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Zusammenhang von besonderer Witterungssituation und Stoffeinträgen durch Nebel im oberen Erzgebirge im Winter 1996/97

Einführung:

Das derzeitige Waldschadensproblem ist vom Grundsatz her kein neuartiges Phänomen. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Stöckhardt 1850,1871 und Wislicenus 1898) erschienen wissenschaftliche Untersuchungen zu Waldschäden, die durch Luftverunreinigungen aus Industrieanlagen verursacht wurden.

1922 schrieb der Forstrat C. Gerlach in der Zeitschrift Silva, daß er zwischen Sayda und Ullersdorf im Erzgebirge Industrieabgase, deren Ursprung in dem Industrie- und Braunkohlengebiet um Brüx (Most) in Böhmen zu finden ist, wahrnehmen konnte. Er sprach damals die Vermutung aus, daß diese Abgase das Tannensterben in Sachsen maßgeblich verursachten (C. Gerlach 1922 und R. Gerlach 1922).

Heute sind weite Teile der Wälder Sachsens schwer geschädigt. So ergab sich mit Stand vom 1. 1. 1991 folgendes Bild für den Freistaat Sachsen:

Schadzone I extrem: 6346 ha
Schadzone I: 31864 ha
Schadzone II: 78485 ha
Schadzone III: 165574 ha
Summe: 282269 ha

Damit liegen etwa zwei Drittel der Waldfläche Sachsens in Immissionsschadzonen (Liebold et. al., 199 1). Weite Teile des Erzgebirges sowie Teile des Lausitzer Berglandes und die Mittelgebirge entlang der Grenze zwischen Böhmen und Polen (Isergebirge, Adlergebirge, Eulengebirge, Riesengebirge) bilden ein ökologisches Notstandsgebiet im Zentrum Europas.

In den Kammlagen des Erzgebirges wurden maximale 30-Minuten-Werte von 1 bis 4 mg SO2/m3 Luft gemessen. Die Folge dieser extremen Belastung war der Zusammenbruch von ganzen Fichtenbetriebsklassen (Liebold et. al., 199 1).

Seit Beginn der 80er Jahre werden diese klassischen Rauchschäden, die maßgeblich durch Schwefeldioxid, seine Folgeprodukte (schweflige Säure, Schwefelsäure) und Fluorwassersstoff verursacht werden, durch die neuartigen Schäden, die u.a. durch Ozon, Stickoxide und Photooxidantien ausgelöst werden, überlagert. So findet man heute eine Mischung beider Schadtypen vor.

Tabelle

Trotz territorial unterschiedlicher Rückgänge der Schwefeldioxidimmissionen wird nach wie vor der physiologische Schwellenwert, der für Fichte mit 20 bis 50 Mikrogramm SO2/m3 angegeben wird (Wentzel 1987), weiterhin permanent überschritten. Die menschliche Geruchsschwelle liegt für Schwefeldioxid bei etwa 1000 Mikrogramm SO2 2 /M3.

Die folgenden Tabellen dokumentieren die Entwicklung der Schwefeldioxidimmissionen in Sachsen (Wienhaus et. al., 1997).

Mit der politischen Wende 1989/90 in Ostdeutschland war der Zusammenbruch der sächsischen Industrie verbunden. Ein Großteil der völlig veralteten Anlagen wurde stillgelegt. Weitere Standorte wurden modernisiert (Rauchgasentschwefelung, Gaswäsche etc.) bzw. Werksanlagen nach jetzigem Stand der Technik komplett neu errichtet. Damit verbunden war ein drastischer Rückgang der Emissionen von Schwefeldioxid und Staub durch die sächsische Industrie.

Tabelle 2

Trotz dieser für unsere Umweltsituation erfreulichen Verbesserung der Luftgüte kann für das Erzgebirge keine Entwarnung gegeben werden, denn bei Inversions- und SüdWetterlagen strömt aus dem böhmischen Becken stark mit Schwefeldioxid und Flourwasserstoff belastete Luft über das Erzgebirge nach Sachsen.

Tabellen Seite 11

Lage:

Der Freistaat Sachsen liegt in Mitteldeutschland und grenzt im Norden an die Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt, im Westen an den Freistaat Thüringen und im Süden an den Freistaat Bayern. Im Südosten grenzt Sachsen an die Tschechische Republik und im Osten an Polen. Der Freistaat umfaßt das Gebiet zwischen 5011' und 5l40' nördlicher Breite und zwischen 11 und 15 östlicher Länge. Sachsen liegt im Grenzbereich des europäischen Tieflandes und der mitteleuropäischen Mittelgebirgsschwelle. Die Landesfläche wird zu ca. 60,5% landwirtschaftlich genutzt, zu ca. 24% ist sie bewaldet (Forstwirtschaft) und ca. 11,5% entfallen auf Siedlungen und Industrie. Nur etwa 1,5% sind von Wasser (Flüsse,Seen) bedeckt.

Lage, Morphologie und Geologie des Erzgebirges:

Das Erzgebirge bildet im Südosten des Freistaates die natürliche Grenze zu Böhmen und Bayern. Dieses Gebirge ist die im Tertiär aufgestellte Pultscholle des zuvor im Rotliegenden bis zur welligen Rumpffläche verwitterten variskischen Gebirges. Diese Pultscholle erstreckt sich über 130 km von Nordost nach Südwest. Von Nord und Nordwest steigt sie allmählich an und bricht im Süden (Böhmen) steil zum Egergraben (Ohre) ab. Auf südlicher Seite wird der Egergraben vom böhmischen Mittelgebirge begrenzt. Dahinter befindet sich das böhmische Becken, in dessen Zentrum die Hauptstadt der Tschechischen Republik, Prag (Praha) liegt. Im Südwesten finden die Höhenzüge des Erzgebirges im Vogtland und Thüringer Wald ihre Fortsetzung. Im Westen und Nordwesten wird das Erzgebirge vom Erzgebirgsbecken, einem durch Sedimente des Rotliegenden gekennzeichnetem Übergangsgebiet zur Mittelgebirgszone begrenzt. Im Norden und Nordosten wird das Erzgebirge durch das Elbtal und das Elbsandsteingebirge begrenzt. Die Dresdner Elbtalweitung ist ein etwa 40 km langer und 3 bis 8 km breiter Grabenbruch, der sich von Nordwest nach Südost bis ins böhmische Becken erstreckt. Das Eibtal steigt, anfangs noch von pleistozänem Lößlehm bedeckt, leicht zum Erzgebirge an. Das Tal hat ein mildes Klima, das sogar Weinbau bis nach Pirna hinauf zuläßt. Es fallen im Mittel 600 mm Niederschlag im Jahr. Das Klima des Tales zeigt Föneinfluß sowie eine Neigung zur Temperaturinversion mit verstärkter Nebelbildung.

07.12.96:        Blick vom Kahleberg nach Nord, rechts Rehefelder Straße. Der Nebel umfließt den Kahleberg und ist aufder Westseite (stärkere Einsattelung bei Rehefeld) schon weit nach Sachsen in das Weißeritztal geströmt.

Im Erzgebirge herrschen Metamorphite des Mesozoikums vor. Im Osterzgebirge überwiegen die grauen Biotitgneise, im mittleren Erzgebirge rote Muskovitgneise und am Fichtelberg dominiert Muskovitschiefer. Westlich des Fichtelberges bestimmt von Quarzitklippen durchbroebener Glimmerschiefer die geologische Beschaffenheit des Gebirges. Phyllite und Tonschiefer herrschen im Westerzgebirge vor. Diese metamorphen Gesteine sind im gesamten Erzgebirge von Vulkanitstöcken durchbrochen. Diese Granite und Rhyolithe bilden Härtlinge, also Bergkuppen, die die Hochfläche überragen. Hier sind Kahleberg und Scharspitze als Beispiel zu nennen. Nicht unerwähnt seien die Granitkuppen bei Hirschberg und Eibenstock. Im Tertiär drangen basaltische Schmelzen in den Gesteinsverband ein und bildeten Ergußdecken wie am Scheibenberg oder Vulkanschlote wie am Geisingberg im Osterzgebirge, dem Cottaer Spitzberg, dem Decinsky Sneznik, den Zschirnsteinen und dem Großen und Kleinen Winterberg im Elbsandsteingebirge. Die unterschiedliche Härte des Gesteins bedingt, daß der Erzgebirgskamm von Härtlingen überragt und von Sätteln unterbrochen wird. Im Nordosten leiten die Sandsteinebenen (ca. 300 bis 400 m NN), überragt von den Tafelbergen des Elbsandsteingebirges (450 bis 550 m NN) über das Erzgebirgsgrenzgebiet in den Erzgebirgskamm über, der langsam, aber nicht stetig von Nordost nach Südwest ansteigt. Mit dem 905 m hohen Kahleberg wird im Osterzgebirge die größte Höhe erreicht. Der Kamm fällt dann unregelmäßig ab und erreicht im Deutscheinsiedler Sattel mit 720 m Höhe eine sehr geringe Höhe, bevor er zum Fichtelberg auf 1242 m unregelmäßig ansteigt. Der tiefste Einschnitt in die Mittelgebirgsschwelle, die Sachsen vom Egergraben und dem Böhmischen Becken trennt, ist der Elbtaldurchbruch im Elbsandsteingebirge mit einer Höhe von 120 m. Folgende Kuppen/Berge und Sättel charakterisieren den Verlauf des Erzgebirgskammes einschließlich des linkselbischen Teils des Elbsandsteingebirges: Großer Zschirnstein 561 m, Decinsky Sneznik 721 m, Traugotthöhe 806 m, Geisingberg 824 m, Kahleberg 905 m und Pramenac 909 m, Hemmschuh 846 m und Loucna 956 m, Kohlberg 837 m, Schwartenberg 787 m, Deutscheinsiedler Sattel 720 m, Ahornberg 823 m, Kamenny vrch 842 m und Medvedi skala 923 m, Jeleni hora 993 m, Spicak 965 m, Fichtelberg 1242 m.

14.12.96: Rauhfrost am Lugstein. Vom abgebildeten Rauhfrost wurde eine Probe entnommen und analysiert. Siehe Tabelle 7, LR 14.12.96.

Das Osterzgebirge zeigt in seinen unteren und mittleren Lagen, bedingt durch geologische Störungen in der Nähe zum Elbtal und die unterschiedlich starke Verwitterung der harten Granite, Porphyrite und Basalte im weicheren Gneis, eine starke Reliefgliederung. Die Flüsse Gottleuba, Müglitz und Weißeritz gruben sich bis zu 100 m tief in die weicheren Gneisschichten ein. Das Hochlagenplateau des Osterzgebirges zeigt dagegen sanftere Reliefformen. Im Mittelerzgebirge doruinieren sanfte Reliefformen mit schwach geneigten Hochflächen und flachen, stark frostgefährdeten Tälern. Es wird im wesentlichem durch die Freiberger Mulde entwässert. Das Westerzgebirge ist dagegen in hohe Berge und tief eingeschnittene Täler zergliedert. Die Flüsse Flöha, Zschopau und Zwickauer Mulde haben ihre Täler über 100 m tief in das Gebirge eingeschnitten. Diese geologisch bedingte starke Gliederung des Erzgebirges übl einen großen Einfluß auf das kleinräumige Wettergeschehen sowie die örtlich extrem hohen Immissionen, insbesondere im Bereich der Kammlagen aus.

Das Wetter in Mitteleuropa:

Das Wetter in Mitteleuropa ist durch von Westen heranziehende Tiefdruckgebiete gekennzeichnet. Auf der Nordhalbkugel strömt die Luft entgegen dem Uhrzeigersinn in das Tief. So weht auf der Vorderseite eines "idealen" Tiefdruckgebietes der Wind aus Südost, dreht auf Süd und nimmt an Stärke zu. Mit Durchgang der Warmfront dreht der Wind weiter auf Südwest bis West. Nach Durchzug der Kaltfront dreht der Wind auf Nordwest vor und es fließt die spezifisch schwerere Kaltluft ein. Der Wind dreht nun über Nord auf östliche Richtungen. In dieser Luftmasse kann sich ein Zwischenhoch oder Hochdruckgebiet aufbauen bis ein weiteres Tiefdruckgebiet heranzieht und sich der Vorgang wiederholt.

Grafik 1

Im Hochdruckgebiet herrschen meist nur geringe Luftbewegungen. Die eingeflossene Luft verweilt über längere Zeit am gleichen Ort. Im Sommer wird aufgrund der starken Thermik (Die Sonne erwärmt die Luft am Boden stärker als die darüber liegende Luft. Die warme Luft dehnt sich aus und steigt nach oben.) die Luft vertikal gut durchmischt. Anders in der übrigen Zeit des Jahres, insbesondere im Winter. Die Strahlung der Sonne reicht nicht aus, die Luft am Boden zu erwärmen bzw. die Strahlung wird von Schnee oder Nebel reflektiert. So kann sich mehr und mehr Kaltluft am Boden sammeln. In der Kaltluft bildet sich Nebel. Es entsteht eine Inversion. Solche Wetterlagen sind sehr stabil. Die Inversion wird erst durch vorrückende Störungen und damit verbundenen kräftigen Wind aufgelöst.

Liegt ein Hochdruckgebiet über einer Industrieregion, reichern sich die von der Industrie emittierten Schadstoffe an. Je länger die Luftmasse am gleichen Ort verweilt, um so höhere Schadstoffkonzentrationen werden erreicht. Im Sommer wird eine allzustarke Schadstoffanreicherung durch die vertikale Luftdurchmischung verhindert. Es kann sich aber infolge reichem Strahlungsangebot der Sommersmog (enthält bodennahes Ozon) bilden. In der kalten Jahreszeit wird durch die Industrie die Nebelbildung (Abluft enthält Feuchtigkeit und Staubpartikel, die als Kondensationskeime wirken) erhöht. Der Nebel fördert durch die Reflektion des Sonnenlichts eine Verstärkung der Inversion. Besonders im Winter werden an derartigen Industriestandorten extreme Schadstoffkonzentrationen erreicht.

Witterungssituation im Winter 1995/96 und 1996/97:

Im Winter 1995/96 wurden erneut drastisch hohe Schwefeldioxidimmissionen und Fluorid-Konzentrationen (Anreicherungen in Fichtennadeln) gemessen. Verstärkt wurde die Situation durch extreme Rauhfrostbildung sowie Klareisablagerungen an den Bäumen in den Kammlagen. Infolge von Inversionswetterlagen und der Schwächung der Fichtenbestände durch die Schwefeldioxideinträge, hohe Stickstoffeinträge, hohe Ozonbelastungen im Vorsommer (Verringerung der Frosthärte, induzierter Nährelementemangel (siehe dazu Slovik et. al. 1992, 1995, 1996) traten im Frühjahr 1996 neben verbreiteten Eisbruchschäden extreme Frosttrocknisschäden auf. Insgesamt wurden dadurch 3000 ha Fichtenbestände vernichtet.

Grafik 2

Abb. 1 und Abb. 2 zeigen zwei wesentliche meteorologisehe Begleitfaktoren von Immissionsschäden im Erzgebirge. Ausgeprägte Temperaturinversionen, die im mittleren und westlichen Erzgebirge oft über den Kamm, im Osterzgebirge aber nur bis in die Hochlagen reichen, führen in Kombination mit ausgeprägten Südostlagen zu besonders günstigen Einströmbedingungen im Gebiet Altenberg-Zinnwald und im Einsiedler Sattel.

Die Station Deutscheinsiedel gehört zum Meßnetz der TU Dresden, Institut für Pflanzenchemie und Holzchemie. Hier werden SO 2-Tageswerte nach der TCM-Methode ermittelt. Die Station befindet sich in 720 m Höhe über dem Meer im Einsiedler Sattler, der dadurch geprägt ist, daß sich hier in dieser sattelartigen Absenkung des Erzgebirgskammes auf nur 700 bis 800 m über NN zwischen Deutschneudorf und Göhren (Kliny) gegenüber den über 900 m hohen Erzgebirgsgipfeln, sich die mit Rauchgas beladenen Winde zusammendrängen und den Gebirgszug überqueren. Es wurden sehr hohe Konzentrationen an Schwefeldioxid gemessen, so am 17.01.1996 362 Mikrogramm SO2/m3 Luft.

Der Sommer 1996 führte mit seiner kühlen Witterung zu einer leichten Entspannung der Situation. Das belegen auch biochemische Untersuchungen in verschiedenen Fichtenbeständen (BEER 1995a, 1995b, 1996, 1997). Der Winter 1996/97 erbrachte in seinem Verlauf wieder Rauhfrost, Klareis und Südwetterlagen, die erneut zu hohen Belastungen mit Schwefeldioxid und Fluorwasserstoff führten. Auch traten ähnlich dem Winter 1995/96 Inversionswetterlagen auf. Tabelle 6 soll die Stärke der Temperaturinversion an einem Beispiel belegen.

Tabelle 6

Es ist nicht auszuschließen, daß erneut massive Schäden in den Kammlagen des Erzgebirges auftreten. Die hohen Schadstoffkonzentrationen werden örtlich und zeitlich begrenzt beobachtet. Wie Witterung und Relief die Verteilung der sauren Nebel aus dem böhmischen Becken beeinflussen, soll die vorliegende Arbeit versuchen aufzuzeigen.

Um dieses Problem zu lösen, ist zuallererst die Politik gefordert. Nur umfangreiche Investitionen zur Entschwefelung und Modernisierung der maroden Kraftwerke und Chemiebetriebe im Egergraben in der Tschechischen Republik können zu einer wirklichen Entspannung der Situation im Erzgebirge sowie im gesamten "Schwarzen Dreieck" führen. Diese Investitionen versprechen nicht sofort Gewinne, aber für unsere gemeinsame Umwelt könnten sich derartige Maßnahmen schon bei Berücksichtigung der monetären Verluste der Forstwirtschaft (z. Bsp. Schadholzberäumung, Qualitätsverluste der Holzsortimente, Wiederaufforstung) bezahlt machen.

Besonderheiten der Witterung im Erzgebirge:

Unter Hochdruckeinfluß sammelt sich die Kaltluft in den das Erzgebirge umgebenden Tälern (Elbtal, Egergraben, Böhmisches Becken). Es bilden sich Inversionswetterlagen. Häufig liegt die Obergrenze dieser Inversionen unterhalb des Erzgebirgskammes. Die Hochlagen des Erzgebirges ragen in die klare, trockene Luft oberhalb der Inversion. Bei derartigen Wetterlagen werden im Gebirge zumindest tagsüber deutlich höhere Temperaturen als in den Tälern gemessen. Die Temperaturen unterliegen in der klaren Luft über der Inversion großen Schwankungen zwischen Tag und Nacht. Die Luftfeuchte ist oberhalb der Inversion sehr gering. Somit sind oberhalb der Inversion alle Voraussetzungen für das Auftreten von Frosttrocknisschäden an Waldpflanzen gegeben.

Wenn sich ein Hochdruckgebiet abschwächt und nach Südosteuropa zieht, beginnt der SO-Wind zu wehen. Er drückt die feuchten, mit Schadstoffen (vorwiegend Schwefeldioxid) angereicherten Inversionsnebel aus dem Egergraben gegen das Erzgebirge. Zunächst fließt diese Luft durch die Taleinschnitte wie Elbtal und Deutscheinsiedler Sattel nach Sachsen ein. Die höheren Lagen des Gebirgszuges ragen wie Inseln aus dem heranziehenden Nebel. Nachdem der Nebel die Täler und Pässe durchströmt hat, löst er sich über dem sächsischen Mittelgebirgsvorland zunächst auf. Hierbei spielen auch Fönwirkungen eine wichtige Rolle. Insbesondere das mittlere Erzgebirge ist durch ausgeprägte Fönwetterlagen gekennzeichnet. Ist die Fönwirkung zu gering und die Luft über Sachsen schon sehr feucht, bildet der einströmende Nebel über dem Mittelgebirgsvorland eine tiefliegende Schichtwolke. In den Sätteln werden extrem hohe Schadstoffkonzentrationen gemessen. Bei dem weiteren Zug der die Schadstoffe transportierenden Luftmassen nach Nordwesten, verdünnen sich die Schadstoffe in der Umgebungsluft.

Abbildung 3-5

Nähert sich schnell ein kräftiges Tiefdruckgebiet, frischt der Wind aus Südost deutlich auf und erreicht am Erzgebirgskamm oftmals Sturmstärke. In diesem Fall wird die mit Schadstoffen angereicherte Luft gründlich aus dem Böhmischen Becken und dem Egergraben ausgeräumt. Die Lufi wird in breiter Front über den Gebirgskamm gedrückt. Sic fließt auch über die Gipfel nach Sachsen ein. Entlang des ganzen Kammes werden in einer derartigen Situation hohe Schadstoffkonzentrationen gemessen.

Erreicht dagegen nur eine schwache Störung Ostsachsen so wird die Kaltluft nur teilweise oder gar nicht aus den Egergraben ausgeräumt. Nur lokal ziehen die schadstoff belasteten Nebel nach Sachsen, so im oberen Elbtal und in Deutscheinsiedler Sattel, wo dann auch wieder hohe Schadstoffkonzentrationen auftreten, obwohl am Kamm und auf den Gipfeln des Erzgebirges sowie im Erzgebirgs vorland weder Nebel noch Schadstoffe registriert werdei können.

Es zeigt sich, daß die Schadstoffbelastung im Erzgebirgs raum einerseits vom Relief des Gebirges und andererseit von der Großwetterlage sowie von der Höhe der Obergrenze der Inversionsschicht abhängt. Wo nun die höchste Schadstoffkonzentrationen auftreten, bestimmt die Wind richtung. So gibt es lokal deutliche Unterschiede, ob ei Südost-, Süd- oder Südwestwind die sauren Nebel über da Gebirge drückt und in welcher Stärke der Nebel über de Kamm fließt, also ob er nur durch die tiefsten Sättel un Taleinschnitte strömt, oder in breiter Front über den Kann einfließt, so daß nur die höchsten Erhebungen (Kahleberg, Fichtelberg) über den Nebel ragen, oder ob der Nebel so stark über das Gebirge gedrückt wird, daß auch die höchsten Gipfel "überflutet" werden.

Somit gilt: "Eine Sperrschicht über dem Gebirgskamm mit relativ gleichmäßiger Schwefeldioxidimmission im gesamten Höhenprofil; hierbei sind die Immissionswerte im Winterhalbjahr größer als im Sommerhalbjahr. Die Ozonwerte in den Kammlagen verhalten sich hierzu reziprok, d.h. die Werte sind im Sommerhalbjahr größer als im Winterhalbjahr.

Sperrschicht unter dem Gebirgskamm mit besonders im Winter sehr hohen Schwefeldioxidin-unissionen in den Tallagen; saubere Luft am Kamm mit höherer aber ausgeglichener Ozonkonzentration. Das Tiefland ist durch stärkere Schwankungen im Tag/Nachtwechsel gekennzeichnet. Während der Auflösung der oft tagelang vorhandenen Sperrschichten mit Smogsituation im böhmischen Becken werden bei südostlichen Winden besonders hohe Luftbelastungen in den grenznahen Gebieten Sachsens registriert." UTG Berlin, 1995; S. 11

In den Kammlagen wird der ziehende Nebel in jedem Fall durch dort vorhandene Pflanzen / Bäume ausgekämmt bzw. fällt als Sprühregen aus. Diese Nebelniederschläge sind extrem sauer. Im November/Dezember 1996 wurden an drei aufeinanderfolgenden Wochen Schnee- und Rauhfrostproben im Osterzbegirge entnommen. Die Analysenergebnisse sind in Tabelle 7 zusammengestellt:

Tabelle 7

Erläuterungen zu Tabelle 7:

Es ist erkennbar, daß der Rauhfrost deutlich stärker belastet als der Schnee ist. Besonders deulich zeigt sich diese Belastung bei Sulfat. Die Klimastation Lugstein der TU Dresden gibt für die o.g. Tage folgende Tagesmittelwerte in 2 m Höhe an:

Die Windrosen der Windhäufigkeit an den Probenahmetagen sind in den Abbildungen 3 bis 5 enthalten.

Mittlere Temperaturen und Niederschlagsmengen im Erzgebirgsraum (J. GOLDSCHMIDT 1950):

Tiefland (Dresden/Leipzig) Erzgebirgsvorland Kammlagen
Temperatur C >9 ca. 5 3-4
Niederschlagssumme mm/a ca. 600 700-900 1000-1400

Ursache der hohen Schadstoffbelastungen bei südlicher Luftströmung ist die Industrie im Egergraben in Nordböhmen. Folgende Hauptquellen für die Schwefeldioxid- und Stickoxidemission können angegeben werden (Stand 1992; UTG - LÖEK/Zustandsbericht, UTG Berlin, 1995; S. 79):

t SO2/a t NOx/a
ELNA Tusimice I 48,3 9,4
ELNA Tusimice II 88,3 k.A.
ELNA Prunerov I 59,8 10,5
ELNA Prunerov II 163,1 35,5
ELNA Ledvice 38,3 13,2
ELNA Pocerady 110,7 34,9
ELNA Komorandy 29,1 4,6
Teplarna Trmice 4,1 3,8
Chemicke z. Litvinov 55,3 26,6

Zusammenfassung:

Trotz deutlicher Ernissionssenkungen seit 1990 treten im Erzgebirgsraum immer wieder extrem hohe Schadstoffdepositionen auf. Hauptursache dieser Belastungen sind die Kraftwerke Nordböhmens. Wie die lokal extrem unterschiedliche Verteilung dieser Schadstoffe erfolgt, wird in der vorliegenden Arbeit durch erste Rauhfrostanalysen gezeigt. Insbesondere wird auf den Winter 1995/96, der zu starken Ausfällen an Fichten führte, eingegangen. Es werden auch Wetterereignisse des Winters 1996/97 diskutiert. Es zeigt sich, daß die Schadstoffbelastung im Erzgebirgsraum einerseits vom Relief des Gebirges und andererseits von der Wetterlage sowie von der Höhe der Obergrenze der Inversionsschicht abhängt. Wo nun die höchsten Depositionsraten auftreten, bestimmen Windstärke und Windrichtung. So gibt es lokal deutliche Unterschiede, ob ein Südost-, Süd- oder Südwestwind die sauren Nebel über das Gebirge drückt und in welcher Stärke der Nebel über den Kamm fließt. Bei negativen Temperaturen wird dieser Nebel kontinuierlich in Form von Rauhfrost akkumuliert.

Dr. V. Beer, Dn F. Zimmermann,
Dipl. Met. V. Goldberg

Das umfangreiche Literaturverzeichnis kann beim Autorentearn abgerufen werden. Alle im Artikel enthaltenen Fotos sind von Dr. Volker Beer.



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