<-- Sächsische Schweiz Initiative, Heft 17, Herbst 2000

Wo sind die Tännchen ?

Letztes Jahr im Oktober, sonnabends um zehn, Treff an der Info-Tafel oberhalb der Ilmenquelle - wir werden schon von einem Waldarbeiter des Forstreviers Schmilka er--wartet. Jana, Leticia, Steffen und ich, wir haben uns vom Herbst-Arbeitseinsatz an unserer "Berglust-Klubhütte" in Schmilka wegorganisiert und freuen uns, bei schönstem Sonnenschein in den Wald zu kommen, anstatt beim Budenschwung auf der Hütte zu versauern. Nach kurzer Begrüßung geht's jedoch erst mal mit dem Auto die Winterbergstraße hoch. Komisch - sonst bringen wir immer unsere Mißbilligung durch möglichst verständnislos blickende Gesichter zum Ausdruck, wenn uns ein Auto auf dieser Straße begegnet, und jetzt kutschen wir selbst hier rum. Aber wir sind ja für eine gute Sache unterwegs - wir sind dem Aufruf des Forstamtes gefolgt, beim Verbißschutz junger Weißtannen zu helfen. Soll man da stundenlang Pinsel, schwere Eimer, Wasserkanister usw. zu Fuß durchs Gebirge schleppen? Am Fremdenweg sind wir schon da, und ab jetzt geht es zu Fuß weiter. Zunächst muß aber das Verbißschutzmittel zusammengerührt werden. Dieses besteht zum großen Teil aus natürlichen Substanzen (Tierblut). Das rotbraune Pulver wird nur mit Wasser vermischt und ist schon fertig. Wenn man diese Brühe nun auf die obersten Triebe der Pflanzen draufpinselt, entwickelt sich nach ein paar Tagen einen spezieller Duft, so daß Hirsch, Reh und auch Hase der Appetit auf die ansonsten sehr nahrhaften und schmackhaften zarten Knospen und Triebe vergeht. Dazu sagt der Forstmann "biologischer Verbißschutz", weil keine chemischen oder gar giftigen Substanzen wirken. Einmal aufgebracht, soll dieses Mittel dann den ganzen äsungsarmen Winter über das Wild von den empfindlichen Trieben fernhalten.

So weit, so gut - doch wo sind nun die Tännchen? Wenige Meter vom Weg entfernt bekommen wir die ersten zu Gesicht. Etwa 15 kniehohe Tannen stehen hier im Abstand von wenigen Metern unter dem Schutz des Kronendaches von alten Fichten. So hat es die Tanne als Schattbaumart am liebsten. Jetzt bepinseln wir vor allem die obersten Endtriebe und Knospen. Diese sind lebensnotwendig, denn werden die vom Wild verbissen, können die Seitentriebe das Höhenwachstum nicht fortsetzen und die Pflanze verkümmert. Im Handumdrehen sind alle Tannen versorgt, hoffentlich haben wir auch keine vergessen.

Mehrere Tausend Tannen sind seit 1990 in der Sächsischen Schweiz gepflanzt worden. Ohne künstliche Einbringung und weitere forstliche Maßnahmen würde diese Baumart hier bald aussterben. Nur noch etwa 400 Alttannen existieren im Forstamt Bad Schandau. Fast unvorstellbar ist es, wenn man hört, daß im 16. Jahrhundert mehr als jeder dritte Baum in der Sächsischen Schweiz eine Weißtanne gewesen sein soll. Ihr wertvolles Holz, die Unverträglichkeit gegenüber der Kahl-schlagswirtschaft, die nördliche Grenze ihres natürlichen Verbreitungsgebietes und nicht zuletzt die gestiegenen Immissionen im 20. Jahrhundert führten zu einem dramatischen Rückgang in ganz Sachsen.

Im Schmilkaer Forstrevier sind zahlreiche Flächen mit je höchstens 100 kleinen Tannen bepflanzt worden. Wir teilen uns deshalb in zwei Gruppen und unser Waldarbeiter verrät uns, wo wir diese Flächen finden. So geht's mit Pinsel und Eimer bewaffnet auf Tannensuche. Regelrecht zum Geduldsspiel wird die Suche auf Flächen, wo dichter Adlerfarn die wertvollen Pflanzen versteckt. Mitunter sehen die Bäumchen recht mickrig aus, manchmal ist kein einziges mehr zu finden - Zeichen dafür, wie schwierig es für die Pflanzen ist, sich gegen Vergrasung, Trockenheit, Frost und nicht zuletzt das Wild zu behaupten. Je länger wir umherstreifen, um so dicker bepinseln wir unsere Schützlinge.

Es ist schönstes Herbstwetter und mancher Wanderer bleibt interessiert stehen und fragt uns, was wir denn hier so treiben. Nach der Erklärung hören wir immer nur zustimmende Worte, einmal bekommen wir von einer Wandergruppe sogar ein Schnäpschen angeboten: "Ein Prost auf die Tanne". Nach unserer Mittagspause sind nur noch zwei, drei Flecken aufzusuchen und pünktlich zum Kaffeetrinken sind wir wieder an unserer Hütte in Schmilka. Mehrere Hundert Tannen haben wir geschafft. Wieviel es wirklich waren, weiß keiner so genau. Ob der Verbißschutz überall wirkt, ist auch nicht sicher, und wir sind auf die Ergebnisse gespannt. Auf jeden Fall wird aber im nächsten Herbst wieder eine kleine Abordnung unseres Klubs dabeisein, wenn Hilfe beim Aufbringen des Verbißschutzes für die Weißtanne gesucht wird.

Rainer Petzold