Sächsische Schweiz Initiative, Heft 17, Herbst 2000

Teil 4: Internationale Richtlinien für Nationalparke (IUCN) und deren Auswirkungen auf die Sächsische Schweiz

1. Grundlagen und IUCN-Zielsetzung in Sachsen

Im Landesentwicklungsplan Sachsen von 1994 ist unter dem Kapitel „Fachliche Grundsätze und Ziele der Raumordnung und Landesplanung" auf Seite B-48 unter Punkt 2.1.2 ausgeführt: „Grundlage für die Entwicklung von Nationalparken bildet die Charakteristika, die von der „Internationalen Union zur Erhaltung der Natur und der natürlichen Hilfsquellen" (IUCN), deren Mitglied auch die Bundesrepublik ist, in ihrer 2. Weltkonferenz in Wyoming/USA im September 1972 beschlossen wurden."

Im Anhang 3 ist unter Maßnahmenkatalog Naturschutz/ Landschaftspflege näher spezifiziert: „Aufstellung einer mehrstufigen Nationalparkplanung und deren Umsetzung mit dem Ziel der Entwicklung eines Nationalparks, der internationalen Kriterien entspricht."

In der NLP-VO ist kein direkter Bezug auf das Erreichen der IUCN-Kriterien gegeben.

Im Nationalparkprogramm ist das Erreichen der internationalen IUCN-Anerkennung nicht explizit als Ziel formuliert, lediglich im Kapitel 2.5 Zonierung wird auf die IUCN-Empfehlungen zur Zonierung verwiesen.

2. Zur Situation bis Oktober 1998

Obwohl die o.g. Formulierung "...Ziel der Entwicklung eines Nationalparks, der internationalen Kriterien entspricht..." im Landesentwicklungsplan Sachsen bereits 1994 geäußert wurde, haben sich weder die touristischen Verbände noch die anerkannten Naturschutzverbände mit dem genauen Studium der IUCN-Richtlinien und der IUCN-Kriterien befaßt. Zum einen, weil dazu 1994 keine Notwendigkeit gesehen wurde und in den Jahren nach 1994 andere aktuelle Themen (Tiefflüge, Kurklinik Ostrau, Jagdschloß Bielatal, Elbschlößchen Rathen) die volle Aufmerksamkeit beanspruchten; und zum anderen, weil das Studium umfassender naturschutzfachlicher Unterlagen die Möglichkeiten ausschließlich ehrenamtlich arbeitender Kräfte sowohl personell als auch zeitlich bei weitem übersteigt.

Umso überraschter waren die touristischen Verbände, als erstmalig im Oktober 1998 in der von der NLPV vorgelegten Wanderwegekonzeption der Begriff IUCN eine Bedeutung erlangte, weil „...die Anerkennung des NLP Sächsische Schweiz für die Zielkategorie IUCN Kategorie II wegen der hohen Wanderwegedichte in der Sächsischen Schweiz nicht zu erwarten ist..." Hierzu sei die Schlußeinschätzung der NLPV auf S. 11 zitiert, daß

"...die Intensität der Wegeerschließung und die dadurch zu verzeichnenden Störungen eine ernsthafte Gefährdung des vorrangigen Schutzzwecks darstellen und eine naturschutzkonforme Entwicklung einschließlich einer internationalen Anerkennung des NLP (IUCN Kategorie II) unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht zu erwarten ist."

Unbewußt war den Verbänden und der Öffentlichkeit bis dahin, daß innerhalb der IUCN-Empfehlungen eine Zonierung mit 75 % eine sog. Kernzone bzw. Zone für den primären Schutzzweck (main purpose) geschaffen werden sollte, daß sich also die Kernzone vergrößern sollte. Diese Empfehlung ist zwar, jedoch nicht explizit, im o.g. NLP-Programm von 1994 unter dem Punkt 2.5 Zonierung erwähnt:

"Sowohl nach den international gültigen Empfehlungen der IUCN als auch nach dem Sächsischen Naturschutzgesetz können Nationalparken derartige, vorrangigem Schutzzweck nicht entsprechende Flächen in geringem Umfang (max. 25 % der Fläche) angegliedert sein."

Es gilt also im NLP-Programm der Umkehrschluß: wenn 25 % nicht dem vorrangigem Schutzzweck dienen, dann dienen 75 % dem vorrangigen Schutzzweck, sind also Kernzone. Der Ausdruck „Kernzone" wird allerdings in Kapitel 2.5 nicht verwendet, sondern es wird eine „Naturzone" genannt.

Derzeit beträgt die Kernzone 23 % der NLP-Fläche. Bei einer Ausdehnung der Kernzone, die von der NLPV restriktiv angestrebten Regelungen und Betretungsverbote enthält, von 23 % auf perspektivisch über 75%, befürchten die Verbände weitere Einschränkungen für die Wanderer. Den Bergsportverbänden im Jahr 1998 den Vorwurf zu machen, man hätte bereits 1994 dem Nationalparkprogramm zugestimmt sowie damit gleichzeitig der IUCN-Anerkennungsbestrebung und der Erweiterung der Kernzone auf 75 %, ist unseriös, da im gesamten NLP-Programm nur der o.g. eine Satz mit Umkehrschluß darauf hindeutet und dessen Bedeutung und daraus möglicherweise entstehende Probleme für ehrenamtlich Tätige im Jahr 1994 schwer bzw. gar nicht ersichtlich waren.

3. Prüfung der IUCN-Richtlinien sowie der Anwendung der verschiedenen Kategorien

Die im Rahmen dieser Arbeit erfolgte Prüfung der IUCN-Richtlinien von 1994 und 1998 (Auszüge siehe Anhänge 7 und 8) ergab im Kapitel 2-Grundlagen folgende Aussage:

Während die Management-Ziele der IUCN-Kategorie I dem strikten Schutz (Strenges Naturreservat/ Wildnisgebiet) dienen sollen, soll der Schwerpunkt der Kategorie II beim Schutz von Ökosystemen und der Erholung liegen. Folgende Übersicht unterstreicht die Unterschiede:

Kategorie Ia / Ib Kategorie II
Vorrangiger Schutzzweck (1=primary):
Wildnis, Naturschutz
Sekundärer Schutzzweck (2=secundary):
Erholung
Vorrangiger Schutzzweck (1=primary):
Erhaltung der biologischen Vielfalt, Naturschutz, Erholung
Sekundärer Schutzzweck (2=secundary):
Wildnis

Zielstellung der Kategorie II ist demnach nicht Wildnis, vielmehr gelten entsprechend der Tabelle für die Zielstellungen der einzelnen Managementkategorien Erholungsnutzung, Sicherung der Artenvielfalt und Naturschutz gleichwertig. Diese Zielstellungen sind in den Fassungen von 1994 und 1998 unverändert geblieben. Für 1998 gibt es nur eine englische Ausgabe der Richtlinien (siehe Anhang 8).

Außerdem enthält die IUCN-Richtlinie generell keine Wegedichtendefinition in lfm/ha, die dringend erfüllt werden muß. Die IUCN Kategorie II fordert, im Unterschied zur Kategorie Ia oder Ib, auch keine großflächigen, menschenleeren Gebiete.

Eine bestimmte "Intensität einer Wegeerschließung", die nach NLPV-Angaben eine Anerkennung nicht erwarten läßt, ist zumindest schriftlich nicht zentral von der internationalen Organisation vorgeschrieben. Vielmehr ist wahrscheinlich, daß es für die Erholungsnutzung von NLPs in jedem Land unterschiedliche Bedingungen geben wird, z.B. werden bezüglich der Erholungsnutzung die afrikanischen oder amerikanischen Nationalparks schwierig mit den europäischen Nationalparks zu vergleichen sein. Zudem ist es nicht möglich, die Wegeerschließung in völlig unterschiedlichen morphologischen Gebieten, z.B. Hochgebirgs-NLP mit Savannen-, Wasser- oder Mittelgebirgs-NLP, zu vergleichen.

Die spezielle Behandlung und Bewertung eines jeden NLP wird auch bei anderen Regelungen deutlich. Als Beispiel sei der NLP Berchtesgaden genannt, der bereits die IUCN-Anerkennung erhielt.

Die Kernzone des NLP Berchtesgaden umfaßt bereits 66 %. Allerdings weist die Kernzone ca. 28 % Fels und offene Schuttflur sowie ca. 25 % alpine Rasen auf. Im NLP Berchtesgaden ist die Kernzone ein jagdliches Ruhegebiet. Dafür gibt es in Berchtesgaden kein Wegegebot. Im NLP Sächsische Schweiz gibt es dagegen ein Wegegebot im Gesamtgebiet, jedoch ist die Kernzone kein jagdliches Ruhegebiet. Statt Fels, Schuttflur und alpiner Rasen dominieren im NLP Sächsische Schweiz über Jahrhunderte bewirtschafteter Wald und starke touristische Traditionen.

4. Unterschiede Kernzone IUCN und Kernzone aus Vorschlag NLPV 1998 sowie Schlußfolgerungen

Zu beachten ist, daß sich die Regelungen der sog. Kernzone der IUCN-Kriterien für den Hauptzweck (75%) von den gültigen bzw. geplanten Zielstellungen der Kernzone nach NLPV-Vorstellungen unterscheiden.

Geplante verschärfende, strenge Regelungen der NLPV (1998) sind das sog. „Strenge Wegegebot", heute in der NLP-VO noch einfaches Weggebot, und die damit verbundene völlige Markierungspflicht für jeden Weg und Pfad in der später über 75 % umfassenden Kernzone.

Solche Forderungen sind nicht in den Regelungen der IUCN-Kernzone zu finden.

Auch in anderen deutschen, bereits von der IUCN anerkannten NLP gelten in den Kernzonen weniger strenge Betretensregeln und es werden regionale Besonderheiten berücksichtigt (z.B. im NLP Berchtesgaden überhaupt kein Wegegebot, aber Erschließungsverbot; siehe auch oben und Kapitel 6).

Zusammenfassend kann eingeschätzt werden, daß weder striktes Wegegebot noch Markierungspflicht aller Wege für eine Anerkennung nach IUCN II erforderlich ist.

Nach Prüfung der schriftlich fixierten IUCN-Kriterien sind die IUCN-Zielstellungen der Kategorie II für den NLP Sächsische Schweiz auch ohne Sperrungen von touristisch interessanten Wegen und Pfaden erreichbar.