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Kommentar zum Waldschadensbericht 1993

Vermischung der Daten von Alt- und Jungbeständen täuscht über das wahre Ausmaß der Waldschäden hinweg 81 % aller Bäume über 60 Jahre sind nicht gesund!

40,7 % des sächsischen Waldes sind gesund, 34,7% schwach und 24,6% deutlich geschädigt, so ist es im Waldschadensbericht von 1993 zu lesen. Nach diesen Zahlen zu urteilen ist der Zustand des sächsichen Waldes gar nicht so schlimm, könnte man meinen. Immerhin sind ja fast die Hälfte der Bäume noch gesund.

Doch die o.g. Mittelwerte des Waldschadensberichtes täuschen über das wahre Ausmaß der Schäden hinweg. Bei der Ermittlung der Mittelwerte werden sowohl alte Bestände mit z.B. 150jährigen Baurnriesen gleichberechtigt mit Bäumchen ab 0,6 m Höhe (das ist die Mindesthöhe) gewertet. In der Statistik wird zwischen Bäumen über und unter 60 Jahren Lebensalter unterschieden, die sich, schaut man genauer in die Waldschadensberichte von 1992 oder 1993, im Schädigungsgrad gravierend (!) unterscheiden. Während z.B. junge Fichten in Sachsen zu 70,6% als gesund (Schadstufe 0) eingestuft werden, sind dies bei den über 60jährigen Fichten nur noch 9,6%. Bei den jungen Fichten sind nur 7,5% deutlich geschädigt (Schadstufen 2-4), dagegen werden 49,2% der über 60jährigen Fichten als deutlich geschädigt eingestuft.

Die Situation in der Region Osterzgebirge/ Sächsische Schweiz sieht weitaus schlechter aus (siehe auch Abb.2, S.25). In diesem Gebiet gibt es nur noch 2% gesunde Fichten, die älter als 60 Jahre sind, währenddessen fast 70% stark geschädigt sind. In der Summe aller Baumarten waren in Sachsen 81 % (1) der Altbestände im Jahr 1993 mehr oder weniger geschädigt.

Der Alarm, der durch diese katastrophalen Zahlen der "richtigen", älteren Wälder augelöst werden müßten, wird aber durch die Vermischung mit den Jungbeständen in der Statistik verhindert. Im jährlichen Waldschadensbericht erfährt der Bürger in erster Linie nur die Mittelwerte, bei denen 40% des Waldes noch gesund sind.

Wäre es nicht realistischer und ehrlicher, die Bestände nach ihrem Alter zu wichten, ohne den Zustand der jungen Bestände gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen? Denn der Begriff Wald bezeichnet keine Kulturen von 10 bis 30 Jahren, Wald sind ältere Bestände. Dietrich Graf weist in seinem Beitrag zur naturgerechten Waldwirtschaft im Heft 7 darauf hin, daß ein Waldzyklus mindestens 400 Jahre beträgt. Wird es den bei diesen Schädigungszahlen überhaupt noch einmal geben? Tharandter Wissenschaftler kritisieren auch die zu geringe Dichte der Probenahmepunkte, die eine repräsentative Auswertung erschweren (siehe Allg. Forstzeitschrift 25/1993).

In der DDR wurden die Waldschäden, wenn auch offiziell geheimgehalten, zumindestens realistisch erfaßt. So wurden bei der Hauptbaumart, der Fichte, die über 60jährigen Bestände in drei Schadzonen graphisch dargestellt (siehe auch den Beitrag der Landesanstalt für Forsten und die Karten auf S.24). Da die EG-Methode nur für sehr große Gebiete aussagefähig ist, sind diese o.g. Schadzonenkarten ersatzlos weggefallen. Man könnte auch fragen: Da wäre wohl aufgefallen, daß z.B. nach Kahlschlag und Neuanpfianzung in der höchsten Schadzone plötzlich gesunder Wald zu finden wäre?

In dieser Beziehung wurde der '92er Waldschadensbericht im Gegensatz zum '93er noch relativ deutlich: "Es muß beachtet werden, daß 6% der Erzgebirgsflächen sofort nach dem Kahlabtrieb der abgestorbenen und kränkelnden Fichten wieder aufgeforstet wurden. Diese Jungbestände werden heute überwiegend als gesund eingestuft." Also gesunder Wald auf dem Osterzgebirgskamm oder im mittleren Erzgebirge? Das ließe den Schluß zu: Je mehr abgeholzt und neu aufgeforstet wird, desto gesunder wird der Wald, zumindestens der Statistik nach...

Tschechische Wissenschaftler haben dagegen ein anderes System der Schadzonierung. Statt Schädigungsprozenten geben sie das zu erwartende Lebensalter der Bäume an (siehe auch nächsten Beitrag S.29/30). So finden wir die Aussage, daß ein Baum im oberen Bielatal nur noch 20-40 Jahre alt werden kann. Eine bedrückende Aussicht...

Während im '92-Waldschadensbericht Sachsens noch Maßnahmen und Konsequenzen zur Eindämmung der Schadstoffimmisionen aufgeführt wurden, fehlt im '93-Bericht jeder Hinweis in dieser Richtung. Handlungsbedarf besteht in jedem Falle. Zum einen müssen Mittel für die Waldschadensforschung bereitgestellt werden. Zum anderen kann nur eine drastische Reduzierung der Emissionen insbesondere aus dem Straßenverkehr und den böhmischen Kraftwerken den Wald als Lebensform in unserer Region langfristig erhalten.

Steffen Kube und Peter Rölke


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