<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 17, Herbst 2000

Was gehen uns die Elbestaustufen an?

Reinhard Wobst

Nicht erst seit einem Artikel in der "Sächsischen Zeitung" am 12.4.2000 ist bekannt, daß der Bau zweier neuer Elbestaustufen in der tschechischen Republik geplant ist, und zwar zwischen Ústí n.L. (bei Malé Brezno) sowie zwischen Decin und der Staatsgrenze (bei Dolní Zleb). Sinn und Zweck soll die bessere Schiffbarkeit der Elbe sein. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt folgendes Beispiel:

Bei Magdeburg gibt es den sogenannten Domfelsen, eine Untiefe in der Elbe. Bei Niedrigwasser sammeln sich die Schiffe ober- bzw. unterhalb der nicht passierbaren Stelle und fordern aus Tschechien eine "Welle" an. Diese wandert von Usti bis Magdeburg, und schon kann der Konvoi passieren. Es geht bei Staustufen also nicht notwendig darum, daß die Stauseen lückenlos ineinander übergehen, sondern eher um Abstände und Fassungsvermögen.

Umweltverbände reagieren auf die Baupläne empört, denn viele Arten sind durch das Projekt gefährdet. "Na und?" wird mancher fragen, "dafür siedeln sich wieder andere Arten an - und überhaupt: Was gehen uns tschechische Staustufen an, die sind doch weit weg?" Auf den ersten Blick ist das sogar berechtigt, insbesondere wenn man weiß, daß zwischen Usti und der Elbequelle nicht weniger als 24 Staustufen, Wehre und Talsperren den Flußlauf bereits regulieren. Die letzten zwei "machen doch das Kraut auch nicht mehr fett".

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Wie oft beim Umweltschutz sind solche Überlegungen nur Milchmädchenrechnungen. Die Auswirkungen beschränken sich keineswegs auf die Artenvielfalt, sondern sind auch handfester ökonomischer Natur und beeinträchtigen irgendwann wohl auch unsere eigene Lebensqualität. Um das zu verstehen, muß man jedoch ein wenig weiter in die Zukunft schauen wollen.

Was passiert denn hinter einer Staustufe?

Zunächst einmal bewegt sich das Wasser sehr langsam, es verwirbelt nicht mehr. Das ist gerade bei der Elbe als schnellfließendem Gewässer ein starker Effekt. Sedimente setzen sich ab, es stellt sich ein relativ konstantes Temperaturgefälle ein. Folgen sind:

- Im Sediment entsteht ein Sauerstoffmangel, organische Stoffe und Umweltgifte werden kaum oder nicht abgebaut. Als "schlechtes" Beispiel kann die Kirnitzsch dienen, die ab Grenze nur hinter dem Wehr der Oberen Schleuse schlechte Wasserqualität hat, ansonsten eine sehr gute. Und als "gutes" Beispiel kann die Elbe herhalten: Zu DDR-Zeiten wurde sie durch die Zellstoff- und Kunstseidenwerke in Heidenau und Pirna außerordentlich belastet. Dank ihrer starken Verwirbelung wurde ein ziemlicher Teil der Schadstoffe bereits bis Dresden abgebaut, wobei die rechte Flußhälfte in Dresden bessere Qualität hatte als die linke. Die Wasserqualität stieg von Pirna (Stufe V) bis Dresden auf Stufe III an.

Wären solche Schadstoffe in Sedimenten teilweise gebunden worden, dann wäre die Wasserqualität sicherlich "nachhaltig" schlechter gewesen.

- Auch die veränderte Flora auf dem Flußboden hat natürlich einen negativen Einfluß auf die Wasserqualität. Wenn die Elbe auf einer etwa 40 km kürzeren Strecke wirbelt, können die Dresdner das also an der Wasserqualität merken (sofern sie Uferfiltrat trinken), zumal der Schadstoffeintrag in Tschechien nicht unerheblich ist

- Eine weitere Folge der Sedimentablagerung ist, daß sich gerade grobes Material (Steine, Kies) oberhalb der Staumauer sammelt und unterhalb der Mauer fehlt: Der Fluß gräbt sich ein. Das dauert lange, doch es geht dabei um sehr große Materialmengen. Dieses "Eingraben" ist aus verschiedenen Gründen unerwünscht. So kann verschmutztes Flußwasser in die Nähe von Grundwasserleitern gelangen - die Folgen brauche ich wohl nicht zu erklären -, die Ufer müssen befestigt werden, Brücken können über lange Zeiträume gefährdet sein usw. Mir wurde erzählt, daß bei Mühlberg die Elbe bereits mit Kies verfüllt wird. Auf der anderen Seite muß oberhalb der Staumauer von Usti verstärkt ausgebaggert werden.

Abgesehen von all den ökologischen Aspekten dabei entsteht doch die Frage, wer das alles bezahlt (auch die oben genannte "Wasserwelle" bei Magdeburg kostet ja Geld). Die Antwort ist einfach: Der gleiche, der auch die Staumauern und deren Betrieb bezahlt, nämlich "der Staat" - sprich der Steuerzahler. Im Falle der Elbestaustufen ist die Sachlage etwas anders, denn hier will Tschechien bauen und Deutschland für die Folgen aufkommen. Dazu weiter unten mehr Gedanken. Aber nur dadurch wird die Schiffahrt so billig - sie braucht für den Erhalt ihrer Verkehrswege nicht zu bezahlen, ähnlich wie der Autoverkehr und gar nicht ähnlich zur Eisenbahn ...

Eine zweite, häufiger diskutierte Folge ist, daß der Wasserstand nicht mehr so stark schwankt (obwohl es Untersuchungen gibt, daß Hochwasserwellen durch die Regulierung höher werden). Das hat natürlich starke Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt in Flußnähe: Überschwemmungsgebiete trocknen aus, Auenwälder verändern sich, die Artenvielfalt wird reduziert. Der letzte Teilsatz ist wichtig - es werden nicht etwa die einen Arten durch andere ersetzt (auch das sollte uns nicht gleichgültig sein), sondern es werden weniger Arten.

Und deswegen sollen uns gerade die letzten beiden Staustufen nicht gleichgültig sein. Sie beeinflussen nämlich besonders wertvolle Gebiete - die Böhmische Schweiz und die Sächsische Schweiz, darunter zwei Nationalparke.

Eine weitere, nicht zu unterschätzende Folge des "Mauerbaues" kann die Beispielwirkung sein. Der Konflikt um die Kanalisierung und bessere Schiffbarkeit der Elbe schwelt ja schon lange - ökonomische und ökologische Interessen stehen sich hier gegenüber. Die Rede ist dabei von Staustufen auf deutschem Gebiet. Immerhin ist die Elbe der letzte große, nicht regulierte Fluß in Europa (so wird es jedenfalls recht grob immer wieder formuliert): Gut für die Ökologie, schlecht für die Ökonomie.

Nach den oben genannten Ausführungen dürfte klar sein, daß der Ausbau gar nicht so ökonomisch ist. Allerdings denkt hier kaum jemand an das "große Ganze"; die Unterstützung der Schiffahrt mit Steuermitteln ist genaugenommen eine Wettbewerbsverzerrung. Speziell hofft man in Tschechien aber auf EU-Fördergelder. Das ist nicht unrealistisch und trotzdem widersinnig, denn auf der anderen Seite zahlt die EU auch für die Renaturierung von Flußläufen. Es ist wie Waffen liefern und Aufbauhilfe leisten in einem ...

Sachsen war erst gegen den Bau der Staumauern, nun hat sich der Wind offenbar gedreht. Es ist zu befürchten, daß Baupläne für die Elbe auf deutschem Territorium schon wieder auf dem Schreibtisch liegen. Eine Hoffnung der in dieser Frage sehr aktiven Umweltverbände ist dabei, daß solche Pläne im Widerspruch zum Landesentwicklungsplan stehen.

Wie man sieht, können tschechische Staustufen uns also durchaus etwas angehen - und zwar unser Bankkonto, unsere Trinkwasserpreise und auch unsere Lebensqualität.