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Hochwasser, Elbeausbau und Staustufen

Das Hochwasser vom August hat das Leben in den elbnahen Gebieten und besonders in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz drastisch verändert. Während es in Dresden schon zumeist wieder „normal“ weitergeht und auch für die Touristen die Folgen kaum noch sichtbar sind, ist der Landkreis Sächsische Schweiz ungleich stärker betroffen. Viele Familien wohnen bis heute in Ausweichquartieren und können nicht in ihre Wohnungen zurückkehren. In Pirna öffnen zwar die ersten Geschäfte wieder, doch in Wehlen, Rathen, Königstein und Bad Schandau werden die Gäste vorwiegend mit Provisorien vorliebnehmen müssen.

Natürlich besteht die berechtigte Hoffnung, daß ab Ostern 2003 äußerlich alles wieder so ist wie es einmal war, doch bis dahin sind noch gewaltige Anstrengungen erforderlich. Die Schäden sind immens. Es stellt sich die Frage, ob die staatlichen Hilfen so wirksam und umfangreich sind, daß die Verluste der Einwohner begrenzt und Gasthäuser und Geschäfte von denselben Betreibern wie vor dem Hochwasser wieder eröffnet werden können.

Daß das Hochwasser gerade jetzt im August 2002 kam, ist sicher Zufall, genauso gut hätte es uns letztes Jahr oder in fünf Jahren treffen können. Seine Ursachen sind sehr komplex. Es als Laune der Natur darzustellen, ist aber zu simpel, ein Teil der Ursachen geht mit Sicherheit auf das Konto der Menschen, die mit ihrem Tun erheblichen Einfluß auf die komplizierten Zusammenhänge der Natur genommen haben und ohne Zweifel weiter nehmen werden. Bekannt ist z.B., daß die Erwärmung der Erdatmosphäre dazu führt, daß die Luft wesentlich mehr Feuchtigkeit zu speichern in der Lage ist, die sie dann in Form von stärkeren Niederschlägen wieder abgibt. Daß Flächenversiegelung und Flußbegradigungen zu schnellerem Wasserabfluß und damit zu größerer Kraft von Hochwasserwellen führen, bestreitet heute kaum jemand. Geringere Alt-Waldflächen, hervorgerufen durch Waldschäden im Erzgebirge, lassen die Wirkung des Waldes als Wasserspeicher und Verzögerungsfaktor für den Wasserabfluß sinken.

Haben also Umweltveränderungen doch einen Einfluß auf Naturkatastrophen wie das Hochwasser?

Viele auch in dieser Zeitschrift in den letzten 12 Jahren beleuchteten und kritisierten Umweltveränderungen dringen nicht wie eine Hochwasserkatastrophe in unser Bewußtsein, sondern geschehen eher schleichend wie die weiterhin kaum abnehmenden Waldschäden, die steigenden Schadstoffkonzentrationen, besonders der Stickoxide, durch immer höhere Kfz-Dichten, sommerliche Ozon-Spitzenwerte oder die Naturzerstörung und Flächenversiegelung durch den Straßenbau. Nicht zuletzt wurde auch bereits mehrere Male das Thema der geplanten Elbestaustufen in Böhmen und zum Elbeausbau in Sachsen bzw. Sachsen-Anhalt in Beiträgen vorgestellt. Nicht vor, sondern erst nach der Hochwasserkatastrophe kam der vorläufige Ausbaustop der Bundesregierung.

In diesem Zusammenhang war es verblüffend und erschreckend zugleich, wie in einer Diskussionsrunde des mdr-Fernsehens im Oktober 2002 die Denkstrukturen und Argumente der Vertreter der Regierung Sachsen-Anhalts zum Elbeausbau dargelegt wurden. Hier kämpft man weiter mit allen Mitteln für den Elbeausbau. Dem anwesenden Elbeausbaukritiker Dr. Ernst Paul Dörfler vom BUND wurde vom Bau- und Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre in einer Art und Weise über den Mund gefahren, die schon geeignet war, das letzte Vertrauen in die Seriosität der Politik zu verlieren. Jeder Mensch, der dieser Argumentationsweise nicht gewachsen ist, hätte sprachlos und kopfschüttelnd den Raum verlassen. Es ist Fachleuten wie Dr. Dörfler hoch anzurechnen, daß sie in Diskussionsrunden mit Politikern immer wieder ihre Argumente darlegen, obwohl sie wissen, daß ihr Widerpart rein politische Entscheidungen treffen wird, teilweise gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis.

Besonders das Argument Daehres, die Bürger sollen doch gefälligst einmal ruhig sein und Vertrauen in die Arbeit der Behörden und die demokratischen Verfahren haben, konterte Dörfler, daß die Bürger gern mitreden wollen und ein Recht darauf haben. Diese Diskussion erinnert uns sehr an die zur Autobahn A 17 vor etwa 8 Jahren. Bei einem noch so „demokratischen“ Verfahren kann durch Bestimmung der Prioritäten und deren Wichtung eine dem Entscheidungsgremium genehme Entscheidung herbeigeführt werden, ganz nach der Devise: ´Sage mir, wer das Gutachten in Auftrag gegeben hat, und ich sage Dir das Ergebnis´. Und deshalb sollten die Bürger Sachsens-Anhalts ihrer Regierung die Wichtung nicht allein überlassen.

Erfreulich, daß sich sächsische Regierung und der sächsische Umweltminister Flath eindeutig gegen die Elbestaustufen in der Böhmischen Schweiz und im Böhmischen Mittelgebirge ausgesprochen haben. Bei den Gesprächen mit den tschechischen Nachbarn sollte es kein Nachlassen geben, denn in Böhmen ist die Wirtschaftslobby stark und die Umweltbewegung erst am Anfang, Gefahren wie die Chemiefabrik in Neratovice werden verharmlost.

Aus aktuellem Anlaß haben wir in diesem Heft 19 den Themen Hochwasser, Elbeausbau und Neratovice einen Schwerpunkt gewidmet.

Dr. Peter Rölke


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