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Wanderfalkenwacht im Glasergrund

Schweißgebadet und entkräftet treffen wir am frühen Morgen an unserem Beobachtungsplatz, am Himmelfahrtsturm im Glasergrund, ein. Die Rucksäcke sind ziemlich groß und schwer, man könnte denken, wir sind hier für zwei Wochen. Bleiben und beobachten wollen wir nur am Ostersonntag und -montag.

Schon die Anreise war mit viel Hektik und schnellem Laufen zum Zug verbunden. Ein Lob an die Bahn - sie war aber auch pünktlich. Von Dresden-Zschachwitz fuhren wir bis Königstein. Im Zug wurde ein Abgleich der mitgebrachten Speisen gemacht. Wollten wir doch zwei Wochen bleiben?

Gemäßigten Schrittes ging es in Königstein zum Bus, eine erholsame und schnelle Reise ins Bielatal stand bevor. Im Verkehsplanerjargon würde man ‘optimal optimierte’ Verbindung sagen.

Sich des Rucksackes entledigt, hören wir schon die ersten Stimmen der Wanderer im Glasergrund. Deutlich können wir jedes Wort mithören. Sie kommen näher, und wir erblicken sie. Interessiert lesen die Wanderer die angebrachten Zettel. Gleich darauf folgen Diskussionen, an den Gesten erkennbar. Im Gegensatz zu manch anderen akzeptieren sie die Sperrung und wandern weiter.

Schon letztes Jahr waren wir, Michael und ich, auf Wanderfalkenwacht im Glasergrund. Damals, noch etwas unorientiert, suchten wir nach einem geeigneten Beobachtungsplatz. Da das für Wanderer und Kletterer gesperrte Gebiet relativ groß ist, suchten wir schon voriges Jahr nach einem Platz, von dem aus das gesamte Gebiet eingesehen werden konnte, mit Blick auf die Rupfplätze und das Nest des Wanderfalkenpaares. Außerdem wollten wir den Hauptzugang für Kletterer zu den gesperrten Gipfeln, der Gruppe am Klettergipfel Totenkopf, einsehen und gleichzeitig schnell am Ort des Geschehens sein, wenn Probleme auftreten. Der Platz am Klettergipfel Himmelfahrtsturm schien uns den besten Ein- und Überblick zu geben, vom Massiv dahinter hat man alle Gipfel am Totenkopf im Blick. So fanden wir den geeignetsten Platz, zudem noch sonnig.

Blick zu den Kletterfelsen um den Totenkopf

Blick zu den Kletterfelsen um den Totenkopf. Hier im Glasergrund, einem Seitental des Bielatals, brüteten 2002 die Wanderfalken.

Es wird wieder ruhiger im Glasergrund und die Situation läßt es zu, dass wir unsere Rucksäcke auspacken können. Ich nehme vorerst nur mein Fernglas, Stift und Papier und folge dem kleinen Pfad vom Himmelfahrtsturm auf das dahinter liegende Massiv. Oben angekommen, höre ich einen Wanderfalken ganz in meiner Nähe lahnen. Schnell wird das Papier und der Bleistift aus der Hosentasche gekramt, die Uhrzeit abgelesen und alles notiert. Die Notizen zum Verhalten der Vögel sind für die Nationalparkverwaltung und den SBB bestimmt.

Mit dem Fernglas blicke ich hinüber zum Falkenhorst, suche akribisch das Gebiet nach ungebetenen Eindringlingen ab. Außer dem zweiten Wanderfalken, den ich mehr als zwei Minuten beobachte und welcher keine Regung zeigt, ist nichts zu sehen. Noch ein kleiner Vermerk auf dem Zettel und ich kehre zurück zum Beobachtungsplatz. Auch Michael hat nichts Ungewöhnliches beobachtet, bisher respektieren alle die Sperrungen und die damit verbundenen Einschränkungen.

Die Zeit schreitet voran und wir nähern uns dem Mittagessen. Da der Himmelfahrtsturm nicht gesperrt ist, wird hier eifrig das nachgeholt, was gegenüber bei den Wanderfalken verboten ist. Die meisten der hier Aktiven wollten ursprünglich zu Totenkopf oder Semperhexe, erfuhren aber erst im Bielatal von der zeitlichen Sperrung. Wir Beobachter, die gerade vom Revierförster darauf hingewiesen wurden, daß auch der Himmelfahrtsturm im Einfluggebiet der Wanderfalken liegt und man sich ruhig verhalten soll, geben diese Information an jeden Kletterer weiter.

Ungestört von den Bergsteigern, kochen wir unser Mittagessen und blicken immer wieder hinüber zu dem Falkenhorst. Ab und zu wird das Eßbesteck gegen etwas zum Schreiben eingetauscht. Ausgerechnet, wenn wir essen wollen, werden die Falken sehr aktiv; lautes Lahnen und ständiges Kreisen über dem Glasergrund werden notiert. Sind ungebetene Gäste in der Nähe des Horstplatzes? Mit dem Fernglas ist nichts zu erkennen.

Die nächsten drei Kletterer stehen vor dem Verbotsschild am Wegesrand. Als sie uns bemerken, reden sie lauter, schimpfen über den Naturschutz und die Sperrung. Ihren Zorn nicht in den Griff bekommend, kommen Sie in unsere Richtung und lassen sich am nicht gesperrten Klettergipfel Bär nieder. Den Frust bekämpft ein jeder der Drei mit einer Dose Bier, abwertende Bemerkungen fallen in unsere Richtung. Da diese drei Herren schon mittleren Alters sind, habe ich mehr Verständnis von Ihnen erhofft.

Bis zum frühen Nachmittag ist es wieder erstaunlich ruhig im Falkennest. Als einzige Aktivität können wir das Rupfen einer Taube beobachten. Interessiert lugen wir durch das Fernglas, in zeitlichen Abständen fliegt immer wieder ein Fetzen Federn aus dem Rupfplatz heraus.

Wir sitzen auf dem Massiv und unterhalten uns, als ein Falke lahnend über dem Horstbereich kreist.

Michael erspäht mit dem Fernglas eine Gruppe Kletterer an der auch gesperrten Glasergrundscheibe. Ich packe meine Beglaubigung, daß wir Beobachter sind, ein. Sie soll uns im „Zweifelsfall“ Respekt verschaffen.

Schnell sind wir drüben bei der Klettergruppe. Angeblich haben sie nichts von einem Verbot gelesen.

Michael erklärt Ihnen, daß der Wanderfalke in der Sächsischen Schweiz wieder ausgewildert wurde und daß während der Brutzeit von sogenannten „Bewachern“ wie wir es sind, der Falkenhorst bewacht wird. Fühlt sich der Wanderfalke gestört, verläßt er sein Nest, um von diesem abzulenken. Dabei können die Eier oder Jungfalken auskühlen und die Brut wird zerstört. Damit es nicht soweit kommt, wenn jemand die Sperrung mißachtet, beteiligen sich auch Bergsteiger bei der Bewachung. Sinn ist die gegenseitige Akzeptanz unter Gleichen.

So verstehen auch diese Bergsteiger die Sperrung, obwohl sie doch extra aus Brandenburg angereist sind.

Mit einem Kontrollgang durch das gesperrte Gebiet setzen wir unsere Bewachung fort. Schnell und leise folgen wir dem Kletterpfad. Das Gebiet wieder verlassend, überprüfen wir noch die angebrachten Hinweisschilder. Hier muß man leider sagen, daß wohl einige ihrem Frust über das Kletterverbot freien Lauf lassen. Einige Schilder, die Martina Wobst angebracht hatte, lagen abgerissen auf dem Waldboden oder waren verkehrt herum angebracht.

Durch den recht regen Kletterbetrieb bleiben wir noch bis nach 19 Uhr am Beobachtungsplatz, notieren noch die eine oder andere Aktivität des Wanderfalkenpaares.

Unsere Rucksäcke gepackt, begeben wir uns bei untergehender Sonne auf Boofensuche.

Uwe Kretzschmar


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