Sächsische Schweiz Initiative, Heft 15, Herbst 1998

Weydlichs Kapelle bei Rynartice (Rennersdorf) in der Böhmischen Schweiz

Das Landschaftsbild der Böhmischen Schweiz wird maßgeblich vom Sandstein geprägt. In diesem leicht zu bearbeitenden Grundgestein können wir Spuren menschlicher Tätigkeit finden, die von der Lebensweise vergangener Generationen berichten. Einen besonderen Reiz haben die Kleindenkmäler. Eines von ihnen befindet sich zwischen Rennersdorf und Kreibitz, genau an der einstigen Grenze der Bezirke Tetschen und Warnsdorf.

Die Straße von Rennersdorf nach Kreibitz wandernd, erreichen wir nach einigen Minuten deren tiefste Stelle. Der von den sog. Bachhäusern entgegenkommende Kreibitzbach verläßt hier die Straße und nimmt im Paulinengrund einen wildromantischen Charakter an. Wo Bach und Straße sich gabeln, erblickt man an einem hervorstehenden Felsen in einer Nische ein neues Dreifaltigkeitsbild, umrahmt von einer gotischen Inschrift: , Jesus vergib Mir Meine Sünde. 1697. Der Heylige Geist sey stets in Meinem ... . George Ferdinandt Weydlich - Schrauben Macher." Genannter Georg Ferdinandt Weydlich dürfte um 1652 geboren sein und wurde 1677 in Rennersdorf seßhaft. Seine beiden Söhne - Christian ( geb. 1683), ab 1723 Richter in Rennersdorf, und Hans Georg - wurden ebenfalls Glasmacher, damals Schraubenmacher genannt, ein Beruf, der früher in mehreren Rennersdorfer Häusern ausgeübt wurde. Außerdem waren sie Mitglieder der Steinschönauer Glasmacherzunft. Die Weydlichs gehörten zu den angesehensten Rennersdorfer Familien. Ihnen gehörte das Gehöft Nr.1, ein Glöckelhaus, das auch als Gasthaus ,Zur Böhmischen Schweiz" bekannt war und in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts abgebrannt ist.

Weshalb Georg Ferdinandt Weydlich die Dreifaltigkeitskapelle errichten ließ, ist unbekannt. Sicher ist nur, daß sie sich unterhalb der Waldflur Kirchheide am sog. Kirchgange von Rennersdorf nach Kreibitz befindet. Solche Kirchgänge oder Kirchsteige waren die kürzeste Verbindung eines Ortes ohne eigene Kirche mit dem zuständigen Pfarrort. Sonntags zur Messe oder aus anderen religiösen Anlässen wurde dieser Steig regelmäßig begangen. Die kirchliche Zugehörigkeit wechselte im Laufe der Geschichte dreimal. Deswegen gibt es auch Kirchsteige in drei Himmelsrichtungen, und zwar nach Böhmisch-Kamnitz, Kreibitz und Dittersbach. Der Kreibitzer Steig verlor seine Bedeutung im Jahre 1787, als die Gemeinde Rennersdorf von der Seelsorge Kreibitz getrennt und der Religionspfarre Dittersbach zugewiesen wurde. An allen drei Steigen befinden sich bis heute Reste von Ruheplätzen, wo Kreuze oder Kapellen die Kirchgänger zu einer kurzen Andacht bewegen sollten. Aus diesem frommen Grund hat möglicherweise genannter Weydlich hier die Kapelle errichten lassen. Ihre Lage ist insofern auch dadurch bemerkenswert, daß hier drei Katastralgemeinden - Niederkreibitz, Rennersdorf und Kaltenbach - aneinandertreffen. Die Kreuzzeichen dieser Katastralgrenzen sind an dem Kapellenfelsen noch gut zu erkennen. Der Rennersdorfer Chronik zufolge war die Kapelle um die Jahrhundertwende vermoost und die Inschrift nur schwer zu entziffern. Anfang dieses Jahrhunderts ließ MUDr. Rothe aus Stadt-Kreibitz diese Kapelle durch einen Neukreibitzer Maler renovieren und die Inschrift verdeutlichen. Jahrzehnte verflossen. Die Menschen gingen ihre eigenen Wege, wenig sich um Kirchsteige und Kapellen kümmernd. Die Natur tat wieder ihr Werk. Die ursprüngliche Bestimmung der Kapelle verschwand den Menschen aus dem Gedächtnis. Das Bild ging ebenfalls verloren. Niemand kümmerte sich mehr um das Schicksal dieses verlassenen Flurdenkmals. Der Kirchsteig verstummte. Statt dessen fuhren hier jetzt auf der Asphaltstraße gedankenlos Autos vorbei. Als würden sich hier bei der Kapelle zwei Welten berühren.

Der Lauf der Dinge nimmt aber oft eine unerwartete Wendung. Durch einen glücklichen Zufall landete beim Heimatfreund Rainer Marschner aus Wolfsberg eine alte Fotoglasplatte mit der Aufnahme dieser Kapelle. So kam der Gedanke, danach ein neues Bild malen zu lassen. Der 1993 in Dittersbach gegründete Freundeskreis der Böhmischen Schweiz stellte die nötigen Mittel zur Verfügung. Im Atelier des Bodenbacher Künstlers J. Pokorny entstand dann eine Kopie des Dreifaltigkeitsbildes, das dort im Frühjahr 1995 angebracht wurde. Es erweckt nicht nur die Aufmerksamkeit der vorbeikommenden Autofahrer. Auch einzelne Wanderer machen hier wieder halt. Sie verweilen an einem Ort, wo sich Gegenwart und Vergangenheit begegnen. Sie machen halt und verweilen. Was brauchen wir mehr in unserer sich überstürzenden Zeit?

Karl Stein, Decín