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Das akute Verkrautungssyndrom

Verändert sich der Zustand unserer Felsen?

Eine widerwärtige Krankheit hat viele unserer schönen Kletterfelsen befallen – „Das akute Verkrautungssyndrom“. Sie werden grün, sie werden naß, sie lassen den kühnen Wandbezwinger einfach abrutschen. Der Erreger ist bereits diagnostiziert: Es sind die Bäume, die jetzt alle unter Naturschutz stehen. Vor allem sind es die Birken, früher als „Waldunkraut“ verschrieen, die verhindern, daß heilende Sonnenstrahlen die Felsoberfläche erreichen können. Daher nennt man diese Krankheit auch Verkrautung. Und wer ist Schuld daran? Der Nationalpark, wer sonst.

Naturfrevel ohnegleichen: Von Kletterern abgesägte Birken an Einstieg der Kletterwege an der Lilienstein-Westecke, Foto Andreas Knaak, Nationalparkverwaltung

Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man manche Diskussion im SBB-Mitteilungsblatt des Jahres 2003 zu diesem Thema liest und die Meinungen mancher gestandener Kletterer hört. Auch ohne die Leserbriefe im Mitteilungsblatt wäre ein Artikel zu diesem Thema fällig gewesen, aber nun wird etwas Aufklärung dringend notwendig.

Zum Ersten handelt es sich um eine Fehldiagnose, jedenfalls in vielen Fällen. Wir entdeckten die Grünseuche erstmals schon vor Jahren bei den Bergsportverhandlungen an einem der „großartigsten“ Gipfel der Sächsischen Schweiz überhaupt: am Hirschsuhlenturm in den Thorwalder Wänden. Kennen Sie nicht? Ich kannte ihn auch nicht. Das Gipfelplateau dieses kläglichen Häufleins aus Fels war so dicht mit dem geschützten Sumpfporst bewachsen, daß es schon wie ein Igelhaarschnitt aussah. Die Wände ringsum waren total grün. Nur Bergsteiger mit dem Sinn für die Schönheit der näheren Umgebung konnten noch auf den Gedanken kommen, sich an dieser Herausforderung zu probieren. Die Aberkennung dieser Quacke stand für niemanden von uns zur Diskussion. Dietmar Heinicke war selbst entsetzt. Bei einer Erstbegehung 1977 sei der Fels noch sauber gewesen, daran konnte er sich deutlich erinnern.

Aber wo kam dieses verflixte Grün her, zumal ringsum nur stattliche Fichten zu sehen waren, also keine „Verkrautung“? In zwanzig Jahren wachsen große Fichten nicht so dramatisch. Die Erklärung war einigermaßen überraschend: Schon in den 1960er Jahren hatte Förster Dietrich Graf erzählt, daß die Flechten und Moose wegen der zunehmenden Luftverschmutzung überall stark zurückgehen. Offiziell war das natürlich kein Thema, zumal das Wort „Umweltschutz“ zu dieser Zeit noch so gut wie nicht bekannt war, erst recht nicht in der DDR. Die sauberere Luft seit der Wende schien also die Hauptursache für die „Begrünung“ zu sein, die sich nun ihrem normalen Ausmaß zu nähern schien. Genaugenommen eine erfreuliche Tatsache – wären da nicht die gelblichen Nadeln gewesen, die Holm Riebe von der Nationalparkverwaltung gleich nebenan an jungen Fichten zeigte : „Typische Stickoxidschäden. Der eine Schadstoff (Schwefeldioxid) aus DDR-Zeiten wird nun durch einen anderen ersetzt.“ Im entlegensten Winkel des Großen Zschands kann man also die Auswirkungen des Autoverkehrs in unserer Region sehen. Nun gut, früher waren es eben nicht die Autos, sondern das Pirnaer Heizkraftwerk nebst Kunstseidenwerk.

Wie Peter Wenzel im SBB-Heft vom September 2003 schrieb, wird der Wald gewiß nicht extra für die Kletterer gepflegt werden. Wir müssen uns den Gegebenheiten anpassen, nicht umgekehrt. Es gab früher schon genügend Wege, die nur nach langen Hitzeperioden kletterbar waren. Das werden jetzt mehr werden, leider. Aber hat sich eigentlich schon einmal jemand über erhöhte Brüchigkeit, z.B. in Rathen, beschwert? Das könnte durchaus eine Spätfolge unserer alten Umweltprobleme sein, konkret des sauren Regens, der die Alaunbildung und damit die Verwitterung im Fels extrem beschleunigte. So leicht wäscht sich das alles anscheinend nicht wieder aus.

Man kann es nur arrogante Selbstgerechtigkeit nennen, wenn Bergsteiger (?) in dem Ausmaß zur Säge greifen, wie es 2003 festgestellt wurde. Einige Beispiele:

... und so weiter. Die Daten stammen aus einem Schreiben der Nationalparkverwaltung an den SBB vom 27. Juni 2003. Die folgende Passage darin ist für uns besonders interessant:

„Wenn eine potentielle Gefährdung der Kletterer durch unmittelbar am Felsen stehende Bäume besteht (z.B. bei Sturz), muß eine rasche Lösung (nach Möglichkeit Beseitigung des Gefährdungsmoments) gefunden werden. Darüber hinaus ist ein partielles Freischneiden von Einstiegsbereichen aber auch in anderen Fällen denkbar, wenn dies eindeutig zu einer sichereren Ausübung des Kletterns beiträgt, dem Schutzanliegen nicht entgegen steht und mit einem vertretbaren Aufwand verbunden ist.“ Der letzte Absatz besagt insbesondere: Wenn eine Birke an einem Einstieg wirklich stört, sollte es oft kein Problem sein, diese zu fällen – aber bitte nach Absprache.

Aus anderen Regionen Deutschlands gibt es positive Beispiele, zwar mit anderem Hintergrund, aber mit Parallelen. So werden in der Fränkischen Schweiz teils großflächige Felsfreistellungen durchgeführt, um den Charakter einer Fels-/Wiesenlandschaft zu erhalten und zu verhindern, daß durch fehlende Beweidung alles zuwächst und eine reine Waldlandschaft entsteht.

Die Bergsteiger hierzulande sollten den Gedanken des o.g. Schreibens der Nationalparkverwaltung aufnehmen und die Problematik in Kooperation mit den zuständigen Mitarbeitern, unter denen kompetente Kletterer sind, klären.

Dr. Reinhard Wobst


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