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Das Henkesche Naturkundemuseum in Saupsdorf

In Saupsdorf erinnert am Hause Dorfstraße 16 eine Gedenktafel den Vorübergehenden, daß im Jahre 1868 in diesem Gebäude der Naturforscher, Rußlandreisende, Konservator und Fotograf Karl Gottlieb Henke ein naturwissenschaftliches Museum eingerichtet und eröffnet hat. Die Tafel wurde im Auftrage des Arbeitskreises Sächsische Schweiz im Landesverein Sächsischer Heimatschutz geschaffen und am 1. Mai 1999 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum 100. Todestag Henkes durch den Hinterhermsdorfer Pfarrer Konrad Creutz eingeweiht.

Wer war dieser Karl Gottlieb Henke, und was veranlaßte ihn, gerade in dem entlegenen Bauerndorf Saupsdorf ein solches Spezialmuseum einzurichten?

Henke wurde am 16. März 1830 in Saupsdorf als Sohn des Gartennahrungsbesitzers Christian Gottlieb Henke und dessen Ehefrau Johanne Christiane geb. Schallmann geboren. Der Vater war ein ungewöhnlich unternehmungslustiger Mann. Neben Land- und Viehwirtschaft betrieb er auf seinem Grundstück noch eine Mahl- und Sägemühle, einen Kramladen mit Bäckerei sowie Handel mit Getreide und Holz.

Pfarrer Conrad Creutz im Jahr 1999 bei der Einweihung der Henke-Gedenktafel am Saupsdorfer Museum (Foto: Manfred Schober)

Weil Karl Gottlieb oft kränklich war und daher über längere Zeit auch nicht die Schule besuchen konnte, mußten die Eltern auf die Mithilfe des heranwachsenden Jungen in ihrer Wirtschaft weitgehend verzichten. Karl Gottlieb hatte seit früher Kindheit große Freude an der Beobachtung der heimischen Vögel. Zu diesem Zwecke streifte er gerne durch Wald und Flur und sammelte Vogelnester und Eier.

Diese naturwissenschaftlichen Interessen wurden vom Dorfschullehrer gefördert. Später lehrte ihn ein Schuster, bei dem er oft weilte, das Präparieren von Vogelbälgen. Die von dem jungen Henke präparierten Vögel und Tiere wurden von Fachleuten bewundert und führten schließlich dazu, daß er sich im Sommer 1851, ausgerüstet mit einem Empfehlungsschreiben des Saupsdorfer Kirchschullehrers Kunath in Dresden bei dem Direktor des Naturalienkabinetts, Dr. Reichenbach, einem hochgeschätzten Naturwissenschaftler, vorstellte. Dr. Reichenbach erkannte während des Gespräches mit dem jungen Manne und beim Betrachten der mitgebrachten Proben seines Könnens als Präparator, dessen außergewöhnliche Begabung und schlug ihm eine Ausbildung als Konservator an seiner Einrichtung vor.

Henke nahm dieses Angebot gerne an und wurde während dieser Lehrzeit mit namhaften Ornithologen seiner Zeit bekannt. Einer von ihnen war der bereits pensionierte Bibliothekar Dr. Thielemann in Dresden. Er besaß eine große Sammlung von Vogeleiern und war dabei, eine wissenschaftliche Arbeit darüber zu verfassen. Thielemann überredete den Grafen Hoffmannseck und den als Begleiter desselben von Reichenbach empfohlenen K.G. Henke zu einer Reise nach Nordrußland, um dort nach den noch in seiner Sammlung fehlenden Eiern des Seidenschwanzes zu suchen. 1853 traten die beiden Männer die bis zum Ende des darauffolgenden Jahres andauernde beschwerliche Reise an. Bei ihren Erkundungen wurden sie wegen ihres für Nichteingeweihte unerklärlichen Tuns von der abergläubischen, einheimischen Bevölkerung als Verbreiter der Cholera verdächtigt und entsprechend feindselig behandelt. Trotz intensiven Suchens fanden die beiden Forscher die Eier des Seidenschwanzes nicht. Sie kehrten aber dennoch mit einer beachtlichen Ausbeute in Form von naturwissenschaftlichen Beobachtungen, Erkenntnissen und Sammelobjekten in ihre Heimat zurück.

Diese Plakette am Haus in Saupsdorf erinnert an das Henkesche Naturkundemuseum (Foto: Dr. Peter Rölke)

Dieser ersten Rußlandreise folgten in den nächsten beiden Jahrzehnten noch zwei weitere in den Jahren 1857-1862 und 1869-1877. Sie wurden von Henke allein ausgerichtet. Auf der dritten Reise wurde Henke von seiner Frau begleitet. Diesmal erkundete er unter anderem die Steppengebiete und Wälder Kirgisiens. Dabei galt sein Interesse nicht nur den dort lebenden Tieren, sondern auch den Lebensverhältnissen der ansässigen Bevölkerung. Leider sind seine während der Reise niedergeschriebenen Berichte nicht erhalten geblieben. Zwischen den Reisen weilte Henke in Saupsdorf. Er war hier mit dem Ordnen und Aufstellen der von den Reisen mitgebrachten Präparate beschäftigt. Außerdem hielt er Vorträge über seine Reiseerlebnisse und pflegte die Verbindung zu Ornithologen, wissenschaftlichen Institutionen und Vereinen. Er war Mitarbeiter der von der Gesellschaft ISIS in Dresden herausgegebenen „Allgemeinen deutschen Naturhistorischen Zeitung“ und „Brehms Tierleben“.

Seine bedeutendste Leistung war jedoch die in dem Saupsdorfer Museum zusammengetragene und ausgestellte naturkundliche Sammlung, die, wie ein Zeitgenosse schrieb, zwar „an Umfang nicht mit den Museen großer Hauptstädte wetteifern könne, dafür aber dieselben durch Farbenfrische, geschmackvolle Auffassung und Lebenswahrheit, durch Vollkommenheit des Ganzen unbedingt in den Schatten stelle“. Henke hatte bei dem Aufbau der Ausstellung Wert darauf gelegt, die Tiere in ihrer natürlichen Umwelt darzustellen. Zu sehen waren neben Vögeln und einer Eier- und Nestersammlung, auch Käfer, Schmetterlinge, Gehörne und Geweihe sowie präparierte Fische. Wohl aus wirtschaftlichen Gründen nahm Henke 1881 eine Stelle als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Dresdner Tierkundemuseum an. Seit 1888 übte er hier die Funktion des ersten Konservators aus.

Nach der Anstellung in Dresden begann Henke das Saupsdorfer Museum aufzulösen. Der größte Teil der Sammlungen gelangte an das Dresdner Tierkundemuseum, wo sie heute noch vorhanden ist. Sein schriftlicher Nachlaß ist indessen seit seinem Tode, der ihn am 18. Februar 1899 in Dresden ereilte, verschollen.

Manfred Schober, Sebnitz


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