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Leitlinien für einen Sanften Tourismus in der Sächsischen Schweiz

Ein Teil dieser Vorschläge ist schon am Runden Tisch in Pirna 1989/90 sowie zu späteren Anlässen eingebracht worden. Am Welt-Umwelttag 1996 wurden die 'Leitlinien' auf einer Pressekonferenz im Kurort Rathen vorgestellt und am 14. 9. 1996 in Pirna zum Landschaftstag Sächsische Schweiz den Veranstaltern (Sächs. Staatsministerium f. Umwelt u. Landesentwicklung, Landkreis Sächsische Schweiz, Tourismusverband Sächsische Schweiz) in der vorliegenden Fassung übergeben. Die 'Leitlinien' sind auch von der Vorsitzenden des Ausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus des Deutschen Bundestages, MdB Frau Halo Saibold, die die Region aus eigener Anschauung kennt, beurteilt worden: "Die 'Leitlinien' entsprechen in idealer Weise den Prinzipien einer ökologisch- und sozialverträglichen touristischen Entwicklung, die auch langfristig ökonomisch tragfähig ist

."

Natur- und Landschaft

* Natur und Landschaft respektieren statt zerstören; den spezifischen Charakter der Sächsischen Schweiz oder eines ihrer Teilgebiete durch keinerlei Projekte und Maßnahmen beeinträchtigen-, die Schutzbestimmungen ausnahmslos befolgen, erforderlichenfalls ihre Verschärfung einfordern; keine "Ausgliederungen" mehr aus dem Landschaftsschutzgebiet; keine Neuerschließung von Landschaftsräumen.

* Fehlentwicklungen und Überlastungen soweit wie möglich rückgängig machen; Umweltbelastungen schrittweise verringern (Lärm, Flächenverbrauch, Luft- und Wasserqualität, Störungen des Landschafts- und Ortsbildes); dem Gast nicht das bieten, wovor er flieht (Stau, Asphaltierung, Überfüllung, Zersiedlung).

* Kapazitätsgrenzen für bestimmte Teilgebiete je nach Naturraumpotential und Infrastruktur bestimmen und die Einhaltung der Grenzen anstreben.

* Problematische Vorhaben (Pläne, Projekte, Maßnahmen) rechtzeitig einer Umwelt- und Sozialverträglichkeit unterziehen und nur bei nachgewiesener Unschädlichkeit realisieren.

Regionale Wirtschaftsstruktur

* Touristische Monokultur vermeiden. Breite regionale Wirtschaftsstruktur erhalten, außer Fremdenverkehr etwa gleichgewichtig entwickeln/fördern: ökologisch orientierte Land-, Forst- und Gartenwirtschaft einschließlich Bäuerliche Landschaftspflege und regionale Produktverarbeitung und -vermarktung; einzelstandörtliches, landschaftsverträgliches Gewerbe; Arbeitsplätze im benachbarten Industrie- und Verdichtungsraum (für Auspendler).

* Touristische und andere Erwerbsquellen kombinieren.

Soziale Aspekte

* Entwicklung der Region durch einheimische Kräfte statt durch auswärtige Kapitaleigner. Vermeidung von Immobilien- und Bodenspekulationen und Wahrung der wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Einheimischen.

* Profitstreben nicht allein nach wirtschaftlichen und spekulativen Gesichtspunkten; Investitionen so konzipieren und fördern, daß sie sowohl der Natur und Umwelt als auch den Menschen gerecht werden; Wertschöpfung durch Fremdenverkehr breit streuen; nicht in die Abhängigkeit von Großinvestoren geraten; die Bedürfnisse aller beteiligten Menschen beachten (Sozialverantwortlichkeit in bezug auf die einheimische Bevölkerung und die Gäste).

* Umfassende Information und Mitwirkung der Bürger gewährleisten.

* Sich um das Verständnis zwischen Touristen und einheimischer Bevölkerung bemühen; die Bedürfnisse von Reisenden und Bereisten vereinbar machen (GÄSTEverkehr statt FREMDENverkehr).

Kulturhistorisches Erbe, Ortsgestaltung

* Beachtung der soziokulturellen Identität der Orte: Pflege der charakteristischen Ortsbilder, keine extensive Entwicklung, keine Zersiedlung.

* Strikte Einhaltung des städtischen und des ländlichen Raumes; Bewahrung der Unterschiedlichkeit der Orte und Gemeinden; das jeweils Orts- und Landschaftstypische betonen, Traditionelles nicht zur Kulisse werden lassen.

* Die besondere Verletzlichkeit des Orts- und Landschaftsbildes bei Um- und Neubauten berücksichtigen, landschaftsverbundene Architektur, Bauweise und Materialwahl; Vermeidung von kultureller Verfrerndung und Vereinheitlichung.

* Entwicklung in kleinen Schritten an Stelle von einzelnen, strukturverändernden Großprojekten. Entwicklungsgrenzen akzeptieren.

Beherbergung, Ver- und Entsorgung

* Beherbergungs- und Gaststätten nur in vorhandenen Gebäuden einrichten.

* Vor allem Privatzimmer, Ferienwohnungen, kleine Pensionen, traditionelle Gasthöfe und "Urlaub auf dem Lande" fördern; Verzicht auf Großprojekte. In der Nationalparkregion keine Allerwelts-Luxusangebote machen, sondern die Möglichkeiten zu mehr Einfachheit und Echtheit ausschöpfen.

* Neubau von Hotels nur außerhalb des Schutzgebietes und ÖPNV-günstig planen und genehmigen.

* Gastronomische und sonstige Lebensmittelversorgung weitestgehend durch regionale, möglichst unter ökologischen Gesichtspunkten erzeugte Produkte.

* Konzepte für Müllvermeidung im Wander- und Klettergebiet und für verkehrsminimierende Ver- und Entsorgung der Gesamtregion.

Verkehr (Umwelt-, Verkehrs- und Tarifverbund)

* Mobilität zu Fuß, per Fahrrad und mit dem ÖPNV so angenehm machen, daß Kfz-Verkehr minimiert und teilweise ganz vermieden wird. Kombinierte Angebote machen, Fahrrad-Mitnahmemöglichkeit bei Bahn und Schiff gewährleisten. Verkehrsträgerunabhängige und zeitlich gestaffelte Fahrkarten, Kompaktangebote.

* Kein Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, das vorhandene Netz besser nutzen; Auffangparkplätze vor dem Schutzgebiet einrichten: linkselbisch bei Pirna, rechtselbisch bei Pirna, Stolpen und Schmutz; sinnvolles System abgasarmer Ring- und Pendelbusse einführen, bedarfsabhängig Kleinbusse verwenden; Sperrung ausgewählter Straßen für den motorisierten Individualverkehr. Wege naturnah belassen/ gestalten; Rathen als ersten Ferienort autofrei machen;

* Nutzung der Elbschiffahrt für die Ver- und Entsorgung der Region.

* Die hochattraktive Bahnstrecke Pirna-Neustadt-SebnitzBad Schandau für den Fremdenverkehr (und die Versorgung) erhalten und zusammen mit der S-Bahn Pirna-Bad Schandau als Rückgrat des gesamten, vor allem rechtselbischen Regionalverkehrs konzipieren. Benachbarte Regionen als touristische Ziel- und Ausgangspunkte einbeziehen.

Der Tourist und Gast, Werbung

* Das touristische Angebot vor allem auf die vorhandenen Ressourcen stützen. Zeitgemäßer Tourismus geht nicht mehr nach der Devise "Für jeden von jedem etwas"; mit Allerweltstouristen und unangemessenen Angeboten wird die Region entwertet und der Wettbewerbsvorteil der Sächsischen Schweiz zunichte gemacht.

* Mit den Angeboten des sanften Tourismus auf bestimmte und zueinander passende Zielgruppen von Touristen schwerpunktmäßig einstellen, Hinweise aus tourismussoziologischen Untersuchungen beachten; durch gezielte Informationskampagnen, auch bei Reiseveranstaltern, das Verhalten des Touristen auf die regionalen Belange einstellen.

* Entsprechend landesweit und international werben. Dabei nicht nur auf bloße Angebotsfunktionen hinweisen, sondern berücksichtigen, daß der Stil der Angebotskombination aller 7 Komponenten (Landschaft, Ortscharakter, Infrastruktur, Service, Verkehr, Wohnen, Essen und Trinken) ausschlaggebend ist; beachten, daß der Tourist nach innerer Stimmigkeit, emotionaler Ausstrahlung und dem Image des Gesamtproduktes 'Urlaub' entscheidet; eine spezifische Jouristische Kultur" entwickeln.

Peter Hildebrand Bund Sächsische Schweiz

Quellen: Jost Krippendorf Die Ferienmenschen -für ein neues Verständnis von Freizeit und Reisen, 1984. CIPRA, Deklaration von Chur, 1984. Naturfreundejugend Deutschlands a) Bierenwanger Aufrufen für einen Sanften Tourismus, 1985; b) 10 Merkblätter zum Sanften Tourismus. Toblacher Gespräche 1985 - für einen anderen Tourismus am Beispiel des Bergtourismus. ADAC (Hgb.): Tourismus und Landschaftserhaltung, 1988; Neues Denken im Tourismus, 1989; Mehr Wissen - Mehr Handeln, Bausteine für eine umweltverträgliche Tourismusentwicklung, 1991. Europäisches Parlament, Fremdenverkehr in Europa, 1992. BUND (Hgb.), freizeit fatal - Über den Umgang mit der Natur in unserer freien Zeit.



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