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Liebe LeserInnen

...und plötzlich war Himmelfahrt!

Feiertag, herrliches Wetter, Mama korrigiert Mathe-Abitur, die Kinder wollen schon lange mal auf dem Amselsee paddeln, also los! Heute geht unser Umweltbewußtsein mit uns durch: anstatt uns in den Stau auf der 172 zu stellen, greift Papa siegesbewußt zum S-Fahrplan. Alles kein Problem: an Sonn-und Feiertagen fährt sogar noch ein Zug mehr außerhalb des Halbstundentaktes.

Auf dem Niedersedlitzer Holzbahnsteig (ich geb´s ja zu: an der Strecke wurde wochentags gebaut) herrscht Hochstimmung: Herrentags-Handwagenzieher, Fahrradclubs, Freunde auf dem Weg in die Felsenbühne - solch ein Gewimmel möcht ich sehen!

Besagte Stimmung kühlt sich ein wenig ab, als im 10min verspäteten Zug nur etwa die Hälfte der Anwesenden verschwindet. Die Kinder (5 und 6 Jahre) lassen sich mit Geschichten-Vorlesen besänftigen... Als der Nicht-Takt-Zug erst zur planmäßigen Abfahrtzeit des nächsten Takt-Zuges kommt und wieder nur ein paar wenige Wanderer ohne uns mitnimmt, geben wir gefrustet auf und fahren mit dem Auto nach Kreischa auf den Spielplatz.

Liebe S-Bahn!

am 9. Mai 2002 ist wieder Himmelfahrt. Ich sag´s jetzt schon mal, weil wir wieder nicht im Stau stehen wollen.

Rainer Fabianski, Dresden

Lust auf mehr Natur

Wenn es mich „Quasi-Randstädter“ Dresdens aus meinem Wahlheimatdorf Kleinopitz in der Nähe „Sachsens schönsten Waldes“ (dem Tharandter Forst) aus dem Haus zieht, dann mache ich mich ab und zu auf den Weg in die Sächsische Schweiz. Und zwar in deren rechtselbischen Teil, d.h. den Nationalpark. Das mag unter anderem an jenem freundlich-unwirklichen Mädchen auf dem Werbeplakat liegen, welches mir täglich auf dem Dresdener Hauptbahnhof die Frage stellt: „Lust auf mehr Natur?“ Spontan sage ich mir und ihr dann immer „Ja, klar!“, und das nicht nur, weil mein Haustürwald zwar vorgeblich „der schönste“, aber auch der aufgeräumteste Sachsens ist. Und das deckt sich nun mal nicht für jedermann.

Das Nationalparkprogramm habe ich gelesen. Ich kann mit vielen modernen Vorstellungen von Waldökologie etwas anfangen, und ich sehe unsere globale Verantwortung. Es erscheint mir überaus wichtig, daß es eigendynamische Wälder nicht nur in den Tropen geben soll, sondern auch in Mitteleuropa. Diese in ihren Resten zu schützen oder neu zu schaffen halte ich für ehrlicher, als von Seiten der Forstwirtschaft immer wieder nur auf jenen Anteil an Kohlendioxid zu verweisen, der in der überirdischen Holzmasse der Bäume festgelegt wird und abgeerntet werden soll.

Gefällte Altbuchen am Kuhstall

Mit solchen Gedanken war ich daher bisher immer der Ansicht, daß es gerade jenseits von Bad Schandau am ehesten in jene Richtung gehen dürfte, wie ich Natur verstehe: mosaikartig, dynamisch, ungeschönt, faszinierend, nicht uniform, überraschend, anregend zu Selbstbesinnung und Körpergefühl, neu.

In den letzten Tagen mußte ich da allerdings einiges revidieren: im Winterberggebiet, am Kuhstall ...

Was sich dort dem nicht mal allzu aufmerksamen Blick bietet, erinnert mich stark an die forstliche Vorgehensweise vor der Einführung des sog. ´Naturnahen Waldbaues´.

Denn was da momentan passiert, hat mit „Lust auf mehr Natur“, mit dem Bundesnaturschutzgesetz und mit dem Nationalparkgedanken nichts mehr zu tun, nicht einmal mit guter fachlicher Praxis: Brennholzaufbereitung, Fällung alter bruthöhlenreicher Buchen während der Vegetationsphase, der touristischen Hauptsaison und der Reproduktionszeit der heimischen Schläfer! Groß angelegte und in meinen Augen völlig willkürliche „Verkehrssicherungen“ (gelbes Band und die Aufschrift „VS“ an Bäumen mit geringfügigen Rückeschäden [durch den Forst!]), gehen einher mit der Freistellung und Sonnenexposition weiter abseits liegender Rotbuchen, was viel eher zu deren tatsächlicher Gefährdung führen könnte.

Linkselbisch, z.B. am Königsteiner Festungsberg, scheinen die Bäume dagegen allgemein stabiler zu sein, muß man diesen auf den Nationalpark konzentrierten Aktionen entnehmen. Und es würde mich interessieren, ob überhaupt Lebewesen, die gut dreimal so alt geworden sind wie ihre derzeitigen Beseitiger, ausgerechnet in diesem Sommer so hinfällig werden können, daß man sich genötigt sieht, sie bei voller Belaubung umzuziehen! Werden wenigstens die entsprechenden angeblich so morschen Stämme im nachhinein untersucht, um dafür Kategorien zu erhalten?

Was macht eigentlich einen Nationalpark aus, in dem der Wald eine große Rolle spielt?

Was unterscheidet ihn von fraglos unverzichtbaren Nutzwäldern (an denen man unter anderem Blickwinkel durchaus auch unsere Abhängigkeit von den Gaben der Natur lernen kann), wenn nun auch in solchen international geregelten Schutzgebieten einige Baumarten nicht mehr über ihre sog. „Optimalphase“ hinauswachsen dürfen, wenn sich kein Kreislauf von Werden und Vergehen einstellen darf?

Und wo ist man in einem Wald generell und speziell in der überaus stark erschlossenen Tourismusregion Sächsische Schweiz eigentlich nicht irgendwie potentiell gefährdet? Durch einen herabfallenden Fichtenzapfen, Ast oder auch ganzen Baum? Sollte man nicht auch vorsichtshalber oder sogar in erster Linie die erodierenden Felsen schleifen und Stolperwurzeln roden?

Kann es sein, dass Naturschutz demnächst Schutz des Menschen vor Natur bedeutet? Oder Schutz einer Natur irgendwie definierter erster Güte vor einer solchen minderer Güte? Ist er vielleicht überhaupt nur noch plakatives und beliebig auslegbares Alibi für die eine oder andere Interessengruppe?

Dynamik existiert nicht nur am Winterberg, sondern auch in unseren Köpfen. Weil wir sie aber scheinbar nicht mehr zulassen wollen, stutzen, fällen und sichern wir auch einige ihrer äußeren Entsprechungen: die Bäume in unserer Umgebung!

Früher wurde unter alten Baumindividuen getanzt, gerichtet, geboren, das Vieh und Geheimnisse gehütet. Man hatte Achtung vor Lebewesen, die über das eigene Dasein hinausreichen. Im Mittelalter existierten martialische Strafen für jeden „Baumfrevel“.

Die Romantik, auf die sich noch heute so viele unserer Naturwahrnehmungen und -auffassungen beziehen, ereignete sich dann trotz ihrer Sehnsucht nach Symmetrie, Ganzheit und Spiritualität vor allem als Entrückung. Damit kam es vor, daß beispielsweise Wilhelm Müller und Franz Schubert glaubten, in die Borke eines Lindenbaumes am Brunnen vor dem Tore „so manches liebe Wort“ schneiden zu können.

Heute nehmen wir Farbe dafür und gelbe Bänder, und die Worte sind gar nicht mehr so lieb und eher Kürzel: „VS“ (Verkehrssicherung)! Eventuell umfallende Bäume (Auf deren Gefahr ich hier nicht eingehen möchte. Dazu lese man beispielsweise die aufschlußreichen Ausführungen des Biomechanikers Prof. Claus Mattheck nach.) haben wir in unserer Gesellschaft offensichtlich in eine Kategorie sortiert mit saurer Milch und altem Brot: „Muss weg!“. Wir haben das Zuschauen verlernt. Die Kernzone eines Nationalparkes könnte dazu dienen, solche Haltungen zu überprüfen. Aber dazu bedarf es dort einer Natur, die sich vom bis dato Gewohnten deutlich unterscheidet!

Wildnis muß erreichbar und betretbar sein, aber warum sollte sie risikofreier, wahrnehmungsentlastender und geradezu langweiliger sein als die Straßenkreuzung am Pirnaischen Platz in Dresden? Naturschutz ist unter anderem Schutz frei sukzessierender, dynamischer Natur vor dem versiegelnden, dekorierenden, vernutzenden Menschen, nicht vor dem sich erholenden, beobachtenden, forschenden, meditierenden, wieder Heimat findenden.

In diesem Sinne, liebe Forstpartie: Seht Euch noch mal die verbliebenen Bäume am Winterberg und Kuhstall in Ruhe an. Setzt Euch in ihren einladenden Schatten! Meßt meinethalben mit Resistographen, Fractometern, Zuwachsbohrern usw., aber vor allem: Habt acht Eurer selbst! Und das meine ich am wenigsten in Anbetracht der überaus geringen Möglichkeit, daß sie ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt umfallen könnten!

René Schubert, Kleinopitz – August 2001

Die Redaktion hat sich zum Thema des Leserbriefes von René Schubert und zur Problematik des Umgehens mit den Altbuchenbeständen sowohl an die Forst- als auch an die Nationalparkverwaltung gewandt. Zu dem wichtigen Thema haben wir beide Verwaltungen gebeten, für unsere Zeitschrift eine fachliche Stellungnahme zu schreiben (siehe nebenstehende Seite).



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