Sächsische Schweiz Initiative, Heft 15, Herbst 1998

Umweltbildung in der Verwaltung des Landschaftsschutzgebietes Labské piskovce - Entwicklung und Erfahrungen

Ökologie - ein Begriff, der vor Jahren nur zum Wortschatz der Fachleute gehörte, ist heutzutage in die Umgangssprache übergegangen. Kein Wunder, in den Vordergrund des öffentlichen Interesses rücken immer mehr Probleme, die die Umwelt betreffen. Mit diesem Konfliktbereich, der den Menschen dieser Zeit beschäftigt, sich ernsthaft zu befassen, ist lebensnotwendig. Das ist aber ein Arbeitsfeld, das wir Fachleuten überlassen wollen. Wir haben uns nur die Aufgabe gestellt, durch Umweltbildung der Jugend auf dem Weg in eine lebenswerte Zukunft behilflich zu sein.

Der Impuls kam aus Sachsen

Die Anfänge der Umweltbildung in dem tschechischen Landschaftsschutzgebiet hängen eng mit der Initiative zusammen, welche die Verwaltung des Nationalparkes Sächsische Schweiz entwickelte. Schon kurze Zeit nach der Gründung dieses Nationalparkes im Oktober 1990 war es möglich, im Sommer 1991 erste Umweltbildungsprogramme anzubieten. Als erster Praktikant des FÖNAD (heute EURO -PARC) Projekt's ,Praktikum für die Umwelt" konnte Torsten Ludwig erste wichtige Aufbauarbeiten leisten. Dabei sponsort die Commerzbank seit 1991 jährlich ca. 40 Praktikas in ganz Deutschland.

In den drei darauffolgenden Jahren konnte unter der maßgeblichen Federführung von Ludwig ein umfangreiches altersklassenspezifisches Angebot an Bildungsprogrammen für Kinder und Jugendliche der Nationalparkregion erarbeitet werden. Sicherlich betrat Ludwig, der als langjähriger Pfadfinderleiter aus den alten Bundesländern entsprechende Erfahrungen mitbrachte, Neuland. Dabei wurde er aber alljährlich durch weitere FÖNAD-Praktikanten und andere Ideen und Engagement unterstützt. Die Nachfrage stieg stetig und überstieg zuweilen die vorhandenen Kapazitäten beträchtlich. Um dennoch nachfrageorientiert arbeiten zu können, konnten im Nationalpark Sächsische Schweiz seit 1994 zusätzlich zum FÖNAD-Projekt weitere Praktikanten (zumeist studentische Hilfskräfte, die im Rahmen ihrer Ausbildung ein Praktikum benötigen) auf der Basis einer freien Mitarbeit für die Durchführung von Bildungsprogrammen gewonnen werden. Die über das FÖNAD-Projekt finanzierten Praktikanten erhalten zunächst zentral im Nationalpark Bayrischer Wald eine allgemeine Einführung. Seit 1995 wird die Bildungsarbeit zunächst gemeinschaftlich von Annette Polte und Margitta Jendrzejewski, seit Oktober 1995 von Margitta Jendrzejewski organisiert und koordiniert. Alle im Nationalpark eingesetzten Praktikanten werden in einer ein- bis eineinhalbwöchigen Schulungsveranstaltung intensiv auf die Programmdurchführung vorbereitet. So konnten in den letzten vier Jahren durchschnittlich dreißig bis vierzig junge Leute während der Saison zwischen Ende April bis Mitte Oktober zum Einsatz kommen und können so auch als Multiplikatoren die Nationalparkidee weitertragen.

Inzwischen besteht ein lückenloses Programmangebot für die 1. bis 12. Klasse. Während die Grundschulprogramme seit 1995 im Umfeld der Bildungsstätte Sellnitz unterhalb des Liliensteines stattfinden, werden die Programme für die 5. bis 8. Klasse im Schrammsteingebiet und die Programme für die 9. bis 12. Klasse im Wehlener Grund dezentral im Nationalparkgebiet durchgeführt.

Eine kleine, aber interessante Ergänzung stellt die Amselfallbaude an einem stark frequentierten Wanderweg zwischen Rathen und Rathewalde dar, die als erste Informationsstelle seit 1992 in der Saison von April bis Oktober geöffnet ist.

Erste Anfänge bei der Verwaltung in Dìèín (1992-94)

Den ersten Kontakt mit der tschechischen Seite stellte ein Jugendaustausch im Jahre 1992 dar, der auf Grund einer Vereinbarung zwischen der sächsischen Nationalparkverwaltung und der tschechischen Landschaftsschutzgebietsverwaltung stattfand. Beide Seiten stellten eine Gruppe von jeweils 15 Kindern zusammen, die an zwei dreitägigen Jugendprogrammen beiderseits der Grenze teilnahmen.

Neben dem gemeinsamen Kennenlernen von Landschaft und Natur förderten diese Programme die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Jugendlichen und die Motivation, die tschechische bzw. deutsche Sprache zu erlernen. Die Kosten wurden von dem jeweiligen Gastgeber getragen, so daß für die Teilnehmer so gut wie keine Ausgaben entstanden. Diese Tradition des Jugendaustausches wird bis heute fortgeführt, wobei eine Nacht in einem Massenquartier übernachtet wird, die andere verbringt der Jugendliche in der Familie seines Gastgeberfreundes. Bei der Auswahl der Jugendlichen aus der Region bevorzugt die deutsche Seite Schüler aus dem Gymnasium in Pirna, wo Tschechisch unterrichtet wird. Die Tschechen nehmen lieber ganze Pfadfindergruppen, wo eine bessere Disziplin und Erfahrungen erwartet werden. Die Praxis der letzten Jahre hat diese Erwartung eindeutig bestätigt.

Angesichts dessen, daß die tschechischen Veranstalter diese Tätigkeit nebenberuflich ausübten, zeigte sich diese Auswahl als eine Optimallösung: Die Pfadfinder selbst begrüßen diese Freizeitnutzung als eine Ergänzung ihrer sowieso naturorientierten Tätigkeit und sind deswegen in jeder Hinsicht hilfsbereit. Die deutschen, mehr willkürlich zusammengestellten Gruppen, sind hingegen problematischer. Anderseits erreicht jedoch dadurch die deutsche Seite eine Zielgruppe von Jugendlichen, die von Naturerlebnissen sonst unberührt blieb. Offen gestanden kommen die alljährlichen Jugendaustausche nicht nur den Teilnehmern zugute, sondern sie bereichern und ermuntern auch die Veranstalter und vertiefen die Zusammenarbeit zwischen den Partnern der beiden Verwaltungen.

Von einzelnen Aktionen zur systematischen Umweltbildungsarbeit (1995 - 1997)

Um eine systematische Umweltbildungsarbeit auch im Böhmischen zu ermöglichen, unterstützte im Jahre 1995 die Nationalparkverwaltung mit einem Stipendium der deutschen Commerzbank eine tschechische Praktikantin. Durch ein Auswahlverfahren wurde die Studentin der Fakultät für Umwelt in Usti nad Labem Lenka Rabinakova ausgesucht. Da sie vorher ein Praktikum im bayrischen und sächsischen Nationalpark zu absolvieren hatte, waren deutsche Sprachkenntnisse Bedingung. Die erworbenen Erfahrungen hat Lenka dann von Juni bis August in den Kinderferienlagern der Böhmischen Schweiz gebrauchen können. Das Programm wurde dem Alter der Kinder und den jeweiligen Naturgegebenheiten des Ortes angepaßt und spielerisch durchgeführt. Auf diese empfindsame Weise wurden bei den Kindern das Verständnis für Natur, Landschaft und ökologische Beziehungen geweckt. Als Einführung wurden die Kinder mit dem Entstehen und dem geologischen Aufbau der Landschaft bekannt gemacht. Nachher teilte sich die Gruppe, so daß dann mit zwei oder drei kleineren Gruppen gearbeitet wurde. Es folgten Spiele, die dem Kennenlernen der typischen Flora- und Faunavertreter des Elbsandsteingebirges sowie einem affektiven Naturerleben gewidmet waren, so z.B. ,Rinde abmalen, suche deinen Baum, Fotoapparat, blinde Barfußraupe, Spiegelbetrachtung, male was du hörst, Pyramide, sieh mit den Händen, rate was für ein Tier du bist, Lupenbetrachtung, gordischer Knoten." Alle Spiele wurden vom Dialog begleitet, der überwiegend von den Kindern selbst geführt wurde. Auf kindgerechte Weise weckte man so bei ihnen mehr Naturverständnis durch sinnliches Erleben und Freude am Spiel. Zum Schluß erhielten sie ein Erinnerungsschreiben und ein Emblem des Landschaftsschutzgebietes. Im Laufe der Sommerzeit 1995 wurden so etwa 500 Kinder betreut.

Auf der Basis von freier Mitarbeit verlief die Umweltbildung auch in den folgenden Jahren, allerdings mit dem Unterschied, daß sie sich von den Sommerferien bis in den Herbst hinein erstreckte. Im Jahre 1996 wurden dafür drei tschechische Praktikanten eingesetzt (etwa 60 Veranstaltungen mit rund 950 Teilnehmern sowie einige mehrtägige Aufenthalte). 1997 waren es bereits vier Praktikanten (etwa 50 Veranstaltungen mit rund 800 Teilnehmern sowie zwei mehrtägige Aufenthalte), deren Bildungsprogramme erstmals beim Unterricht in Grundschulen erprobt werden konnten. Die Finanzierung der Praktikanten erfolgte in diesen beiden Jahren auch von Nationalparkgeldern.

Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen

Die Erfahrungen mit der Einführung der Umweltbildung waren eigentlich nur positiv: Die Programme erlangten eine Beliebtheit und weckten Interesse auch in den Schulen und sozialen Einrichtungen (für Behinderte, Erholungsheim). Die Teilnehmer berichten ihren Freunden und Eltern über ihre Erfahrungen, so daß sich die Einstellung der Bevölkerung zum Naturschutz und zu der Naturschutzbehörde verbessert. Den Angestellten der Verwaltung des Landschaftsschutzgebietes bringt die Arbeit mit den Kindern eine Bereicherung ihrer Tätigkeit und steigert ihre Sensibilität für die Naturschutzproblematik.

Aus der Arbeit mit den Jugendlichen ergaben sich einige konkrete Erfahrungen:

Was die finanzielle Seite betrifft, bezahlte den Praktikanteneinsatz bisher die sächsische Seite. Es dient einer guten Sache und der Effekt ist wegen des Währungsgefälles in der Tschechischen Republik sogar größer. Die freiwillige Unterstützung von sächsischer Seite über Jahre hinweg ist aber wegen ihrer Einseitigkeit ein Handicap für eine gesunde Partnerschaft. Trotz der wenig versprechenden finanziellen Lage der zuständigen Stellen in Prag sollte man keine Bemühungen unterlassen, bei der Umweltbildung auf eigenen Füßen zu stehen. Eine kontinuierliche Weiterführung (und entsprechend der Nachfrage Intensivierung) dieser Bildungsarbeit erfordert, daß auch bei der tschechischen Schutzgebietsverwaltung zumindest ein fester Mitarbeiter für Umweltbildung zur inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung, Anleitung und Koordinierung zur Verfügung gestellt wird. Im Jahre 1997 gelang es der tschechischen Seite, einen halben Arbeitsplatz dafür zu erlangen. Dies ist ein kleiner, aber entscheidender Schritt in die richtige Richtung - zu einer modernen Auffassung des Umweltschutzes. Durch Kontakt mit den Kindern wird der so notwendige Dialog zwischen den Naturschützern und der Öffentlichkeit hergestellt. Ein Dialog, dessen Endeffekt eine bessere Umwelt sein soll. Und zum Schluß eine Binsenweisheit: Grau ist die Theorie und grün das Leben - spielen Sie mehr mit den Kindern in der Natur, es macht einfach Freude!

Margitta Jendrzejewski und Jürgen Stein danke ich für Hilfe bei der Gestaltung dieses Berichtes.

Karl Stein, Dìèín