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Zur Situation des Waldes im Nationalpark Sächsische Schweiz

Den entscheidenden Flächenanteil nimmt der Wald im Nationalpark »Sächsische Schweiz« ein. Er bildet eine untrennbare Einheit mit der eindrucksvollen Felsenwelt des Kreidesandsteines und der umgreifenden Kulturlandschaft. Seit Jahrhunderten wurden die Holzvorräte der Wälder mehr oder weniger intensiv genutzt.

Die Flößerei auf der Kirnitzsch im hinteren Teil der Sächsischen Schweiz ermöglichte schon im 16. Jahrhundert einen kontinuierlichen Holztransport zur Elbe und damit nach Dresden. Die kurzen und steilen Hänge erleichterten die Handrückung. Die Floßholzschläge veränderten die Waldbilder tiefgreifend. Es ist aber anzunehmen, daß die natürlichen Baumartenmischungen erhalten blieben.

Um 1820 wurden in den Sächsischen Staatsforsten der Kahlschlagsbetrieb als Wirtschaftsform eingeführt. Konsequent wurden standorttypische Laubmischwälder in schnellwachsende Fichtenreinbestände umgewandelt.

Blick zum Rauschenstein - Klick zum Vergrößern -

Der Nonnenfraß von 1924/25, die Kriegs- und Nachkriegseinschläge und die angestrebte Selbstversorgung der Volkswirtschaft der ehemaligen DDR mit Holz führten zu großflächigen Nutzungen.

Der Laubholzanteil ging von 56% um 1600 auf 18% im Jahre 1986 zurück. Der Buchenateil reduzierte sich von 25% auf 4% und ebenso der Eichenateil von 19% auf 4%. Die wurzelintensive, langsam wachsende Tanne, mit einem Anteil von 25%, wurde bis auf unbedeutende Reste verdrängt.

Verstärkt wurden von allem in den letzten Jahrzehnten ausländische Baumarten (Lärche, Roteiche, Weymouthskiefer u.a.) angebaut.

Einfachere und kostengünstigere Kulturverfahren, die Abwehr von Immissionsschäden und die Erwartung hoher Holzmassenleistung begünstigten diese Entwicklung.

Durch das Bestreben der Naturschützer konnten großflächige Gebiete, wie das NSG Bastei (782 ha, seit 1938), das NSG Polenztal (69 ha, seit 1940), das NSG Zeschnigleiten (110 ha, seit 1961) und das NSG Kirnitzschklamm (53 ha, seit 1953) unter Schutz gestellt werden.

Nahezu unberührt blieben unzugängliche Felsriffe und Schluchten. Diese Bereiche bilden heute die ökologisch wertvollsten Teile des Nationalparks.

Mit der Festsetzung des Nationalparks »Sächsische Schweiz« am 12. 9. 90 und seiner Eröffnung am 28. 4. 91 durch den sächsischen Ministerpräsidenten ist eine neue Situation entstanden.

Durch die IUCN-Festlegungen, das Bundesnaturschutzgesetz und die Nationalpark-Verordnung ergeben sich nachfolgende Ziele:

Gesetzlich ausgeschlossen wird eine wirtschaftsbestimmende Nutzung der natürlichen Ressourcen. Damit wird festgelegt, daß eine durch marktwirtschaftliches Denken oder ökonomische Zwänge bedingte Holzproduktion im Nationalpark nicht in Frage kommt.

Angewendet auf die Waldflächen ergibt sich, daß auf dem größten Teil der Nationalpark-Flächen alle waldbaulichen Maßnahmen eingestellt werden. Vorrangigen Schutz erhalten natürliche und naturnahe, sich selbst regulierende Waldökosysteme. Naturferne Bestockungen werden renaturiert.

Eine grobe Analyse des aktuellen Zustandes führt zu der Schlußfolgerung, daß der Zeitpunkt bzw. der Zeitraum um die Reihenfolge für die einzelnen Waldflächen, in denen alle waldbaulichen Maßnahmen eingestelt werden, exakter Untersuchungen und weitsichtiger Planung bedürfen.

Die Planung für den Nationalpark wird in 3 Stufen erfolgen:

Die Planung der Waldpflegemaßnahmen ist ein wichtiger Teilbereich des Gesamtkonzeptes. Der erste NP-Plan wird nicht vor 1993/94 fertiggestellt sein. Die Ergebnisse der zur Zeit laufenden ökologischen Wertanalyse, die eine Einstufung der Flächen nach ihrem Natürlichkeitsgrad beinhaltet, werden genauso eingearbeitet werden wie die Erfassung von Walddaten, standortkundlichem Wissen und Informationen über Tier- und Pflanzenarten. In natürlichen und naturnahen Waldflächen werden keine Maßnahmen oder nur Startmaßnahmen notwendig sein. Für naturfeme Fichtenreinbestände müssen Renaturierungs- und Umbauprogramme entwikkelt werden. Die Methoden des kahlschlaglosen, naturgemäßen Waldbaus sollen zur Uberführung und zum Umbau dieser Bestände in standorttypische Mischwälder angewendet werden ohne bestimmte Produktionsziele (z.B. Funierholz) oder vordergründig hohe Holzmassenleistungen anzustreben. In der Übergangszeit werden in wenigen Ausnahmefällen sicher noch Schmalkahlschläge zur Sturmsicherung, dem Aufschluß großer Bestandeskomplexe oder an extremen Standorten notwendig sein. Aufforstungen und Naturverjüngungen erfolgen dann mit standorttypischen Baumarten.

Durch Pflegemaßnahmen werden alle heimischen Laubbaumarten begünstigt. Birke und Espe haben in der Waldentwicklung eine wichtige Funktion als Vorwaldbaumarten. Unter ihrem Schirm können unter optimalen Bedingungen die anderen heimischen Baumarten aufwachsen. Sie beschleunigen eine Altersstrukturierung in der Fläche. Die Kronen alter Bäume werden freigestellt, Eichen und Linden werden besonders geschützt und für Tanne und Ulme Artenschutzprogramme entwickelt. Die ausländischen Baumarten sollen schrittweise verdrängt, aber auch ihr Schirm für den Waldumbau genutzt werden.

Als wichtiger Teil des ökologischen Systems wird totes Holz in den Waldflächen verbleiben. Stehende abgestorbene Bäume werden nur in den Sicherheitsbereichen zu Gebäuden, Straßen, Parkplätzen und sehr stark begangenen Wanderwegen gefällt.

Durch die Regulierung der Rot-, Reh- und Schwarzwildbestände muß erreicht werden, daß alle heimischen Baumarten ohne Zaun und Verbißschutz aufwachsen können. Ein Nationalpark in Wildschutzzäunen ist ebensowenig sinnvoll wie ein Nationalpark ohne Hirsche und Rehe.

Die Realisierung des in seinen Grundzügen vorgestellten Waldentwicklungsprogrammes wird Jahrzehnte, wahrscheinlich länger dauern.

Für seine Umsetzung sind die Erfahrung und die sachkundige Arbeit der Forstämter und der Nationalparkverwaltung, aber auch das Verständnis und die Akzeptanz der Einwohner der Nationalpark-Anliegergemeinden und die Besucher des Nationalparks, ob Bergsteiger, Wanderer oder Gäste, notwendig

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Das Aussehen der Wälder wird sich in den jungen Bereichen relativ schnell verändern. In Reihe und Glied stehende Fichten und Kiefern werden sich mit Buchen, Birken und Eichen mischen. Die Wälder werden dann im Herbst bunter und natürlicher aussehen.

Joachim Schreiber
Nationalparkverwaltung


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