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Das Wunder unter dem Kaltenberg

Erinnern Sie sich an das seltsame Gefühl, das Sie vielleicht manchmal im Leben überkommen hat? Vielleicht so: Sie gehen mir nichts, dir nichts im Wald spazieren und plötzlich sind Sie baff! Vor Ihnen öffnet sich eine Waldlichtung und Sie stehen vor einer Gruppe schönster Steinpilze. Oder aus dem Dickicht springt ein prachtvoller Hirsch unverhofft über den Weg. Sie stehen wie versteinert und Ihnen stockt der Atem.

Die Kapelle bei Lipnice (Limpach) vor der Renovierung im Jahr 2002						   Foto: Karl Stein

Eine ähnliche Überraschung erlebte in letzter Zeit jeder, der auf Bauers Kapelle im Wald zwischen Lípnice (Limpach) und Studeny (Kaltenbach) gestoßen war. Nach der nächstgelegenen Gemeinde wurde sie auch Limpacher Kapelle genannt. Es handelt sich um eine barocke Plastik, die in einen Sandsteinfelsen eingehauen und mit einer schmucken Schutzhütte überdacht ist. Sie finden sie ganz einfach – an der tiefsten Stelle der Landstraße zwischen Limpach und Kaltenbach brauchen Sie nur in den Waldweg nach rechts abzubiegen und nach wenigen Schritten stehen Sie vor der erwähnten Waldkapelle. Unter ihr, im Tiefen Loch, rauscht leise der Seidelsbach und die Baumkronen bilden über allem ein einziges geschlossenes Gewölbe, einem Gotteshaus nicht unähnlich.

Es ist daher nicht verwunderlich, daß die damalige Bevölkerung, die in ihrer heimatlichen Landschaft tief verwurzelt und daher mit ihr verbunden war, von diesem Ort angezogen wurde. Die Naturgegebenheiten mit ihrer feierlichen Atmosphäre waren zur Errichtung einer Kapelle wie geschaffen und machten den Ort zu einer Andachtsstelle, wo sich die Bewohner von Limpach und Kaltenbach zu Gottesdiensten versammelten. Beliebt waren die hiesigen Maiandachten. Dechant Marschner oder Pfarrer Frenzel kamen jede Maiwoche hierher. Der Herr Dechant hat für diese Andachten sogar ein Festlied verfaßt.1) Alt und jung und auch die Bauern fanden in den frühen Abendstunden die Zeit teilzunehmen. Die Andächtigen scharten sich um die Kapelle und die übermütigen Jungen saßen auf den zwei bis drei Meter hohen Felskanten. Zwischen den Felswänden unter den Kronen der hohen Bäume gab der Gesang einen herrlichen Klang.2)

Ihren großen Tag erlebte die Waldkapelle zu Sankt Antonius. Dieser Heilige, dessen Fest am 13. Juni begangen wird, ist der Schutzpatron von Kaltenbach. Aus dieser Gemeinde begab sich frühmorgens ein feierlicher Umzug nach „Kamtz“ (Böhmisch-Kamnitz). An seiner Spitze wurde eine geschnitzte Marienstatue getragen, von der lange Schleifen herabglitten. Die Mädchen hielten sie am Ende fest, die Burschen trugen Kirchenfahnen und die ganze Prozession wurde von einer Musikkapelle begleitet. Nachdem die Pilger an der Wallfahrtskapelle in Böhmisch-Kamnitz angekommen waren, wurde im Kreuzgang gebetet und es fand eine Wallfahrtsmesse statt. Dann ging es wieder zurück ins Heimatdorf, wo man in die Gasthäuser einkehrte.

Seinen besonderen Reiz hat sich Bauers Kapelle bis heute erhalten. Sie ist nicht gemauert, sondern in einen großen Sandsteinblock eingemeißelt. In der Mitte des Felsens steht in einer Nische die Maria mit dem Jesuskind im Arm,3) links und rechts halten herabschwebende Engel ovale Schilder. Auf diesen ist folgende Inschrift zu lesen: „Zu Großer Ehrre Gottes Und seine schmertzhaft Mutter hat der Christof Austen gewesener Richter in Kald Bach diese Kabele Vom ewigen Leben Mit Patteron Elias schiefner aus limbach auf desen Grund und bodden 14. Juni Mai Anno 1733.“4) Seit ihrer Errichtung wurde die Kapelle einige Male renoviert, u.a. auch vom Maler Ernst Vater aus Rennersdorf, später auch überdacht und der Fels durch eine Ziegelmauer erhöht. An eine Renovierung im Jahre 1894 durch Johann Liebisch aus Wien und die Gemeinde Limpach erinnert eine schlecht lesbare Inschrift unter der Kapellennische. Neu vorgerichtet wurde die Kapelle bestimmt auch im Jahre 1933, als der zweihundertjährige Gedenktag ihrer Errichtung feierlich begangen wurde.

Seitdem wurde die Kapelle ihrem Schicksal überlassen. Gottesdienste wurden hier zwar noch bis 1945 abgehalten, aber die Bevölkerung war vom Krieg betroffen und hatte andere Sorgen. Die Wallfahrt zum Antonius-Fest fand in jenem Jahr noch statt, aber ohne das übliche barocke Antlitz und die spontane Freude an dem Ereignis. Es fehlte auch die übliche Musik, da die Männer zum Kriegsdienst eingezogen waren und viele nicht wieder heimkehrten.

Die Entwicklung nahm dann einen schnellen Lauf. Mit der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung verschwanden auch deren Traditionen. Einsam stehende Kapellen wurden ausgeplündert oder beschädigt. Die Limpacher Kapelle hatte Glück, da man eine im Sandstein eingemeißelte Madonna nicht stehlen kann. Nur der Zahn der Zeit machte sich kräftig ans Werk – die alten Farbschichten bröckelten ab und die Verwitterung des Sandsteins nahm zu, zumal das Schutzdach verschwand und der Felsen der Witterung ausgesetzt war.

Die Kapelle bei Lipnice (Limpach) nach der Renovierung 			         Foto: V. Širlo

Wo bleibt aber das in der Überschrift angekündigte Wunder? Es wurde von einigen Dutzend Menschen erlebt, die den Andachtsort am Samstag, dem 7. September 2002 besuchten. Auf dem erhöhten Platz rechts vor der Kapelle spielte eine Blasmusikkapelle aus Dittersbach in Sachsen mit Waldhörnern und Posaunen. Die Menschen brachten Blumen, erinnerten sich an die Andachten vor dem Krieg und beteten. Die Einweihung der renovierten Kapelle nahm der Verwalter der Windisch-Kamnitzer Pfarrgemeinde (Srbská Kamenice) vor. Außer den Heimatvertriebenen aus Deutschland kamen auch einige der jetzigen tschechischen Bewohner aus dem Umland. Dank gebührt allen, die an der Renovierung der Kapelle Anteil hatten, besonders der Forstverwaltung, die als Grundeigentümer die Renovierungskosten aufbrachte und nach einer alten Aufnahme eine neue Schutzhütte errichten ließ.5) Die eigentliche Restaurierung wurde von dem Bildhauer Jan Pokorný aus Bodenbach durchgeführt.6) Gedankt sei auch Herrn Moudrý aus Limpach, der die Pflege der Kapelle übernahm, sowie einem Unbekannten, der die Marienkapelle mit Blumen schmückt. Wer es nicht glauben will, soll nur kommen und das Wunder betrachten.

Karl Stein, Dìèín-Bìla

Anmerkungen

1) Eine der drei Strophen lautet:

„Traute Stätte, hier im Wald verborgen,
schützet Felsen diesen heilgen Ort!
Tannenriesen wollst für Ruhe sorgen,
dränget alles Böse von hier fort.
Berge, gebt nur sanft das Echo wieder,
Silberbächlein rausche nicht zuviel,
Vöglein singt nur leise Lieder,
wenn hier still ein Pilger beten will.“

2) Nach Mitteilung von Helmut Limpaecher (19376 Siggelkow), einem gebürtigen Kaltenbacher, kürzte man bei der Kapelle den Weg von Kaltenbach nach Böhmisch-Kamnitz ab. Ein Fahrrad hatten nur die wenigsten, man reiste damals überwiegend zu Fuß. Von Herrn Limpaecher und den Heimatvertriebenen aus Kaltenbach und Limpach stammen auch die Hinweise aus der Zeit vor 1945.

3) Bei der Madonna handelt es sich um den Böhmisch-Kamnitzer Typ.

4) Durch spätere Restaurierungen wurde der Text unwesentlich verändert, um ihn sprachlich zu verbessern. Der Restaurator hielt sich aber an den ursprünglichen Text von 1733, auch wenn hier das Prädikat fehlt.

5) Die Fotografie mit einem Bericht von Ludwig Schlegel stammt aus der Warnsdorfer Zeitung „Abwehr“ vom 28. 9. 1935. Siehe auch Schlegel L., 1934: Die Limpacher Kapelle. Mitteilungen des Nordböhmischen Vereines für Heimatforschung und Wanderpflege 57. Jg., S. 95-96.

6) Die Plastik war mit drei Schichten alter farbiger Anstriche bedeckt, die samt der Sandsteinoberfläche abbröckelten. Der Restaurator entfernte sie nacheinander mit einem chemischen Reinigungsmittel. Nach dem Trocknen wurden die fehlenden Sandsteinstücke durch Kunststein ersetzt und der Fels verfestigt. Zur Restaurierung folgte ein Anstrich mit Acrylatfarben. Die jetzige farbige Ausführung entspricht der untersten (also ältesten) sehr ausdrucksvollen Farbe. Gleichzeitig wurde die verfallene Ziegelmauer entfernt, die als Balkenlager für das Kapellendach diente.



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