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Zunahme der militärischen und touristischen Tiefflüge über der Nationalpark-Region im Jahr 2004

„Wir sind hier in einem Nationalpark und nicht auf einem Truppenübungsplatz.“

Ein „klein wenig“ sind Touristen und Wanderer schon erschrocken, wenn sie nichts ahnend auf der Festung Königstein oder auf dem Lilienstein stehen, auf die Elbe hinabschauen und plötzlich gibt es ohrenbetäubende Donnerschläge. Nur mit Mühe erkennt man, daß gerade entlang des Elbbogens zwei oder drei Jagdflugzeuge mit hoher Geschwindigkeit entlangrasen. Wenige Minuten später folgt das gleich noch einmal in Gegenrichtung...

Schon 2003 hatten diese Tiefflüge verstärkt stattgefunden (siehe auch das letzte SSI-Heft 20), deshalb hatten wir im Frühjahr 2004 die Mitglieder des Sächsischen Bergsteigerbundes aufgerufen, Überflüge zu notieren und zu sammeln. Die Resonanz war ausgesprochen gut und jetzt sind wir in der Lage, erstmalig eine Übersicht mit Beispielen erstellen zu können. Ein Auszug der Meldungen ist auf den folgenden Seiten zu finden.

Was sind die Ergebnisse?

Auffällig ist bei den militärischen Übungsflügen zum einen eine Häufung in bestimmten Wochen und sogar an bestimmten Tagen. Zum anderen wird wohl prinzipiell nur wochentags und bei gutem Wetter geflogen. Besonders oft beflogen wird das Elbtal. Hier scheint man zu üben, sich vor dem Radar des Feindes zu verstecken. Dies unterstrichen Pressemeldungen u.a. in den Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) vom 1.Oktober 2004, nachdem die Bundeswehr eine Informationsveranstaltung durchgeführt hatte. Luftwaffenoffizier Hartmut Schwarm sagte gegenüber der Presse, daß man bei einem gut gerüsteten Feind in der Höhe keine Chance gegen das Radar hätte, deshalb muß man so tief wie möglich fliegen, um sich vor dem Radar zu verstecken. Und zwischen zwei Bergen wäre das perfekt möglich.

Soweit die militärischen Aspekte.

Touristen, Wanderer, Bergsteiger und Naturschützer sehen die Wertigkeit verständlicherweise anders. Sie stellen die Frage: Ist es denn gerade in einer touristisch vielbesuchten und bedeutenden Landschaft wie der Sächsischen Schweiz so unabdingbar notwendig, militärische Tiefflüge durchzuführen? Sollte eine Nationalpark-Region nicht besser ausgespart bleiben?

Inzwischen wächst der Unmut. Als am 16. September 2004 drei Tornados nacheinander von Westen durch das Elbtal schossen, sah sich sogar ein Dampferkapitän genötigt, den Gästen den Vorfall über Bordlautsprecher zu kommentieren in etwa mit den Worten: „Wir sind hier in einem Nationalpark und nicht auf einem Truppenübungsplatz.“ Beschwerdeanrufe beim „Sorgentelefon“ der Luftwaffe in Köln häuften sich.

Auch die Nationalparkverwaltung stellte im Juli eine Anzeige zu Tiefflügen am 30. Juni und am 6. Juli 2004 an das Luftwaffenamt in Köln. „... bei aller Zurückhaltung und allem Respekt gegenüber Ihren Aufgaben vermögen wir Tiefflüge in nur 500 Fuß (ca. 150m) über Grund in einem Schutzgebiet der international höchsten Schutzkategorie (Nationalpark) gegenüber Bürgern, die durch Verbote und Gebote in der Schutzgebietsverordnung belastet werden, nicht zu rechtfertigen,“ schreibt die Nationalparkbehörde. Und weiter: „Die erhaltenen Hinweise von Bürgern und eigene Beobachtungen lassen den Eindruck zu, daß mehrfach auch extreme Tiefflüge über Ortschaften und Städten der Region erfolgten und auch keine Rücksicht auf den seitlichen Abstand zu aufragenden Tafelbergen und Felsgruppen genommen wurde. ...“

In der Antwort bestätigt das Luftwaffenamt nach Prüfung die Flüge in Höhen von 500 Fuß (ca. 150 m) und 1000 Fuß (ca. 300 m). Zum Vergleich: die Elbe liegt bei Königstein ca. 115 m ü. NN, das Festungsplateau bei 360 m ü.NN und der Lilienstein bei 415 m ü.NN. Das heißt, die Kampfflugzeuge flogen ca. 265 m ü. NN, das sind ca. 100 m unter der Festungsmauer und 150 m unter dem Liliensteinplateau.

Auch Überflüge über den Kernzonen des Nationalparks gehören zur Normalität, wie Meldungen und u.a. unser Leserbrief (Seite 40) bestätigen. In einer Meldung zu Flügen am 30. Juni 2004 fühlte sich eine Gruppe älterer Damen sogar an den Krieg erinnert.

Die mit Abstand meisten Meldungen erreichten uns vom 16. September 2004. An diesem Tag war ein „Geschwader“ von mehreren Kampfjets im Einsatz, das Runden im Gebirge drehte. Dabei ergänzen sich die Meldungen der unabhängig voneinander agierenden Beobachter vortrefflich und man kann sogar Flugstrecken nachvollziehen: von Rathen vorbei am Lilienstein, dann durch das Elbtal unterhalb des Vorderen Torsteins bis nach Schmilka und anschließend durch den Heringsgrund und über den Kleinen Winterberg.

Ob die Wächter des „Skyguard“ genannten Überwachungssystems der Bundeswehr den Flugplan dieser Septemberwoche kannten? Sie machten zufällig eine Woche später Station auf dem Lerchenberg bei Possendorf (nahe Dresden). Weil ihr System aber nur 20 km weit kontrollieren kann, wird die Sächsische Schweiz dabei nicht überwacht. Zufällig war auch schlechtes Wetter, es übte also niemand, somit wurde auch kein Vergehen festgestellt.

Doch nicht nur die militärischen Tiefflüge sind ein Problem. Sozusagen im Schlepptau der Militärflieger kommen verstärkt touristische Flugzeuge in die Region, die die vorgeschriebene Flughöhe von 600 m über Grund fast durchweg weit unterschreiten. An jedem (!) sonnigen Wochenende fand 2004 ein intensiver Flugbetrieb in der Vorderen Sächsischen Schweiz, z.B. über Rathen, in niedrigen Höhen (teils nur 50 m über den Felsen) statt. Aus der Hinteren Sächsischen Schweiz gibt es weniger Meldungen, die Flughöhen sind aber genauso niedrig. Außerdem ergeben die Meldungen sogar, daß einzelne, bestimmte Maschinen immer wieder auftauchen. Werden hier Rundflüge angeboten?

Mit der Sammlung der Daten für 2004 ist der erste Schritt getan. Mit diesen Fakten werden wir versuchen, öffentlichkeitswirksam zu arbeiten und zu informieren. Zumindest bei den zivilen Tiefflügen gibt es in Sachsen eine Zuständigkeit, das Luftfahrtsamt in Dresden. In den nächsten Wochen werden wir versuchen, mit diesem Amt Kontakt aufzunehmen und dort über eine Kontrolle der Einhaltung der Mindestflughöhen von 600 m über Grund zu sprechen.

Dr. Peter Rölke


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