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Nachtgeister

Von der Waldschnepfe und dem Ziegenmelker

Nachdem in den vergangenen Jahren fast ausschließlich über die Entwicklung des Wanderfalken und einiger anderer Arten berichtet wurde, sollen heute zwei Vogelarten vorgestellt werden, die recht schwierig zu beobachten sind – die Waldschnepfe (Scolopax rusticola) und der Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus). Vieles in ihrem Leben spielt sich in den Dämmerungs- und Nachtstunden ab und bleibt uns daher oft verborgen.

Es ist Abend geworden und über dem Wald vernehmen wir zwei sehr unterschiedliche Rufe, zum einen ein scharfes, hohes „psip“, dann ein leiseres tiefes „quorr - qourr - quorr“, was anfangs näher kommt, sich dann wieder entfernt. Eine Waldschnepfe ist es, die balzend ihr Revier überfliegt. Ist es noch nicht ganz dunkel, können wir mit etwas Glück den taubengroßen, kurzschwänzigen Vogel auch sehen. Mit relativ langsamen Flügelschlägen fliegt die Schnepfe, oft einen Weg oder eine Forstschneise als Leitlinie benutzend, ihr Revier ab.

Sehr gut getarnt und perfekt der Umgebung angepaßt ist ihr Federkleid. Die Oberseite ist gehalten in verschiedenen Brauntönen, schwarz und weiß gemustert. Den Oberkopf und Nacken zieren drei breite schwarze Querstreifen. Die Unterseite ist einfarbiger, bräunlichgrau mit feiner Querwellung. Ihre großen Augen liegen weit vom langen Schnabel entfernt oben am Kopf. Sie gewähren damit ein weites Blickfeld, auch nach oben. Die Beine der Waldschnepfe sind relativ kurz. Bei der Balz am Boden spreizen sie ihre Schwanzfedern und stellen diese nach oben, so daß die weißen Spitzen der unterseits schwarzen Federn gut zur Geltung kommen.

Waldschnepfen leben in bodenfeuchten Wäldern, welche nicht zu dicht sein dürfen, damit der Vogel sie gut durchfliegen und sich dort eine Strauch- und Krautschicht ausbilden kann. Laub- und Laubmischwälder werden bevorzugt. Ein Strukturreichtum an Grenzlinien, das heißt Wege, Schneisen und unterschiedlich alte Bestände im ständigen Wechsel, begünstigen ihr Vorkommen.

Wladschnepfe, Wildwiese/Schrammsteine, 2003 (Foto: U. Augst)

Ihre Nahrung sucht die Waldschnepfe am Erdboden wo Kleintiere, vor allem Regenwürmer, aber auch Käfer, Tausendfüßler, Asseln usw. aufgelesen oder mit dem langen Schnabel unter Laub und im lockeren Boden ertastet werden. Seltener wird auch pflanzliche Nahrung aufgenommen.

Die Waldschnepfe brütet gut getarnt auf dem Erdboden. Ihr Nest legt sie mit Material aus der Umgebung aus. Wie fast alle Limicolen, so werden die Schnepfen- und Watvögel wissenschaftlich genannt, legt die Waldschnepfe vier stark kreiselförmige Eier, die immer mit dem spitzen Pol zur Nestmitte zeigen. Sie sind auf weißlichem bis hell gelbbraunem Grund hell bräunlich gefleckt mit einer Verdichtung der Flecken am stumpfen Pol.

Waldschnepfen brüten einmal im Jahr, doch ist eine zweite Brut wahrscheinlich, wurde aber bisher sehr selten nachgewiesen. Nach 21 bis 24 Tagen Brutzeit schlüpfen die Küken und werden nach kurzer Zeit vom Nestbereich weggeführt. Bei Gefahr kann der Altvogel die eben geschlüpften Jungvögel sogar im Fluge wegtragen. Er klemmt das Küken dabei zwischen Beine, Bauch und Schwanz. Nach etwa zehn Tagen können junge Waldschnepfen kurze Strecken fliegen, und mit einem Monat sind sie voll flugfähig.

Ziegenmelker (Oberlausitz, 1991) (Foto: R .M. Schreyer)

Waldschnepfen sind in der Regel Zugvögel, die oft schon in West- und Südwesteuropa überwintern. Es gibt aber immer wieder Hinweise auf Überwinterung einzelner Tiere hier im Gebiet.

In größeren Waldgebieten kann man der Waldschnepfe fast überall begegnen, doch war das möglicherweise nicht immer so. Neuzeitige Brutnachweise gibt es vom Königsplatz bei Hinterhermsdorf, vom Raumberg, von den Rapinzen, bei der Wildwiese in den Schrammsteinen, beim Großen und Kleinen Zschirnstein, im Krippenbachtal, beim Hühnerberg und Taubenteich, bei Leupoldishain und südlich von Sebnitz.

Der knapp taubengroße, eigentümliche

Ziegenmelker

ist heute ein äußerst seltener Brutvogel im Elbsandsteingebirge, wobei wir nicht wissen, ob er auf sächsischer Seite überhaupt noch nistet. Noch 1934 schrieb R. MÄRZ in einem Artikel über seine Beobachtungen am Uhuhorst im Rathener Felsengebiet unter dem 2. Juni 1934: „20.45 setzt das Konzert der Nachtschwalben voll ein,“ und FÖRSTER (1938) traf in seiner Beschreibung der Tierwelt der Sächsisch-Böhmischen Schweiz noch folgende Aussage: „Sie ist aber im ganzen Gebiet verbreitet...“

Brütende Waldschnepfe, Wildwiese/Schrammsteine 2003 (Foto: U. Augst)

Um 1950 fehlte die Art bereits im Basteigebiet, war aber im Heidekiefernwald östlich und westlich des Großen Zschandes in den 1950er und 60er Jahren noch eine regelmäßige Erscheinung. MÄRZ (1957) schrieb in seinem „Tierleben“: „Sie ist nicht häufig.“

Der Ziegenmelker war wohl nie häufig, aber an manchen Orten wie auf den Partschenhörnern, den Thorwalder Wänden und bei den Zschirnsteinen mit gewisser Regelmäßigkeit zu beobachten. Letzte Beobachtungen eines Paares gelangen 1980 und 1981 in den Thorwalder Wänden sowie Anfang Juni 1982 in der Breiten Heide bei Leupoldishain.

Der Rückgang des Ziegenmelkers ist nicht nur auf unser Gebiet beschränkt und sicher ähnlich wie bei Baumfalke und Steinkauz auf den Entzug der Nahrungsgrundlage, durch den Einsatz verschiedenster Insektengifte, direkt und indirekt zurückzuführen.

Im Mai 1996 wurde ein Ziegenmelker am Pirnaer Kohlberg bemerkt und im Mai 2000 flog ein Vertreter der Art südlich von Cunnersdorf vor dem Beobachter auf. Zwischen 1995 und 2001 gelangen Beobachtungen der Art im böhmischen Gebietsteil nahe der Balzhütte, bei Arnoltice (Arnsdorf), Ostrov (Eiland), Tisá (Tyssa) und Rájec (Raiza), so daß man zumindest an diesen Orten mit vereinzelten Bruten rechnen kann. Im Juli 1993 ließ ein verleitender Ziegenmelker nördlich vom Hohen Schneeberg Brutverdacht aufkommen.

Der Ziegenmelker ist fast so groß wie eine Türkentaube, hat aber nur etwa das Gewicht eines Stares. Seine langen, schlanken Flügel und der elegante, wendige Flug brachten ihm den Namen Nachtschwalbe ein. Sein rindenfarbiges Federkleid tarnt ihn ausgezeichnet. Die Unterseite ist, wie die der Waldschnepfe, eng und fein gebändert. Der Schnabel ist kurz, aber der Rachen kann weit aufgerissen werden. Die Beine sind recht kurz, ähnlich wie beim Mauersegler. Das Männchen kann beim Fliegen durch weiße Abzeichen an den Handschwingen und Schwanzkanten vom Weibchen unterschieden werden.

Tags über ruht der Ziegenmelker am Boden oder längs auf Ästen. In der Nacht hingegen macht er sich vor allem durch seine auffallende, eigenartige Stimme bemerkbar. Sowohl beim Ein- als auch beim Ausatmen ertönt fast ohne Pausen sein schnurrendes Lied – „errrrrrrrrrrr örrr errrrrrrrrr örr errrrrrrrr...“. Im Fluge ruft er schrill „huit“ oder „ruid“ und mitunter ist auch ein Flügelklatschen zu vernehmen.

Mitte bis Ende April kommt der Ziegenmelker aus seinem Winterquartier ins Brutgebiet, welches er dann im September wieder verläßt. Im lichten, trockenen Heide-Kiefernwald werden in einer kleinen Mulde am Boden zwei langellyptische Eier gelegt. Diese sind auf weißlichem Grund mit blauen und groben braunen Flecken gut getarnt. Vorwiegend das Weibchen brütet 17 Tage lang, und die Jungvögel schlüpfen im Abstand wie die Eier gelegt wurden. Nach reichlich zwei Wochen machen die Jungvögel erste Flugversuche und verlassen nach etwa einem Monat den Nistplatz. Ziegenmelker brüten in der Regel nur einmal im Jahr.

Die Vögel jagen in der Dämmerung und nachts fliegende Insekten wie Käfer, Nachtfalter und ähnliches.

Waldschnepfe und Ziegenmelker haben als Bodenbrüter viele Feinde wie Fuchs, Dachs, Marder und Wildschwein, denen wohl nicht immer der brütende Vogel, öfter aber das Gelege zum Opfer fallen dürften. Dem Habicht, dem Wanderfalken und vor allem dem Uhu wurden im Elbsandsteingebirge bereits mehrere Waldschnepfen als Beute nachgewiesen, aber noch nie ein Ziegenmelker.

In Sachsen ist die Waldschnepfe vor allem in den waldreichen Gebieten Brutvogel, und ihr Bestand wurde Ende der 1990er Jahre auf 500 bis 1000 Paare geschätzt. Das Hauptvorkommen des Ziegenmelkers liegt in den Heidegebieten und Kiefernwäldern im Norden des Landes, vor allem in der Lausitz. Sein Bestand betrug zur selben Zeit 300 bis 400 Brutpaare.

Danke an alle, die mir ihre Beobachtungen zu diesen Arten mitteilten und denen, die ihre Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung stellten. Und vielleicht berichtet mir der eine oder andere über seine Begegnungen mit der Waldschnepfe oder dem Ziegenmelker.

Ulrich Augst, Sebnitz

Literatur



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