<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Naturschutz und Naturerleben

Mit großer Besorgnis verfolge ich die Diskussion um die geplanten Wegesperrungen im Nationalpark Sächsische Schweiz. Bis vor kurzem war unser Felsengebirge ein gutes Beispiel für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Bergsteigern, Wanderern, Naturschutzverbänden und staatlichen Behörden. Im Bundesausschuß Klettern und Naturschutz des Deutschen Alpenvereins, wo ich seit Jahren die Belange der sächsischen Bergsteiger vertrete, konnte ich oft von unseren gemeinsamen Erfolgen berichten. Gleichzeitig mußte ich miterleben, wie sich in einigen Bundesländern die Situation problematisch zuspitzte.

So wurde Baden-Württemberg 1993 durch die Novellierung des Biotopschutzgesetzes stark getroffen. Im Oberen Donautal waren die Einschnitte so extrem, daß von ehemals 540 Felsen nur noch ganze 11 für das Klettern freigegeben wurden. Trotz intensiver Verhandlungen seitens der Bergsteiger, öffentlicher Veranstaltungen, Menschenketten und vielen anderen Aktivitäten sind gegenwärtig gerade mal 19 Felsen bekletterbar. Mancher Verhandlungsführer wird da verständlicherweise müde, die Kletterszene ist frustriert und, was das Schlimmste ist, langsam breitet sich Anarchie aus. Die Sperrungen sind absolut nicht nachvollziehbar, finden keinerlei Akzeptanz, es gibt Übertretungen und leider wird jetzt auch in naturschutzfachlich sensiblen Gebieten verstärkt geklettert. Ich will keine Horrorszenarien malen, es gibt zum Glück noch einige unerschrockene Kämpfer und auch bei den Behörden gibt es mittlerweise einige Denkansätze. Nur leider mußten erst viele Jahre ins Land gehen.

Nun ereichen uns die Konflike auch hier zu Hause, und ich frage mich, warum es dazu kommen mußte? Obwohl die geplanten Wegesperrungen die Kletterer nicht vordergründig treffen, hat die von der Nationalparkverwaltung (NPV) vorgelegte Wanderwegekonzeption einen empfindlichen Nerv getroffen. Es sind vor allem Wege und Pfade in abgelegenen und ruhigen Gegenden betroffen, wo man kaum einen Menschen trifft und die Natur richtig erleben kann. Damit ist auch klar, wen die Sperrungen treffen werden. Es sind nicht die Basteibesucher, auch nicht die Abenteurer (von denen sich die meisten sowieso nicht um Verbote kümmern), sondern diejenigen Wanderer, die das bewußte Naturerlebnis suchen und auch für die Belange des Naturschutzes sensibilisiert sind. Es trifft gerade diejenigen, die sich seit langem für den Erhalt der Natur eingesetzt haben.

In der Wanderwegestudie des SBB ist klar ersichtlich, daß das Wegenetz in der Sächsischen Schweiz in den letzten 100 Jahren im wesentlichen konstant geblieben ist. Trotz der touristischen Nutzung hat sich der Zustand der Natur in dieser Zeit nicht gravierend verändert. Die beste Bestätigung dafür war ja die Gründung des Nationalparks, ein Riesenerfolg für staatlichen und ehrenamtlichen Naturschutz und die vielen Naturfreunde. Auch viele Bergsteiger haben sich seit Jahrzehnten aktiv eingebracht. Wenn ich heute mit meinen Kindern wandern gehe und ihnen Bäume zeigen kann, die ich vor Jahren mitgepflanzt habe, dann ist die Freude auf beiden Seiten groß. Und wer Bäume pflanzt, wird sie nicht achtlos zerstören. Ich kann den Kindern aber nur die Natur nahebringen, wenn sie diese auch wirklich aktiv erleben können. So werden wir auch im Frühjahr an der Horstbewachung teilnehmen. Nur wer die Natur selbst erlebt, wird sie auch bewahren. Wer die Menschen aus der Natur rausschützen will, handelt unverantwortlich. Ein Nationalpark gehört nicht nur der Natur, sondern er ist vom Menschen zum Schutz und zum bewußten Erleben dieser eingerichtet.

Überzogene Sperrungen wie die geplanten finden keine Akzeptanz, doch gerade diese ist doch so wichtig. Ich kann es nicht verstehen, wieso ein Wanderer am Grenzweg, der sich vernünftig verhält, plötzlich einen Schaden für die Natur anrichten soll. Mal ganz abgesehen davon, wie solche Sperrungen kontrolliert werden sollen. Damit will ich aber nicht generell gegen jede Sperrung wettern, denn das wäre unglaubwürdig. In der Vergangenheit wurden schon viele Einschränkungen akzeptiert, doch das setzt voraus, daß sie nachvollziehbar sind. Ich werde mich auch sehr wohl bei der Horstbewachung für den Schutz der Wanderfalken gegen unbedachte oder vorsätzliche Störungen einsetzen, und dies nicht als Alibifunktion, sondern aus Überzeugung. Außerdem ist es oft wirksamer, wenn die Leute aus den eigenen Reihen angesprochen werden und nicht von Uniformierten.

Für mich ist es ebenfalls nicht nachvollziehbar, warum die Nationalparkverwaltung die IUCN-Kategorie II anstrebt, was die Erweiterung der Kernzone von derzeit 23 % auf langfristig ca. 75 % der Nationalparkfläche bedeutet. Die Sächsische Schweiz ist nunmal eine historisch gewachsene Kulturlandschaft und keine unberührte Natur. Wir leben nicht in der Serengeti. Oder geht es hier um Profilierungsziele bestimmter Verantwortungsträger?

Wer angesicht der Erosionssanierung oder anderer nützlicher Arbeiten von einer Alibifunktion spricht, beleidigt aktive und bewußte Wanderer und Kletterer, die sich sehr wohl für die Natur einsetzen, und ohne deren jahrzehntelanges Engagement es vielleicht gar keinen Nationalpark gäbe.

Hoffen wir, daß sich die Diskussion wieder versachlicht - Ansätze dazu gibt es glücklicherweise - und daß vernünftige und pragmatische Vorgehensweisen wieder die Oberhand gewinnen. Der SBB ist nach wie vor dazu bereit und wird mit seiner Wegekonzeption dazu beitragen.

Hans Hilpmann

Naturschutz und Naturerleben