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Freilichtmuseum der Bunkerlinie in der Böhmischen Schweiz

Beim Besuch der nordböhmischen Wälder stößt man auf einen Befestigungsgürtel, der im Lausitzer Gebirge und in der Böhmischen Schweiz als „Schöberlinie“ bezeichnet wurde und der der natürlichen Gebirgsgrenze Böhmens folgt. Er entstand im Zusammenhang mit der Kriegsgefahr, die vom nazistischen Reich für die Tschechoslowakei vor dem Zweiten Weltkrieg drohte.

Mit den Befestigungsarbeiten begann man im Jahre 1935. Erstmals kartierten Militärexperten in jenem Jahr das Gebiet Hoher Schneeberg – Niedergrund – Rosendorf. Die Bauarbeiten wurden im Sommer 1937 in Angriff genommen – in einzelnen Linien betonierte man mit großem Kosten- und Arbeitseinsatz Betonbunker des Modells 37. Die Bunkerlinie war beiderseits militärisch wichtiger Straßen verstärkt worden. Ein ausgeklügeltes System sich überschneidender Schußschneisen, gestaffelter Straßensperren und Artillerieleitstellen auf den Bergen ergänzten sie. Bis Ende September 1938 wurde so ein Gürtel von 9100 Bunkern rund ums Land geschaffen. Außerdem wurden 227 schwerere Festungen fertiggestellt.

Standard-Bunker der Schöberlinie, Typ 37, im Hintergrund der Hochwald

Im Elberaum von Tetschen bis Laube entstanden 10 Bunker. Die Elbebrücken bei Tetschen wurden zur Sprengung vorgesehen. Weiter in Richtung Jonsdorf folgten 19 Bunker. Auch die Brücke über den Kamnitzbach in Herrnskretschen wurde zur Sprengung bestimmt. Bis zur Grundmühle waren keine Bunker notwendig, weil die tiefe Kamnitzschlucht ein unüberwindbares Hindernis war.

Eine lückenlose Linie folgte dann von der Grundmühle bei Dittersbach bis zum Kaltenberg. Sie sicherte überwiegend gegliedertes Gelände und hatte 63 Betonbunker. Am Kaltenberg hatte die tschechische Militärverwaltung die Absicht, die Kinskysche Baude zu vermieten, um darin dreißig bis vierzig Soldaten mit ihrem Kommandanten unterzubringen. Im Mietvertrag wurde auch gleichzeitig die Sperrung des Aussichtsturmes behandelt, weil das Militär verständlicherweise kein Interesse an der Anwesenheit von Personen in diesem Raum hatte. Die notwendigen Verträge waren vorbereitet, zu ihrer Unterschrift kam es aber wegen dem schnellen Verlauf der Ereignisse nicht mehr.

Vom Kaltenberg ab ändert sich das Landschaftsrelief – die schwer überwindbaren Schluchten der Böhmischen Schweiz weichen dem offeneren Waldgelände des Lausitzer Gebirges. Eine geschlossene Bunkerlinie folgte hier über die Kreuzbuche zum Bahnhof Tannenberg und zum Schöber, wonach die Befestigungslinie ihren Namen erhielt. Bei ihrem Rückzug aus dem böhmischen Niederland 1938 sprengte das tschechische Militär in Teichstatt und Niedergrund die Brücken und auch die nach Süden führenden Schienenwege.

In den letzten Jahren kam in der Tschechischen Republik ein Interesse für Heimatgeschichte auf. Auch die Militärgeschichte wurde von Fans aufgegriffen. Zu ihnen gehört Václav Tuma aus Biela bei Bodenbach, Mitglied des Militärhistorischen Klubs Prag. Er richtete bei Windisch-Kamnitz einen Betonbunker als Freilichtmuseum ein. Man kann darin die vorgeschriebene Ausstattung dieser kleinen Festungen besichtigen – u.a. ein schweres Maschinengewehr Modell 37 und zwei leichte Maschinengewehre Modell 26. Eine Führung ist auch in deutscher Sprache möglich. Den Bunker findet man, wenn man in Windisch-Kamnitz von der Bushaltestelle „Ferdinandova soutìska“ der blauen Markierung in Richtung Philippsdorf–Böhmisch-Kamnitz folgt. Geöffnet ist bis 10.Oktober und zwar am Samstag von 10 bis 18 Uhr und am Sonntag von 9 bis 13Uhr. Bei Regenwetter ist geschlossen. Interessierte können den Verlauf der Schöberlinie auch in der neuesten Ausgabe der Wanderkarte Lužicke hory 1:50.000 finden.

Karl Stein, Decín-Bela
(nach B. Hamák: Opevnení na Decínsku (1993) u. a. Quellen)


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