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Ausbildung auf dem Prüfstand – Klettern und Naturschutz als Gesamtaufgabe

Ich möchte einige Ausführungen zum Thema Ausbildung und Naturschutz beim Klettern in der Sächsischen Schweiz machen, einem Thema, mit dem ich seit einigen Jahren als Leiter der Arbeitsgruppe Ausbildungskonzeption des SBB beschäftigt bin. Probleme und Lösungen beschränken sich nicht nur auf das Klettern, sondern reichen in das gesamte gesellschaftliche Leben hinein. Deshalb können viele Punkte nur kurz angerissen werden.

Topropes am Kreuzberg bei Adrspach in Böhmen - macht modernes Klettern glücklicher?

Das Klettern in der Sächsischen Schweiz ist untrennbar mit dem Naturschutzgedanken verbunden. Bekannt ist die Ermahnung Rudolf Fehrmanns, der schon 1923 im Vorwort seines Kletterführers forderte, nicht zu lärmen, kein Erdreich loszutreten und keinen Unrat wegzuwerfen. Was man in ganzer Tiefe kennt, das liebt man. Und was man liebt, das schützt man, um es zu erhalten. Auf diese einfache Formel läßt sich das Engagement des Klettervolkes wohl zurückführen. Warum sonst engagieren sich so viele Kletterer in Naturschutzorganisationen? Warum sonst waren Kletterer an vorderster Front, als es um die Verhinderung des Autobahnbaus im Bielatal oder einer Bundeswehrübung an der Hunskirche ging? Warum sonst trifft man Kletterer seit Jahrzehnten nicht nur am Berg, sondern auch bei Einsätzen zur Erosionssanierung und zur jährlichen Aktion „Sauberes Gebirge“? Eine solch innige Beziehung zur Landschaft ist nicht zuletzt in den Besonderheiten des Sächsischen Kletterns begründet: verhältnismäßig lange Zustiegswege, Momente der Ruhe und Besinnung beim Nachholen auf dem Gipfel, die Auseinandersetzung mit „moralisch anspruchsvollen“ Wegen, die vielfältigen Aktivitäten der Klettergemeinschaft. All dies schafft eine tiefe Verwurzelung mit der Sächsischen Schweiz und mit dem Sächsischen Klettern – Basis für das Engagement zum Erhalt von Natur und Klettermöglichkeiten. Die Geschichte des Sächsischen Kletterns ist so auch eine über hundertjährige Geschichte der Schutzbemühungen um die Natur. Klettern und Naturschutz gehören unbedingt zusammen!

Aber – kann man diesen ersten Absatz wirklich unbesehen so stehen lassen? Kann man das auch in die Zukunft fortschreiben, was Fehrmann 1931 schrieb?: „Wo es gilt, ...die Sächsische Schweiz vor rücksichtsloser Auslieferung ihrer Schönheiten an die Interessen der Geschäftemacher zu bewahren, werden unsere Kletterer immer mit in vorderster Reihe auf dem Plan zu finden sein.“ Schließlich haben sich in der letzten Dekade tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen ergeben, die sich ebenso auf den Sport auswirken. Zu nennen wäre da eine zunehmende Ich-Bezogenheit unter den Menschen, verbunden mit einer stärkeren Flüchtigkeit sozialer Bindungen. Dies äußert sich beispielsweise in immer geringerer Bereitschaft zu ehrenamtlicher Tätigkeit.

Weiterhin hat die Wende aber nicht nur das Tor für ein vordergründiges Konsumdenken geöffnet, welches fast alles zur käuflichen Ware macht, sondern auch einen wachsenden Zeit- und Leistungsdruck mit sich gebracht. Dieser mündet sogar im neuartigen Begriff des Freizeitstresses: möglichst an vielen Orten gleichzeitig sein, sich dabei mit möglichst vielen (extremen) Sportarten beschäftigen. Strojec versucht die dabei auftretende Oberflächlichkeit plakativ wie folgt zu beschreiben: „Immer weitere Fahrten und Flüge, immer mehr Erlebnisse in kürzester Zeit, immer kürzere und bequemere Lernwege prägen eine Szene, die mitten im Grünen an der Natur vorbeihastet.1“ Wir alle sind – bewußt oder unbewußt - Teil dieser beschleunigten Gesellschaft.

Welche Tendenzen lassen sich nun am Sächsischen Klettern ausmachen? Gibt es immer mehr oder doch eher weniger Menschen, die so tief verwurzelt sind, daß sie bewußt Verantwortung übernehmen und sich aktiv für den Erhalt der Natur und die Einhaltung der Kletterregeln engagieren? Ich habe zumindest das Gefühl, daß es zu wenige sind.

In dem gerade zitierten Satz von Strojec werden ausdrücklich auch die Lernwege angesprochen. Was wäre denn schlecht an kürzeren und bequemeren Lernwegen? Oder bleibt da doch etwas auf der Strecke, beispielsweise die Vermittlung von Umweltbewußtsein und Respekt vor der Natur oder die Schulung von Willen und charakterliche Reife? Wie sieht das in der Sächsischen Schweiz aus?

Auf dem Gebiet des Zugangs zum Klettersport und der zugehörigen Ausbildung hat es da wohl die größten Veränderungen gegeben. Traditionell war der Zugang zum Klettern fast immer in gleicher Weise geregelt: Ein interessierter Anfänger wurde von erfahrenen Kletterern mitgenommen, lernte so inmitten von kleinen Gemeinschaften oder Klubs mit gemischter Altersstruktur das Klettern und das Drumherum kennen. Unbewußt übernahm dabei die Gruppe neben der Kletter- und Sicherungstechnik auch die Vermittlung sozialer Normen in Bezug auf Kletterethik und Naturschutz. Diese Komponente fehlt zum Teil bei Kletterkursen oder beim Zugang über die Kletterhallen – Zugangsformen, die immer mehr an Bedeutung gewinnen und vor allem durch Flüchtigkeit und das Vorhandensein nur informeller Bindungen auffallen.

Nur wenige Kletterkurse versuchen, auch essentielle Werte des Sächsischen Kletterns wie Verzicht oder guten Kletterstil zu vermitteln. Nach dem Kurs ist jeder wieder auf sich allein gestellt und zeigt was er gelernt hat: Nicht selten sieht man Kletteranfänger, die sich an einer 7 ein Toprope aufgebaut haben und darin „nach oben hängen“ als sei der Fels ein Stück persönliches Sportgerät. Liegt es wirklich daran, daß sie keinen anderen Weg als den AW am Gipfel vorsteigen können und keinen Vorsteiger für die 7 gefunden haben? Oder ist es eine Frage der Einstellung? Ist es vielleicht zu unbequem, sich mit einem Vorstieg auseinander zu setzen, für den es als „Lohn“ nur eine 3 oder 4 gibt – oder eben einen geeigneten Gipfel auszusuchen? Und was geht mich das eigentlich an? Jeder hat schließlich ein Recht auf freie Entfaltung! – Wenn es nicht immer mehr würden, die so vehement auf ihr Recht pochen, Griffe abzubrechen und auf Tritten herumzuscharren, die Ringe fordern statt Geduld zu üben und an ihren moralischen Qualitäten zu feilen! Wenn es nicht immer mehr würden, die den Felsen als Sportgerät betrachten und mit Begriffen wie Bescheidenheit oder Verzicht nichts anfangen können! Wenn der Sandstein nicht so weich wäre, die Hänge so empfindlich und das Gebiet mit höchstem Schutzstatus versehen!

Wir Bergsteiger müssen uns jetzt die Frage stellen: Wer werden die Leute sein, die in 10 oder 20 Jahren die Natur und damit die Grundlage für das Klettern in der Sächsischen Schweiz schützen? Der Ansatz dieser Frage wurde schon beantwortet: Es werden Menschen gebraucht, die so tief verwurzelt sind, daß sie sich für die Landschaft und das traditionelle Klettern darin engagieren; Menschen, die im Klettern keine kurzfristige Turnübung, sondern eine besondere Art zu leben sehen. Diese Menschen kann die Sächsische Schweiz verkraften, diese braucht sie!

Um die gerade beschriebenen Eigenschaften in ihrer Entwicklung zu fördern, bieten sich 2 Wege an, die in der Sächsischen Schweiz auch beschritten werden. Der erste Weg besteht in der Unterstützung des traditionellen Kletterns und der traditionellen Ausbildung. Das bedeutet, daß Anfängern und anderen Kletterwilligen der Kontakt zu erfahrenen Kletterern in Klubs o.ä. vermittelt wird. Welche Kletterklubs an Neumitgliedern interessiert sind, kann man beispielsweise in der Geschäftsstelle des Sächsischen Bergsteigerbundes erfahren. Damit sind aber die restlichen Klubs nicht aus der Pflicht genommen, die manchmal auf die neuzeitlichen „Toproper“ nur mit strikter Ablehnung reagieren. Verständnis wird aber nur erreicht, wenn man sich auf Gespräche und Erklärungen einläßt, vielleicht sogar auf gemeinsame Klettertage. Übungsleiter können die bestehenden Klubstrukturen für Ausbildung nutzen. Das verhindert ein Auseinanderlaufen der Kursteilnehmer, wie es bei anderen Kursen üblich ist.

Die Verantwortung betrifft aber auch Erstbegeher und Kletterführerautoren. Kletterwege dürfen nicht zur leicht zu konsumierenden Einheitsware werden, die letztlich das Sächsische Klettern an sich entwerten. Denn im Grunde sind es die ursprünglichen Felsen und Kletterwege selbst, die den daran kletternden Menschen den Weg in ein tieferes Verständnis der Natur und des eigenen Ichs weisen.

Der zweite Weg betrifft die Kletterkurse, geführten Touren etc. Hier müssen Defizite, die durch die einseitige Ausrichtung auf einzelne Inhalte provoziert werden, bewußt ausgeglichen werden. Die AG Ausbildungskonzeption des SBB setzt als Ausbildungsziel neben der Kletter- und Sicherungstechnik gezielt auf Wertevermittlung. Das Klettern in Seilschaften, die Orientierung auf den Vorstieg von traditionellen Wegen und die Vermittlung des historischen Rahmens sind Bestandteile einer ganzheitlichen Herangehensweise bei Kletterkursen, die Verbundenheit zur Region erzeugt.

Notwendig und bei Kursen auch akzeptiert sind Einweisungen und Belehrungen zu den Kletterregeln und Verhaltensmaßregeln. Wichtig sind dabei aber im besonderen Maße, nicht nur Regeln, sondern auch deren Begründung mitzuliefern. Dennoch kann Naturbewußtsein weniger durch Wissen als über eigene Erlebnisse und Gefühle erzeugt werden. Gerade bei Anfängerkursen besteht die Möglichkeit, das Bergerlebnis als Teil einer Naturerfahrung aufzubauen, die das reine Klettern und die gekletterte Schwierigkeit aus dem Mittelpunkt rückt. Im besonderen Maße werden Anfänger durch ihre ersten Klettererfahrungen und das Vorbild der Ausbilder dabei geprägt. Leider werden dabei auch negative Verhaltensweisen unreflektiert übernommen, denn als Anfänger hat man kaum eine Bewertungsmöglichkeit.

So wird in vielen Kletterkursen das in den Sächsischen Kletterregeln mit gutem Grund enthaltene grundsätzliche Topropeverbot nicht beachtet – was ja auch kaum möglich ist, wenn man z.B. als Ausbilder „allein mit 10 Anfängern“ unterwegs ist. Hier müssen auch spezielle organisatorische Regelungen greifen, die ein solches „Abarbeiten“ nicht zulassen und eine intensive Betreuung der Teilnehmer gewährleisten.

Ganz kurz möchte ich auch noch einmal auf das Problem des kommerziellen Kletterns eingehen. Ganz bewußt wurde bisher nicht zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Kursen, Führungen etc. unterschieden. Allzu schnell werden bei Problemen „die Kommerziellen“ vorgeschoben. Dabei wird dann vergessen, daß die kommerziell tätigen Bergsportveranstalter mit ganz unterschiedlichem Verantwortungsbewußtsein aktiv sind. Die bisher eingegangenen Beschwerden zeigen, daß ein „ehrenamtlich“ die genügende Berücksichtigung von Naturschutzbelangen nicht garantiert. Letztlich haben gerade die vor Ort ansässigen kommerziellen Anbieter ein geradezu „geschäftliches Interesse“ am Erhalt der Klettermöglichkeiten und an guten Beziehungen zu den Naturschutzbehörden. Die meisten sind auch erfahrene Kletterer und Naturliebhaber. Dennoch birgt die Existenz dieser Anbieter ein hohes Konfliktpotential, weil die Wirtschaftlichkeit zwangsläufig erste Priorität genießen muß. Der Betreuungsaufwand sollte möglichst gering sein, die Angebote müssen für die meist unbedarfte Zielgruppe jedoch irgendwie attraktiv sein! Manche Anbieter sehen eine Lösung darin, „Kick“ und „Fun“ nur zu verkaufen, dann jedoch Naturerlebnis und Naturbewußtsein zu vermitteln. Dies ist aber nur sehr bedingt möglich, denn eindeutig geschürte Erwartungen bei den Kunden kann man kaum unerfüllt lassen. Wer ein „Abenteuer“ gebucht hat, wird auf Action nicht verzichten wollen! Oft ist es so einfacher, Naturschutzregeln zu übertreten, als beispielsweise einem gut zahlenden Kunden begreiflich zu machen, daß er wegen Regen auf das Klettern verzichten soll. Einen wichtigen Punkt werden kommerzielle Kurse allerdings nie vermitteln können: wahre Freundschaft, echte Kameradschaft – das Sächsische Klettern – sind nicht käuflich! Schon deshalb werden kommerzielle Angebote die ehrenamtliche Arbeit nicht ersetzen können.

Thomas Böhmer

1 Strojec, R.: Landschaft, Naturerlebnis und die Umweltperspektive des Kanusports. In: Kanu Sport 3 (1993)



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