Sächsische Schweiz Initiative, Heft 15, Herbst 1998

Sandsteinbergbau

Sandstein für die Frauenkirche von der Alten Poste?

Die Alte Poste, ein kleines unscheinbares Tal zwischen Mockethal und Dorf Wehlen hat eine bewegte Geschichte wie nur wenige Täler der Sächsischen Schweiz.

Der Grund wird auf beiden Seiten von steilen bewaldeten Hängen, aber auch von steilaufragenden Felswänden ehemaliger Steinbrüche gesäumt. Der obere (südöstliche) Teil wird als Herrenleite (auch Herrenleithe) bezeichnet, weil hier einst die Steinbrüche adliger Herren waren.

Bürgerproteste

Die Sandsteinbrüche lieferten viele hundert Jahre den wichtigsten Baustoff in dieser Gegend für Häuser, Straßen, Brücken und Stützmauern. Dieser ist bekannt durch seine Härte, große Tragfähigkeit und Wetterbeständigkeit. Das Steinebrechen war neben Land- und Forstwirtschaft die größte Erwerbsquelle für viele Menschen, besonders aus Doberzeit, Lohmen und Zatschke. Mit Beginn des 2. Weltkrieges verstummten Hammerschläge und Sprenglärm in der Alten Poste ganz - Sandstein war kein kriegswichtiges Produkt.

Am 2. August 1944 rückten in Lohmen einige Abteilungen SS ein, bauten auf dem Sportplatz ihre Zelte auf oder wohnten in Privathäusern. Neugierigen Fragern wurde gesagt, daß eine Nudelfabrik Poste Herrenleithe (auch Herrenleite) gebaut werden sollte.

Bruno Barthel, der Lohmener Heimatdichter erzählt: "S arschte woar, woas si machtn, doaß si dan ganzn Grund, i dan di Steenbrüche in dr Herrenleithe un in dr Alten Poste liegn, su oabsparrtn, daß keene Maus durch de Pustnkette durchgekumm wär, ohne doaß si gesahn wurde. Jeder Zugang zu dan reichlich 3 km lang Grunde wurde oabgesparrt."

In aller Eile, der Krieg ging ja bereits seinem Ende entgegen, baute die Organisation Todt mit Kriegsgefangenen, Ostarbeitern und KZ-Häftlingen ein Mineralölwerk, welches Flugzeugtreibstoff herstellen sollte. Dazu waren neben der Verarbeitungsstätte auch große Öltanks und Schutzstollen bei Luftangriffen nötig.

Nach dem Krieg wurden schließlich Erdölprodukte produziert. Die Leute schimpften damals hinter jedem ölnebelnden Auto hinterher: Der fährt Herrenleite! Mit der Fertigstellung des Großverarbeitungswerkes für Erdöl in Schwedt wurde die Herrenleiter Anlage an die Nationale Volksarmee übergeben und diente vorwiegend als Lager.

Später, parallel mit der Fertigstellung des Rossendorfer Atomreaktors, zog das Amt für Strahlenschutz in die Herrenleite und nutzte einen Stollen für die Lagerung von Atommüll.

Die "Ruhe" währte indes nicht lange, das Sprengen und Bohren begann erneut - dazu jedoch Schweigen von offizieller Stelle. Erst als einige Familien umgesiedelt wurden und ein Hochspannungszaun das Gelände umspannte, sprach man von einem unterirdischen Lager für die Nationale Volksarmee - vielleicht für Raketensprengköpfe. Die Wende verhinderte dieses.

Die Herrenleite und die Alte Poste sind jetzt Bestandteil des Landschaftsschutzgebietes Sächsische Schweiz. Mittlerweile nisten hier seltene Vögel, lebt friedlich das Wild und finden Kriechtiere Schutz unter den verstreut liegenden Sandsteinbrocken.

Südlich von Doberzeit

Doch Mitte der neunziger Jahre erschreckte die Bewohner der umliegenden Orte eine neue Hiobsbotschaft. Der Steinbruch Alte Poste, in dem es selbst kaum noch abbaubaren Sandstein gibt, ist an die Natursteinwerke Hermann Graser GmbH, Bamberg, verkauft worden.

Im Sommer 1996 liegen die Unterlagen der Firma im Gemeindeamt Lohmen zur Einsichtnahme aus. Einsprüche werden von Bürgern und Vereinen erhoben, der Gemeinderat berät und lehnt ab, zumal bereits Sandstein bei Lohmen im Weesenitztal durch die Sächsischen Sandsteinwerke gebrochen wird.

Das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit gibt dem Abbau in der Alten Poste grünes Licht. Unter dem Deckmantel "Sandstein für die Frauenkirche" und andere Bauwerke und Kunstdenkmale beginnt die Firma Graser im September 1997 mit den Sprengarbeiten. Beschäftigt werden vorerst 2 Saisonkräfte.

Der Steinbruch wird zeitweilig (bis zum Jahr 2015) vom Schutzstatus des Landschaftsschutzgebietes befreit.

Die Einwohner der in unmittelbarer Nähe gelegenen Pirnaer Ortsteile Mockethal und Zatschke sowie des Lohmener Ortsteiles Doberzeit, deren Lebensqualität erneut eine Beeinträchtigung erfährt, setzen sich zur Wehr und gründen eine Bürgerinitiative (Bürgerinitiative gegen Steinbruch Alte Poste). In mühevoller Kleinarbeit recherchieren sie die widersprüchlichen Abläufe zwischen der Firma Graser, den Sächsischen Staatsministerien für Wirtschaft und Arbeit sowie für Umwelt und Landesentwicklung, der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz und den Bergbauämtern Freiberg und Hoyerswerda.

Sie gehen mit den Medien in die Öffentlichkeit, mobilisieren die Anwohner und Interessenten zu Protestbriefen, kurz - sie organisieren Widerstand gegen diesen erneuten Eingriff in ihre Privatsphäre und in die Landschaft.

Dabei gilt die besondere Unterstützung der Bürgerinitiative den unmittelbaren Besitzern der Nachbargrundstücke des Steinbruches, die von der Firma Graser zum Verkauf gedrängt werden, da unter ihrem Grund und Boden der gute abbaubare Sandstein liegt, um den es eigentlich geht.

Es ist frappierend und erschreckend zugleich, wie sicher die Firma Graser bereits beim Kauf des alten Steinbruches war, auch dieses weitere, für sie eigentlich erst so wertvolle Land zum Zwecke des Abbaus erwerben zu können.

Die Tatsachen wurden geschaffen :

Am 18. Juli 1998 informierte das Sächsische Oberbergamt einen Landwirt, daß die Firma Graser einen Antrag auf Grundabtretung und vorzeitige Besitzeinweisung gestellt habe. Das Enteignungsverfahren solle schon Ende August abgeschlossen werden. Es handelt sich vorerst um 4700 m2 Land, welches die Agrar GmbH Bastei Lohmen bisher von ihm gepachtet und bestellt hatte.

Die Verhandlung fand am 20. August statt und brachte folgendes Ergebnis: Während des sogenannten Gütetermins brachte das Oberbergamt unmißverständlich seine Enteignungsbereitschaft zum Ausdruck. Um zu verhindern, daß die Firma Graser über das Enteignungsverfahren in den Besitz von Land kommt, welches einen riesigen und zeitlich unbegrenzten Abbau ermöglicht, stellt der Landwirt Land für einen begrenzten Abbau bereit, indem er es der Firma Graser bis zum Jahr 2015 verpachtet (für den stolzen Preis von 0,15 DM/m2). Vorerst handelt es sich nur um 3700 m2. Damit kann zwar der Abbau nicht verhindert werden, aber es wurden Rahmenbedingungen geschaffen. Einen Rechtsstreit hätte der Bürger nicht zuletzt auf Grund der horrenden Gerichtskosten nicht durchgestanden. Somit scheint der Streit zwar vom Tisch, aber nicht beigelegt - ein Streit, von dem außer den Bürgern der umliegenden Gemeinden und den Lesern der Pirnaer Ausgabe der Sächsischen Zeitung nur wenige wissen.

Die Bürgerinitiative, die mit viel Engagement an der Verhinderung und zumindest der Schadensbegrenzung gearbeitet hat, bleibt weiterhin wachsam, zum einen, um die Einhaltung des Pachtvertrages zu kontrollieren und zum anderen, da weitere Enteignungen benachbarter Flächen drohen. Das letztere besonders unter dem Gesichtspunkt, daß von dem abgebauten Sandstein lediglich 10% genutzt werden können.

Am 19. September fand in Dresden eine Demonstration gegen Sachsens Bergbaupolitik statt, wo auch die Bürgerinitiative Alte Poste ihre Problematik vorstellte. Vom Netzwerk der Initiativgruppen Gesteinsabbau e.V. wurde ein Forderungskatalog in Form von 10 Geboten an die Bergbaubehörden, die Sächsische Staatsregierung und die Parteien hinsichtlich einiger bedenklicher Entwicklungen im oberflächennahen Bergbau Sachsens vorgestellt.

Mit derzeit 568 Betrieben der Förderung von Kohle, Gesteinen, Kiesen und Sanden liegt Sachsen der Anzahl nach an der Spitze der Bundesländer. Sachsens Naturreichtümer, Schutzgebiete und Kulturlandschaften, der Boden, die Pflanzen- und Tierwelt werden den wirtschaftlichen Interessen im Übermaß geopfert.

Elke Kellmann

Quellen: