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„Wie läuft’s?“ – Eine Mühlenwanderung im Liebethaler Grund

Tag des Offenen Denkmals 2004

Über 30 Denkmalfreunde wollten genauer wissen, wie es läuft und scheuten auch eine mehr als vierstündige Wanderung bei regnerischem Wetter nicht. Der Verein „Schloß Lohmen e.V.“ hatte zum diesjährigen Tag des Offenen Denkmals am 12. September 2004 zu zwei geführten Wanderungen zu den Mühlen und Wasserkraftwerken im Liebethaler Grund eingeladen.

Ein Aquädukt führt dem Kraftwerk Niezelgrund das Wasser zu.

Die Teilnehmer kamen voll auf ihre Kosten und wurden mit zahlreichen und seltenen Einblicken in eine vielfach im Verborgenen liegende Welt belohnt. Wußten Sie, daß im Liebethaler und Lohmener Grund an sieben Stellen die Wasserkraft der Wesenitz genutzt wurde? Verbürgt sind drei historische Mühlen in Lohmen: die Hintermühle (Wauermühle), die Vordermühle (Schloßmühle) und die Hammermühle (Drahtmühle). Dazu kommen die zu Daube gehörige Daubemühle und die Lochmühle auf Mühlsdorfer Flur. Letztendlich entstanden im 19. Jahrhundert als damals moderne industrielle Anlagen die Papierfabriken Weber & Niezel in Lohmen sowie Zacharias in Liebethal. Die letzte Getreidemühle an der Wesenitz, die Lohmener Wauermühle, wurde erst 1996 altershalber stillgelegt. Heute erzeugen insgesamt vier Wasserkraftwerke umweltfreundlich elektrischen Strom.

Die Wanderungen begannen am Kraftwerk Niezelgrund, dessen Anlage beherrscht wird von dem über 10m hohen Wehr und dem als Aquädukt ausgeführten Obergraben. Am Standort der ehemaligen Pappenfabrik Weber & Niezel treibt heute eine moderne Kaplan-Turbine einen Generator mit bis zu 200 KW Leistung an. Moderne Kommunikationstechnik erlaubt bei diesem Kraftwerk sogar eine Fernüberwachung und -steuerung des Betriebes.

Mühlenbesitzer Herr Wauer erläutert die intakte, gepflegte Technik der Wauermühle.

Die nächste Station war die einzige Mühlenanlage der Exkursion und zweifellos einer der Höhepunkte, die Wauermühle. Herr Hans-Joachim Wauer, der aus Altersgründen den Mühlenbetrieb 1996 aufgegeben hatte, zeigte uns begeistert seine Mühle, die er nach wie vor pflegt und bewahrt. Zu sehen war originale Mühlentechnik vom Feinsten, teilweise aus den 1930er Jahren und erbaut von der „Mühlenbauanstalt und Maschinenfabrik Gebr. Große Lohmen i/Sa.“. Alles in bestem Zustand, so daß mancher dachte, hier wäre nur sonntägliche Ruhe.

In der Daubemühle ist der historische Generator zu besichtigen.

Schwer fiel der Abschied, dann ging es weiter zur Daubemühle, heute Gaststätte und Wasserkraftwerk. Hier wird seit 1916 Strom „gekocht“. Der historische Generator ist zwar nicht mehr in Betrieb, aber noch am originalen Standort zu besichtigen. Heute können mit der rekonstruierten Anlage bis zu 180 kW Strom erzeugt werden.

Die benachbarte Lochmühle verfällt leider immer mehr und auch das früher die Wasserkraft der Lochmühle nutzende Elektrizitätswerk der Gemeinde Copitz aus dem Jahre 1894 ist gegenwärtig nur noch eine Ruine. Es sind jedoch Bestrebungen im Gange, auch diese Anlage wieder zur Stromerzeugung zu nutzen.

Letzte Station war das Kraftwerk Liebethal unmittelbar am Ausgang des Grundes. Es befindet sich in der früheren Lederpappenfabrik, später Betriebsteil der Netz- und Seilwerke Heidenau. Hier war sogar ein direkter Einblick in das Innere einer Francis-Spiralturbine aus dem Jahre 1956 möglich. Bemerkenswert ist auch die neuerbaute Fischtreppe am Liebethaler Wehr, die eine ungehinderte Wanderung der Fische, wie z.B. der Elblachse, ermöglicht.

Insgesamt können auf dem besuchten Abschnitt gegenwärtig mehr als 3 Mio. kWh Strom im Jahr erzeugt werden, genug, um etwa 700 Haushalte mit elektrischer Energie zu versorgen. Das langanhaltende Niedrigwasser in den Jahren 2003 und 2004 hat allerdings diese Maximalleistung nicht ermöglicht und bei allen Betreibern auch einige Ebbe in der Kasse hinterlassen.

Fischtreppe und Mühlgraben in Liebethal

Die Frage „Wie läuft’s?“ – das diesjährige Motto des Tages des Offenen Denkmals – kann also durchaus positiv beantwortet werden. Bewahrung des Vorhandenen, Weiterführung der Traditionen und Nutzung der modernen Technik sind die Basis der zukünftigen Entwicklung im Liebethaler Grund, der seit Jahrhunderten von technischen Anlagen geprägt wird. Andererseits ist auch zu entdecken, wie die Natur ziemlich schnell von verlassenen menschlichen Werken wieder Besitz ergreift. Besonders aufmerksame Wanderer werden sogar die seltene Wasseramsel bei der Futtersuche beobachten können.

Dr. Dieter Arndt,
Schloß Lohmen e.V.
Die Francis-Spiralturbinen im Keller der ehemaligen Pappenfabrik Liebethal

Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Mitstreitern, ohne die das Ganze nicht möglich gewesen wäre und die bereitwillig ihren freien Sonntag für unser Anliegen geopfert haben. Namentlich seien genannt: Herr Dr. Daniels (WKW Niezelgrund), Herr Wauer (Wauermühle), Herr Albrecht (WKW Daubemühle) sowie Familie Hradsky (WKW Liebethal). Nicht zuletzt gilt unser Dank auch Frau Suske, der Wirtin der Daubemühle, für die gelungene „Pausenversorgung“.

Alle Fotos zu diesem Beitrag von Wolfgang Kühne, Lohmen.


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