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Ohne Vorrang der Ökologie keine gute Zukunft

Offener Brief an den CDU-Abgeordneten Mannsfeld (13. 10. 92)

Sehr geehrter Herr Dr. Mannsfeld,

Ihre in der Öffentlichkeit wiedergebenen Äußerungen zur Naturschutzpolitik in Sachsen (DNN/DU v. 2./3V4. 10. 92) dürfen nicht unwidersprochen bleiben.

Das, was Sie gesagt haben, ist nicht nur höchst fragwürdig. Es ist auch bedrohlich, da Sie es doch als Angehöriger der machthabenden Partei, als ihr umweltpolitischer Sprecher und als Mitglied des Umweltausschusses des Sächsischen Landtages vertreten.

Ein ordentlicher Landschaftsplan, fordern Sie, soll ausgesetzt werden, die Gemeinden sollen den Zustand der Natur selbst prüfen (offenbar steht damit in Zusammenhang, daß aus den sächsischen Landschaftsschutzgebieten alle Gemeinden per Gesetz ausgegliedert werden sollen); Sie wollen dafür sorgen, daß das Sächsische Naturschutzgesetz kein Verhinderungsinstrument für die sächsische Wirtschaft wird; in Sachsen dürfe die Ökologie keinesfalls ein Übergewicht haben, damit nicht die wirtschaftliche Entwicklung außer Acht gelassen wird; Ökonomie und Ökologie müßten gleichberechtigt werden.

Was für ein Fehlverständnis von Naturschutz und welche Unkenntnis über das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie!

Was mich am meisten betroffen gemacht hat: Die gleichen Ansichten habe ich 1986 auf der Umwelttagung der CDU in Burgscheidungen gehört. Sie haben seinerzeit diese Tagung als CDU-Mitglied mitgetragen, ich war einer der fünf geladenen Gäste der kirchlichen Umweltbewegung der DDR. Es ist mir unbegreiflich, wie Sie, Herr Mannsfeld, heute noch die gleiche ideologieverhaftete Umweltpolitik vertreten können wie vor der Wende.

Naturschutz in seinem umfassenden Sinne ist doch im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert die oberste Leitgröße für unsere Existenz geworden. Nur ein strenger konsequenter Naturschutz wird - und das gilt überall - die Wirtschaftstätigkeit auch langfristig sichern können.

So wäre die "Durchlöcherung" der Landschaftsschutzgebiete der unvergleichbar größte Rückschritt in der Geschichte des Landschaftsschutzes in Sachsen, und die Gemeinden mit der auf sie zukommenden Aufgabe überfordert.

Das Verbleiben der Gemeinden in unseren hochwertigen Landschaftsschutzgebieten ist schließlich eine wichtige Voraussetzung für die Bewahrung der Natur, der Landschaft und der Ortsbilder. Der nachhaltigen Vitalitätssicherung der Region steht das, wenn nur die richtigen Entwicklungskonzepte realisiert werden, überhaupt nicht im Wege, im Gegenteil. Strenger, umfassender Naturschutz ist in unserer Zeit niemals ein Hinderungsgrund für wirtschaftliche Entwicklung, weder global noch lokal.

Allerdings gehört dazu eine Abkehr von altlastigem Denken. Ökologie und Ökonomie sind absolut untrennbar und mit der Ökologie sind die Probleme der weltwirtschaftlichen Gerechtigkeit und des Friedens verzahnt.

Die Gesetze der Ökologie und die Zeichen der Zeit mißachtend (was z. T. noch sehr populär ist), entwerten und vernichten wir unsere natürlichen Lebensräume fortschreitend bis hin zur globalen Katastrophe und machen damit den denkbar größten ökonomischen Schaden. Ökologische Umbildung, Phantasielosigkeit und eine Politik, die sich opportunistisch-populistisch an unaufgeklärten Mehrheiten orientiert, sind die Meilensteine darin.

Gefragt ist dagegen "ein gesellschaftlicher ökologischer Imperativ" (Kurt Biedenkopf). Von der Priorität ausgehend (worüber die Bevölkerung nachhaltig aufzuklären wäre), werden wir immer die richtigen, allseits verantwortbaren und die Wirtschaft langfristig sichernden Entscheidungen finden. Nur mit dem zentralen Denkansatz der Ökologie ist BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG - die dringendste res-sort- und generationsübergreifende Aufgabe unserer Zeit -noch möglich. Machen Sie sich, Herr Mannsfeld, doch bitte mit den fachlichen Grundlagen und den notwendigen Ideen vertraut, bevor Sie öffentlich darüber reden und politisch wirksam werden!

Bedenken Sie die Berichte des Club of Rome, den Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, die Umweltperspektive der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2000, die Ergebnisse der Ökumenischen Versammlung der christlichen Kirchen, und lesen Sie auch bei Albert Schweit-zer oder Kurt Biedenkopf nach! Das wird Ihnen den rechten Weg weisen, die Angst vor der WENDE nehmen und den Mut für ein wirklich modernes Sächsisches Naturschutzgesetz geben können. Auch eine fortschrittliche Wirtschaftspolitik in Sachsen bedarf dieses innovativen Beitrages.

Sachsen - ein Beispiel gegen die trotz staatlicher Umweltschutzmaßnahmen weltweit unvermindert fortschreitende Naturzerstörung - wäre das nicht die eigentliche Aufgabe christlicher Politik für unser Land?

Mit freundlichen Grüßen
Peter Hildebrand
(Der Autor ist Wissenschaftlicher Sekretär der Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz e.V.)


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