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Der Bergsteiger und die Natur

Beginnen wir mit einer Grobdefinition des Begriffes Bergsteigen: Bergsteigen ist eine Form körperlicher Betätigung, die in und mit der Natur stattfindet.

Damit könnte bereits alles gesagt sein. Indes, das subjektive Verständnis dieser Betätigung sowie die territorial anscheinend unterschiedliche Interpretation von Naturschutz sollten doch einer eingehenderen Untersuchung wert sein.

Foto: Ch. Walter

Global betrachtetkann man über Bergsteiger folgendes aussagen: Allein die Tatsache, daß der Bergsteiger seinen Sport in einer spezifischen Form der Natur ausübt, spricht für sich. Anders ausgedrückt: Die Natur wird bewußt oder unbewußt zum unmittelbaren Partner. Ich erspare mir, an dieser Stelle all das noch einmal aufzuwärmen, was von Louis Trenker bis Reinhold Messner bisherliterarisch verarbeitet wurde. Historisch betrachtet, nahm die Entwicklung territorial und traditionell unterschiedliche Verläufe. Insgesamt aber kann man dem Bergsteiger allgemein unterstellen, daß er, bis auf unbedeutende Ausnahmen, automatisch Naturschützer ist, lange bevor der Naturschutz als Institution erfunden wurde. Schon aus reinem Egoismus meidet der Bergsteiger überfüllte Talorte oder sogenannte "Geierpisten". Nichts geht ihm über eine heile, intakte Bergwelt, möglichst saubergehalten von den Freuden der Zivilisation.

Diese innere Übereinstimmung dessen, der in die Berge geht, mit der Natur, ist eigentlich nur dem verständlich, der es selbst tut. Jede Umschreibung bleibt ein armseliger Versuch, ein tiefes Gefühl in Formeln fassen zu wollen.

Diese vorangegangenen Sätze gelten zumindest dem Bergsteiger im traditionellen Sinn. Daß diese Sportart wie alles andere einer scheinbar zwangsläufigen Entwicklung unterworfen ist und in zunehmendem Maße von Erfolgszwang bestimmt wird, ist nicht zu übersehen.

Daß aber extreme negative Erscheinungen innerhalb des Bergsports verallgemeinernd den institutionalisierten Naturschutz als Großreinigungsfirma der Gebirge auf den Plan ruft und somit Entscheidungen in Paragraphenforin gefaßt werden, halte ich für wenig sinnvoll. Abgesehen davon, daß ganze Alpenvereinssektiohen, besonders solche, die aufMittelgebirge in den Altbundesländern angewiesen sind, auf Generationen hinaus vergnatzt sind, tritt kein wirkungsvoller Effekt ein. Nehmen wir, als noch erfreuliches Ausnahmebeispiel die "Sächsische Schweiz". Abgesehen von der einmaligen Tradition des sächsischen Felskletterns, deren Grundlage wegzunehmen ein nicht wieder gut zu machender Schwachsinn wäre, kann man aus historischer Sicht nur bedingt Schäden aufzählen, die durch Bergsteiger verursacht wurden. Das betrifft eigentlich nur Erosionsgefährdungen um Klettergipfel, die allerdings mit größerem Aufwandrelativiert werden müssen, wobei es wiederum die Bergsteiger selbst sind, die bei solchen Aktionen maßgeblich mit Hand anlegen.

Wie dem auch sei, das alles rief den Naturschutz als solchen noch nicht auf den Plan.

Die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen entstand eigentlich erst mit der umfangreicheren Nutzung des jeweiligen Gebirges. Die Entwicklung und kommerzielle Förderung eines breiteren Tourismus, wirtschaftliche Nutzung, rapide Zunahme individueller Verkehrsmittel sowie Fehlinterpretation von Lagerfeuerromantik stellten in zunehmendem Maße eine Bedrohung der Landschaft dar. Im Bereich der Alpen sind es insbesondere die kommerzielle Nutzung von Steilhangflächen als Skipisten, die mit einer großflächigen Abholzung des Bergwaldbestandes einhergeht, Lifte und Seilbahnenund z. T. auch verkehrsmäßige Erschließung bis in den letzten Winkel. Stellvertretend dafür sei hier der Große Ahornboden im Karwendel genannt, der noch in den 50er Jahren ein stilles, abgeschiedenes Bergtal war und inzwischen mit Hotels samt dazugehörenden Zufahrtsstraßen "aufgewertet" wurde.

Als schwergewichtiger Störfaktor erwies sich zudem die Industrie mit ihren z.T. erheblichen Schadstoffemissionen. Felsverwitterungen als Folge von saurem Regen kann man in ausgeprägtester Form z.B. im Großen Zschand, also im Elbsandstein bewundern.

Erwähnenswert sollte vielleicht noch die Tatsache sein, daß, als die Landschaftsschutzgebiets-Inspektion Sächsische Schweiz um ehrenamtliche Naturschutzhelfer warb, sichdiese Helferzu fast 100% aus Bergsteigern rekrutierten. Somit blieb beiden Seiten, also den Bergsportlern und der Institution Naturschutz ein unnötiges Gezänk erspart. DieAusnahmen, also Unverbesserliche auf beiden Seiten, bleiben im Bereich der Bedeutungslosigkeit. Ich weiß nicht, wie die LSGInspektion diese bisherige Zusammenarbeit bewertet. Für mich und viele andere mir gut bekannte Naturschutzhelfer war es bisher ein außerordentlich wertvolles und fruchtbares Engagement. Somit ließe sich das sächsische Modell ohne weiteres in die Praxis anderer Mittelgebirge (unter Berücksichtigung deren Spezifik) übertragen. Ich denke, daß in Gegenwart und Zukunft nur ein Miteinander, ein ständiges Ergänzen und die Nutzung des Engagements breiterer Kreise zu einem sinnvollen Ergebnis führen kann.

W. Strahl