<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Schleifflächen und Schleifsteine - eine bisher unbeachtete archäologische Quelle

Im Jahre 1994 wurden in der Böhmischen Schweiz Sandsteinflächen mit Schleifspuren entdeckt, welche von Dr. Slavomil vom Prager Archäologischen Institut der Akademie der Wissenschaften untersucht wurden. Es handelt sich um Spuren menschlicher Tätigkeit an der Oberfläche von Sandsteinfelsen, die oft bis einige dutzend Rinnen aufweisen. Ihrer Art und Lage nach entstanden diese beim Schleifen ovaler Gegenstände, möglicherweise Werkzeuge. Diese Furchen haben überwiegend eine gerade Linienziehung und können bis zu 300 mm lang sein. Ihre Breite liegt zwischen 15 und 40 mm. Das Profil in Form des Buchstaben U ist maximal 35 mm tief.

Eine Gruppe dieser Furchen findet man am Fuße der mächtigen sog. Tafelsteinwand in Herrnskretschen unweit der Straßengabelung nach Rainwiese und Jonsdorf. Zwei weitere Gruppen liegen beim Totenstein bei Windischkamnitz. Davon befindet sich die eine Gruppe etwa 6 bis 8 m oberhalb der Straße. Einige Schleifspuren überdecken sich, andere sind schon verwittert. Überraschenderweise ist diese Felswand auch mit Einritzungen, die scheinbar erst vor wenigen Jahren entstanden sind, versehen. Die zweite Schleifspurgruppe am Totenstein ist etwa 20 m oberhalb der Straße, an einem die Straße überragenden vorspringendem Felsen gelegen, dort wo sich das Tal verengt. Der überhängende und mit Schleifspuren versehene Gipfelfelsen hat eine ausgesprochen strategische Lage und könnte z. B. als Wachposten zum Auflauern genutzt werden.

Der interessanteste Schleifstein dieser Art befindet sich in einem Seitental des Zeidelbachtales unweit Zeidler. Er liegt neben einer Klufthöhle, die als Unterschlupf dienen konnte. Der Sandsteinblock hat eine Größe von etwa 150 x 70 cm und wird von einem Felsüberhang geschützt. Die Oberfläche dieses feinkörnigen Steines ist überwiegend mit unterschiedlichen Furchen bedeckt. Die archäologischen Sonden in der Nähe des Blockes ergaben neben neuzeitlichen Funden auch mittelalterliche und urzeitliche Scherben. Zwei von ihnen, die im Tetschner Bezirksmuseum aufbewahrt werden, wurden unabhängig von Fachleuten des Archäologischen Institutes der Akademie der Wissenschaften untersucht. Unter drei Bewertungen lassen zwei die Einordnung dieser Scherben in die Jungsteinzeit zu, was wiederum die Möglichkeit der Entstehung der Schleifspuren im Eneolit nicht ausschließt. Im Falle, daß die Geländeforschung diese Version bestätigt, haben wir es hier mit einem neuen Typ von archäologischen Quellen zu tun.

Ähnliche Steine mit Schleifspuren treten häufig in Westeuropa auf. Als einfache Form von allgemeiner Funktion sind sie natürlich auch außerhalb von Europa bekannt, wo sie aber auch nur in den seltensten Fällen eindeutig datiert werden konnten. Ihrer Funktion nach, nicht aber chronologisch bedint, gibt es mehreresVergleichsmaterial. Neben den schon erwähnten Stellen existieren genügend Schleifspuren eindeutig mittelalterlichen Ursprungs. Es sind Spuren von Waffenschleifen an den Pforten von Festungswerken und Kirchen. So gibt es z.B. am Prager Kleinseitner Brückenturm tiefe und enge Furchen in der Form des Buchstaben V vom Schleifen der Hellebarden (Hieb- und Stichwaffen im Mittelalter). Ähnliche Spuren trägt die Hl. Egidiuskirche in der Prager Altstadt.

Rekapitulierend kann gesagt werden, daß die Einritzungen in die Felsoberflächen weder seltene noch geographisch oder zeitlich begrenzte Erscheinungen darstellen. Logischerweise können darüber auch keine eindeutigen oder umfangreichen Antworten erwartet werden. Um so notwendiger ist es, diesen Erscheinungen mehr Aufmerksamkeit als bisher zu widmen, um einer Fragelösung zumindest näherzukommen.

In den letzten Jahren notierte ich Stellen, wo ich auf derartige Einritzungen gestoßen bin. Dadurch soll die große Verbreitung dieser Spuren dokumentiert werden, die aus unterschiedlichsten Gründen und in verschiedensten Zeiten entstanden sein können: Am Kl. Prebischtor bei Rainwiese, unweit von sog. Steinweg bei Rennersdorf, im Waldtheater bei Kreibitz, am sog. Säuberg unter der Nolde in Böhm. Kamnitz (an drei verschiedenen Stellen), am Fuße eines Kletterfelsens 1,3 km südöstlich von Kleinmergthal, in einer Schlucht 0,3 km südwestlich von Hirschmantel in der Daubaer Schweiz, an den Felsenkellern in Hirschberg, im Böhmischen Paradies am Vorhof der Felsenburg "Drábské svìtnièky" und in einem Felsüberhang bei Branžež.

Karl Stein, Dìèín