten Antragstellung für den Nationalpark im August 1990 Einspruch gegen diese Art der Einteilung des Gebietes erhoben. Es war in etwa vorauszusehen, wasjetzt in dem größeren, nicht minder wertvollen Teil des Landschaftsschutzgebietes Sächsische Schweiz passiert: Die derzeitige Not, Rechtsunsicherheit und Ratlosigkeit derEinwohnerund Kommunen ausnutzend, kommen Marketing-Berater und Projektanten mit Konzeptionen und Vorschlägen, die nicht nur jegliches Verständnis für die Eigenart dieser Landschaft vermissen lassen, sondern die auch in vergleichbaren Gebieten der Alt-BRD zu den Fehlern der Vergangenheit gehören und heute sehr bereut werden. Wir stehen in dem nicht Nationalpark genannten größeren Teil der Sächsischen Schweiz in der unmittelbaren Gefahr seiner so unsinnigen wie schädlichen Vermarktung, seiner beschleunigten Vernutzung. Es kommt hinzu, daß derBegfiff "Landschaftsschutzgebiet" in der Alt-BRD von kleinerem Stellenwert und geringererrechtlicher Relevanz ist als eres in derDDR war. Eine Natur- und Kulturlandschaft wie die Sächsische Schweiz ist mit dem derzeitigen Bundesnaturschutzgesetz nicht hinreichend zu schützen.

Was nun höchste Not tut: ein über die Region hinauswirkendes SEHEN der einzigartigen und unersetzlichen Werte des Elbsandsteingebirges als Ganzes und in allen seinen Teilen und das WAHRNEHMEN der Gefährdung dieser Werte; ein der Bedeutung der Sächsischen Schweiz als Naturraum und Kulturlandschaft angemessener höherer Schutzstatus für das Gesamtgebiet (Naturpark, Europark); behutsame, von einem übergreifenden Verantwortungsdenken geleitete Konzeptionen und Maßnahmen fürden Schutz, die Sanierung, das Leben und den Besuch in der Sächsischen Schweiz; eine entsprechende Unterstützung der Eigentümer und Rechtsträger an bzw. in der Sächsischen Schweiz und eine Aufklärung darüber, daß ein hoher Schutzstatus mit einer wirtschaftlichen Belebung des Gebietes einhergehen kann, wenn man es richtig anfaßt; eine Sächsische Gesetzgebung, die das alles absichert und fordert; und ein auf einem historisch, asthetisch und ökologisch gebildeten Verantwortungsbewußtsein beruhender Stolz auf unsere Heimat.

Die Bewahrung der Sächsischen Schweiz ist also etwas anderes als ein Lippenbekenntnis, das auch die Vermarkter sprechen. Sie ist ein Anspruch an uns selbst, sie ist ein arbeitsaufwendiges Unternehmen, und sie geht alle an. Sie bedeutet, BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG hier, vor Ort, konkret werden zu lassen. Soistsie wie wir aus dem konziliaren Prozeß und den ökumenischen Versammlungen der Kirchen zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wissen, auch ein ganz spezifisch christlicher Auftrag: Nachdem die Erde untertan gemacht wurde, ist sie nun vor allem zu hegen und zu pflegen, sind Schulden wieder gutzumachen und die Existenz und die Würde des natürlichen und kulturellen Erbes zu sichern. Da darf an eine christliche Partei die besondere Erwartung geknüpft werden, daß sie sich dieser Sache auch politisch annimmt.

Wir werden als kritische Partner dasein. Anliegen der Schutzgemeinschaft sind ein umfassender Schutz, die Sanierung und ein natur- und landschaftsverträgliches Leben in der Sächsischen Schweiz. Jeder ist aufgerufe ii, in diesem Sinne mitzumachen - unter einer Hoffnung, mitder wirunseren neuen Landesvater beim Wort nehmen und die Konsequenzen anmahnen wollen:

"... wird deutlich, daß die Expansivität des Materiellen an natürliche Grenzen stößt: an die Grenzen der Tragfähigkeit ihrer eigenen natürlichen Grundlage ... Die endgültige Zerstörung unsererLebensbedingungen ist in den Bereich des Möglichen gerückt ... Wir müssen uns der Aufgabe der Begrenzung stellen ... Eine Begrenzung durch Einsicht und Notwendigkeit also ... in einer Wiederentdeckung der Bescheidenheit liegt die politische Herausforderung des ökologischen Defizits" (K. H. Biedenkopf, Zeitsignale)

Peter Hildebrand