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Unverständliche Wichtung der Standorte für das Nationalpark-Zentrum

Landschaftliche Einbindung von Bad Schandau erhält null Punkte

Firma eines Gutachters erhielt Auftrag für Hohnstein

Die Auswahl des Standortes für ein Nationalpark-Zentrum ist eine grundlegende Entscheidung auf längere Zeit. Denn ist solch ein Zentrum einmal mit einigen Millionen DM eingerichtet, soll es ja nicht wenige Jahre später wieder umziehen.

Angesichts dieser Tatsache verwundert es schon etwas, in welcher Eile die Auswahl eines Standortes vorgenommen wurde. Die einberufene Gutachtergruppe hatte nur einen einzigen Tag Zeit, die fünf Objekte genauer in Augenschein zu nehmen, so daß für jedes Objekt nur ein bis zwei Stunden blieben. Wie konnten die Gutachter sich trotz sicherlich erfolgter Vorinformation in solch kurzer Zeit ein exaktes Bild von den Standorten und ihren Vor- und Nachteilen machen?

Karte mit Hohnstein Hohnstein liegt direkt am Nationalpark. Die drei Hauptzufahrten von Dresden, Pirna und Bad Schandau fahren direkt durch die Kernzone durch das Polenztal oder den Tiefen Grund. Wer aus dem Polenztal kommt, muß in jedem Falle durch die engen Gassen des Hohnsteiner Zentrums. Nur von Sebnitz ist die Anfahrt weniger problematisch.

Nach welchen Kriterien die Vor- und Nachteile der Objekte gewichtet wurden, bleibt ebenfalls das Geheimnis der Gutachter. So schüttelt man vor lauter Unverständnis den Kopf, wenn man sich die abschließende Bewertungstabelle anschaut, aus der Hohnstein als Favorit mit 34 Punkten und Bad Schandau als Schlußlicht mit nur 22 Punkten hervorgeht.

Bleiben wir bei diesen beiden Standorten. Bad Schandau erhält beim Kriterium landschaftliche Einbindung, man will es kaum glauben, glatte null Punkte von sechs möglichen. Haben die Gutachter bei der Bewertung ihre eigenen Rahmenbedingungen vergessen? Dort heißt es: -..Ausgehend von der naturräumlichen Eigenart des Elbsandsteingebirges sowie der Bedeutung von Natur- und Kulturlandschaft sind dabei ständig Bezüge zur Gesamtlandschaft und der Schutzkategorie "Landschaftsschutzgebiet" herzustellen". Hat das Städtchen Bad Schandau mit der Kulisse der Schrammsteine im Hintergrund und mit Blick zum Lilienstein eine Einbindung in die Landschaft, die null Punkte wert wäre?

Auch unter Punkt"Wirtschaftlichkeit/ Öffentliches Interesse" erhält Bad Schandau von den Gutachtern nur null von zwölf Punkten. Die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr (S-Bahn, Busse), mit voller Punktzahl (6 Punkte) bewertet, holt den Rückstand aber nicht mehr auf..

Zweifellos ist Hohnstein ein sehr schön gelegenes Städtchen und wäre sicher ein würdiger Platz für ein Nationalparkzentrum, doch die Verkehrsanbindung und der zu erwartende Besucherstrom verbietet dessen Einrichtung, denn drei der vier Zufahrten führen durch die Kernzone (!) des Nationalparks. Zudem ist der zu erwartende Verkehr in den engen Gassen des Städtchens nicht beherrschbar. Dies hätte in der Abwägung und Wichtung eine ganz wichtige Rolle spielen müssen.

Bleibt abschließend anzumerken: wenn man überhaupt eine gewichtete Punktebewertung durchführen will, dann ist es in der Praxis üblich, mit Wichtungsfaktoren von 1 bis 5 und 0 bis 10 Punkten zu arbeiten. Unsere Gutachter hatten nur 3 Punkte und 3 Wichtungsfaktoren zur Verfügung, zudem haben sich alle sechs Gutachter auf eine einzige Meinung geeinigt, was ebenfalls völlig unüblich ist.

Erwähnenswert erscheint letztlich, daß die Vorgabe der erforderlichen Hauptnutzungsfläche von 2100 m² auf den Quadratmeter genau vom Objekt Hohnstein erfüllt wird. Fragen über Fragen bleiben...

Nachdem also an diesen drei Septembertagen die Auswahl eines Objekts nach wahrhaft schwer nachvollziehbaren Wichtungen getroffen wurde, hat man plötzlich mehr Zeit und außerdem viel Geld. Denn für das favorisierte Objekt Hohnstein wird für 100.000 DM eine detaillierte Machbarkeitsstudie durchgeführt...

Weitere Fragen kommen letztendlich auch bei der Zusammensetzung der sechs Gutachter auf. Da finden sich neben erfahrenen Naturschützern wie Herrn Kubasch und dem Vertreter aus Bayern auch ein Vertreter eines Vereins, des Fremdenverkehrsvereins Sächsische Schweiz e.V., und zwei Vertreter der Wirtschaft (!) im Gutachterteam: Dr. Schubert von der ISUP GmbH und Herr Albrecht vom Büro Albrecht und Partner. Letzterer, der die Burg Hohnstein seit langem gut kennt, kommt zugleich als Auftragnehmer für die bauliche Projektierung des Nationalparkzentrums Hohnstein in Frage, so Dr. Stein am 17.2.1994 gegenüber den Naturschutzverbänden. Unverständlich, daß überhaupt kein Vertreter der anerkannten Naturschutzverbände in die Gruppe aufgenommen wurde.

Besonders nachdenklich sollte die letzte Neuigkeit stimmen: die Firma des Gutachters Dr. Schubert, nämlich die ISUP GmbH, erhielt kürzlich den Auftrag für die Verkehrsstudie Nationalparkzentrum Hohnstein im Rahmen der o.g. Machbarkeitsstudie...

Ob diese ISUP-Verkehrsstudie dem Urteil des Gutachters aus den eigenen Reihen widersprechen wird, ist mehr als fraglich.

Klaus Kallweit und Peter Rölke


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