<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 16, Herbst 1999

Sperrungen von Wanderwegen in der Diskussion

Die Wanderwegediskussion hat in den letzten Monaten viele andere Umweltthemen in der Sächsischen Schweiz verdrängt und auch dieses Heft sollte sich als Schwerpunkt diesem Problem widmen, geht es doch (fast) alle Liebhaber des Gebietes an, wenn sich die Frage stellt: wo kann ich in einigen Jahren noch wandern? Und wo in 10 oder 15 Jahren, wenn die Kernzone des Nationalparks immer mehr erweitert wird? Das Fernziel der Nationalparkverwaltung sind immerhin 75% Kernzone mit restriktiven Regelungen wie dem strengen Wegegebot, heute haben wir nur 23%.

Wie kam es in den letzten Monaten zu dieser Entwicklung? Und verfolgen die Bergsportverbände und Wanderer wirklich nur egoistische Verbandsinteressen, die sie dem Gemeinwohl unterordnen müssen", wie der NABU-Landesverband Sachsen im Februar 1999 in der Presse forderte.

Was ist Gemeinwohl? Und wer definiert das? Und wie egoistisch" waren die Bergsportler in den letzten Jahren in der Sächsischen Schweiz?

Zum Verständnis der aktuellen Entwicklung sei im folgenden ein Rückblick gestattet, der die Hintergründe in den Jahren vor und nach der Nationalparkgründung beleuchten soll.

Ab etwa Mitte der 80er Jahre gab es eine Naturschutzwacht unter Führung der im Forstbetrieb integrierten LSG-Behörde, der bereits damals Dr. Jürgen Stein vorstand, bestehend aus fast 200 Wanderern und Bergsteigern. An meist zwei bis drei Einsatzwochenenden pro Jahr versuchten die Bergfreunde, bei ihren Rundgängen aufklärend im Sinne des Naturschutzes zu wirken und z.B. etwas gegen die großen, lärmenden Gruppen, besonders in den damaligen NSG Großer Zschand/Winterberg und Rathen zu tun. Mit Erfolg. Die Krakeeler zogen sich wieder zurück. Zu damaliger Zeit war es eine große Leistung von Dr. Stein, eine solche Gruppe unter DDR-Bedingungen aufzubauen und sie auch mit wirksamen Rechten auszustatten.

Dann kam die Wende und die Nationalparkgründung im Herbst 1990.

Die Begeisterung der Wanderer und Bergsteiger für den Nationalpark war groß. Ebenso groß war das Engagement für den Schutz des Gebietes und die Besorgnis um seine Entwicklung nach der Wende, was u.a. die Demonstration auf dem Altmarkt in Dresden SOS Sächsische Schweiz" im Juni 1990 und die 50.000 Unterschriften der Sächsischen-Schweiz-Initiative, die vom Juni bis November 1990 für den Schutz der Sächsischen Schweiz gesammelt wurden, eindrucksvoll zeigen.

Als im Frühjahr 1991 dann die offizielle Nationalparkeröffnung mit Ministerpräsident Biedenkopf auf der Wildwiese mit Tausenden von Wanderern und Bergsteigern stattfand, sagte der damals 91jährige Ehrenvorsitzende des Sächsischen Bergsteigerbundes, Willy Ehrlich, in seiner Begrüßungsrede, er freue sich, daß er den großen Moment der Nationalparkgründung noch erleben darf.

Zu gleicher Zeit verstand man in touristischen Kreisen der alten Bundesländer oftmals die Euphorie der sächsischen Wanderer und Bergsteiger über ihren neuen Nationalpark nicht, wohl in Kenntnis dessen, was eine in Deutschland weit verbreitet Naturschutzlehrmeinung beinhaltet.

Doch es dauerte immerhin 8 Jahre, bis 1998, ehe zum Sturm auf Wanderpfade gerüstet wurde und Sperrungen für Wanderer beginnen sollten. Im Gegensatz zu den alten Bundesländern, wo die anerkannten Naturschutzverbände der treibende Keil gegen die Bergsportler sind, übernahm in Sachsen eine staatliche Behörde, die Nationalparkverwaltung, diese Funktion. Warum? Sicherlich, weil die Bergsportverbände immer ein gutes Verhältnis zu den Naturschutzverbänden hatten und man sich jahrelang gemeinsam für den Schutz der Natur engagierte.

Doch besonders mit dem Ausscheiden des umweltpolitischen Vordenkers der Sächsischen Schweiz, Peter Hildebrand, und damit des letzten Gründungsmitgliedes von 1990 aus der Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz", begannen langsame Veränderungen in einem der Naturschutzverbände. 1998 erfolgte der Austritt der Schutzgemeinschaft aus der Grünen Liga und der anschließende Eintritt der Schutzgemeinschaft in den NABU. Dies und der scharfe Angriff der NABU-Sachsen-Zentrale gegen die Wanderer in der Presse im Februar 1999 als auch die persönliche Mitgliedschaft sowohl des Leiters als auch des Stellvertreters der Nationalparkverwaltung in dem ca. 20 Mitglieder zählenden Naturschutzverein sind Zeichen, die Fragen für die Zukunft aufwerfen.

Seit der Wende, seit mittlerweile 9 Jahren, haben Naturschutzverbände und Bergsportverbände bei Naturschutzthemen eng zusammengearbeitet, u.a. bei Autobahn, Hotelneubauten, Golfplätzen, Waldschäden, Ozon, Tiefflügen, Jagdschlössern im Bielatal oder großen Kurkliniken. Die Sächsische-Schweiz-Initiative will diese Umweltarbeit als regionale Mitgliedsgruppe der Grünen Liga fortsetzen.

Daß die Leipziger NABU-Zentrale den Bergsportlern 1999 in der Presse vorwirft, sie würden nur egoistische Verbandsinteressen" verfolgt haben (zugleich ist der NABU
Wanderwege
selbst in der Region schwach) und Vorschläge des NABU nicht akzeptiert haben" (dabei gab es gar keine Vorschläge des NABU, wie auch der neue NABU-Regionalverband, die Schutzgemeinschaft einräumte), ist schon seltsam und zeugt von wenig Kenntnis der Situation vor Ort.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluß einer in Deutschland weit verbreiteten Naturschutzlehrmeinung, die u.a. aus anderen Schutzgebieten wie dem Bayerischen Wald oder von anderen führenden Naturschützern (Barth aus dem Harz) zu uns kam und die von der langen Tradition der Schutzbestrebungen für die Landschaft der Sächsischen Schweiz abweicht.

Nach der neuen", bisher für die Sächsische Schweiz nicht typischen Naturschutz-Lehrmeinung wird Naturschutz weitgehend mit Sperrungen betrieben, den Besucher sieht man mehr als ein Objekt der Störung, der auf markierte, ausgebaute Wege zu kanalisieren und zu konzentrieren sei (u.a. Bibelriether, Barth). Doch gerade mit solch einer Politik trifft man in der Sächsischen Schweiz mit ihrer Wandertradition viel früher auf eine Akzeptanzschwelle als in Gebieten mit erst spät entstandener und sofort kanalisierter touristischer Entwicklung wie z.B. im Bayerischen Wald. Die Diskussion um die Wanderwege ist ein Ausdruck des Überschreitens dieser Akzeptanzschwelle.

In der Sächsischen Schweiz hat etwas anderes Tradition. Hier setzen Graf, Sturm und Hildebrand ihre Prioritäten auf den Schutz der Gesamtlandschaft Sächsische Schweiz als Einheit von Natur- und Kulturlandschaft. Der Mensch ist ein Teil dieser Landschaft. - Diese Traditionen im Landschafts- und Naturschutz vertritt auch der Landesverein Sächsischer Heimatschutz, ebenfalls anerkannter Naturschutzverband in Sachsen, und dessen Arbeitsgruppe Sächsische Schweiz. Es gibt also auch Naturschutzverbände, die die langjährigen Traditionen in der Sächsischen Schweiz fortführen wollen. Die Stellungnahme des Landesvereins zur Problematik Wanderwege, die in einem Brief an den Umweltminister Jähnichen einschl. einer Einschätzung des Arbeitskreises Sächsische Schweiz zum Ausdruck gebracht wurde, möchten wir im folgenden veröffentlichen.

Allerdings, um zurück nach Bayern zu schauen: es gibt auch dort eine andere Nationalparkpolitik, z.B. im Nationalpark Berchtesgaden, wo Alpenverein und Nationalparkbehörden eng kooperieren. Es gibt dort Neuerschließungsverbot von Wegen, jedoch sind weder Wanderwegesperrungen geplant, noch existiert ein einfaches Wegegebot wie in der Sächsischen Schweiz und die Anerkennung nach der IUCN-Kategorie II erfolgte trotzdem.

Natürlich ist die Wegedichte im Hochgebirgsnationalpark Berchtesgaden geringer als bei uns. Aber kann deshalb aus dem Vergleich von Wegedichten der Sächsischen Schweiz mit anderen deutschen Nationalparks die Wegekonzeption der Nationalparkverwaltung in Thesen von krasser Übererschließung" und krasser Beunruhigung" gipfeln?

Auch die geplante Erweiterung der restriktiven Kernzone auf 75 % verursacht Unbehagen und Befürchtungen weiterer Sperrungen. Der dem Konzept der Nationalparkverwaltung zugrunde liegende Ansatz drückt eine starke Biozentrik" aus, wie es der Landesverein Sächsischer Heimatschutz einschätzt. Dabei werden der Mensch an sich, dessen über Jahrzehnte gewachsene Identifikation mit dem Gebiet vernachlässigt; Begriffe wie Heimatverbundenheit, die pädagogische Funktion des Draußenseins in unverbauter Natur und touristische Traditionen spielen im von der Nationalparkverwaltung vorgelegten Konzept nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle.

Und so ist es sehr unwahrscheinlich, daß Willy Ehrlich die begeisterten Begrüßungsworte der Wanderer und Bergsteiger zur Nationalparkeröffnung vor 8 Jahren heute auch noch wählen würde. Denn daß die gleichen Wanderer und Bergsteiger, die 1991 noch begeistert den Nationalpark begrüßten, einige Jahre später von der gleichen Nationalparkverwaltung aus der Gegend herausgehalten werden sollen, daß um Häntzschelstiege oder Grenzweg jemals in eine Sperrungsdiskussion entbrennen könnte, hatte damals wohl keiner gedacht. Hans Hilpmann bringt es in seinem Beitrag in diesem Heft auf den Punkt: die Sperrung kleiner Pfade trifft gerade diejenigen, die das Naturerlebnis suchen, die für die Belange des Naturschutzes sensibilisiert sind und die sich seit langem für den Schutz der Natur eingesetzt haben.

Sicher ist, daß heute zu einer ähnlichen Feier, z.B. wenn der Ministerpräsident das 10jährige Gründungsjubiläum auf der Wildwiese feiern sollte, wohl nur noch ein Bruchteil der jubelnden Gäste kommen würde. Eher wären andere, wohl weniger erwünschte Transparente zu lesen. Aber unterschiedliche Meinungen sind gut für die Demokratie.

Doch nur kritisieren und nichts tun gilt nicht für sächsischen Bergsportverbände: Ihren konstruktiven Beitrag wollen die Bergsportverbände jetzt mit der eigenen fundierten Studie zu den Wanderwegen unter Koordination des Sächsischen Bergsteigerbundes leisten, die im Mai 1999 fertiggestellt wurde.

Wenn darauf aufbauend und im Rahmen der im März 1999 neu gebildeten Arbeitsgruppe ein akzeptabler Kompromiß von Naturschutz- und Wandererinteressen entsteht, der bei den Wanderern Akzeptanz findet, dann könnte das 10. Nationalparkjubiläum im Jahr 2000 doch ein Grund zum Feiern sein.

Peter Rölke