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Das Krinitzgrab im Großen Zschand

Gut gestärkt vom Großen Winterberg kommend und in Richtung Großer Zschand am oberen Ende der Richterschlucht angelangt, stehe ich im Sommer 1982 erschrocken vor einem Grabstein. Plastikblumen zieren die Fläche vor dem Grab; an der Felswand dahinter, schon halb verblaßt, ist ein schwarzes Kreuz zu erahnen.

Hier ruht in Gott
unser
unvergeßlicher lieber Sohn u. Bruder
der strebsame und hoffnungsvolle Schüler
v. d. Königlichen Gewerbeakademie z. Chemnitz
Gotthardt Krinitz
geb. d. 13. Oktbr. 1888 in Frankenberg i./Sa.
am 1. August 1908 an seiner Begräbnisstätte
beraubt, im Unglück verschieden.

Hat es Räuber in der Sächsischen Schweiz gegeben, die vor nicht mal 100 Jahren Wanderer überfallen und ausgeraubt haben? Vorsichtig schaue ich mich um. Vielleicht sind die Nachfahren noch heute aktiv? Außer einigen Wanderern, die aus der Richterschlucht kommen, ist niemand zu sehen; Felsen und Wald ringsum wirken auch recht friedlich. Noch häufig komme ich an dieser Stelle vorbei und frage mich jedes Mal, was vor über 70 Jahren hier wirklich passiert ist. Das Internet in der heutigen Form gab es damals noch nicht, und wenn doch, ob ich zu DDR-Zeiten einfach bei Google hätte suchen können, ist sehr zweifelhaft.

Das Krinitzgrab befindet sich im oberen Teil der Richterschlüchte (Foto: Dr. Peter Rölke)

Irgendwann während meines Studiums in den 1980er Jahren fällt mir eine Ausgabe von Meinholds Routenführer in die Hand. Das Krinitzgrab ist eingezeichnet, und auf dem Felsen dahinter endet ein schmaler Pfad genau über dem Symbol des Grabsteines. Sollte Krinitz von diesem Felsen abgestürzt sein? Warum gibt es überhaupt einen Pfad auf diesem Felsen? Man sieht doch sowieso nur in die Kronen der Fichten. Halt! Stimmt diese Aussage wirklich? Wie hat der Wald 1908 an dieser Stelle eigentlich ausgesehen? Bei meinen Großeltern finde ich ein Buch über die Sächsische Schweiz – darin ein Foto mit der Richterschlucht, aufgenommen Anfang der 1950er Jahre. Kahlschlag, die heutigen, großen Fichten waren gerade angepflanzt, und der schroffe Fels dominiert das Bild. Ich rechne zurück, minimal 70 Jahre braucht eine Fichte, bis sie schlagreif ist; das heißt, 1908 war in der Richterschlucht eine Fichtenschonung und vom Felsen hinter dem Grabstein hatte man eine wunderschöne Aussicht. Gotthardt Krinitz kann ohne weiteres auf dem Felsen gestanden haben, und seine Blicke schweiften über die Schlucht und den Großen Zschand. Vielleicht ist er abgestürzt – aber nein, auf dem Grabstein steht doch „...an seiner Begräbnisstätte beraubt...“. Hat da vielleicht jemand nachgeholfen? Selbstmord ist noch absurder, Krinitz wird als „... hoffnungsvoller und strebsamer Schüler...“ beschrieben. Wozu sollte er sich da vom Felsen stürzen? Oder vielleicht doch, aus Liebeskummer? Gotthardt Krinitz war 19 Jahre alt.

In Meinholds Routenführer finde ich etwas, was ich vorerst gar nicht im Zusammenhang mit dem Krinitzgrab sehe. Am Fremdenweg, der kurz vor der Richterschlucht auf die deutsch-böhmische Grenze trifft, ist genau an diesem Eckpunkt ein Symbol für eine Hütte eingezeichnet und im Text zur Wanderung steht an dieser Stelle in Klammern der Begriff Leierkastenmann. Ich vermute dahinter einen markanten Klettergipfel. Ich kann weder das Symbol für die Hütte deuten, ich habe noch nie eine Hütte an dieser Stelle gesehen, noch finde ich einen Gipfel mit den Namen Leierkastenmann – es gibt überhaupt keinen Klettergipfel in dieser Ecke.

Anfang der 1990er Jahre, der Grenzweg ist noch nicht von der Sperrung bedroht, komme ich wieder vom Großen Winterberg und bin auf dem Fremdenweg unterwegs, als ich wenige Meter vor der Grenze merke, daß unter dem Laub kein Waldboden ist, sondern steinharter Untergrund. Ich schiebe das Laub beiseite und staune nicht schlecht, als ich auf einer Betonplatte stehe. Ich schiebe mehr Laub zur Seite und entdecke eine etwa 4 mal 4 Meter große betonierte Fläche. Stand hier irgendwann mal ein Haus? Einen Grenzübergang gibt es an dieser Stelle nicht, aber bis hierher kommt man mit einem Fahrzeug. Sollten die DDR-Grenzer hier einmal einen Posten gehabt haben, warum auch immer? Aber die Lösung ist viel einfacher und liegt viel weiter in der Vergangenheit. Wieder ist es ein Buch, was mir weiterhilft. Der Leierkastenmann – nein, kein Klettergipfel, sondern wirklich ein Leierkastenmann, der bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Wanderer an dieser Stelle des Fremdenweges unterhält. Die Betonplatte – das Fundament der Hütte, in der der Musikant in den warmen Monaten wohnt. Aber kehren wir wieder zurück zu Gotthardt Krinitz.

Der Sommer 1908 ist extrem warm. Die Elbe führt Niedrigwasser und die Schiffahrt auf ihr kommt zum Erliegen. Gotthardt Krinitz nutzt seine Ferien, um in der Sächsischen Schweiz unterwegs zu sein, bevor das Studium weitergeht. Er übernachtet in Rosenberg und wandert am nächsten Tag in Richtung Herrnskretschen, heute Høensko. Ist er danach in Richtung Zeughaus oder zum Prebischtor unterwegs? Das ist nicht genau bekannt, aber gehen wir davon aus, daß er den Weg zum Prebischtor nimmt. Gut gestärkt macht er sich auf den Weg in Richtung Großer Winterberg, den er heute noch erreichen will, vielleicht kann er dort übernachten. Er hat etwas Geld mit, einen kleinen Ranzen mit Wanderkarte und ein wenig Verpflegung für alle Fälle. Es ist später Nachmittag, als er auf dem gut ausgebauten Fremdenweg unterwegs ist. Er erreicht die Richterschlucht, ist erstaunt, als er hier einem Leierkastenmann begegnet und verweilt einen kurzen Moment. Fragt er ihn nach dem Weg zum Winterberg oder nach einem schönen Aussichtspunkt in der Nähe, um den Abend zu genießen? Empfiehlt der Mann Krinitz den Aussichtspunkt auf dem Felsen oder zeigte er nur den Weg zum Großen Winterberg?

Krinitz geht den kurzen Weg zum Felsen – und was dann passiert, ist heute nicht mehr genau nachvollziehbar und wird nie restlos aufgeklärt werden.

Als er am Ende seines Urlaubs nicht nach Hause kommt, geben seine Eltern eine Vermißtenanzeige auf, aber der Weg läßt sich nur bis nach Herrnskretschen verfolgen. Dort wurde er das letzte Mal gesehen. Es wird Herbst, Winter, aber keine Nachricht von Gotthardt Krinitz. Hat er sich verlaufen und ist abgestürzt? Eher unwahrscheinlich, Krinitz wollte nicht Bergsteigen, das steckte damals noch in den Kinderschuhen und die Zeit der großen Erschließungen beginnt gerade erst. Quer durch den Wald wäre sein Weg nur länger geworden.

Der nächste Frühling zieht ins Land, gefolgt vom Sommer; ein Jahr ist Krinitz jetzt schon vermißt. Eine Beerensammlerin ist im oberen Teil der Richterschlucht unterwegs und macht im Dickicht eine schreckliche Entdeckung. Vor ihr liegt ein Toter; skelettiert, der Ranzen und die Geldbörse aufgerissen. Kurze Zeit später steht fest, daß es sich um Gotthardt Krinitz handelt. Eine Untersuchung seiner Leiche ergibt, daß er sich lediglich den Fuß gebrochen hatte. Seine Leiche kann nicht abtransportiert werden, und so wird er an Ort und Stelle beerdigt, und der Grabstein gesetzt, den wir heute sehen. Es werden Untersuchungen angestellt, auch der Leierkastenmann wird befragt, aber der Fall wird nie gelöst.

Wenige Jahre später bricht der Erste Weltkrieg aus, gefolgt von den Goldenen Zwanzigern und der Weltwirtschaftskrise. Krinitz’ Grab wird zu einem Symbol auf Wanderkarten, Wanderer kommen vorbei, ab und zu liegen Blumen auf dem Grab. Niemand fragt mehr nach der Ursache, mancher erschaudert vielleicht. Es vergehen 20 Jahre, 30 Jahre; der Zweite Weltkrieg bricht aus. Wieder gibt es Millionen Tote, wer denkt da schon noch an Krinitz?

Der Zweite Weltkrieg geht zu Ende, die Menschen atmen auf. Plötzlich geht ein Gerücht durch das Elbsandsteingebirge. Sollte Krinitz’ Tod doch noch aufgeklärt werden können?

Ein alter Mann in Herrnskretschen gesteht auf seinem Sterbebett eine ungeheuerliche Tat. Er berichtet, daß er Gotthardt Krinitz umgebracht und beraubt hat. Wer ist dieser Mann, der kurz vor seinem Tod diese Tat gesteht? Es ist der Mann, der am Fremdenweg die Wanderer mit seinem Leierkasten unterhalten hat. Ob er Krinitz schon mit dem Hintergedanken, ihn zu berauben in Richtung Felsen geschickt hat oder nicht, ob es auf dem Fels einen Kampf gegeben hat oder nicht, ob Krinitz, nachdem er abgestürzt war und mit gebrochenem Bein in der Schonung lag, um Hilfe gerufen hat oder nicht, wird nie zu erfahren sein. Diese Informationen nimmt der letzte Leierkastenmann am Fremdenweg mit in sein Grab.

Wer vom Großen Winterberg kommt, spürt die eigenartige Atmosphäre, wenn er sich der Richterschlucht nähert. Egal, ob im Frühling die dominanten Buchen aus dem Winterschlaf erwachen, im Sommer ein warmer Windhauch durch die Schlucht streicht, im Herbst die Nebelschwaden die Schlucht aufwärts ziehen oder im Winter Schnee die Schlucht mit einem weißen Tuch verhüllt. Das Krinitzgrab macht diese Stimmung noch geheimnisvoller, und wer in den Schlüchten des Großen Zschands unterwegs ist, wird spüren, daß die Sächsische Schweiz auch heute noch Geheimnisse hat.

Dietmar Schubert, Dresden

Literatur:



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