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Undurchsichtige Entscheidungen zum zukünftigen Nationalpark-Zentrum

Günstiger Standort in Bad Schandau aus unerklärlichen Gründen im Abseits

Burg Hohnstein erscheint auf Grund ihrer Lage und Verkehrsanbindung völlig ungeeignet

Auch in der Sächsischen Schweiz soll es, wie in ähnlichen Schutzgebieten in aller Welt, zukünftig ein NationalparkZentrum geben.

Dieses Zentrum, so ist es geplant, soll ein Anlaufpunkt für Touristen werden, die sich über die Sächsische Schweiz und deren Schutzstatus informieren wollen. Weiterhin sollen Möglichkeiten für Ausstellungen, für die Umweltbildung und diesbezügliche Veranstaltungen geschaffen werden, und auch der Sitz der Nationalparkverwaltung ist in diesem Haus geplant.

Selbst für Insider völlig unerwartet begann im Spätsommer 1993 die erneute Suche nach dem besten Standort für das zukünftige Nationalpark-Zentrum.

Eigentlich schien mit dem ehemaligen Kino in Bad Schandau eine günstige Lösung gefunden. Die zentrale Lage des Ortes und die gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind wohl wesentliche Vorteile.

Da im ehemaligen Kino nicht genügend Platz für die komplette Verwaltung war, sollte ein Teil im Haus der Forstverwaltung in Bad Schandau untergebracht werden, worauf bereits 1992 eines der drei Referate der Behörde dorthin umzog.

Im Sommer 1993 änderten sich jedoch diese Pläne.

Nachdem die Bundesumweltstiftung signalisiert hatte, den Aufbau des Nationalparkzentrums finanziell fast vollständig abzusichern, hatte das sächsische Umweltministerium ein sechsköpfiges Beraterteain beauftragt, noch weitere Objekte außer Bad Schandau unter die Lupe zu nehmen.

In jedem Fall sollte kein Neubau erfolgen, sondern ein der Öffentlichen Hand gehörendes Objekt genutzt werden, was ohne Zweifel zu begrüßen ist. Die weiteren Standorte waren neben dem bisher favorisierten Bad Schandau die Endlerkuppe bei Ottendorf, die Burg Hohnstein sowie die Schlösser in Struppen und in Lohmen.

Die Gründe für diese plötzliche Abkehr vom bisher als optimal befundenen Standort Bad Schandau liegen bisher völlig im Dunkeln.

Am fehlenden Interesse der Stadt Bad Schandau kann es nicht liegen, wie uns der Bürgermeister Herr Heidrich versicherte. "Das Interesse unserer Stadt am NationalparkZentrum ist natürlich noch da. Die Wiedereröffnung des Kinos ist nicht geplant, denn ein Kino ist für eine kleine Stadt wie Bad Schandau nicht rentabel zu betreiben. Wir könnten uns aber vorstellen, in einem zukünftigen Vortragssaal des Nationalpark-Zentrums auch Kinofilme für Einwohner und Besucher anzubieten."

Diese Idee erscheint besonders gut, werden dadurch doch gleichzeitig die kulturellen Bedingungen in Bad Schandau und den umliegenden Gemeinden wieder verbessert.

Nun gut, es hätte ja auch sein können, Bad Schandau geht wieder als bester Standort aus der Untersuchung hervor. Doch völlig überraschend kommen die sechs Gutachter zur Empfehlung, der Jugendburg Hohnstein den Vorzug zu geben.

Dr. Jürgen Stein, Leiter der Nationalparkverwaltung, sprach erstmals Anfang Oktober (s. Sächsische Zeitung - Ausgabe Pirna vom 5.10.1993) auf einer Stadtratssitzung in Hohnstein über das Projekt.

Die Verwunderung über den neuen Favoriten war insbesondere auf Seiten der Umweltverbände groß. Denn der größte "Nachteil" Hohnsteins für solch ein großes Projekt ist seine idyllische Lage selbst: die steilen Zufahrten, die engen Gassen des Städtchens und die kaum vorhandenen Parkplätze.

Dazu äußerte Peter Hildebrand, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft "Sächsische Schweiz": "Ein NationalparkZentrum hat erfahrungsgemäß eine hohe Anziehungskraft. Sollte sich nur jeder zehnte Gast der Sächsischen Schweiz für den Besuch des Nationalpark-Zentrums interessieren, ist mitjährlich ca. 250.000 Besuchern zu rechnen. Hohnstein und seine Umgebung würden damit unverträglich überlastet. Aus unserer Sicht ist Hohnstein der denkbar schlechteste Ort für ein Nationalpark-Zentrum."

In der Tat erscheint die Verkehrsanbindung Hohnsteins für ein Projekt dieser Dimension ungeeignet. Nur wenige regionale Busse fahren von Pirna, Bad Schandau oder Sebnitz. Auch für eine Anfahrt mit dem Privat-Kfz liegt Hohnstein denkbar ungünstig. Aller Verkehr vom Großraum Dresden und Pirna muß vom Hockstein die steile Serpentinenstrecke hinab in den Nationalpark ins Polenztal und dann wieder viele Kurven hinauf, um mitten durch die engen Gassen Hohnsteins zu den wenigen Parkmöglichkeiten am Ortsausgang zu gelangen.

Die andere Zufahrt von Bad Schandau führt dagegen durch den Tiefen Grund mitten durch die Kernzone des Nationalparks.

Daß das Berater-Gremium und Dr. Stein für Hohnstein und damit für die unvermeidlichen Anfahrten der Besucher durch die Nationalpark-Kernzone plädieren, verwundert allerdings nicht nur Umweltschützer, fordert der Leiter der Nationalparkverwaltung doch gleichzeitig die mittelfristige Sperrung der Kimitzschtales für Privat-Kfz...

Auch die Jugendherberge auf der Burg Hohnstein, eine der größten und ältesten in Sachsen, müßte auf die Hälfte der jetzt 270 Betten verzichten.

Nationalpark-Zentrum auf Kosten der Jugendherberge? Auch aus diesem Grund müßte es doch bessere Lösungen geben.

Vieles spricht für Bad Schandau, vor allem die zentrale Lage in der Nationalpark-Region und die Anbindung des Ortes an das öffentliche Verkehrsnetz. Insgesamt 400 mal (!) wird Bad Schandau täglich angefahren. Neben direktem Anschluß an S-Bahn und Fernbahnlinien hat der Bad Schandauer Standort auch den Busknotenpunkt am Elbkai direkt vor der Haustür

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Auch die Standorte Struppen und Thürmsdorf erscheinen weitaus günstiger als Hohnstein. Zwar ist die Verkehrsanbindung nicht so gut wie in Bad Schandau, dafür sind die Anfahrtswege jedoch weniger sensibel als in Hohnstein und der ruhende Verkehr wäre zu beherrschen.

Die Naturschutzverbände sehen das ebenso. Dazu Peter Hildebrand: "Das unter Denkmalschutz stehende Schloß Struppen wäre eine gebührende Heimstatt für das Nationalpark-Zentrum. Und ein Standort im LSG wäre außerdem ein Signal: Die Sächsische Schweiz ist weitaus mehr als die beiden Nationalpark-Teile, es ist eine Ganzheit aus Naturund Kulturlandschaft."

Weshalb schnitten die anderen Objekte schlechter ab? Wie kam das Beratergremium zur Entscheidung, Hohnstein zu favorisieren?

Es ist schwierig, Antworten auf diese Fragen zu finden, denn die Unterlagen sind verwaltungsintern, so daß sich die Öffentlichkeit oder die Naturschutzverbände bisher keine Meinung bilden konnten.

Insbesondere der Platzbedarf für das Zentrum wäre nur in Hohnstein gedeckt, äußerten Dr. Jürgen Stein und Heinz Kubasch, Bezirksnaturschutzbeauftragter und Sprecher des Beratergremiums, gegenüber der Sächsischen Zeitung (Ausgabe Pirna vom 11. 10. 1993).

Wenn aber neben der eigentlichen Informations-, Ausstellungs- und Bildungsstätte und einem Landschaftsmuseum auch die gesamte Nationalparkverwaltung sowie der Regionalfremdenverkehrsverband einziehen sollen, ist es kein Wunder, daß man wenig geeignete Objekte findet.

Es stellt sich an dieser Stelle auch die generelle Frage: Ist solch ein Riesen-Projekt überhaupt sinnvoll, wo doch in der kleinräumigen Struktur der Sächsische Schweiz gerade Großprojekte, seien es nun Hotels, Freizeitparks oder Golfplätze, abzulehnen sind und abgelehnt wurden?

Wären denn nicht angesichts der Besucher- und Verkehrsströme auch dezentrale Lösungen denkbar?

So scheint z.B. eine Kombination von Schloß Struppen mit Bad Schandau eine mögliche Lösung.

Auch für das Zeughaus muß wieder über eine Einbindung in das Zentrum und die Idee der Naturschutzakademie (Prof. Biedenkopf zur Nationalparkeröffnung 1991) nachgedacht werden, denn die Nutzung als Hotel in der Nationalpark-Kernzone wird immer unverträglich sein.

Oder liegt es vielleicht an den Prämissen des Geldgebers, der Bundesumweltstiftung, daß Hohnstein als bester Standort der Studie herausgefunden wurde?

Noch wissen wir auch das nicht. Der Redaktionsschluß für dieses Heft verhinderte weitere Recherchen. Wir hoffen aber, Ihnen im nächsten Heft Antworten auf die verbliebenen Fragen geben zu können.

Den Worten von Peter Hildebrand: "Der Standort für ein solch gewichtiges Vorhaben ist besonders sorgfältig auszuwählen", ist wohl nichts hinzuzufügen.

Eine übereilte Entscheidung unter Ausschluß der Öffentlichkeit zugunsten eines Objektes, aus welchen Gründen auch immer, wäre sicher zum langfristigen Schaden für die Sächische Schweiz.

P.R.


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