Sächsische Schweiz Initiative, Heft 17, Herbst 2000

Bedeutung von unmittelbarer Naturerfahrung

Einige Beispiele sollen die Probleme, um die es geht, verdeutlichen:

Dies mögen extreme Beispiele sein, aber insgesamt verdeutlichen sie einen Trend von Naturentfernung, der Auswirkungen auf das Verhalten hat.

Entfremdung von der Natur und ihre Folgen

Diese Entfremdung hat objektive Ursachen, existiert unabhängig vom Zustand der Natur, vom Grad der Umweltverschmutzung. D.h. aber auch, daß sie nicht verschwindet, wenn wir Emissionen senken, Ressourcen schonen, also eine umweltfreundlich wirtschaftende Welt errichten würden. Entfemdung von der Natur ist aber ein Hindernis, ein Bremsklotz für zukunftsfähiges Denken und Handeln.

1.1 Arbeitsteilung

Die Hauptursache liegt schon ein paar Jahrhunderte zurück und begann mit der Arbeitsteilung. Es geht um die Entfernung der Verbraucher von den Produzenten, die Trennung von Stadt und Land, die Spezialisierung vor allem auf landwirtschaftlichem Gebiet. Sie lassen den natürlichen Ursprung, den Wachstums- und Werdegang unserer Nahrungsmittel, den natürlichen Kreislauf der Nährstoffe aus unserem Gesichtfeld verschwinden. Typisch dafür sind Kinderfragen: Wie wird die Milch hergestellt. Oder aber unser gestörtes Verhältnis zu Tieren (Fleischverzehr aus unwürdiger Massentierhaltung, Unfähigkeit, Tiere zur Ernährung zu töten, ja sogar auch auszunehmen, Verhätscheln von Haustieren).

1.2 Entfernung vom Rhythmus der Natur

Der natürliche Wechsel der Jahreszeiten, der Wechsel von Sonne, Wind, Schnee, Nebel wird vor allem im Leben der Großstädter verwischt. Ständige Beleuchtung, trockene Einkaufspassagen, Autofahren bis in die Tiefgaragen der Einkaufszentren übertönen tages-, jahreszeitliche oder klimatische Wechsel, entbinden uns vom Beachten dieser Wechsel (Bekleidung, Schuhe).

Eklatant wirken sich die verlorenengegangenen Rhythmuserfahrungen in der Ernährung aus mit einem über das ganze Jahr gleichbleibendem Obst- und Gemüseangebot - auch Fleisch und Eier.

Technische Möglichkeiten erlauben uns das Baden im Winter; Rodeln und Schlittschuhlaufen im Sommer, für unser Freizeitverhalten werden keine natürlichen Grenzen gesetzt, also verlernen wir auch, sie zu akzeptieren, wenn sie doch auftauchen.

1.3 Ferne von naturbelassener Landschaft oder wenigstens naturnaher Kulturlandschaft

Großstädte mit Parks und Grünanlagen wachsen immer mehr, zersiedeln auch mit Einkaufszentren und Reihenhaussiedlungen die sie umgebende Landschaft. Dörfer sind, so weit das Auge reicht, mit einheitlichen Feldern umgeben. Trotz der Bemühungen in den letzten Jahren sind unsere Wälder Monokulturen. Noch vorhandene naturnahe Wiesen, Gebüsche und Wälder müssen unter strengen Schutz gestellt werden, um sie überhaupt zu erhalten. Sie sind dann im Extremfall mehr Museen als Erlebnisobjekte und für ein direktes Erleben der Natur mit allen Sinnen kaum brauchbar.

1.4 Hygienische Überbesorgtheit

Von uns selbst verursachte schlechte Umweltfaktoren sowie die schon fortgeschrittene Entfremdung von der Natur bewirken übermäßige hygienische Bedürfnisse, die nicht mehr ein Maß für die Gesunderhaltung sind, uns vielmehr noch weiter von der Natur entfernen (Erde ist schmutzig, Regenwürmer und Spinnen sind eklig, jede Ameise muß getötet werden).

1.5 Natur wird immer mehr aus "unnatürlicher Sicht" betrachtet

Der schnelle Landschaftswechsel aus dem Auto heraus bzw. die technischen Möglichkeiten des Fernsehens (Zeitraffung, Nahaufnahmen) machen einen normalen Spaziergang durch die Landschaft langweilig. Besondere Höhepunkte werden von außen hereingeholt (Fußball für Kinder, Erlebnisplätze...)

1.6 Von Gefahren entfernt

Letztendlich haben wir uns nicht nur von den Schönheiten der Natur, von Ihren Rhythmen entfernt, sondern als Folge davon auch von ihren Gefahren (Gewitter, Sturm).

Verlorengegangene Erfahrungen, die niemals jemand lernen mußte, verlorengegangenes Wissen müssen heute den Heranwachsenden wieder beigebracht werden. Müssen? Ist das nicht der "Lauf der Zeit", der "Fortschritt", alles andere nur ein nostalgisches "Zurück zur Natur"?

Möglichkeiten des Entgegenwirkens

Ökopädagogen (z.B. de Haan, Göpfert, Kalff) sind sich einig über ein Dreieck von Erfahrung, Wissen und Handeln, das Umwelterziehung erfolgreich machen kann.

Fußend auf Pestalozzi spricht Kalff von einer Herz/Hand/Kopf-Pädagogik (2). Herz: Liebe wecken (Betroffenheit, Sinnes- und Wahrnehmensschulung), Hand: Liebe üben (Handeln lernen), Kopf: Liebe reflektieren (Zusammenhänge erkennen). Alle Ecken des Dreieckes sind wichtig, in Abhängigkeit voneinander.

Am wenigsten Probleme scheinen wir mit dem Kopf zu haben. Abrufbares Wissen ist oft da, auch wenn der Praxisbezug fehlt (siehe Eingangsbeispiel Kiefer).

Hand: Dazu gehören gemeinsame Aktionen, aber noch mehr das wenig spektakuläre umweltfreundliche Handeln im Alltag. Untersuchungen zum Verhältnis Wissen/Handeln haben gezeigt, daß Verhaltensänderungen vor allem dann zu erwarten sind, wenn diese sich "rechnen". Daneben haben auch andere Faktoren einen Einfluß: Menschen auf dem Land, solche, die früher auf dem Land gelebt haben, ältere Menschen (in unserem Sinn: Menschen, die sich noch nicht so weit von der Natur entfernt haben) verhalten sich unabhängig von ihrem Bildungsniveau umweltfreundlicher als andere.

Wesentlich für den Herz-Teil ist die Beziehung, die aus zwei Teilen Partner macht, Natur und Mensch. Eine Beziehung kann nur unter Einbindung aller Sinne gestiftet werden, d.h. die Phänomene der Natur (ob Baum, Gras, Stein oder Wasser) muss ich sehen, riechen, schmecken, hören, fühlen (unter den Füßen, mit den Händen, Äste und Regen im Gesicht) können. Dazu gibt es jede Menge Wahr-nehmungsübungen und Naturerfahrungsspiele.

Ohne eine tiefe Beziehung zur Natur, zu der wir ja schließlich auch selbst gehören, kommen wir aus dem Teufelskreis - Entfremdung - weniger Beziehung zur Natur - immer rücksichtsloser - Notwendigkeit immer drastischerer Schutzvorschriften - nicht heraus.

Im Zusammenhang zum Nationalpark Sächsische Schweiz bzw. auch zur diesbezüglichen Wegediskussion ergeben sich folgende Gedanken:

1. Auch hier sollten genügend Möglichkeiten zur Naturerfahrung mit allen Sinnen zugelassen werden (z.B. Wege ohne Befestigung, die Erlaubnis, in Flächen ohne größere Erosionsgefahr durch den Wald stromern zu können, Mischwege, die in sensiblen Gebieten befestigt sind, sich dann wieder öffnen). Positive Auswirkungen (im Zusammenklang vieler Maßnahmen aller Bildungs- und Erziehungsträger oder auch Anreize des Gesetzgebers zur Lebensstiländerung) könnten sich einstellen:

2. Wesentliche Handlungsmöglichkeiten sehe ich gar nicht im Nationalpark selbst, sondern in den Städten und deren Umgebung. Das Elbsandsteingebirge scheint ein Fluchtweg aus der Unwirtlichkeit der eigenen Wohnumgebung zu sein, deshalb:

Abschließend noch ein Text, in dem Waltraud Richter ihre tiefe Verbundenheit zur Natur ausdrückt, die im Gegensatz zum "sauberen" Umweltschutz steht:

"Noch unter der harten Kruste des überforenen Bodens spüre ich die lebendige Erde, spüre den fruchtbaren Mutterschoß, aus dessen Tiefe Hartes und Weiches, Steine und Leben, Gesetz und Liebe geboren werden wollen.

Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wird der Restmüll aus den Haushalten umweltfreundlich entsorgt. Mit einer effektiven Untergrundabdichtung können keine Schadstoffe mehr in den Boden gelangen.

Ich will nicht, daß der mütterlichen Erde Wackersteine statt des neuen Lebens in den Leib genäht werden. Und kann es doch nicht ändern."

Dr. Hannelore Frank
Quellen:
  1. Dr. Sigrid Lechner-Knecht: Kommt und erlebt die Wunderwelt des Waldes. Ulmer Verlag 1990, S.9
  2. Michael Kalff: Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik. Ulmer Verlag 1993, S. 34