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Waldinneres

Versuch eines Plädoyers für einen Naturschutz mit dem Menschen im elften Jahre des Bestehens des Nationalparkes Sächsische Schweiz

Ein Beitrag von Rolf Böhm, Bad Schandau

Der Wald

Wenn wir Kunde aus alten Zeiten erhalten, dann mehr noch als aus den Geschichtsbüchern, aus unseren Märchen. Es sind die Märchen, die vor allem vom Wald künden. Unendlicher unermeßlicher Wald war einst alles. Vor allem aber Bedrohung und Gefahr. Kaum ein Märchen ohne Todesdrohungen im Wald: durch den Wolf, die Hexe, die Stiefmutter, den Zwerg, den Zauberer, die Räuber. Todesdrohungen allerdings, die überwunden werden. Märchen enden mit glücklicher Rückkehr in die Hütte, das Haus, das Dorf, die Stadt, das Schloß.

So erfahren wir aus den Märchen von dem Weg, den wir selbst gegangen sind. Vor unserem eigenen Leben. Meist zu Beginn unseres eigenen Lebens. Im Wald haben nicht nur die Bäume ihre Wurzeln. Im Wald wurzeln wir selbst.

Was ist aber aus dem alten Wald geworden? Der Mensch hat die Landschaft in Anspruch genommen. Wald ist heute Ackerland, Weidefläche, Siedlung, Gewerbegebiet, Rasenfläche, Parkplatz, Streuobstwiese, manchmal auch noch Forst, den wir oft noch für Wald halten.

Prometheus hat den Tod in der Wildnis überwunden. Es gibt keine Zauberer, Hexen und Räuber mehr. Den Wolf können wir uns im Zookäfig ansehen. Unser Leben heißt Auto, Computer, Wind- oder Atomstrom aus der Steckdose, linksdrehende Milchsäure und Pizza aus der Tiefkühltruhe.

Glücklich ist Prometheus aber nicht geworden. Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft eine nie gekannte Kraft und die Wirtschaft einen nie erlahmenden Antrieb gegeben haben, ist von einer Verheißung zur Drohung geworden [2].

Nicht die Natur – unser eigenes Sein erscheint oftmals durch Technik und Zivilisation mehr bedroht als gefördert, und dann wünschen wir der Natur den Schutz, dessen wir eigentlich selbst bedürfen: Den Schutz der Natur vor dem Menschen. Und dann wünschen wir uns den alten Märchenwald zurück.

Vielleicht war dies ein Grund, warum viele Menschen, die das Elbsandsteingebirge kennen und lieben, die hier leben, wohnen, wandern und sich hier erholen die Gründung des Nationalparks Sächsische Schweiz im Jahr 1991 uneingeschränkt begrüßt haben. Auch wenn der Nationalpark gar nicht von Ihnen und ohne ihr Mittun begründet wurde.

10 Jahre Nationalpark

Etwas mehr als zehn Jahre sind seitdem vergangen. Für die beiden relativ kleinen Nationalparkteile war anfangs wohl noch eine gewisse Vergrößerung vorgesehen gewesen. Davon ist heute kaum noch die Rede, man ist vorsichtig geworden.

Die letzten drei Jahre waren von einer heftigen und kontroversen Diskussion um das Wanderwegenetz im Nationalpark begleitet. Einstweilen scheint ein Kompromiß gefunden, der ein gewisses, wenn auch nicht in allen Nuancen stabiles Gleichgewicht darstellt.

Zur Zeit bewegt eine vorgesehene Novelle der Nationalparkverordnung die Gemüter. In den Gaststätten des Kirnitzschtales wenden sich die Wirte mit Unterschriftslisten gegen eine befürchtete Zerstörung der Kulturlandschaft durch Naturschutzmaßnahmen. Sie treten Konzeptionen entgegen, die Talauen teilweise zuwachsen zu lassen oder den Längs- und Querverbau der Kirnitzsch längerfristig zu entfernen.

Es gibt Zeichen, die darauf hindeuten, daß auch der Nationalpark Sächsische Schweiz von einer Verheißung zu einer Bedrohung der Menschen geworden ist.

Entflechtung …

Mit dem Nationalpark hielt das Instrument der Besucherlenkung [1] verstärkt Einzug in die Sächsische Schweiz. Das Nationalparkprogramm Sächsische Schweiz [3] versteht unter Besucherlenkung die Beschränkung des Besucherverkehrs auf markierte Wege und Steige, sowie Forststraßen. Im Laufe der Zeit hat hier eine gewisse Differenzierung stattgefunden.

Ziel der Besucherlenkung ist die räumlich-zeitliche „Entflechtung“ von Naturschutz und Erholungsnutzung.

Die Entflechtung wird deshalb für erforderlich erachtet, weil Erholung und Naturschutz auf gleicher Fläche für nicht vereinbar gehalten werden. Wandern wird grundsätzlich als Störung aufgefaßt, die die Natur mit Lärm, Müll, Verunreinigung und Trittschäden negativ beeinflußt. Mitunter wird bereits die bloße Anwesenheit eines Menschen in einem Gebiet als Störung empfunden.

Hauptmotiv für den Wanderer, der Lenkung zu folgen, soll dabei „Akzeptanz“ aus Einsicht und „Naturverständnis“ sein. An Einschränkungen „habe er sich zu gewöhnen“. Vielen Wanderern erscheint die Besucherlenkung als System von Sperrungen und Verboten.

Die Besucherlenkung ist übrigens nicht notwendig mit der Schutzgebietskategorie Nationalpark verbunden. Mit [4] liegt ein Besucherlenkungskonzept für die Südeifel vor, die lediglich Naturpark ist. Auch hier erfolgt ausgehend von einer „kritischen Überprüfung des Wanderwegenetzes“ über die Diagnose einer „nach Meinung der Naturparkverwaltung sehr dichten Ausstattung mit Wanderinfrastruktur“ eine „Neustrukturierung“ mit verschiedenen ,Reduktionsszenarien‘.

Entflechtung heißt Trennung von Naturschutz und Fremdenverkehr. Publiziert wird z.B. von Barth [1] einerseits eine Art „Rummelzone“, mit umzäunten Holzbalkenwegen und Knüppeldämmen für völlig naturentfremdete Erholungssuchende unter weitgehender Aufgabe der Naturschutzabsicht. Das Gegenstück bilden Totalreservate, Tabuzonen, Kernzonen und Sperrgebiete, die dem Wanderer wertvolles Naturerleben vorenthalten. Der Soziologe spricht vom „Verbleib der Touristen in sekundären künstlichen touristischen Subsystemen“ [6].

Der Naturschutz begründet seine Maßnahmen mit der Notwendigkeit des Schutzes der Natur vor der Schädigung durch Menschen.

In diesem Argument liegt geradezu eine Tragik. Mit der Aussperrung des Menschen aus der „noch intakten Natur“ wird die Einsicht der Menschen in die Tatsache, daß die Natur möglicherweise tatsächlich durch den Menschen bedroht ist, geradezu blockiert.

Es ist tragisch, daß der Besucher, der ja oftmals erst durch die Verheißung der „noch unberührten Natur“ durch den Naturschutz aus seiner künstlichen, entfremdeten Welt in einen Nationalpark gelockt wird, dann angekommen feststellen muß, daß er dort in einem ebenso künstlichen „sekundären touristischen Subsystem“ [6] gehalten wird.

Im Nationalparkhaus von Bad Schandau wird gerade ein künstlicher Felsen aus Schaumpolystyrol und Glasfaserver-bundwerkstoff errichtet ...

… oder Verflochtensein bewahren

„Entflechten“ ist Auftrennen von etwas Verflochtenem. Das Ziel der „Entflechtung“ impliziert ein vorangegangenes Verflochtensein der zu schützenden Natur mit dem in ihr Erholung suchenden Menschen.

„Verflochten sein“ kann Verschiedenes bedeuten. Es gibt Geflechte wie etwa das Draht- oder Papiergeflecht, bestehend aus Drähten oder Streifen von Material, die sich jederzeit wieder auseinander trennen, eben entflechten lassen. Entflechtung ist dann eine Art Demontage. Anschließend kann man wieder zusammenflechten.

Es gibt aber auch das Wurzelgeflecht, welches etwas Gewachsenes darstellt. Auch dieses läßt sich in einzelne Wurzelfäden und -fasern auseinander trennen. Das Geflecht wird dabei zerstört. Die Wiederherstellung eines „entflochtenen“ Wurzelgeflechtes ist nicht mehr möglich.

Das Gegenteil des Entflechtens ist eigentlich nicht das Verflechten. Sondern eher das Bewahren des Verflochtenen.

Der Wanderer, der die Natur sucht und der Naturschützer mit Verständnis für den Wanderer haben viele Wesensgemeinsamkeiten. Wanderfremdenverkehr und Naturschutz sind genauso miteinander verflochten, wie es der Mensch mit der Natur ist.

Naturschutz ohne den Menschen …

Leitsätze wie „Natur Natur sein lassen“, „Schutz der Natur vor dem Menschen“, „Naturschutz als Anwalt der Natur“ künden natürlich von einem Naturschutz ohne den Menschen.

Die Natur soll möglichst sich selbst überlassen bleiben, alle Prozesse sollen natürlich ablaufen. So wird sich die Landschaft zu „Wildnis“ zurückentwickeln, Endziel ist ein artenreicher Urwald, der der ursprünglichen Vegetation möglichst nahe kommt.

Grundsätzlich ist dieser Ansatz sicher richtig. Im Detail gibt es allerdings Widersprüche, auf die bereits vor Jahren Peter Hildebrand aufmerksam machte.

Weite Waldgebiete auch der Kernzone bilden gleichaltrige Kiefern- und Fichtenmonokulturen, die gewiß noch bis zum Tod unserer Urenkel dominieren werden. Die Wiederherstellung einer Vegetation mit Urwaldcharakter durch natürliche Baum-Generationsfolge dauert mehrere Jahrhunderte. Ursprünglich gab es hier viel mehr Tannen, Eichen und Buchen. Deren gezielte Anpflanzung kollidiert aber mit dem Prinzip „Natur Natur sein lassen“. In den Talauen keine Wiesen mehr zu mähen, hieße, deren Artenvielfalt zugunsten von Brennessel und rosablühendem Drüsischem Springkraut aufzugeben. Letzteres ist aber keinesfalls ursprüngliche Vegetation, sondern eine 1911 aus Indien eingebürgerte Zierpflanze. Beide verdrängen gemeinsam manch andere geschützte Art. Der Ruf nach Selbstlauf, Rückkehr und Artenreichtum schließen sich also zumindest teilweise wechselseitig aus.

… oder Naturschutz mit dem Menschen

Anderseits gibt es anderslautende Stimmen wie den Greifswalder Fremdenverkehrsgeographen Prof. Benthien, der eine „anti-anthropozentrische Welle“ im gegenwärtigen Naturschutz beklagt [7].

Anthropozentrische Naturschutzarbeit kann den Menschen verschiedenfältig einbeziehen. Zunächst als einen willkommenen Besucher, für den die Natur, der Nationalpark da ist. Dies hieße, ihn nicht weiter in der Sündenbockrolle eines Störers, Beunruhigers, Massentouristen oder Belehrungsadressaten zu halten. Ein anderes wäre der Platz des Menschen als aktiv Handelnder, dem dort, wo es sinnvoll und erforderlich erscheint, durchaus Rechte eingeräumt werden, die Natur zu pflegen und behutsam in sie einzugreifen.

Naturschutz mit dem Menschen hat auf jeden Fall den Vorteil, daß er mit weitgehend mehr Akzeptanz rechnen kann.

Der Ansatz „Naturschutz ohne den Menschen“ versucht, den Menschen aus der (vermeintlichen) Natur herauszuschützen. Aufgabe eines Ansatzes „Naturschutz mit dem Menschen“ wäre es, ihn in diese zu integrieren, die Natur zu erschließen und sein Sein in der Natur zu ermöglichen.

Darüber hinaus aber noch ein Weiteres: Der Weg ohne den Menschen trennt den Menschen quasi als passiven Natur-Konsumenten auch von seiner Verantwortung in der Natur ab. Diesen Weg säumen Gebot und Verbot, Antrag und Erlaubnis, Belehrung, Abstrafung und Bevormundung.

Ein Naturschutz mit dem Menschen überträgt diesem Verantwortung, bezieht ihn ein, läßt ihn als Naturfreund, Wanderer, Mitglied in einem Verein, Partner im Vertragsnaturschutz o. ä. selbst wahrnehmen, erkennen, werten und entscheiden.

Ausschließender Naturschutz …

Naturschutz ist an sich nichts Neues. Seit Jahrzehnten gibt es mit den Naturschutzgebieten eine Schutzkategorie, in denen die Inanspruchnahme der Landschaft für den Naturschutz Vorrang vor allen anderen Nutzungsarten der Landschaft hat, diese also grundsätzlich ausschließt.

Die meisten NSG sind kleiner als ½ km². Hauptsächlich wegen ihrer geringen Fläche ist der Ausschluß anderer Nutzungen meist unproblematisch. Insgesamt gibt es in Deutschland knapp 6000 NSG, die zusammen etwa 2,5 % der Fläche der Bundesrepublik einnehmen [5].

Traditionell gibt es in den NSG durchaus Wegegebote und Wegeverbote. Wegsperrungen betreffen aber gewöhnlich Einzelwege. Sie werden meist nachvollziehbar begründet und akzeptiert, wie z. B. die Sperrung des Dachsenhälters wegen des Uhus. Gewöhnlich gibt es Alternativwege. Landschaftsteile werden weder unzugänglich, noch größere Wegenetze ausgedünnt. Es findet bestenfalls eine Besucherlenkung in Ansätzen statt, die nicht als solche empfunden wird.

Neben dem Naturschutz werden mitunter andere Nutzungen akzeptiert. So erfolgte z. B. der Neubau des Basteihotels inmitten des alten NSG Bastei vor etwa 20 Jahren. Forstwirtschaftliche Nutzung war mit Naturschutz in den alten NSG häufig vereinbar, so z. B. auch im alten NSG Großer Winterberg/Zschand.

Mit dem Bayerischen Wald wurde vor über 20 Jahren erstmals ein Nationalpark in Deutschland ins Leben gerufen. Seitdem hat sich das „Modell Nationalpark“ in Deutschland ausgezeichnet entwickelt. Bisher sind 12 weitere dieser Großschutzgebiete entstanden.

Eine andere Aktivität ist die Umsetzung der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie im Rahmen des sogenannten Natura-2000-Programmes der Europäischen Union. Diese strebt die Vernetzung von Schutzgebieten an. V.Treuenfels [5] zitiert Angaben, denen zufolge es wünschenswert wäre, auf 10 % oder auch 15 % der Landesfläche der Bundesrepublik dem Naturschutz „absoluten Vorrang“ einzuräumen. Dies entspricht ungefähr 50.000 km² oder etwa der zwei- bis dreifachen Fläche des Freistaates Sachsen.

Damit nehmen die Naturschutzflächen allerdings einen bisher völlig unbekannten Umfang an. Eine mehr oder weniger schematische Übernahme des vom alten NSG gewohnten Ausschließlichkeitsanspruches muß fast zwangsläufig vielfältige Interessenkollisionen provozieren.

Offenbar sind hier Alternativen dringend gefragt.

... oder Naturschutz gemeinsam mit Erholungsnutzung

In der Geographie und Flächennutzungsplanung werden verschiedene Formen der Inanspruchnahme der Landschaft unterschieden, z.B. Siedlung, Verkehr, Landwirtschaft, Gewerbe, Forstwirtschaft, Naturschutz, Erholung, Wasserwirtschaft. Nutzungsarten können sich wechselseitig ausschließen (z. B. Landwirtschaft und Forstwirtschaft), sie können aber auch einander Vorteile bringen (z. B. Nutzung einer Talsperre zur Energiegewinnung, zum Hochwasserschutz und zur Erholung, Nutzung eines Waldes für Forst und Jagd).

Korrespondierende Nutzungen sind nicht immer möglich. Im dichtbesiedelten flächenarmen Mitteleuropa sollten sie aber immer, wenn sie möglich sind, angestrebt werden. Die Inanspruchnahme der Landschaft für Erholungszwecke, insbesondere für den Wanderfremdenverkehr, ist wie kaum eine andere Nutzung mit fast allen anderen Nutzungsarten vereinbar.

Die Sächsische Schweiz, ein Modell ?

Der Nationalpark Elbaue wurde gerichtlich verboten, aus dem Oderbruch dringen Proteste gegen das Schlitzen der Deiche zu uns, Krabbenfischer wehren sich gegen die Ausweitung des Nationalparkes Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, Bergsteiger werden aus Frankenjura und Donautal herausgeschützt, auf dem Brocken gibt es Probleme und die Peitzer Karpfenfischer fordern die Herausnahme ihrer Teiche aus den FFH-Meldebögen.

Verglichen damit erscheinen die Kontroversen in unserem Nationalpark gering. Mit gewissen einzelnen Wegsperrungen können viele Wanderer notdürftig leben. Die Proteste der Wirte des Kirnitzschtales haben inzwischen zu ersten Gesprächen geführt. Über die Renaturierung der Hinterdittersbacher Kirnitzschwiesen scheint noch nicht das letzte Wort gesprochen.

„Nicht aussperren, sondern einbeziehen muß die Devise lauten“ schreibt Carl-Albrecht von Treuenfels, der Präsident des Vorstandes der Umweltstiftung WWF in der F.A.Z. vom 7. Oktober 2000. Es sind fast die gleichen Worte, mit denen der Wirt des Berghofes Lichtenhain, Klaus Schäfer, vor drei Jahren gegen den angedachten Abriß der Häntzschelstiege protestierte.

Kaum in einer deutschen Erholungslandschaft sind Naturschutz und Erholung so stark und auf so kleiner Fläche konzentriert, wie in unserem kleinen Nationalpark.

Dies ist eigentlich auch eine Chance und eine Herausforderung. In den Wäldern der Sächsischen Schweiz wird Erholung und Forstwirtschaft seit Generationen auf gleicher Fläche gemeinsam betrieben. Die Wanderer grüßen den Förster und der Förster ist auch lieber Waldbauer in einer wundervollen Erholungslandschaft, statt Holz-Zuwachsprozente-Zähler am Computer.

Wir brauchen den Naturschutz, er ist uns allen herzlich willkommen. Aber bitte kein Naturschutz, um „Natur um der Natur Willen Natur sein zu lassen“, der uns Menschen als Störer und auffaßt, entmündigt und ausgrenzt. Vielmehr wird unsere Chance darin bestehen, Naturschutz und Erholungsnutzung auf gleicher Fläche miteinander zu verzahnen und zu vereinen. Dann lassen sich vielleicht auch andere Fragestellungen beantworten, die einer Antwort harren...

Andere Fragestellungen

Die Attraktivität einer Erholungslandschaft hängt von zahlreichen Komponenten ab [4], [7]. Unerwartete Aussichten, Fern- oder Tiefblicke, den Wechsel von klein- und weiträumigen Landschaftsbildern, von Engtal und Talaue – dies empfinden wir als landschaftlich schön und reizvoll.

Seit zehn Jahren wächst unser Wald zu. Auf der Oberen Affensteinpromenade, die einst ein wunderbarer Höhenweg war, läuft man durch Birkendickicht. – Es gibt alte Hahn-Fotografien vom Großen Bauernloch, die von der heute geschmähten Kahlschlagswirtschaft zeugen. Aber welch wundervolle Weitblicke auf das Bloßstockmassiv oder die Brosinnadel haben die Kahlschläge freigegeben. Heute ist alles hochgewachsen. – Auf dem neuen Caspar-David-Friedrich-Weg kann man zu authentischen Motiven Friedrichs von 1813 wandern. Blick aus dem Elbtal zum Lilienstein: Hinter Buschwerk gerade noch erahnbar. Blick zum Teufelsturm: Verloren wie der Chausseur im Walde.

Die Sächsische Schweiz soll attraktiver werden. Fremdenverkehr ist Wirtschaft. Ein „Bündnis für Tourismus“ soll die Besucherzahlen wesentlich erhöhen … .

Mehr Besucher sind aber auch mehr Wanderer. Mehr Wanderwege sind unerwünscht, es heißt, die Wegdichte ist bereits zu groß. Eine höhere Konzentration der Wanderer ist ebenfalls unerwünscht, das führt zu „größeren Störungen“. Bleibt eine Ausweitung des Wandergebietes, womit die Wanderer in bisherige „Ruhebereiche“ eindringen würden…

Ein anderes: Feuer im Wald – bitte nicht, das Waldgesetz. Satellitenbilder von Sibirien zeugen allerdings von ganz anderen Waldbrand-Welten in menschenleerer Natur. Der Förster berechnet Holz-Zuwachsprozente, jedes Jahr wird es etwas mehr Holz im Nationalpark. Hundert Jahre und der Brennstoffvorrat in unserem Nationalpark hat sich vervielfacht. Hier gibt es aber vor der nächsten Siedlung keinen Jenissei, an dem es nach ein paar Wochen von alleine wieder aufhört zu brennen. Der alte Gebirgsname der „Heide über Schandau“ gilt immer altem Raubbau geschuldet. Es könnte allerdings auch immer einmal gebrannt haben in unserem wasserarmen Nationalpark. Genügend dahingehende Flurnamen gibt es. „Natur Natur sein lassen“, das wird langfristig auch heißen, Waldbrandschneisen, Feuerwehrzufahrtstraßen und Hydrantenwasserleitungen anzulegen und zu unterhalten. Wie sind derartige Eingriffe aber mit dem Gedanken von der unberührten Natur zu vereinen?

Wie Märchen enden

Märchen enden glücklich. Prometheus ist allerdings nicht Schneewittchen. Er ist eine Sagengestalt, und deshalb kann er nicht das glückliche Schicksal seiner Gefährtin aus dem Märchen teilen.

Es gibt den alten Märchenwald noch. Nach wie vor. Überall in Mitteleuropa. Wir brauchen nur eine Wiese ein paar Jahre nicht hauen, eine alte Fabrik ein paar Jahrzehnte nicht nutzen: Sie werden wieder zu Wald. Zu dem Wald der dort war, bevor der Mensch kam. Ganz ohne unser Zutun. Der Wald, der uns alle hervorgebracht hat, ist mächtiger als wir. Er bedarf unseres Schutzes eigentlich nicht.

Dennoch gibt es eine große Gefahr für den Wald. Für den Wald, der in uns ist. Wenn wir nicht mehr in den Wald gehen, weil wir zu entfremdet sind oder zu entflochten, und wenn unsere Kinder nicht mehr in den Wald gehen, dann verlieren wir unsere Wurzeln. Wir wissen, was mit einem Baum passiert, wenn er seine Wurzeln verliert. Dann stirbt er.

Rolf Böhm, Bad Schandau

Literatur:

  1. Barth, W.-G.: Naturschutz: das Machbare. Praktischer Umwelt- und Naturschutz für Alle. Ein Ratgeber. Hamburg: Parey 1995.
  2. Jonas, H.: Das Prinzip Hoffnung. Suhrkamp 1984
  3. Nationalparkprogramm Nationalpark Sächsische Schweiz. Königstein: Nationalparkverwaltung 1994.
  4. Neumeyer, E.: GIS-gestütztes Wanderwegemonitoring für den Nationalpark Südeifel als Grundlage für ein Besucherlenkungskonzept. Diplomarbeit. Universität Trier, Lehrstuhl für Angewandte Geographie/Fremdenverkehrsgeographie April 2001
  5. von Treuenfels, C.-A.: Wieviel Naturschutz darf es und welcher soll es sein? Biologische Vielfalt braucht hinreichend große Räume ohne viel Störungen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. 10.2000, S. 11
  6. Reinhold, G. [Hrsg.]: Soziologielexikon. Oldenbourg: München 1991
  7. Benthien, B.: Rekreationsgeographie. Gotha: Perthes 1997.
  8. Hacker, F.: Freiheit, die sie meinen. Zürich: Ex libris 1978.


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