<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Bundesausschuß Klettern und Naturschutz

Das 19. Treffen des Bundesausschusses Klettern und Naturschutz (K+N) fand vom 18. - 20. 9. 1998 auf der Schwäbischen Alb statt. Unser Quartier war das Boßlerhaus der Naturfreunde bei Göppingen im Stuttgarter Raum. Das Treffen stand im Zeichen der schwierigen Klettersituation im Ländle und der Fachtagung des DAV-Landesverbandes "Zukunft des Klettersports in Baden-Württemberg", die am Samstag auf dem Gelände der Landesgartenschau in Plochingen stattfand. Die Fachtagung war vom Landesverband gut vorbereitet worden, und es konnten gute Referenten gewonnen werden. Die Tagung war auch sehr gut besucht. Neben Kletterern und Vereinsfunktionären waren Vertreter der Landespolitik und der Naturschutzbehörden anwesend.

Zunächst stellten Mitarbeiter der für Sport und Naturschutz zuständigen Ministerien ihre Grundsatzpositionen zum Klettern dar. Der Vertreter des Sportministeriums arbeitete die Situation heraus, die nach der Neufassung des baden-württembergischen Naturschutzgesetzes von 1992 entstanden war. Die dort im 24 A festgelegte Biotopschutzverordnung stellt de facto ein totales Kletterverbot für das ganze Bundesland dar. Nur durch Ausnahmegenehmigungen konnte in der Folgezeit ein kleiner Teil der Felsen für das Klettern erhalten bleiben, und es gab große Konflikte zwischen Kletterern und Naturschutzbehörden. Gegenwärtig zeichnet sich eine Versachlichung der Diskussion und vielerorts das Streben nach gemeinsamen Konzeptionen ab.

Der Vertreter des für Naturschutz zuständigen Ministeriums sprach sich für die Nachhaltigkeit des Umgangs mit der Natur aus. Allerdings waren manche seiner Aussagen unkorrekt. So seien angeblich mehr als 50 % der Felsen für das Klettern freigegeben, obwohl z.B. im Oberen Donautal ganze 22 von ehemals 520 Felsen bekletterbar sind.

Der Vertreter der Jugend des DAV versuchte eine Wertebestimmung des Kletterns und arbeitete heraus, daß Sperrungen nur dann akzeptiert werden, wenn sie nachvollziehbar und erklärbar sind. Die anschließenden Referate beschäftigten sich mit einzelnen Aspekten der Thematik Klettern und Naturschutz. Nico Mailänder berichtete mit einem zündenden Diavortrag an Hand seiner über 30-jährigen Kletterpraxis über Entwicklungen und Trends im Felsklettern. Tamara Schlemmer vom DAV informierte zur Entwicklung des Kletterns als Hallen- und Wettkampfsport. Anschließend ging der Naturschutzreferent des DAV-Landesverbandes Baden-Württemberg Dr. Schloz auf den Zusammenhang und die Probleme von Ökologie, Naturschutz und Klettern ein. Peter Ripplinger zeigte am Beispiel des Schrießheimer Steinbruchs, daß es auch in Baden-Württemberg möglich ist, von der Konfrontation zur Kooperation zu kommen.

Nach der Mittagspause stellte der bekannte Kletterführerautor Achim Pasold seine Vorstellungen von einem lebensfähigen Klettergebiet dar. Dieter Brodmann berichtete von umfangreichen Arbeiten bei der Betreuung eines Klettergebietes durch die Arbeitskreise K+N. Anschließend fanden Diskussionsrunden statt, wo ich am Forum zu Problemen und Defiziten der Kletterregelungen in Baden-Württemberg teilnahm. Dabei zeigte sich deutlich, wie verhärtet größtenteils die Fronten zwischen Kletterern und Naturschutzbehörden sind, wie groß das Mißtrauen ist, und wie weit noch der Weg zu konstruktiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit ist.

Den Abschluß der Tagung bildete ein packender Diavortrag von Stefan Glowacz. Zusammenfassend ist zu sagen, daß das Ziel der Tagung erreicht wurde. Es kommt wieder Bewegung in die Kletterproblematik und beide Seiten sehen, daß Kompromisse und gegenseitiges Aufeinanderzugehen notwendig sind. Am Abend klang dann die Veranstaltung in gemütlicher Runde auf dem gastlichen Stuttgarter Albhaus aus, wo es noch genügend Diskussionsstoff gab.

Die eigentliche Bundesausschußsitzung fand dann am Sonntag statt. Der Schwerpunkt lag diesmal in der Berichterstattung der Vertreter aus München und der einzelnen Kletterregionen über die Aktivitäten des letzten halben Jahres und im Erfahrungsaustausch. Ein Highlight der Aktivitäten war die Fertigstellung der Kletterkonzeption Unteres Altmühltal und Donaudurchbruch durch Jörg Eberlein. Die Konzeption wurde sehr medienwirksam vor Ort dem bayrischen Umweltminister und den Behördenvertretern übergeben. Umrahmt wurde dies von Klettervorführungen, und der Minister kletterte sogar selbst ein Stück mit. Dieses Beispiel zeigt erneut, daß bei gutem Willen beider Seiten tragfähige Konzepte gefunden werden können.

Dafür ist die Situation in der Eifel unerträglich geworden. Der bestehende Pachtvertrag für die Felsen, der schon keine gute Lösung darstellte, wurde von den Behörden nicht mehr verlängert, sodaß dort nun ein totales Kletterverbot besteht. Damit hat sich Nordrhein-Westfalen den traurigen Ruf verschafft, das erste kletterfreie Bundesland zu sein. Probleme könnten auch in der Pfalz auftreten, denn dort drohen die strengen französischen Kletterregelungen von den Nordvogesen überzuschwappen.

Das 20. Jubiläumstreffen fand dann vom 27. - 28. 2. 99 in der Oberlandhütte in Aschau in den Kitzbühler Alpen in Tirol statt. Ein herrliches Winterwetter und die Kulisse des verschneiten Wilden Kaisers boten angenehme äußere Bedingungen für unser umfangreiches Tagungsprogramm. Schwerpunkt waren wie immer die Berichte der DAV-Zentrale und der einzelnen Kletterregionen über die Aktivitäten des vergangenen halben Jahres.

Das Leitbild Klettern und der Zentralteil der Bundeskletterkonzeption sind fertiggestellt und unter Leitung von Jörg Eberlein wird gegenwärtig der Auftritt des DAV-Naturschutzreferates im Internet mit Querverweisen zu regionalen Internetseiten erstellt. Die zentralen Aktivitäten werden leider von Sparmaßnahmen der Geschäftsleitung des DAV und dem Trend zur Neuprofilierung des DAV überschattet. So wurden dringend notwendige Publikationen zur Thematik Klettern und Naturschutz in den Fachzeitschriften durch die Geschäftsleitung eingeschränkt. Diese Problematik zog sich durch die ganze Diskussion.

Der Thüringer Bergsteigerbund hat einen Antrag an die bevorstehende Hauptversammlung des DAV verfaßt, die Arbeit und das Fortbestehen des Bundesausschusses zu gewährleisten und wie bisher finanziell und personell abzusichern. Dieser Antrag fand einhellige Unterstützung aller Ausschußmitglieder und auch bereits bei vielen Sektionen. Die Themenbereiche Klettern und Naturschutz sind auch nach Fertigstellung der Kletterkonzeptionen für die außeralpinen Klettergebiete eine ständige Aufgabe, die vom DAV abgesichert werden muß. Es gilt, die mühsam über Jahre aufgebaute fachliche Kompetenz in dieser Thematik langfristig zu erhalten, was ohne hauptamtliche Koordinierung nicht möglich ist.

Die Kletterkonzeptionen der einzelnen Bundesländer wurden weiter vorangetrieben und teilweise schon fertiggestellt. Es zeigt sich aber, daß durch die weitere Umsetzung von EU-Maßnahmen - vor allem der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) neue Probleme auf uns zukommen. Dort geht es unter anderem um die Errichtung großflächiger Schutzgebiete und Biotopvernetzung. Wir spüren das ja auch in der Sächsischen Schweiz bei der Umsetzung der Nationalparkrichtlinien und der sehr unschönen Diskussion um die Wanderwegekonzeption. Günter Brahm wies darauf hin, daß EU-Richtlinien sich auch direkt auf die Alpen auswirken, was von vielen Leuten noch nicht erkannt wird. Die EU gewinnt immer größere Bedeutung für alle Mitgliedsländer, und eine EU-Richtlinie muß in nationales Recht umgesetzt werden.

Erfreuliche Entwicklungen gibt es bei unseren Nachbarn in Sachsen-Anhalt. Dort hat sich in den letzten Jahren die Zusammenarbeit mit den Behörden sehr verbessert, und es gibt erste Erfolge bei der Freigabe von Felsen (Großer Gegenstein im Harz). Ganz kritisch ist die Situation in Nordrhein-Westfalen, wo de facto totales Kletterverbot besteht. Wiederstand regt sich zwar, aber es ist sehr schwer, gegen zementierte Behördenregelungen anzukämpfen. Auch die Tourismusbranche klagt bereits über sinkende Umsätze gerade in der Nordeifel. Nach wie vor zeigt es sich, daß in Regionen mit guter Zusammenarbeit mit den Behörden - wie Franken und Hessen - weniger Probleme auftreten und Kompromisse gefunden werden können. In der Pfalz hat sich die grenzüberschreitende Kletterproblematik nach intensiven Verhandlungen zwichen den französichen und Pfälzer Kletterern wieder entspannt.

Breite Diskussionen gab es anschließend zum Umgang mit Anbietern kommerzieller Kletterkurse, was in manchen Kletterregionen ein echtes Problem darstellt.

Hans Hilpmann