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Nationalpark 'Böhmische Schweiz' - Chancen und Probleme

Im Gespräch mit Werner Hentschel, Leiter der LSG-Verwaltung "Labske piskovee" in Decin

Unser Gesprächspartner, Herr Werner Hentschel, Jahrgang 1945, ist von Beruf Diplom-Forstingenieur und seit über zwei Jahren Leiter der LSG- Verwaltung " Labskd piskovce ". Vorher war er im Forstbetrieb Rumburk tätig. Herr Hentschel spricht hervorragend deutsch, was auf Grund unserer zugegebenermaßen mangelhaften Tschechisch Kenntnisse eine ganz wichtige Voraussetzung für das Gelingen unseres Interviews war Im Haus der LSG- Verwaltung auf dem Deciner Schloß konnten wir Herrn Hentschel treffen.

Herr Hentschel, seit einiger Zeit ist die Gründung des Nationalparks "Böhmische Schweiz" im Gespräch. Seit wann gibt es denn Bestrebungenen zur Gründung eines Nationalparks? Der Große Prebischkegel, auch Einser genannt

Schon im Jahr 1954 gab es die ersten Bemühungen von Dr. Cerovsky zur Gründung eines bilateralen Nationalparks. Aber durch die politischen Ereignisse der damaligen Zeit wurde diese Idee nie realisiert. Heute ist Dr. Cerovsky Vizepräsident der Internationalen Föderation der Nationalparke (IUCN).

Zur Eröffnung des Nationalparkes Sächsische Schweiz 1991 wurde dann erstmalig offiziell von tschechischer Seite das Versprechen abgegeben, einen grenzüberschreitenden Nationalpark zu gründen. An diesem Tag war der tschechische Umweltminister Herr Dejmal in Vertretung des Premiers gekommen.

Mit dem deutschen Nationalparkteil der Hinteren Sächsischen Schweiz wird es dann ein großes grenzüberschreitendes Schutzgebiet geben. Welche Gebietsteile des jetzigen LSG " Labskd~ piskovce "werden im Nationalpark liegen? Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Grenzen des Nationalparks gezogen?

Den zukünftigen Nationalpark bilden vorrangig die beiden wertvollsten der bisher vier Zonen des LSG. Das sind vom Menschen weitgehend unbeeinflußte Gebiete mit hohem Natürlichlichkeitsgrad.

Die Abgrenzung des Nationalparks verläuft fast immer entlang der Waldgrenze. Offenland ist damit kaum inbegriffen. Diese Grenzziehung geschah auch mit dem Ziel, möglichst von vornherein Konfliktsituationen mit Gemeinden, Landwirtschaft und Produktionsstätten zu vermeiden.

Die Fläche des zukünftigen Nationalparkes "Böhmische Schweiz" wird 9683 ha betragen, damit ist er geringfügig größer als der sächsische Nationalpark mit 9320 ha.

Wie der sächsische Teil ist auch der Böhmische Nationalparkteil ein Fels-Wald-Gebiet. 96% der Fläche ist von Wald bedeckt, die restlichen 4% sind Freiflächen um die drei Dörfer Karnenickä StrA (Kamnitzleiten), Meznä (Stimmersdorf) und Vysokä Lfpa (Hohenleipa), die im südlichen Randgebiet des Nationalparks liegen. Dort wohnen insgesamt 112 Einwohner.

Nimmt man die sächsischen und böhmischen Nationalparkteile zusammen, kommt man auf ein Wald-Fels-Gebiet von über 15000 ha, in dem nur ganz wenige Einwohner leben. Für mitteleuropäische Verhältnisse ist das einmalig. Gebiete wie das Riesengebierge oder der Böhmerwald sind zwar größer, aber dort befinden sich viele Dörfer, Berghotels, Hütten usw. in den Schutzgebieten.

Welche Zonierung wird es innerhalb des Nationalparks geben?

Ähnlich wie auf sächsischer Seite wird der Nationalpark in drei Zonen unterteilt. Die erste Zone, die Kernzone, umfaßt 2113 ha, das sind 21,8% der Gesamtfläche. Hier findet man die Flächen mit dem höchsten Natürlichkeitsgrad, es handelt sich dabei um die Kamnitzklanun, den Rosenberg, das Naturschutzreservat Pavillon und die großen Flächen entlang der Grenze zum sächsischen Nationalpark.

Wann ist denn nun mit der Gründung des Nationalparks zu rechnen?

Obwohl, wie bereits erwähnt, schon viele Vorbereitungen gelaufen sind, wird sich die Gründung bestimmt noch eine Weile hinziehen.

Momentan ist das Gesetz irn Regierungsrat, soll in Kürze ins böhmische Kabinett und der letzte Schritt wäre dann der Beschluß des Parlaments.

Aber leider gibt es in letzter Zeit immer mehr Gegner des Nationalparkes. Diese finden zwar keine konkreten Argumente gegen den Nationalpark, doch spielen hier vielfach auch persönliche Momente hinein. Konkret der Bürgermeister von Decin ist gegen den Nationalpark, Widerstand gibt es ebenso beim Forst und beim Jagdwesen.

Der zukünftige Nationalpark

Vor einigen Tagen waren Angeordnete hier in Decin, um sich an Ort und Stelle von den Vorbereitungen zu überzeugen. Auch diese mußten feststellen, daß es seit kurzem schlechter aussieht.

Und je länger diese Situation anhält, desto mehr neue Probleme kommen hinzu bzw. werden regelrecht erzeugt. Wäre es schon vor ein, zwei Jahren zur Gründung gekommen, wäre vieles besser und einfacher gewesen.

Große Probleme gibt es insbesondere mit der Jagd. Früher war die ganze Jagd in der Regie des Staates. Leider wurde das Gebiet der Böhmischen Schweiz erst vor kurzem für die Pachtjagd vergeben. Selbstverständlich haben jetzt die Pächter keinerlei Interesse an einem Nationalpark, da sie dann ihre gepachteten Jagdgründe abgeben müßten.

Ist denn das ganze Gebiet der Böhmischen Schweiz an Jäger verpachtet?

Ja, das ganze Gebiet außer dem Rosenberg ist gegen Geld verpachtet.

Man muß also derzeit feststellen, daß sich verschiedene Leute und Interessengruppen aus der Region ziemlich stark gegen die Gründung des Nationalparks stellen.

Ja, es wird z.B. auch in den Zeitungen geschrieben, daß die Fläche des Nationalparks dreimal so groß wäre wie auf sächsischer Seite, was gar nicht stimmt. Oder es werden Zahlen von geplanten 250 Mann der Nationalparkbehörde veröffentlicht. Das ist natürlich Unfug. Genauso wie in der Sächsischen Schweiz werden 20-25 Mann ausreichen.

Wieviele Personen sind sie jetzt?

Wir sind jetzt nur 12 Personen, die bei der Größe des LSG-Gebietes alle ziemlich eingespannt sind. Leider bleiben dadurch viele spezielle Dinge wie z.B. der Artenschutz derzeit auf der Strecke.

Welche Probleme bestehen mit der Forstwirtschaft? Man sieht im zukünftigen Nationalpark viele Kahlschläge, z.B. unterhalb des Gabrielensteiges. Ist die Kahlschlagwirtschaft noch gestattet oder werden solche einschneidenden Eingriffe durch eine einstweilige Sicherstellung des Gebietes verhindert? Gibt es Abstimmungen zwischen Ihnen und der Forstwirtschaft?

Momentan wird noch ganz normale Forstwirtschaft ohne Rücksicht auf die zukünftige Nationalparkidee betrieben. Man pflanzt leider auch Baumarten, die nicht standortsgerecht sind. So wäre es ganz wichtig, daß die jungen Fichten z.B. nicht aus dem Böhmerwald kommen wie derzeit geschehen.

Es gibt unsererseits häufig Abstimmungen mit dem Forst. Manche der Absprachen werden eingehalten, einige leider auch nicht. Im großen und ganzen kann man aber sagen, daß die Forstwirtschaft der Nationalparkidee positiv gegenübersteht.

Auch der forstliche Wegebau muß der Natur angepaßt sein. Hier gibt es schon gute Fortschritte.

Wie ist der Zustand der Wälder im LSG bzw. im zukünftigen Nationalpark? Während es z.B. in Tisa sehr schlimm aussieht, scheint der Zustand der Wälder rechtselbisch noch recht gut zu sein.

Es sind große Unterschiede im Waldzustand zwischen den linkselbischen und rechtselbischen Gebieten festzustellen. Linkselbisch liegt das ganze Gebiet bedeutend höher, der Schneeberg ist immerhin 723 in hoch. Auch die Tissaer Wände und die anderen Hochflächen liegen relativ hoch.

Das ganze rechtselbische Gebiet liegt ca. 200-300m tiefer. Die schadstoffbelastete Luft aus Böhmen streicht dadurch "eine Etage" höher über dieses Gebiet hinweg und belastet dann wieder Gegenden nördlich von Sebnitz in der Lausitz. Dies ist Glück für unser zukünftiges Nationalparkgebiet, in dem der Wald noch relativ unbeschädigt ist.

Derzeit ist ein größeres Projekt in Vorbereitung, um den Einfluß der Schadstoffbelastung auf den Wald, Boden, Wasser usw. zu untersuchen. An diesem Projekt soll neben der sächsischen Nationalparkverwaltung und böhmischen Universitäten auch eine Londoner Universität maßgeblich mitarbeiten.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit mit der sächsischen Nationalparkverwaltung ein?

Die Zusammenarbeit ist sehr gut. Es gibt oft gemeinsame Treffen, auch Erfahrungsaustausch von Biologen und Absümmungen z.B. zu den Wegemarkierungen.

Ist für Sie die Unterstützung von sächsischer Seite für einen grenzüberschreitenden Nationalpark hilfireich?

Wir sind sehr froh, daß der sächsische Nationalpark entstanden ist und von deutscher Seite großes Interesse vorhanden ist, daß es auch auf tschechischer Seite zu einem Nationalpark kommt. Dieses Interesse findet erfreulicherweise Resonanz und stärkt unsere Bemühungen.

Und es wäre aus meiner Sicht einfach unverständlich, wenn ein einheitliches Gebiet durch eine künstliche Staatsgrenze in zwei völlig unterschiedlich geschützte Gebiete getrennt würde.

Herr Hentschel, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Wir wünschen Ihnen und Ihren Mitarbeitern alles Gute, insbesondere viel Erfolg bei Ihren Bemühungenf für den Nationalpark und hoffen, an dieser Stelle schon bald über dessen Gründung berichten zu können.


Neben Herrn Hentschel konnten wir auch zwei weitere Mitarbeiter der Verwaltung " Labski piskovce " zu ihren speziellen Aufgaben und weiteren interessanten Dingen befragen:.

Karl Stein, Jahrgang 1954, von Beruf Vermessungsingenieur beschäftigte sich schon seit seiner Jugend mit der Böhmischen Schweiz, erst als Hobby, nunmehr arbeitet er seit 2 Jahren als Spezialist für Kulturgeschichte in der LSG-Verwaltung.

Herr Stein, was sind Ihre Aufgaben?

Mein Aufgabenbereich umfaßt insbesondere die Wiedererrichtung und Restaurierung von Kleindenkmälern, z.B. Wegsteinen. Außerdem bin ich für die Erstellung von Kartenmaterial zuständig sowie für die Bewilligung spezieller Veranstaltungen im LSG.

Es ist derzeit schwierig, Gebiete wie Vysokti Lipa oder Jetrichovice mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Deshalb wäre insbesondere an Wochenenden eine öffentliche Verbindung von Hrvensko in Richtung Jetrichovice wünschenswert. Diese Strecke würde noch attraktiver wenn die Fähre von Schöna nach livrensko realisiert wird.

Zur Zeit gibt es nur einen sternförmigen Verkehr von decfn aus, der auch nur mit größter Mühe aufrechterhalten wird. Schon etliche Male standen Linien kurz vor der Schließung.

Nach dem Krieg gab es noch eine Busverbindung zwischen Hrensko und Chribska (Kreiwitz). Heute wäre es auch kein Problem, einen umweltfreundlichen Bus einzusetzen. Das Problem sind die Kosten für solch eine Verbindung. Aber ein Versuch wäre sicher möglich.

Am Prebischtor werden gegenwärtig 40 Kronen Eintritt verlangt, allerdings nur von Ausländern. Unabhängig davon, daß es Wanderer meist sehr unangenehm berührt, wenn Eintritt in die Natur verlangt wird, stellt sich die Frage: Ist das Prebischtor als Naturdenkmal in Privatbesitz?

Die Parzelle unter dem Prebischtor ist Privatbesitz. Das Prebischtor selbst darf nach dem tschechischen Naturschutzgesetz als Naturdenkmal kein Privatbesitz sein. Dieser juristisch schwierige Fall wird derzeit bearbeitet.

Unserer Meinung nach wäre insbesondere zu prüfen, ob eine " Touristen-Abschöpfung " für die Besichtigung der Natur rechtens ist; und wenn das tschechische Gesetz dies zuläßt, ob das Geld dann nicht nur in die Privatkasse des Besitzers fließt, sondern auch dem zukünftigen Nationalpark zugute kommen kann.

Herr Stein, eine letzte Frage: Man sieht in der Böhmischen Schweiz viele Kletterer an Massiven klettern. Außerdem wird Magnesia verwendet, so daß die Tissaer Wände oder die Elbwände schon deutliche weiße Flecken haben. Ist das Massivklettern und das Klettern mit Magnesia erlaubt?

Das Klettern mit Magnesia ist bei uns nicht erlaubt. Aber Magnesia wird von den Kletterern einfach genommen. Es ist leider so, daß die Gesetze die eine Sache sind und die Moral die andere.

Im linkselbischen Gebiet, z.B. in Tisa, und im Elbtal ist das Massivklettern erlaubt. Auf der anderen Elbseite sind nur die bisherigen Massivwege erlaubt, dort dürfen aber keine neuen Massive erschlossen werden.

Herr Stein, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen ein gutes Vorankommen bei Ihrer Arbeit, damit in Zukunft weitere alte Kulturdenkmäler Wegsteine usw. von der Geschichte der Böhmischen Schweiz zeugen.


Zum Schluß sprechen wir noch mit Jiri'Marek, Jahrgang 1948, dem Verantwortlichen der LSG-Verwaltung für den Außendienst undfür technische Aufgaben. Herr Karl Stein übernimmt für uns freundlicherweise die Aufgabe des Dolmetschers.

Herr Marek, wieviele Mitarbeiter hat Ihre Naturschutzwacht und was sind Ihre Aufgaben?

In der Wacht sind leider nur drei Mitarbeiter beschäftigt, das ist für ein so großes Gelände viel zu wenig. Unsere wichtigsten Aufgaben sind die Besucherbetreuung, der Aufbau eines Inforinationssystems und praktische Arbeiten wie Wegebau, Quellenfassungen usw.

Was haben Sie für Befugnisse bei festgestellten Verstößen?

Unsere Befugnisse beziehen sich leider nur auf die Ahndung reiner Naturschutz-Verstöße. Wer z.B. gesperrte Waldwege befährt, gegen den sind wir machtlos. Hier ist der Forst zuständig. Eine Erweiterung unserer Befugnisse wäre dringend erforderlich. In dieser Beziehung hoffen wir auf die Nationalparkgründung.

Welche Umweltverbände gibt es bei Ihnen und was sind deren Aufgabenbereiche?

Der CSOP ist der tschechische Verband der Naturschützer. Er widmet sich insbesondere dem Artenschutz (Vögel, Pflanzen, Ameisen usw.).

Dann gibt es die wohl bedeutendste Umweltorganisation der Region, die "Deti zeme" ("Kinder der Erde") die sich insbesondere bei gesellschaftlichen Problemen wie z.B. dem Elbeschutz engagieren.

Nicht zuletzt wären auch die "Pratele lesa", die "Waldfreunde" zu nennen, die sich, wie es der Name schon sagt, dem Schutz des Waldes verschrieben haben.

Herr Marek, auch Ihnen herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Interviews in Decin führte Peter Rölke.


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