Sächsische Schweiz Initiative, Heft 15, Herbst 1998

Die Situation des Wanderfalken im Elbsandsteingebirge 1998

Im Jahre 1998 zeigte die kleine, lokale Wanderfalkenpopulation der Sächsisch-Böhmischen Schweiz weiterhin eine positive Bestandsentwicklung. Elf Paare brachten 15 Jungfalken zum Ausfliegen. Dieses Ergebnis ist nicht zuletzt auf eine enge, fruchtbare Zusammenarbeit der deutschen und tschechischen Schutzgebietsverwaltungen mit weiteren Naturschutzorganisationen und ehrenamtlichen Personen zurückzuführen.

Hier nun der diesjährige Brutverlauf als Kurzbericht:

Am Platz I hatte sich das nunmehr achtjährige Weibchen mit einem zweijährigen Männchen verpaart und aus dem Dreiergelege waren zwei Jungfalken geschlüpft, welche aber, wie schon im vergangenen Jahr, spurlos verschwanden! Am Platz II flog heuer nur ein Jungfalke aus. Drei Jungfalken verließen Anfang Juni den Horst im Revier III und das Paar IV zog zwei Junge auf. Zum ersten mal war auch Paar V erfolgreich - drei Jungfalken verließen den Horst, welcher von den tschechischen Bewachern unter täglicher Kontrolle stand. Am Lilienstein (Platz VI) kam es zu keiner erfolgreichen Brut, da das Weibchen an einen anderen Brutplatz gewechselt war und die neue Partnerin noch das Jugendgefieder trug. Am Platz VII flogen zwei Junge aus, nachdem wir hier anfangs gar nicht so recht an eine Brut geglaubt hatten. Durch den ungeklärten Verlust des Weibchens starben die nur wenige Tage alten Jungfalken im Horst vom Platz VIII. Im Revier IX kam es erneut zu keiner Brut, da sich das neue Weibchen auch wieder im Jugendkleid befand. Ganz anders am Platz X, wo das im Jugendgefieder brütende Weibchen einen Jungfalken zum Ausfliegen brachte. An dem neuen Platz XI zog das im Vorjahr am Lilienstein horstende Weibchen mit einem Männchen aus unserer letzten Auswilderung drei Jungfalken auf.

Diese Gipfelbuchseiten der Tiefblickspitze im Brandgebiet wurden von Mitarbeitern der Nationalparkverwaltung kopiert. Trotz der Rundum-Beschilderung der Falkenbrutzone herrschte reger Kletterbetrieb. Der Wanderfalkenhorst befand sich nur einen Meter neben dem 4. Ring des Kletterweges “Silberblick”. In der ganzen Gegend war nur dieser eine Gipfel gesperrt. (Originalkopien von Ulrich Augst)

Als große Seltenheit brütete auch in diesem Jahr das einzige Sakerfalkenpaar (Falco cherrug) Deutschlands bei uns auf vier Eiern im selben Horst wie 1997. Raubte im Vorjahr der Uhu die fast flüggen Jungvögel aus dem Horst, so kam es auch in diesem Jahr zum Brutverlust am errechneten Schlupftag, doch konnte die Ursache dafür nicht ermittelt werden.

Leider mußten wir auch in diesem Jahr wieder feststellen, daß trotz nur einer geringen Anzahl von gesperrten Klettergipfeln und einer eindeutigen Ausschilderung nicht wenige Klettersportler sich darüber hinwegsetzten. Es waren lediglich 11 Klettergipfel gesperrt. Das sind weniger als 0,1 % der gesamten Kletterziele der Sächsisch-Böhmischen Schweiz! Bei den Kontrollen der Schutzzonen mußte immer wieder festgestellt werden, daß Schilder zerschlagen oder ganz entfernt worden waren, wenigstens aber weggedreht wurden. Dabei führten an mehreren Tagen mehrmals begangene Kletterrouten z.B. an der Tiefblickspitze nur 1 bis 3 m am Horstplatz mit den kleinen Jungfalken vorbei! Wer einmal die schreienden und zum Teil angreifenden Altvögel bei einer solchen massiven Horststörung erlebt hat, kann sich über eine solche Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber einer vom Aussterben bedrohten Vogelart nur wundern. Es ist diesem Falle wohl nur der günstigen Horstplatzlage (warme, sonnige Südwestwand) geschuldet, daß trotz allem hier noch Jungvögel ausflogen und nicht erfroren sind. An den im böhmischen Gebiet gesperrten Kletterfelsen mußten wir feststellen, daß über zwei Drittel der Besteigungen von deutschen Bergsteigern durchgeführt worden waren. Und das, obwohl auch dort die Gipfelsperrungen in Deutsch und Tschechisch ausgewiesen waren. Was bleibt zu tun im neuen Jahr ? Wir schlagen vor, daß wir uns im Winter mit Vertretern des Sächsischen Bergsteigerbundes verständigen, um in der kommenden Brutperiode solche Störungen besser abwenden zu können. Dabei ist eine gemeinsame Horstbetreuung durch die Nationalparkverwaltung und Mitglieder des Sächsischen Bergsteigerbundes durchaus denkbar.

Ulrich Augst und Holm Riebe, Nationalparkverwaltung


Der Bericht von Ulrich Augst und Holm Riebe hat uns betroffen gemacht. Es ist enttäuschend, wenn sich eine ganze Reihe von Kletterern trotz der Ausschilderung der Wanderfalkenbrutplätze über das zeitlich begrenzte Kletterverbot hinwegsetzt. Wir wissen, daß die Falkenbetreuer wirklich nur die unbedingt notwendigen Gipfel sperren und nicht, wie zumeist in den alten Bundesländern, die laut Gesetz möglichen maximalen Bereiche, was auf eine Sperrung einer deutlich höheren Anzahl von Gipfeln hinauslief. An dieser Stelle möchten wir den Wanderfalkenbetreuern für ihre umsichtige Arbeit danken und hoffen, daß 1999 eine Einhaltung der Sperrungen erfolgt.

Die Redaktion