<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 17, Herbst 2000

Kirnitzschtalstraße: Schnelle Fahrt für freie Bürger?

Reinhard Wobst

Erst klang es wie ein Gerücht: Die Kirnitzschtalstraße soll ausgebaut werden - nicht etwa nur Asphaltierung der ersten holprigen 8 km, sondern für Richtgeschwindigkeiten von 70 km/h, teilweise mit Leitplanken und offenbar auch an den engsten Stellen verbreitert. Umweltaktivisten lästerten sogleich: "Da müssen wir eben die Kirnitzsch verrohren, dann ist genug Platz für die Straße." Ansonsten müßte man ja etwa unterhalb der Felsenmühle Gestein wegsprengen oder aber in die Kirnitzsch hineinbauen. Und nur damit die Straße mitten im Nationalpark zur Schnellstraße wird - das kann ja wohl nicht sein.

Es ist aber doch wahr. Anstatt, daß die Staatsstraße zurückgestuft wird, nimmt das verantwortliche Straßenbauamt Dresden Empfehlungen für den Ausbau von derartigen Straßen als Vorgabe und baut sie "autofreundlich" aus. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Gegen einen besseren Fahr-bahn-belag zwischen Bad Schandau und Lichtenhainer Wasserfall hat wohl niemand etwas, denn auf ihm werden Autos zur kräftigen Lärmquelle. Wenn jedoch die Straße wie geplant durchgängig ausgebaut wird, zieht sie den Verkehr an - das weiß jeder Verkehrsplaner. Wird im Straßenbauamt etwa wieder einmal mit konstantem Verkehrsaufkommen kalkuliert? Oder interessiert das überhaupt nicht?

Schon derzeit leben Gäste der Kurklinik wie Anwohner in Bad Schandau mit ständigem Lärm. Eine noch dichtere Fahrzeugfolge und der Status "Kurort" widersprechen sich, das hat man dort begriffen. Dabei ist die Rede noch gar nicht von den erheblichen Abgas- und Lärmbelastungen entlang dieser Trasse im Nationalpark!

Die Nationalparkverwaltung als untere Naturschutzbe-hörde kann in diesem Zusammenhang nur Empfehlungen geben. Um wenigstens den Schaden zu begrenzen, schlug sie eine Holzverkleidung der Leitplanken vor. Das Antwortschreiben darauf lautete sinngemäß: Eine Verkleidung ist nicht möglich, aber wir stellen fest: Die NLPV stimmt dem Ausbau zu.

So war das natürlich nicht gedacht! Während der In-formationstreffen der Verbände mit der NLPV am 15.3. und 10.5.2000 beschlossen Umwelt- und Bergsportverbände, der Entwicklung nicht tatenlos zuzusehen. Gründe gegen den Ausbau gibt es genug:

- Prinzipiell soll der Straßenverkehr im Nationalpark beruhigt werden; ein Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr ist anzustreben.

- Auf Bad Schandaus Straßen wird es noch enger werden.

- Die Verbreiterung der Straße ist nur mit erheblichen Eingriffen in die Natur möglich. Was soll zwischen Lichten-hainer Wasserfall und Beuthenfall geschehen, unterhalb der Felsenmühle und an den engen Kurven um Nassen Grund und Mittelndorfer Mühle herum? Will man die Felswände wegsprengen und den Hang abbaggern?

- Leitplanken verschandeln das Landschaftsbild.

- Leitplanken stellen eine große Hürde für das Wild dar, zerschneiden also Lebensräume.

- Leitplanken verleiten erfahrungsgemäß zum Rasen. Die Verkehrssicherheit wird durch sie im Kirnitzschtal nur sehr bedingt erhöht: Es fallen vermutlich weniger Autos in den Fluß (man darf fragen, welche Fahrer das bisher betraf!). Dafür werden mehr Radfahrer und Fußgänger erwischt, und bei dieser kurvigen Straße drohen wohl auch Frontalzusammenstöße bei überhöhter Geschwindigkeit.

- Die Kirnitzschtalstraße verbindet Wanderwege und wird stark von Fußgängern und Radfahrern genutzt. Beide Gruppen haben keine Ausweichmöglichkeiten mehr, wenn ihnen Leitplanken den Weg versperren und obendrein die übliche Fahrgeschwindigkeit höher wird als derzeit.

- Schließlich werden Leitplanken nur bei Geschwindigkeiten über 50 km/h empfohlen. Die Topografie des Kir-nitzsch-tals erlaubt derzeit stellenweise nur 30 km/h. Was soll also der Ausbau? Warum beschränkt man sich nicht auf 50 km/h?

Die Grüne Liga sandte am 21.3.2000 im Namen von SBB, SWBV, TVDN (Naturfreunde), Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz, ADFC, Landesverband Sächsischer Heimatschutz, BUND und Kreisjagdverband ein Schreiben an das Regierungspräsidium mit der dringenden Bitte, dieses Projekt nochmals zu überdenken. Auch der SBB protestierte ebenso wie der ADFC in gesonderten Schreiben dagegen.

Was ist seitdem geschehen? Am 27.4.2000 fand eine Vor-Ort-Begehung von Behördenvertretern statt; prominentester Gast war Regierungspräsident Weidelehner. Er legte fest, daß die Straße wie vorgesehen ausgebaut wird und die untere Natur-schutzbehörde - sprich Nationalparkverwaltung - wurde angewiesen, die erforderlichen Genehmigungen zu erteilen. Punkt.

Die Grüne Liga erhielt am 22.5.2000 ein Schreiben vom Abteilungsleiter für Verkehr und Straßenbau im Regierungspräsidium, Herrn Runge, dessen Inhalt sich dem Normalbürger nicht so ohne weiteres erschließt. Unter anderem heißt es darin: "Auch bei einem generellen Fahrverbot, welches nicht durchsetzbar ist, könnte auf Sicherungsmaßnahmen für Fußgänger in Form von Geländern, die den vorhandenen Straßenquerschnitt einengen, nicht verzichtet werden. - Wir hoffen, daß in naher Zukunft durch den Neubau der Stützwände eine optimale Aufteilung des Straßenquerschnittes und eine Regelausbildung im Kappenbereich eine zufriedenstellende und dauerhafte Lösung für alle Verkehrsteilnehmer gefunden wird." Alles klar? Achten Sie auf Ihre Regelausbildung im Kappenbereich, dann werden Sie geholfen.

Nochmals: Auch bei Geschwindigkeiten über 50 km/h werden Leitplanken nur empfohlen, nicht vorgeschrieben (sonst müßten alle Landstraßen durchgängig damit versehen sein), und auch eine Geschwindigkeit von 70 km/h ist für Staatsstraßen nur eine Empfehlung, keine Vorschrift! Aber darauf wird gar nicht erst eingegangen.

Reinhard Wobst