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Ortsbildsatzungen - unverzichtbar, unaufschiebbar

Die großen Wald- und Felsengebiete der Sächsischen Schweiz sind verzahnt mit einer Landschaft, die seit den großen Rodungen vor 800 Jahren vom Menschen geprägt ist, deren Dörfer zwischen den Feldern, auf den Ebenen und in sanften Talmulden zu finden sind. Diese Vielfalt macht den Reiz der Sächsischen Schweiz aus. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Mit einem Beitrag von Dr. Albrecht Sturm und einem Interview mit Professor Wolf Blumensaat wollen wir uns dem Thema Ortsgestaltung und Ortsbildbewahrung zuwenden.

Der Autor des folgenden Beitrags, Dr Albrecht Sturm, ist Architekt und an der TU Dresden beschäftigt. Er ist Stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums Altstadt Pirna und zugleich im Naturschutzbund Pirna/Selmitz für Stellungnahmen zuständig. Dr. Sturm schrieb auch die Texte des am Schluß des Artikels genannten Buches "Pirna und Umgebung" mit Zeichnungen von Prof. Wagner.

Ortsbildsatzungen - unverzichtbar, unaufschiebbar

Vom Bauen und Instandsetzen in der Sächsischen Schweiz

Vom Menschen unbeeinflußte größere Gebiete gibt es in Mitteleuropa seit Jahrhunderten nicht mehr. Der Begriff Landschaft, wie er in die Wissenschaft eingegangen ist, meint daher immer Naturraum und Menschenwerk als eine Einheit. Nie kam der Schutz der Sächsischen Schweiz ohne den Schutz der Zeugen menschlicher Landnutzungsgeschichte aus. Nicht nur Tafelberge, Felskulissen, Wildbäche, naturnahe Wälder sind landschaftsbildend, sondern auch die kleinen Städte, die Dörfer, Mühlen, Fluren, Wiesen, Brücken, Wehre, Wege. Sie sind in die geomorphologischen Formen der Sächsischen Schweiz eingepaßt. Zum Bauen bevorzugte man Materialien, die vor der Haustür lagen und bei deren Verarbeitung ortsansässige Gewerke Können und Meisterschaft entwickelten - gestützt auf lange Traditionen, die Neuem durchaus nicht verschlossen waren, es aber bedächtig verarbeiteten. Diese Einheit von Mensch und Natur, die sich im Landschaftserbe ästhetisch äußert, ist um so deutlicher ins Bewußtsein gerückt, je mehr und schneller sie im Zuge allgemeiner Industrialisierung und Rationalisierung ver-lorenzugehen drohte. Lange schon wird sie für den Schutz der Sächsischen Schweiz als eminent wichtig erachtet. Bereits der Import des sogenannten "Schweizerstils" in die Dörfer, das Eindringen des Gründerstils und erst recht die Zersiedlung durch Wochenendhäuser wurden als Gefährdung empfunden. Denn erstens bietet die "Dreietagenlandschaft", wie man das Elbsandsteingebirge genannt hat, viele hundert Aussichtspunkte, deren Rang und Wert vom Erscheinungsbild der Ortschaften entscheidend abhängt, zweitens wollte derWanderer, zurückkommend von der Bergtour, auch in den Ortschaften etwas anderes spüren als ausgerechnet die Stadt oder die Vorstadt, der er gerade entflohen war.

Ein großer Rückschritt

Es ist wahrscheinlich der größte Rückschritt in der langen Geschichte der Schutzbemühungen um die Sächsische Schweiz gewesen, die Ortschaften aus dem 35 Jahre existierenden Landschaftsschutzgebiet "auszugliedem" - das erste sächsische Naturschutzgesetz in der Geschichte, verabschiedet durch eine Landtagsmehrheit, hat das getan. Damit gelten auch die Festlegungen des Landschaftspflegeplanes in den Ortschaften nicht mehr. Im Moment bleibt nur übrig, diesen Schaden möglichst zu begrenzen und den neuen Gefahren etwas entgegenzusetzen. Auch das wirft schon Fragen auf. Zum einen: Um welche Beeinträchtigungen und Gefahren handelt es sich ganz konkret? Sind sie allen schon bewußt und vor allem denen in voller Tragweite bekannt, die besondere Verantwortung dafür tragen? Und zum anderen: Wie ist diesen Fehlentwicklungen zu begegnen? Fassadenverunstaltung in Rathewalde

Wenden wir uns zunächst der ersten Gruppe von Fragen zu, tun wir es anhand von Beispielen.

* An der Ziegenrückenstraße zwischen der Hocksteinschänke und Waltersdorf gibt es einen schönen Ausblick in Richtung Bastei und Bärensteine. Aber nicht der angenehme Zusammenklang von Fels, Wald und Flur in ihren sanften, reich abgestuften Erdfarben beherrscht das Bild, sondern eine Häusergruppe in Weißig, die weiß gestrichen wurde, und die ebenso weißgepinselte Berggaststätte auf dem Rauenstein. Man reibt sich verwundert (und verärgert) die Augen: ist hier neu gebaut worden? Es sind aber keine neuen Häuser, die plötzlich so grell und aufdringlich auf sich aufmerksam machen, sondern Altbauten, die vorher nicht auffielen, weil sie selbst erdfarben gehalten waren. Man bekommt nunmehr das Gefühl, hier sei alles recht weitgehend zersiedelt, jeder Quadratkilometer hat hier mindestens ein Anwesen, hier sind überall und zu jeder Zeit Menschen wie soll man sich hier erholen? Man könnte diese Erscheinung das "Herausstreichen der Zersiedlung" nennen.

* Steigen wir auf den Lilienstein. Aus der Ferne blinkt aus der Landschaft mit ihren bläulichen Höhenzügen, bräunlichen Äckern und saftstrotzenden Vorfrühlingswäldern ein weißer Punkt. Was mag es sein? Durch das Fernglas erkennen wir den weißen Giebel eines Einfamilienhauses. Ein ganz banales Bauteil, das seine Signale kilometerweit in die Landschaft sendet. Wir erkennen nun auch, daß der Giebel zu einem Dorf gehört, wir sehen den Kirchturm, der unauffälliger als jener private Giebel ist. Das zeigt uns, daß das Dorf schon immer hier war und sich schon immer in seine Umgebung einordnete. Durch einen wie auch immer motivierten Anstreichakt ist die optische Verkehrung der Wichtigkeiten und die Sprengung eines ehemals Ganzen eingetreten - eine Störung, die verstimmt.

* Nähern wir uns von Pirna her Lohmen. Gleich am Ortseingang blendet uns ein steril weiß herausgestrichenes Neubauerngehöft (dabei stehen Dutzende geeigneter andere Töne zur Auswahl). Bis wir den über zwei Kilometer langen Ort durchgangen oder durchfahren haben, sind rund 90 Reklameträger und Hinweisschilder (ohne Verkehrszeichen) zu überwinden. Worauf soll man nur aufmerksam werden? Daß die Lohmener keinen Geschmack haben? Das wäre ungerecht, denn es gibt einige, die seit kurzem ihre Gehöfte in Stein- oder Fachwerk mit Gefühl instandgesetzt haben. Wer wird die Oberhand behalten?

Unverfälschtes Fachwerkhaus im Ortsteil Hütten, Königstein; Zeichnung von Manfred Wagner

Mißstände benennen - Auswege suchen

Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Die Mißstände, die den landschaftlichen Rang der Sächsischen Schweiz mehr und mehr schmälern, zählen inzwischen nach hunderten, und immerfort kommem neue hinzu: Holzfenster werden gegen solche aus Plast ausgetauscht, Dorfstraßen werden Asphaltpisten mit Fußsteigen aus einfallslosen Betonsteinen. Zwischen der Fassade, die bei der letzten Renovierung ihre schönen Proportionen einbüßte, und dem teuren neuen Blechzaun wachsen friedhofsartig Koniferen. Schilder gibt es zuhauf, auch solche, die nachts weit in die Landschaft leuchten. Fertigteilhäuser süddeutscher Machart mit deplaziertem Krüppelwalm greifen um sich. Ein ordnender Wille ist nicht zu erkennen. Das Dorf verstädtert,wird gesichtslos, häßlich. Wollen die Leute es so? Ist das Freiheit? Oder Narrenfreiheit? Es ist närrisch, das touiistische Kapital, das man in Form einer schönen Landschaft mit traditionsreichen Dörfern und Städten besitzt, zum Fenster hinauszuwerfen.

Kommem wir nun zur zweiten Seite unserer Fragestellung: Läßt sich gegen den rapiden Verfall ästhetischer Werte der Sächsischen Schweiz ein Gegengewicht setzen? Und wie?

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind, wie eingangs schon angedeutet wurde, nicht günstig. Die LSG-Fläche ist kleiner geworden. Die periodischen Landschaftstage, die wie Argusaugen über die Einhaltung des Schutzes der Sächsischen Schweiz wachen sollten, erfuhren nicht die hoffnungsvoll erwartete demokratische Belebung, sondern die Abschaffung ihrer selbst. Die sogenannte LSG-Inspektion, die man zu einem ähnlichen Zweck ins Leben rief, wurde zur Nationalparkverwaltung - personell erweitert, aber räumlich, sachlich bzw. staatsrechtlich gestutzt. Die Kommunen haben plötzlich die sogenannte "Planungshoheit" erlangt. So kann eine Gemeinde sich eine Gestaltungssatzung geben und bei ihren Entscheidungen fachlichem Rat folgen - aber sie kann beides auch lassen. Was die Sächsische Schweiz am Ende sein wird, ist so stärker denn je dem Zufall überlassen. Weitere Probleme birgt die Gemeindereform, die überschaubare Gebilde jäh zu Agglomerationen zusammentut.

Erfahrungsgemäß nützt es nichts, etwas zu beschönigen. Es hilft aber genausowenig, die Mißlichkeiten nur zu beklagen. Denken wir zunächst in folgende Richtungen (aus Raumgründen müssen hier thesenartige Sätze genügen) :

  1. Allen muß klar werden, was Anarchie im Umgang mit dem landschaftsgebundenen baulichen Erbe der Sächsischen Schweiz bedeutet, und zwar nicht erst, wenn es zu spät ist.
  2. Durch die Gegenüberstellung guter und schlechter Beispiele müssen die Sinne geöffnet und geschärft sowie Maßstäbe gesetzt werden, wie es richtigzumachen ist.
  3. Der Gemeinderat sollte bei öffentlichen Bauten und die Gemeinderatsmitglieder bei ihren eigenen Häusern mit gutem Beispiel vorangehen. Das betrifft auch den kulturell wie ökologisch wichtigen Gesichtspunkt, zuerst vorhandene Bausubstanz zu nutzen und zu revitalisieren, bevor man neubaut.
  4. Die Landwirtschaft als Erwerbsquelle sichern, begünstigt den Erhalt traditioneller Bauformen auf dem Lande, so der Scheunen mit ihrem orts- und landschaftsprägenden Charakter.
  5. Unverzichtbar und unaufschiebbar sind örtliche Gestaltungssatzungen, die den Willen zum guten Ortsbild und die dazu notwendigen Maßgaben festschreiben. Derartige Satzungen sind in Sachsen schon früh üblich gewesen. Wie sie zu erarbeiten und zu handhaben sind, zeigen auch heutzutage Beispiele.
  6. Demgegenüber bietet die Sächsische Bauordnung für ein gutes Ortsbild geringere Handhaben. Doch sind auch diese Möglichkeiten in unseren Gemeinden nicht hinreichend genutzt, besteht Handlungsbedarf.
  7. In der künftigen Großgemeinde dürfen die ursprünglichen Gemeinden nicht verlorengehen. Stellen nicht auch Ortsbild und Ortsgeschichte die innere Verbindung zum Wohnort her, die die Leute dort hält? Kann Ortsbildpflege nicht auch wieder eine gemeinsame Aufgabe geben?
  8. Niemand will ja wissentlich sein Haus und seinen Ort verderben, im Gegenteil: der Wille zur guten Gestaltung ist da. Was vor allem fehlt, ist die Information, der Austausch, Rat.

Bei der Wichtigkeit der Ortsbildpflege in der Sächsischen Schweiz wäre es angemessen, eine besondere Stelle dafür zu schaffen. Es muß um die Verbreitung des Problembewußtseins, um fachliche Beratung, um Fördermittel einen Ortsbildfonds und anderes mehr gehen. Und um Einsparung; denn wieviel Geld wird ausgegeben mit dem zweifelhaften Erfolg eines ästhetisch verdorbenen Hauses.

Angesichts der Realität gibt es auch die Möglichkeit, zu resignieren. Damit geschähe aber jenen Unrecht, die sich schon um ein Gegengewicht im Sinne unserer Fragestellung bemühen, sei es aus der Einsicht heraus, daß nicht unbedingt das Neue das Bessere ist und auch das alternde Haus Würde ausstrahlen kann, oder sei es bei der mühevollen Rettung eines verfallenden Gebäudes, bei der Pflege eines Fachwerkhauses oder der gesprossten Holzfenster.

Auf die Haltung kommt es an - sagt der französische Schriftsteller Saint-Exupery Wo die Ziele unsicher scheinen, erst recht.

Dr. Albrecht Sturm

Das Königsteiner Motiv ist dem Band "Pirna und Umgebung" entnommen, der 100 Federzeichnungen von Professor Manfred Wagner enthält. Das Buch zeigt, welchen Wert unverfälschte Ortsbilder verkörpern. Erhältlich ist es über das Kuratorium Altstadt Pirna e. V (Schmiedestr 28, Tel. 03501162 778), ferner im Stadtmuseum Pirna, in den Buchhandlungen Ramm und Creutz in Pirna bzw. Thölert/Heidenau sowie Wort und Werk/Dresden (Preis 16.80 DM). Zur Ortsbildpflege sei ferner empfohlen:

Diese Bände und weitere einschlägige Schriften können im o.g. Kuratorium Altstadt Pirna e. V eingesehen werden, selbiges gilt für Beispiele von Gestaltungs- und Werbesatzungen.



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