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Felsklettern und Naturschutz im Nationalpark Sächsische Schweiz

An der MLU Halle wurde im Sommer diesen Jahres eine Diplomarbeit zum Thema »Felsklettern und Naturschutz im Nationalpark Sächsische Schweiz« eingereicht. Der Autor sandte uns den ersten Teil einer Zusammenfassung zu, der zweite Teil erscheint im nächsten Heft. Die komplette Arbeit kann in der Bibliothek des SBB eingesehen werden.

In den vergangenen Jahren gab es eine erfreuliche Aufwertung des Umwelt- und Naturschutzgedankens in Deutschland. Mülltrennung und -verwertung wurden immer wichtiger, zulässige Schadstoffkonzentrationen unter die Nachweisgrenze gedrückt sowie neue Schutzgebiete wie Nationalparke, Biosphärenreservate und Naturschutzgebiete ausgewiesen. Begrüßenswert ist auch, daß durch den neuen Paragraph 20c des Bundesnaturschutzgesetzes bestimmte Biotope geschützt werden sollen. Damit ist deutlich geworden, daß der Gesetzgeber nicht nur bestimmte Parke, Reservate und Gebiete erhalten will, sondern auch den integrierten Naturschutz in der Fläche anstrebt. Auch für Natursportler erschien die neue Regelung positiv: konnten doch beispielsweise dem Wassersport besondere Biotope wie Altarme oder naturnahe Bachabschnitte nicht mehr ohne weiteres verbaut werden. Auch für Kletterer war die Grundlage ihres Sportes, offene Felsbildungen, nun besser gegen wirtschaftliche Nutzung, wie z.B. Steinbruchtätigkeit, gesichert. Überraschungen gab es dann allerdings, als diese Rahmengesetzgebung des Bundes durch die konkurrierende Gesetzgebung der Länder ausgefüllt wurde: so erließen Länder wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen Anordnungen, die ein faktisches Betretungsverbot der geschützten Biotope bedeuteten. Damit war in diesen Bundesländern das Klettern an natürlichen Felsen grundsätzlich verboten und nur noch durch Ausnahmeregelungen möglich. Die Folge war, daß aus der Partnerschaft Natursport - Naturschutz nun eine Konfliktsituation entstanden war.

Liegt nun auch hier, in Sachsen, ein solches Konfliktpotential vor? Wenn ja, wie groß ist dieses Potential und welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Existieren gar Feindbilder bei Kletterern und Freinächtigern (Boofern) hinsichtlich des Naturschutzes? Diese Fragen sollten durch eine Diplomarbeit, die in enger Zusammenarbeit mit der Nationalparkverwaltung erstellt wurde, am Beispiel der Sächsischen Schweiz untersucht werden.

Die sächsischen Bergsteiger gerieten wegen des "Niedertrampelns von Anpflanzungen" (Sattler 1904) schon zu Beginn des Jahrhunderts in Konflikt mit der Forstwirtschaft. Nach vielen Auseinandersetzungen kam es zur Entschärfung durch die Anlage von Klettersteigen sowie der Übernahme von Gebietspatenschaften in den 30er Jahren. Die große Identifizierung von Wanderern und Kletterern mit diesem wertvollen Stück Heimat schlug sich auch in zahlreichen Erosionssanierungen und der jährlichen "Aktion Sauberes Gebirge" nieder. Dadurch entwickelte sich eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Bergsport und Naturschutz. Grundsätzlich hat bei uns die lange Tradition des Klettersports zu einer tieferen Verwurzelung in der Bevölkerung geführt und vielleicht auch deswegen seinen Platz im Sächsischen Naturschutzgesetz gefunden (§26 Absatz 3). Mit der Ausrufung des Nationalparks entstand nun eine neue Situation. Bisherige Nutzungen sollten eingeschränkt oder kanalisiert werden. Jeder war praktisch zu einem bestimmten Maß an Verzicht aufgefordert.

Konfliktpotential zwischen Naturschutz und Bergsport besteht vor allem in den Bereichen Fauna, Flora und Erosion. Tiere werden durch optische und akustische Auswirkungen menschlicher Anwesenheit beeinflußt. Besonders felsbrütende Vögel sind durch die Ausübung des Klettersportes beeinträchtigt. Einerseits ist die Situation für diese Tiere günstiger als in den anderen Mittelgebirgsklettergebieten Deutschlands, da das Felsareal sehr ausgedehnt ist und 85-95% der Felsen unbeklettert bleiben (Beschränkung auf freistehende Gipfel). Diese Gunstsituation wird aber andererseits durch die verstreute Lage der Klettergipfel geschmälert. Hinsichtlich der Pflanzenwelt sind durch Wandern und dem mit dem Klettern verbundene Zugang zu Felsen, in deren Umgebung seltene Arten wachsen, Trittschäden entstanden. Das betrifft besonders borealmontane Arten wie z.B. Krähenbeere, Sumpfporst oder Knotenfuß, die aufgrund der relativen Konkurrenzschwäche gegenüber Ubiquisten kaum Ausweichstandorte haben. Diese Problematik überschneidet sich mit der Bodenerosion, die aufgrund der geringen Bindungskraft des Bodens besonders in Bereichen starker Hangneigung schnell zu Sandreißen führt. Auch das Boofen ist in letzter Zeit kritischer diskutiert worden. Während in diesem Zusammenhang bisher Waldbrandgefahr und Müllbelastung genannt wurden, ist vor allem der Verbrauch von Feuerholz und der damit verbundene Totholzmangel ein ökologisch bedeutsamer Sachverhalt.

Diesem Konfliktpotential stehen eine Reihe positiver Aspekte von Klettern und Boofen gegenüber. So dient die Erholung unter freiem Himmel neben dem Naturerlebnis auch der Heimatverbundenheit und erfüllt verschiedene Sozialfunktionen. Natursport eröffnet die Möglichkeit, über eine faszinierende Freizeitbeschäftigung den Kontakt zu einer durch Industrialisierung und Verstädterung fremder gewordenen Umwelt wiederherzustellen. Jeder, der wandert, klettert, Ski oder Fahrrad fährt, ist unter Umständen einer weniger, der bei einem illegalen Autorennen stirbt oder für den ein Spaßbad in die Sächsische Schweiz gebaut werden muß!

Das Boofen ist mehr, als die bloße Freinacht. Die soziale Funktion des Boofens rückt die zwischenmenschliche Kommunikation in den Mittelpunkt. Frei vom Rollenspiel des Alltags fallen in der "Runde", am Feuer, oft Kontaktängste weg. Es finden Gespräche zwischen Personen statt, die unter normalen Umständen nie miteinander kommuniziert hätten.

Zu kaum einer anderen Landschaft in Ostdeutschland existiert eine so starke Verbundenheit sowohl der Einheimischen als auch der externen Besucher. Viele Wanderer und Kletterer fahren Wochenende für Wochenende aus Berlin, Leipzig, Chemnitz und anderen Städten zur Erholung vorzugsweise in das Elbsandsteingebirge.

Aus dieser hohen Bedeutung des Gebietes für die Erholung resultieren einige Probleme für den 1991 eingerichteten Nationalpark Sächsische Schweiz. Prioritär dem Naturschutz verpflichtet, müssen in ihm die Erholungsansprüche der Besucher in ein gesamtheitliches Schutzkonzept integriert werden. Nachdem die Besucherlenkung für Wanderer erfolgreich begonnen wurde, rückt jetzt der Klettersport in den Mittelpunkt des Interesses.

Aus diesem Grund wurde im Rahmen dieser Diplomarbeit eine Fragebogenaktion durchgeführt, welche die demographische Struktur der Natursportler erfassen, Kenntnisstand und Meinungsbild zu Fragen des Naturschutzes sowie klettersportspezifische Sachverhalte und Fragen zur Boofenproblematik klären sollte.

Befragt wurden vor Ort 294 Kletterer und 103 Boofer. Nur die wichtigsten Ergebnisse sollen hier wiedergegeben werden.

Die Befragten waren zwischen 8 und 68 Jahren sowie im Mittel 29 Jahre alt, zu 1/4 weiblich und 114 männlich (das Geschlechterverhältnis ist für den Klettersport typisch).

Die Sächsische Schweiz stellt sich vor allem als Erholungsgebiet der Region dar. Interessant ist der hohe Anteil Berliner, für die das Elbsandsteingebirge wohl fast schon als "Naherholungsgebiet" dient.

Herkunft von Kletterern und Boofern in der Sächsischen Schweiz

Kletterer und Boofer erweisen sich als ausgesprochen gebietstreue Besucher. Fast 80% geben an, mindestens 4 mal im Jahr in das Elbsandsteingebirge zu kommen.

Besuchshäufigkeit von Kletterern und Boofern in der Sächsischen Schweiz (2 von 397 ohne Angabe, 395 Befragte = 100%)

Die Anreise der Kletterer und Boofer erfolgte zu 68% mit dem Kfz, zu 21 % mit der Bahn und 8% kombiniert (Rest: Anhalter, Fahrrad, Bus) und ist somit in etwa gleich zu den Werten, die für alle Nationalparkbesucher ermittelt wurden (Arnaschus 1993).

Gefragt wurde auch nach der Bedeutung des Naturschutzes in Bezug auf das Klettern und Boofen (siehe Abbildung 3). Die Mehrzahl der ca. 400 Befragten hält sowohl Klettern und Boofen als auch den Naturschutz für sehr wichtig. Ob sich aus dieser hohen Wertschätzung Rückschlüsse auf die Akzeptanz einschränkender Maßnahmen ziehen lassen, wurde durch eine zusätzliche Frage ermittelt. Danach waren 92% bereit, Einschränkungen (zumindest "in gewissen Grenzen") hinzunehmen. Wissen und Meinungen zu Naturschutzproblemen wurden in einer Reihe weiterer Punkte erfragt.

Bedeutung des Naturschutzes

Zusammenfassend läßt sich feststellen: Zwar ist sich die Mehrheit der Tatsache bewußt, daß auch Klettersport und Boofen Spuren in der Umwelt hinterlassen, aber die konkreten Auswirkungen (Erosion, Tiere, Pflanzen) werden nicht immer genügend zur Kenntnis genommen. Das insgesamt begrüßenswerte positive Selbstverständnis in Bezug auf den Naturschutz sollte also in konkreten Sachfragen um kritische Reflexion des eigenen Tuns und Handelns ergänzt werden. Hierzu ist eine verstärkte Umweltaufklärung nötig. Ein "Feindbild" bezüglich des Naturschutzes existiert nicht, die Erholungssuchenden sehen ihre Aktivitäten nicht als (existentiell) bedroht, halten Klettern und Naturschutz für vereinbar und sind darnit zur Einbindung in und Mitarbeit an Konfliktlösungskonzepten bereit.

Ein zweiter Schwerpunkt der Diplomarbeit war die räumliche Auswirkung des Klettersportes, also die Frequentierung der Teilgebiete bis hin zu einzelnen Gipfeln sowie die quantitative Entwicklung (Anzahl der Kletterer, Häufigkeit der Gipfelbesteigungen) des Klettersportes in der Sächsischen Schweiz. Dazu wurden die Gipfelbücher von 61 Gipfeln in 6 ausgewählten Teilgebieten über die vergangenen 10 Jahre ausgezählt. Das aus insgesamt 127 Gipfelbüchern zusammengefaßte Ergebnis zeigt Abbildung 4.

Aufsummierte Besteigungszahlen von 61 Gipfeln der Sächsischen Schweiz

Das Maximum der Werte wurde 1989 erreicht, danach kam es zu einem deutlichen Rückgang der Kletteraktivität in der Sächsischen Schweiz bis 1992. Interessant: die hohen "Vorwendewerte" werden auch danach nicht wieder erreicht, da es nun durch die Grenzöffnung sowohl im als auch neben dem Klettersport viele Alternativen zum Elbsandsteingebirge gibt. Das Felsklettern wird sich weiter berechenbar und nicht explosionsartig entwickeln. Interessant ist, ob eine quantitative oder qualitative Weiterentwicklung dominieren wird. Es erscheint angesichts der Entwicklung der vergangenen 10 Jahre nicht gerechtfertigt, von einem Boom des Klettersportes zu sprechen, wie in den Medien immer wieder verlautet. Es ist zu vermuten, daß die Tendenz der räumlichen Verteilung, die in der Auswertung festgestellt wurde, weiter zunehmen wird - also z.B. mehr Klettersport im Bielatal (gute Pkw-Erreichbarkeit), weniger im Großen Zschand. Eine Entwicklung, die für Belange des Naturschutzes, wie die Beruhigung der Kernzone, bis zu einem gewissen Punkt erfreulich ist.

Welche Schlußfolgerungen sind aus den gewonnenen Erkenntnissen zu ziehen?

Die Lösungen für ein harmonisches Miteinander von Bergsport und Naturschutz liegen - wie so oft - im Detail. Kleinräumige Lösungen zur Verhinderung von Erosion, Schutz von Felsbrütern und der Bewahrung der Standorte seltener Pflanzen sind eine bessere, weil akzeptablere Maßnahme, als pauschale Verbote oder Sperrungen. Der ständige Kontakt zwischen Naturschutzbehörde und Bergsportvereinen bewirkt, daß miteinander statt übereinander gesprochen wird und so Feindbilder, wie in einigen Gebieten Westdeutschlands, erst gar nicht entstehen. Die hohe Bereitschaft der Kletterer und Boofer, beim Naturschutz aktiv mitzuwirken (52% wären zu Arbeitseinsätzen bereit), muß genutzt werden. Weiterhin sollte das Umweltwissen der Aktiven vertieft werden. Die vorhandenen Schaukästen zeigen leider selten aktuelle Informationen. So herrscht trotz inzwischen genauer Beschilderung immer noch weitgehend Unklarheit über Ausdehnung und Bestimmungen der Kernzone. Auch sind z.B. die Erosionsprobleme nicht hinreichend bekannt. Deshalb sollte ein Faltblatt speziell für Kletterer und Boofer mit diesen und anderen Informationen erstellt werden, welches vor Ort verteilt werden könnte.

Die Nationalparkverwaltung erarbeitet in Abstimmung mit den betroffenen Vereinen zur Zeit eine detaillierte Konzeption für das Gebiet des Nationalparks, worin die oben erwähnten differenzierten Ansätze angewendet werden.

Gerald Krug


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