<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Kritik der Wanderwegekonzeption der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz aus naturschutzfachlicher Sicht und Vorschläge für ein Alternativkonzept

In dem anhaltenden öffentlichen Streit um die Wegekonzeption der Nationalparkverwaltung (NPV) für die beiden Nationalparkteile der Sächsischen Schweiz wurde das Für und Wider meist isoliert unter einzelnen speziellen Gesichtspunkten diskutiert. Bedenken aus einem ganzheitlichen Ansatz und naturschutzfachliche Einwände kamen bisher kaum zur Sprache. Diese ergeben sich aber aus einer umfangreicheren Arbeit, die der Bund Sächsische Schweiz zu dem Thema angefertigt hat. Darin ist auch festgestellt, daß dem vorliegenden Entwurf der NPV überhaupt die Voraussetzungen fehlen, um sachgerecht über eine eventuelle Reduzierung des Wegenetzes zu entscheiden und daß es wesentlich besserer Kommunikationsformen bedarf, um verantwortbare und akzeptable Lösungen herbeizuführen. Das vorgeschlagene Alternativkonzept, das aus einem Paket von Maßnahmen besteht, kann auf eine aktive Reduzierung der Wege im Nationalpark verzichten. Zugleich dient es sowohl einem besserem Naturschutz in der gesamten Sächsischen Schweiz als auch der Erholungsfunktion des Gebietes.

Die Stellungnahme wurde am 26.11.1998 zur Beratung der Wanderer- und Bergsteigerverbände mit den Naturschutzverbänden, dem Tourismusverband, dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft und der Nationalparkverwaltung auszugsweise vorgetragen. Per 8.2.1999 liegt eine verbesserte Fassung der Stellungnahme vor, die vom Bund Sächsische Schweiz gegen Einsendung von DM 5.- in Briefmarken erhältlich ist.

Zusammenfassend heißt es in der Stellungnahme des Bundes Sächsische Schweiz: Die vielfältigen Proteste gegen den Entwurf der Wegekonzeption der NPV sollten ernst genommen werden. Das Konzept ist unausgegoren, nicht hinreichend begründet, pädagogisch-psychologisch bedenklich und eher kontraproduktiv als dem Schutz der Sächsischen Schweiz dienlich. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, daß die mit dem NP-Wegekonzept verbundenen Probleme grundsätzlicher Art schon in der Ausweisung zweier Teile der Sächsischen Schweiz zum Nationalpark angelegt sind. Zudem besteht ein Grundwiderspruch in den Schutzzweckbestimmungen für den Nationalpark. In diesen Punkten setzen auch die naturschutzfachlich-ökologischen Bedenken gegen das Konzept an.

Eine Folge der Nationalpark-Deklarierung von 1990 ist, daß dem Besucher des Nationalparks und anderen suggeriert wird, außerhalb des Nationalparks sei die Landschaft ein geringeres Schutzgut. Die nicht zum Nationalpark erklärten 3/4 der Sächsischen Schweiz sind aber aus triftigen Gründen nicht etwa weniger schutzwürdig und -bedürftig. Der juristische Akt der NP-Deklaration und der fokussierende Blick auf die Nationalparkteile sind ein Bruch der vorbildwirksamen Tradition des Sächsischen Natur- und Heimatschutzdenkens. Das Ziel war immer ein Schutz der naturräumlichen und kulturhistorischen Ganzheit und des Funktionsgefüges der Sächsischen Schweiz, die ihre Besonderheit sind; immer ging es um einen verbesserten Schutz der Gesamtlandschaft. Schutz als Vorrangfunktion für die ganze Sächsische Schweiz diente und dient stets auch der Erholungsfunktion dieser Landschaft und der wirtschaftlichen und sozialen Grundlage seiner Bewohner.

Den Folgen gemäß hat die Wegekonzeption der NPV für die Sächsische Schweiz eine antiökologische Komponente. Die Ambivalenz des Nationalparks für die Sächsische Schweiz wäre schon aufgehoben, würde der Ehrgeiz aufgegeben, die Nationalparkteile der IUCN-Management-Kategorie II anzupassen und die Möglichkeit genutzt, einen Nationalpark sächsischer Prägung anzustreben. Es scheint aber auch mit der geltenden Nationalpark-Verordnung und dem Nationalpark-Programm eine akzeptable Lösung möglich zu sein. Dazu wird ein Alternativkonzept vorgeschlagen.

Eine Rolle spielt dabei, daß auf Grund der Kleinheit und der geographischen Lage der beiden Nationalparkteile eine Kritik der Wanderwegekonzeption der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz aus naturschutzfachlicher Sicht und Vorschläge für ein Alternativkonzept

ungestörte Entwicklung natürlicher und naturnaher Lebensgemeinschaften auch unabhängig von der touristischen Nutzung gar nicht möglich ist und daß die nationalparkkonforme Entwicklung" der beiden Nationalparkteile keinen besseren Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten kann als die traditionellen Methoden des Naturschutzes. Nicht der Grad der Wegeerschließung ist das eigentliche Problem, sondern die Frage nach der tatsächlichen Gefährdung des Schutzzweckes des NP bzw. nach dem Gefahrenpotential und nach der Angemessenheit der Bewältigungsstrategie.

Ein Dilemma ist der Widerspruch zwischen den NP-Schutzzwecken `Erhalt der biologischen Vielfalt' und `ungestörte Entwicklung natürlicher und naturnaher Lebensgemeinschaften'. Was demnach fehlt, ist Klarheit über das, was konkret gewollt wird. Erst wenn differenzierte Schutzziele definiert und die optimalen Mittel und Wege ihrer Verwirklichung und entsprechende Konzepte diskutiert sind, hat es Sinn, über Wegereduzierungen zu befinden.

Unabhängig davon sprechen alle verfügbaren Erkenntnisse dafür, daß hinsichtlich der wünschenswerten Ziele des Artenschutzes, der biologischen Vielfalt und der standortgemäßen Entwicklung der Lebensgemeinschaften eine aktive Beeinträchtigung des Wegenetzes nicht erforderlich ist. Den relativ wenig begangenen Wegen wird im Wegekonzept der NPV eine Bedeutung beigemessen, die sie bei kritischem und differenziertem Gebrauch der touristischen Belastungszahlen nicht haben.

Ein Alternativkonzept ist umso wichtiger, als die Sächsische Schweiz in einer Tradition steht, die unvergleichlich ist mit der anderer NP-Landschaften. Die Besonderheit ist hier erstens eine über viele Generationen gewachsene persönliche Identifikation sehr vieler Menschen mit der Sächsischen (und Böhmischen) Schweiz als Ganzes und mit allen ihren Teilen und zweitens eine Intimkenntnis der Natur und Naturbesonderheiten, aus der immer wieder Motivation und Kräfte des Schutzes dieser Landschaft entstanden sind. Die Streichung von ca. 190 km Wegen - eine Summe, die sich bei der vorgesehenen Ausweitung der Kernzone von derzeit 23 % auf 75% noch erhöht - würde dem entgegenwirken.

Das vom Bund Sächsische Schweiz vorgeschlagene Alternativkonzept behandelt die Sächsische Schweiz als natürliche und kulturhistorische Einheit und beruht auf sieben Grundsätzen:

1. Der Geltungsbereich des Wanderwegekonzeptes erstreckt sich auf die gesamte Nationalparkregion LSG Sächsische Schweiz.

2. Die Natur bleibt in allen Teilen des Gebietes für jedermann erlebbar.

3. Die Wiedereinführung, Praktizierung und Förderung einer dem Gesamtgebiet und seinem Schutzziel dienenden Touristischen Kultur ist Hauptaufgabe der Verantwortungs- und der Nutzungsträger der Region.

4. In allen sensiblen Gebieten der Sächsischen Schweiz besteht Wegegebot; die Begehung der markierten und nichtmarkierten Wege geschieht auf eigene Gefahr; die Markierung erfolgt nach einem für die Nationalparkregion (NPR) LSG Sächsische Schweiz einheitlichen System.

5. Die Sicherung der biologischen Vielfalt, der Schutz für seltene und vom Aussterben bedrohte Pflanzen- und Tierarten sowie die verstärkte Ausprägung des Ruhecharakters zur Erhaltung/Verbesserung der Erholungsfunktion der NPR erfolgen in erster Linie durch geeignete informelle Maßnahmen, erforderlichenfalls aber auch durch Sperrung von Biotopterrains.

6. Die für eine aktive Erholung spezifische Nutzungsart der Sächsischen Schweiz ist zu bewahren und zu pflegen, andere touristische Nutzungsarten sind auszuschließen.

7. Zur Unterstützung der Schutzfunktion des Wegekonzeptes sowie zur Erhaltung und Verbesserung der Erholungsfunktion des Gebietes ist ein dem Schutzzweck der Nationalparkregion LSG Sächsische Schweiz sowie spezifischen touristischen Bedürfnissen dienendes Verkehrskonzept erforderlich.

Weil das Alternativkonzept auf die aktive Reduzierung des Wegenetzes verzichten kann, ist es in mehrfacher Hinsicht konfliktärmer. Zugleich wird mit diesem Konzept der Schutz sowohl der beiden Nationalparkteile als auch der ganzen Sächsischen Schweiz verbessert und die nachhaltige Entwicklung der Nationalparkregion gefördert, und zwar ohne daß dies im Widerspruch zur Nationalparkverordnung und zum Naionalpark-Programm steht. Zur Durchsetzung des Alternativkonzeptes bedarf es weiterer Detailkonzepte sowie geeigneter Kommunikationsforen für ein gemeinsames Zielbewußtsein und den Dialog zwischen Beteiligten, Betroffenen und Entscheidungsträgern.

Für den Fall, daß ein Alternativkonzept aus formaljuristischen Gründen nicht umsetzbar ist, sollten die betreffenden gesetzlichen Grundlagen abgeändert werden. Dabei wäre auch zweierlei zu prüfen: ob es für die Sächsische Schweiz nicht wesentlich günstiger ist, sich eine andere Variante der internationalen Nationalparkdefinition zu eigen zu machen oder ob ein bilaterales `Biosphärenreservat Sächsisch-Böhmisches Mittelgebirge' nicht auch für die Sächsische Schweiz eine viel bessere Schutzkategorie ist. Gesetze haben sich schließlich nach den naturschutzfachlichen, landeskulturellen und ökologischen Sachverhalten zu richten und nicht umgekehrt.

Peter Hildebrand,
Bund Sächsische Schweiz