Wegegebot im Nationalpark, Boofen

Wegegebot im Nationalpark, Boofen

Geplante Einschränkungen in der Sächsischen Schweiz - bisheriger und aktueller Stand


Letzte Bearbeitung: 29.3.99

Neuigkeiten; aus der Wegekonzeption der NPV
Einschätzung der Bergsportverbände (interessant!)
konformer SZ-Artikel, nicht konformer DNN-Artikel, und die Stellungnahme des Ministeriums (NEU)
Arbeitskreissitzung im November
alternatives Wegekonzept des Bundes Sächsische Schweiz

Abb.1: "Übersanierter" Wanderweg in der Breiten Kluft als JPEG-Bild bitte hier anklicken

Abb.1a: Aussicht oberhalb der Breiten Kluft - eine Augenweide mit Geländer bitte hier anklicken

Worum geht es? Bisherige Entwicklungen

Seit Herbst 1996 laufen zwischen der Nationalparkverwaltung Sächsische Schweiz (NLPV) und dem Sächsischen Bergsteigerbund (SBB) - stellvertretend für die Bergsport- und Wanderverbände - Verhandlungen über eine Bergsportkonzeption. Während dieser Verhandlungen wurde offensichtlich, welche Ausmaße und Auswirkungen die geplante Durchsetzung des Wegegebots im Nationalpark haben wird. Eigentlich ging es dabei um einen "Nebeneffekt", doch eine Reaktion schien dringend notwendig, weil es zu viele Betroffene gibt, nicht zuletzt auch uns selbst.

Um es kurz zu fassen: Für den Normalverbraucher sollen sehr viele schöne Wege nicht mehr zugänglich sein; Bergsteiger können zusätzlich Bergpfade begehen, um an ihre Gipfel heranzukommen. Unter die Kategorie "Bergpfade" soll laut NLPV aber auch Wege wie Rotkehlchenstiege, Obere Affensteinpromenade, Zahme Hölle, Goldsteig und so weiter fallen (s.u.). Diese Pfade sollen nach neuesten Vorstellungen der NPV von jedermann betreten werden können (es soll keine Unterscheidung zwischen ihnen und reinen Gipfelzugängen geben), aber auf eigene Gefahr. Eine diesbezügliche Novellierung ist geplant.

Um etwas mehr Rückenhalt bei den schwierigen Verhandlungen zu haben, fragte ich auf einer Webseite nach Euren Meinungen.

Diese trafen sehr zahlreich ein, und ich möchte allen nochmals herzlich für ihre Mühe danken. Kaum eine Zuschrift war ein kurzes Statement, viele schrieben mehrseitige, oft sehr emotionale Texte. Fast alle zielten in die gleiche Richtung: Sperrt uns nicht aus der Natur aus, wir wollen sie nicht nur hinter Zäunen erleben. Einige Meinungen wollen wir - ohne Absprache mit dem Autor natürlich nur anonymisiert - noch verwenden. Insgesamt habt Ihr uns damit tüchtig den Rücken gestärkt.


Was geschah bisher?

Leider zeigte sich bei den Zuschriften, daß die Wanderer keine starke Lobby haben, denn die meisten Reaktionen kamen von Bergsteigern. Doch das änderte sich.

Am 25.Juni tagte der (übrigens von höchster Ebene preisgekrönte!) Arbeitskreis Klettern und Naturschutz, zu dem u.a. Vertreter des Umweltministeriums, der Nationalparkverwaltung, der Bergsport- und nicht zuletzt der Naturschutzverbände eingeladen werden. Es ging ziemlich hart zur Sache, und als greifbare Ergebisse kann man vielleicht folgendes nennen:


Hintergründe

In vielen Zuschriften und persönlichen Gesprächen wurde ich immer wieder gefragt: Wozu das alles, was will man damit bezwecken? Wenigstens im groben möchte ich dazu zwei Standpunkte darstellen:

Problematisch bei der ganzen Sache ist, daß gerade die bei Insidern beliebten Wege von den Einschränkungen betroffen sind und die "großen" Wege oft bis zur Unkenntlichkeit ausgebaut werden (dazu mehr im nächsten Punkt). Einschränkungen begründet man nicht nur mit der zu hohen Dichte des Wegenetzes (mit dem Ziel großflächiger Ruhestellungen), sondern auch mit der Wegesicherungspflicht. Hierzu gibt es allerdings Musterurteile, die für uns sprechen: Eine übertriebene Sanierung sei nicht angebracht, ein gewisses Maß an Umsicht könne von jedem Wanderer verlangt werden.

Es fragt sich ohnehin, wieso wir noch die Alpen betreten dürfen, wenn beispielsweise die Obere Affensteinpromenade für den Nicht-Bergsteiger zu gefährlich sein soll. Trotz der Interpretationsspielräume bei Gesetzen wäre eine Lösung wohl mit etwas gutem Willen zu erreichen, z.B. durch ein Schild "Nur für Geübte" oder "Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich". (Natürlich ist jeder trittsicher und schwindelfrei, aber unsinnigen Klagen kann man so vorbeugen.)

Noch wissen wir nicht genau, welche Wanderwege zum Bergpfad "umgewidmet" oder ganz gesperrt werden sollen. Die ersten mit Sicherheit bekannten Fälle von Sperrungen waren die Starke Stiege im Rauschengrund und die Obere Häntzschelstiege in den Affensteinen. Um die Häntzschelstiege gab es in der Sebnitzer Lokalpresse bereits sehr heftige Diskussionen (vor allem wegen der Äußerung von Dr.Stein, Chef der NLPV, darüber nicht zu diskutieren). Nun bliebt sie uns vielleicht doch erhalten, allerdings soll das anschließende Lange Horn gesperrt werden. Die Widersprüche drängen sich sofort auf. - Hier eine ganz unverbindliche Liste von Wegen und Punkten, die aller Voraussicht nach für Normalwanderer nicht mehr zugänglich sein sollen (Bergpfade wie Häntzschelstiege, Rübezahlstiege und Zwillingsstiege sind nicht erwähnt):

Nicht jeder Weg in der Liste muß unbedingt erhalten bleiben; z.B. wäre eine Ruhigstellung von Westelschlüchten und evtl. auch des Ziegengrunds verständlich. Aber es soll das Ausmaß zu erahnen sein. Und nicht zuletzt sinkt das Verständnis für eigentlich berechtigte Maßnahmen rapide, wenn der Wanderer erst vor Ort davon erfährt. Es dauerte sehr lange, bis endlich eine Wegekonzeption der NPV bekannt wurde (vgl. Nachtrag ). Etwas Unsicherheit bleibt trotzdem.

Schließlich noch ein Wort zu den Boofen, d.h. den Freiübernachtungsstellen. Es gab Fortschritte seit März; für das Schmilkaer Gebiet einigten wir uns mittlerweile auf etwa 20 Boofen ). Kritischer als eine relativ geringe Anzahl (Überlastung der Boofen) erscheint mir, daß nur Boofen unmittelbar an Bergpfaden benutzt werden dürfen. Als Ausnahme toleriert man die Boofe am Kleine Kuhstall in Schmilka. Das Aus kommt beispielsweise für die Boofe im Nassen Grund. Die Steinlochboofe sollte wegen "Ruhigstellung" gesperrt werden, wird aber bei nachgewiesener Nutzung vermutlich doch mit einbezogen. Die Schließung der Bandboofe unter dem Rauschenkegel plante man wegen "Erosionsgefahr", obwohl doch ein Bergpfad durch die Boofe läuft. Das ist zum Glück vom Tisch. Angesichts der prekären Lage bei den Wanderwegen ist das Thema "Boofen" aber derzeit wohl nicht das wichtigste.


Veränderungen im Gelände - aufpassen!

Unabhängig von allen Verhandlungen, Erklärungen, Beteuerungen und so weiter halten wir die Augen offen, wenn wir draußen sind. Denn an den dort gemachten Veränderungen entzündet sich derzeit die öffentliche Diskussion. Folgendes fällt auf:


Widersprüche - und was können wir tun?

Bergsteiger wie Naturschutzverbände sind angetreten, um eine hemmungslose Vermarktung und Übernutzung der Sächsischen Schweiz zu verhindern. Uns hilft das Engagement vieler Bergfreunde dabei sehr. Doch man kann nur schützen, was man kennt. Die jetzigen geplanten Einschnitte werden einfach nicht mehr akzeptiert, wie wir sehr zu spüren bekamen - egal, ob wir dahinter stehen oder nicht. Wir müssen einen Kompromiß zwischen traditioneller, naturverträglicher Nutzung und Naturschutz finden und dachten eigentlich, einen zufriedenstellenden status quo erreicht zu haben.

Die neuesten Entwicklungen belehren uns eines besseren. Es mag beruhigend sein, daß wir mit vielen Naturschutzverbänden ein sehr gutes Verhältnis haben und von ihnen auch fachliche Hilfe beziehen. Zustände wie in Baden-Württemberg sind hier wohl nach wie vor undenkbar. Leider hat sich das Verhältnis zu dem wichtigsten Partner, der Nationalparkverwaltung, getrübt.

Doch ungeachtet aller guter oder schlechter Verhältnisse untereinander beginnt sich ein allgemeiner Unmut zu entwickeln, der immer stärker wird. Wir können weder den jetzigen Wegeausbau verhindern noch das immer schlechtere Ansehen des Nationalparks bei der Bevölkerung. Wir können nur Veränderungen erfassen und öffentlich darauf hinweisen, welche Folgen unvermeidlich sind. Es wird schon fast zum Politikum - erstaunlich oft erklärten mir einheimische Besucher, daß sie nicht zuletzt die Sächsische Schweiz hier hält, obwohl der Arbeitsmarkt im "Westen" für sie viel freundlicher wäre. Es sind nicht die dümmsten, die das sagen.

Auch für den Naturschutz ist die jetzige Konfrontation katastrophal. Derzeit sehen alle nur Einschränkungen und Sperrungen, "klammheimlich", wie die Bild-Zeitung und andere formulierten. Wie soll man da noch glaubwürdig für wirklich notwendige Einschränkungen eintreten? Naturschutz kann man nicht am Menschen vorbei praktizieren; die Sächsische Schweiz hat nun einmal eine überragende Bedeutung als Erholungsgebiet und liegt mitten in einem dichten Siedlungsraum.

Wird der Konflikt nicht beigelegt, und werden Ausbau und Sperrungen weiter überzogen, dann läßt Baden-Würtemberg doch noch grüßen: Die Akzeptanz der Kletter-Einschränkungen liegt dort bei Null, und man ignoriert sie einfach. Der Naturschutz hat wenigstens auf Jahre hinaus seine Glaubwürdigkeit verloren. Das wäre das letzte, was wir hier brauchen.

Einen riesigen Widerspruch sehe ich auch im Zusammenhang mit dem wieder stark vermehrten Auftreten von Mountainbikern an unmöglichsten Stellen. Es ist sehr zu loben, daß die NLPV Radwege im NLP eingerichtet hat und diese auch ordentlich ausgewiesen sind. Dabei entsteht auch kein Schaden. Doch wenn Biker mit (ungelogen!) 50-70 km/h den Wurzelweg nach Schmilka hinunterrasen oder bei der Abfahrt von der Goldsteinaussicht zum Zeughaus den Boden mit ihren Stollen regelrecht umpflügen, dann sind das eindeutig Straftaten. Mitarbeiter der NLPV erklärten uns jedoch mehrfach, es wäre ihnen noch nicht in einem Fall gelungen, solche Rambos zu bestrafen. Ich befürchte Schlimmeres: Hier muß es erst zu tragischen Unfällen kommen. Das Rasen auf dem Wurzelweg ist bei diesen Geländeverhältnissen eine tödliche Gefahr für Biker wie Besucher, und Fehlreaktionen sind einfach nicht auszuschließen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn einer mit 50 km/h in einen versehentlich hingehaltenen Stock fährt oder versucht, hinter der Kurve einem umherspringenden Kind auszuweichen ... Übrigens: Das ist keine Polemik, denn ich bin selbst begeisterter Radfahrer, doch ich bin selbst schon oft genug erschrocken.

Was können wir nun tun?

Ihr könnt mir auch eine E-Mail schicken; ich habe es bisher geschafft, jede zu beantworten, obwohl sich alles - wie üblich bei uns - in der Freizeit abspielt. Ich werde versuchen, wichtige aktuelle Entwicklungen hier nachzutragen.

Wir danken der Firma avi-Ingenieurgesellschaft Dresden GmbH für ihre freundliche Hilfe beim Einscannen der Bilder sowie Iven Eißner ebenfalls für das Scannen weiterer Bilder sowie vor allem für die schöne Abb.1a.

Reinhard Wobst

Webseite des SBB

Webseite des ASD

Webseite der Sächsischen-Schweiz-Initiative SSI