Sächsische Schweiz Initiative, Heft 15, Herbst 1998

Vor 15 Jahren

Auftakt zur Erosionssanierung im Wehlgrund und im Raaber Kessel durch freiwillige Bergsteiger-Einsätze

Eigentlich begann alles schon ein Jahr eher, nämlich auf dem 2. Landschaftstag Sächsische Schweiz am 30.10.1982 in Sebnitz. Kaum war der lange Beifall für meinen aufrüttelnden Diskussionsbeitrag als Oberförster und Kreisnaturschutzbeauftragter im Saal vom ,Stadt Dresden" verhallt, da kam in der Pause Sportfreund Rolf Schirmer, Vorsitzender des damaligen DWBO-Kreisfachausschusses Bergsteigen in Pirna, spontan mit folgenden Worten zu mir: ,Wir Pirnaer Bergsteiger wollen nicht länger in der Naturschutzarbeit abseits stehen. Viele unserer Klettergebiete in der Sächsischen Schweiz zeigen durch bedenkenlose Übernutzung arge Abtragsschäden. Es ist höchste Zeit, dagegen etwas zu tun, sonst kommt es womöglich eines Tages zum Kletterverbot. Wer Schäden am Allgemeingut Landschaft verursacht, muß um Schadensbegrenzung bemüht sein. Wir wollen in freiwilligen Arbeitseinsätzen an Wochenenden im Rathener Gebiet mit der Sanierung von Erosionen beginnen. Sie sagten es ja gerade: Besitzergreifen ist immer ein Nehmen und Geben zugleich ...". Ein halbes Jahr später trafen wir uns vor Ort im Wehlgrund und im Raaber Kessel zur Vorbereitung von drei Herbsteinsätzen, der erste fand dann am 29.10.1983 - also genau ein Jahr nach dem Sebnitzer Landschaftstag - mit immerhin 34 Beteiligten statt.

Bodenabtrag aufhalten - hatten wir uns da nicht ein bißchen zu viel vorgenommen? Schließlich verdankt unser Elbsandsteingebiet in seiner zweiten Entstehungsphase nach der Sedimentation vor allem der vielfältigen Erosion seine heutige Gestalt. Doch wir wollten ja kein erdgeschichtliches Zurück, wir wollten nur anthropogenen Einfluß bremsen. Stand unser Ansinnen im Gegensatz zu den Zielen eines Naturschutzgebietes? Immerhin besaß das Basteigebiet seit 1938 einen solch besonderen Schutzstatus. Natur Natur sein lassen, hieß demnach wohl eher, nicht einzugreifen; denn worin besteht bei einer Sandreiße schon der Unterschied, ob sie nun durch Wassereinbruch, Wildwechsel oder Menschentritt entstanden ist? Damit es aber zu keiner Ausgrenzung der Felskletterer kam, entschieden wir uns trotz dieser berechtigten Bedenken dennoch für lenkende und vorbeugende Maßnahmen, allerdings örtlich begrenzt auf besonders beanspruchte Klettergebiete.

Mit der Erosionssanierung an der Kleinen Gans betraten wir jedoch größtenteils Neuland, örtliche Erfahrungen lagen dazu kaum vor. Zwar hatte der ,Verein zum Schutze der Sächsischen Schweiz" schon nach dem 1. Weltkrieg in den Weißen Brüchen mit seinen beiden Haldenwarten Emil und Richard Jänichen aus Rathen umfangreiche Begrünungsarbeiten durchgeführt und unter der Obhut von Dr. Hermann Schüttauf sogar einen Haldenversuchsgarten betrieben, alle Versuchsunterlagen wurden jedoch am 13.2.1945 bei der Zerstörung Dresdens ein Opfer der Flammen. Man untersuchte seinerzeit auf den Steinbruchshalden vor allem die Eignung von Grauerle und Besenginster, beide Arten kamen jedoch in den Felsgebieten der Sächsischen Schweiz von Natur aus gar nicht vor. 1958 begann dann der damalige Staatliche Forstwirtschaftsbetrieb Sebnitz erstmals mit Erosionssanierung am Schrammtor. Noch Anfang der siebziger Jahre versprach diese Aktion einigermaßen Erfolg. Als später aber die Einzäunung verfiel, entstanden die Sandreißen bald wieder im altgewohnten Umfang.

Bei unserem Neubeginn 1983 an der Kleinen Gans ließen wir uns vor allem von vegetationskundlichen Erkenntnissen und Beobachtungen leiten. Unter mitteleuropäischen Verhältnissen ist ja der Wald Vegetationsklimax, Endstufe der natürlichen Pflanzenvergesellschaftung. Auch nach Bodenabtrag tritt hier von Natur aus eine Wiederbewaldung ein - vorausgesetzt, die Erosion ist zum Stillstand gekommen. Daher gilt bei der Erosionssanierung die Ruhigstellung der geschädigten Flächen als oberster Grundsatz. Erst dann kann sich wieder ausreichend Bewuchs einstellen.

Die Natur gab uns bald recht. Auf den im Wehlgrund und Raaber Kessel stillgelegten Sandreißen erschien zuerst die Drahtschmiele. Dieses genügsame Gras ist wohl die wichtigste Pionierpflanze bei der Erosionssanierung im Elbsandsteingebiet. Einzelne Halme entwickelten sich zu Bulten, benachbarte Bulten wuchsen zu größeren Inseln zusammen (später können sich dadurch sogar geschlossene Rasendecken ausbilden, die dann allerdings das Ankommen und Aufwachsen von Baumarten erschweren, weil durch den dichten Grasfilz zu wenig Wasser in den Boden gelangt). Meist waren bereits nach fünf, sechs Jahren über die ganze Fläche verteilt genügend solcher Drahtschmiele-Trupps entstanden. Dazwischen stellten sich auch bald die ersten Faulbaum-Sämlinge und Heidekraut-Büsche ein, außerdem begannen die für eine Flächenbedeckung besonders geeigneten Brombeeren Fuß zu fassen, flogen einzelne Kiefern und Birken an, keimten hier und da schon die vom Eichelhäher versteckten Eicheln, wobei neben der heimischen Traubeneiche auch die gebietsfremde Roteiche immer auffallend gut gedieh.

Damit hatte die Natur auf den in Ruhe versetzten Rohböden nach kurzer Zeit eine Wiederbewaldung eingeleitet. Wir waren glücklich über diese Entwicklung, hüteten uns jedoch vor einer Überbewertung, wohl wissend, welchen Gefahren und Unwägbarkeiten ein solch junger Wald noch ausgesetzt ist. Schließlich wächst eben aller Wald nur in historischen Dimensionen - was sind da schon 15 Jahre? Die eingeleitete Wiederbewaldung der ehemaligen Sandreißen ist eigentlich erst dann gelungen, wenn dort jedweder Bodenabtrag für ewig vermieden wird. Erosionssanierung bleibt also eine Daueraufgabe und hat wie alle Naturschutzarbeit niemals ein Ende. Für die Ruhigstellung abtragsgefährdeter Bereiche in Klettergebieten sind ständig gezielte Maßnahmen erforderlich, auch wenn sie sich aufgrund verschiedener Verschleißerscheinungen von Zeit zu Zeit sogar wiederholen sollten.

Bei der Erosionssanierung im Wehlgrund und im Raaber Kessel haben sich bislang folgende Aktivitäten bewährt:

1. Geländesichernde Maßnahmen:

2. Bewuchsfördernde Maßnahmen:

Das dafür erforderliche Saatgut war stets von heimischer Herkunft. Auf Birkensaat haben wir an der Kleinen Gans jedoch verzichtet, weil im Basteigebiet die Birke von Natur aus überall noch recht häufig vorkommt und sich somit von selbst ausreichend aussamt.

Bei allen Baulichkeiten achteten wir auf eine saubere handwerkliche Ausführung - angesichts der Vielzahl der Helfer oftmals ein schwer erfüllbarer Vorsatz. So kam es am Anfang schon einmal vor, daß wenig beständiges Birkenholz mit verbaut wurde. Aber an Bäume wurde nichts genagelt, auch unsere Hinweis-Schilder erhielten immer waldgemäß einen Rundholz-Pfahl.

Zaunbauten wie 1958 am Schrammtor unterließen wir. Allerdings behalfen wir uns mit Schneereuter-Reihen, wenn der felsige Untergrund das Einschlagen von Geländersäulen nicht zuließ oder eine zur Abkürzung verleitende Felsenge versperrt werden mußte. Der Anblick von Schneereutern war in Klettergebieten schon recht ungewohnt, ihre zugespitzten Latten bedeuteten unter Kletterwegen bei Absturz sogar eine unnötige Gefährdung für den Felskletterer. Dort, wo geländebedingt oft der Wind anlag, mußten die Reuter mit dicken Längshölzern beschwert werden, sonst warf sie der Wind ständig um. Außerdem verfing sich in ihnen der vom Wind angewehte Sand wie Schnee, so daß der junge, zarte Bewuchs oftmals immer wieder übersandet und dadurch am Weiterwachsen behindert wurde.

Anfangs haben wir wegen seiner Dauerhaftigkeit auch Robinienholz verwendet. Bei Pfählen bestand aber die Gefahr, daß sie eingeschlagen wieder austreiben. Vom Robinien-Astwerk versprachen wir uns aufgrund der Dornen eine bessere abweisende Wirkung der Rauhpackungen, hatten jedoch dabei das Verschleppen von reifem Saatgut im Spätherbst völlig unterschätzt. Aus Naturschutzgründen verbot sich eigentlich an der Kleinen Gans jede Verbreitungsmöglichkeit der gebietsfremden Robinie, so daß wir auch bald auf ihre Verwendung verzichteten.

Erosionssanierung in Klettergebieten ist oftmals mit aufwendigen Materialtransporten verbunden, weil die lockere Felsbestockung in der Regel nur begrenzte Holzentnahmen zuläßt. Die Arbeitseinsätze im Wehlgrund und Raaber Kessel dienten in den letzten Jahren überwiegend den immer wieder notwendigen Materialtransporten, auf viele Schultern verteilt sind Heben, Tragen und Weiterreichen - noch dazu in einer bewährten Menschenkette - leichter und schneller zu bewältigen als in der Zweier-Arbeitsgruppe unserer Waldarbeiter. Die eigentlichen Baumaßnahmen wurden dagegen in jüngster Zeit verstärkt durch Waldarbeiter ausgeführt. Derartige Landschaftspflege-Arbeiten haben inzwischen das einstige Berufsbild vom Holzfäller wesentlich erweitert.

Das Beispiel Wehlgrund/ Raaber Kessel löste bekanntlich in allen Klettergebieten der Sächsischen Schweiz freiwillige Arbeitseinsätze der Bergsteiger zur Erosionssanierung aus. Das Neue bestand darin, daß nunmehr geschädigte Waldflächen behandelt und nicht bloß wie Jahre zuvor Zugangspfade zu Klettergipfeln instandgesetzt wurden.

Ein Menschenleben ist für erfolgreiche Erosionssanierung eigentlich viel zu kurz, Aufbauarbeit im Wald bleibt immer eine Aufgabe von Generationen. Daß die gemeinnützigen Arbeiten am Fuße der Kleinen Gans weder durch den politischen Umbruch vom Herbst 1989 noch durch die Unterschutzstellung als Nationalpark im Jahre 1990 unterbrochen wurden, ist ein glücklicher Umstand und zeugt von dem ungebrochenen Willen aller beteiligten Bergsteiger, Naturschützer und Forstleute, auch in Zukunft dieses immergrüne Gemeinschaftswerk fortzusetzen.

Dietrich Graf,
Sächsisches Forstamt Lohmen