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Zur Diskussion: Urwald contra Hochwasserschutz

Bedenken um Gewässerverwilderung im oberen Kirnitzschtal

Mit der Schaffung des Nationalparks Sächsische Schweiz im Jahr 1991 und der Installation von Kernzonenbereichen zum Schutz der wertvollsten Naturräume wurde ein von vielen Naturfreunden lang gehegter Wunsch Wirklichkeit. Doch damit kam es auch zu neuen Diskussionen zu Vorgängen, die mit der Entstehung des Nationalparks einhergingen. Diese konnten bisher fast alle gelöst werden. So zum Beispiel durch den erreichten Wanderwegekompromiß für die Kernzonenbereiche, allerdings exklusive Grenzweg.

Ein jedoch nach wie vor aktueller Diskussionspunkt ist die seit Nationalparkentstehung eingestellte Pflege des Oberlaufes der Kirnitzsch. Denn dieser, sicher schönste Teil des Kirnitzschtales, gehört nunmehr zur Kernzone des Nationalparks Sächsische Schweiz.

Dies ist sicher soweit unumstritten und unbedingt gerechtfertigt. Jedoch wurden damit als Nebeneffekt einige kulturhistorische Orte, bedingt durch das entstandene Wegegebot, faktisch unerreichbar. Dabei handelt es sich zum Beispiel um den ehemaligen Kerbensteig mit Resten der Schönlinder Brücke (in der Nähe des Schwarzen Tores), die sog. Bärenhöhle, die Major-Dieskau-Inschrift und das Seufzergründel. Genannt sei auch das ehemalige Versteck des legendären Wildschützen Jahnslieb aus Hinterhermsdorf, das Jahnsloch. All dies ist sicher hinnehmbar und zu verstehen. Jedoch schwieriger wird es beim Thema Hochwasserschutz, welches schon länger die Kirnitzschanlieger und die Bürger Hinterhermsdorfs beschäftigt. Vor allem der auf vielen Gebieten engagierte Heimatverein Hinterhermsdorf e.V. hat diesbezüglich schon mehrfach seine Stimme erhoben.

Zur Situation: Bis zur Entstehung des Nationalparks Sächsische Schweiz fand alljährlich im Herbst, mit dem Ablassen der Oberen Schleuse zum Saisonende, das traditionelle Wildwasserrennen zwischen Hinterdittersbach und Lichtenhainer Wasserfall statt. In Vorbereitung dieser von den „Kähn’lfahrern“ genutzten Flutwelle wurde einmal jährlich der Lauf der Kirnitzsch von Altholz befreit und somit gleichzeitig Hochwasserprophylaxe betrieben. Auch weit vor unserer Zeit wurde stets und nicht ohne Grund von der einheimischen Bevölkerung auf einen „freien“ Flußlauf geachtet. Seit Ausrufung des Nationalparks und der Deklaration des oberen Kirnitzschtales als Kernzonenbereich findet dies jedoch nun nicht mehr statt. Die Wildwasserrennen und sämtliche Altholzberäumungen im Gewässer wurden weitgehend eingestellt, denn im Kernzonenbereich soll die Natur sich wieder selbst überlassen werden. Dies ist im Zuge der Nationalparkgestaltung verständlich und folgerichtig. Nunmehr bleibt das Altholz auch in der Kirnitzsch liegen, um den anliegenden Tierarten noch mehr natürliche Versteck- und Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Dennoch handelt es sich beim Elbsandsteingebirge teilweise auch um eine von Menschen bewohnte und von Urbanisationen durchzogene Kulturlandschaft. Deshalb werden der Nationalpark und die dort vorgehenden Dinge gerade von den ortsansässigen und hier verwurzelten Menschen genau beobachtet. Die Erinnerung an das letzte wirklich große Kirnitzschhochwasser ist bei vielen noch hellwach. Am 20.07.1981, nach langanhaltenden Regenfällen, stieg die Kirnitzsch derart an, daß der Wasserspiegel das Wetterschutzdach an der Bootsstation Obere Schleuse fast erreichte. Weitere erhebliche Hochwasser gab es im Sommer 1927, als unter anderem die gesamte Talebene um die ehemalige Böhmische Mühle überflutet war, und im Juni 1958, als an der Oberen Schleuse die Kähne über das Geländer gedrückt wurden. Im Flutjahr 2002 war die Kirnitzsch glücklicherweise nicht betroffen.

Angesichts der mittlerweile in der Kirnitzsch liegenden großen Altholzmengen und in dem Wissen, daß sich derartige Hochwasser jederzeit wiederholen könnten, werden die Stimmen nach einer zumindest moderaten Kirnitzschfreihaltung zunehmend lauter. Denn nach Aussagen älterer Einheimischer kam es sogar in Zeiten, als die Kirnitzsch noch freigehalten wurde, bei Hochwassern zu wilden Anstauungen durch Treibholz. Als diese dann brachen, entstanden dementsprechende kleinere Flutwellen. Man mag sich also nicht vorstellen, welche Wirkung heutzutage eine Hochwassersituation bei den in der Kirnitzsch liegenden Altholzmengen hätte. Wahrscheinlich wären die Mühlen im unteren Kirnitzschtal und die Stadt Bad Schandau teilweise gefährdet. Der im Mittellauf befindliche Floßrechen ist mittlerweile mehr als altersschwach und wäre sicher keine ernsthafte Altholzsperre. An der Unteren Schleuse ist aber zumindest die Wehranlage bestens gepflegt und in Schuß. Aber ist das Staubecken durch jahrzehntelange Verlandung als möglicher Wasserrückhalt brauchbar?

Bei allem Verständnis für die gerechtfertigten Maßnahmen bei der Umsetzung der Nationalparkkonzeption und der Durchsetzung des Zieles „Natur sich selbst überlassen“, sollte im Zuge einer Hochwasserprophylaxe für das Kirnitzschtal nach dem berühmten goldenen Mittelweg gesucht werden, wie es z.B. auch in Sachen der Freihaltung von Aussichtspunkten gelingen wird. Niemandem geht es darum, daß im Kirnitzschtal grundsätzlich „aufgeräumt“ wird, sondern um die Berücksichtigung generationsübergreifender Erfahrungen der hier lebenden Menschen bei gleichzeitiger Achtung des Nationalparkkonzeptes. Die Kirnitzschanlieger werden es irgendwann danken, denn das nächste Hochwasser kommt bestimmt!

Jan Hänel, Dresden


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