Vorsitzender des Tourismusverbandes Sächsische Schweiz
61 Mitglieder hat der Tourismusverband Sächsische Schweiz, dem unser Interviewpartner Klaus Brähmig als 1. Vorsitzender seit November 1994 vorsteht. Unter den Mitgliedern des Tourismusverbandes befinden sich nahezu alle Stadt- und Gemeindeverwaltungen, die Fremdenverkehrsvereine, der Gaststätten- und Hotelverband, die Landesbühnen, die Festung Königstein, die Nationalparkverwaltung, aber auch eine Reihe von Privatunternehmern aus der Region, vor allem Hotelbesitzer. Klaus Brähmig, Jahrgang 57, bekleidet als Bundestagsabgeordneter weiterhin die Funktion des Obmanns der CDU/ CSU-Fraktion im Bundestagsausschuß für Fremdenverkehr. Er ist außerdem Vizepräsident des Landesfremdenverkehrsverbandes Sachsen und Vorsitzender des Vereins Sandstein und Musik. Wir führten mit Herrn Brähmig zum Thema "Touristische Entwicklung in der Sächsischen Schweiz" folgendes Interview.
1. Herr Brähmig, welche grundsätzlichen Ziele verfolgt der Tourismusverband?
Entsprechend unserer Satzung hat der Verband die Aufgabe, alle wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen zur ganzheitlichen Förderung des Tourismus in der Sächsischen Schweiz zu fördern. Darunter fallen also sowohl touristisches Marketing als auch Wirtschaftsförderung.
2. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation des Fremdenverkehrs in der Sächsischen Schweiz ein? In welchen Bereichen läuft es gut, wo gibt es Probleme?
Die Situation ist durchaus positiv in der Sächsischen Schweiz zu sehen. Wenn ich den Vergleich zu anderen Regionen des Freistaates ziehe, wir haben im übrigen 7 Regionalverbände, dann haben wir doch einen guten Stand erreicht. Das betrifft sowohl die Fremdenverkehrsintensität, d.h. Übernachtungen pro Einwohner, die Aufenthaltsdauer, die Tagesbesucher als auch die Wertschöpfung.
Wir verfügen derzeit über 9000 Betten im gewerblichen Bereich, darunter zählen die Beherbergungseinrichtungen ab 9 Betten. Dazu kommen noch einmal ca. 6000 privatvermietete Betten. Die durchschnittliche Wertschöpfung beträgt 100,- DM pro Übernachtung. 1995 wurden ca. 355.000 Übernachtungen in Hotels gezählt.
Es ist natürlich nicht so gut, daß es nicht noch besser gemacht werden kann. Probleme gibt es insofern, als daß wir ein Verband sind, der als e.V. agiert, der also auf die freiwillige Mitarbeit aller Gemeinden, aller Mitglieder und Leistungsträger angewiesen ist. Wir leiden darunter, daß die einzelnen Bürgermeister Schwierigkeiten haben, Kompetenzen an uns als Regionalverband abzugeben. Aber das versuchen wir durch Delegierung von Arbeiten und Schnittstellen zu kompensieren, wo eine Gemeinde eine Arbeit besser machen kann als der Tourismusverband, ohne daß es Doppelungen gibt.
3. Welche Veränderungen im Tourismus in der Sächsischen Schweiz haben sich seit der Wende ergeben?
Ich denke, daß sich vieles verändert hat. Wir hatten ja bis 1989 eine Art "Verschickungstourismus". Die Leute wußten am Jahresanfang, daß sie am Jahresende so und soviele Übernachtungen hatten. Das ist heute nicht mehr der Fall, denn der Wettbewerb hat auch bei uns Einzug gehalten.
Wir hatten anfänglich die positive Seite zu verzeichnen, daß ein gewisser Schnuppertourismus aus den alten Bundesländern zu verzeichnen war. Das hat sich natürlich jetzt wieder eingepegelt, so daß wir wirklich in einem Wettbewerb mit vergleichbaren Regionen wie in Bayern oder Baden-Württemberg stehen und unseren Platz behaupten müssen. Ich denke, uns ist dies bisher ganz gut gelungen.
Ich bin kritisiert worden, daß ich Zahlen von 1938 herangezogen habe, damals gab es in der Sächsischen Schweiz 1,2 Mio. Übernachtungsgäste. Diese Zahlen haben wir bis heute noch nicht erreicht, zumindest was den gewerblichen Bereich anbelangt, sollten sie aber wieder anstreben.
4. Wie lange bleiben die Gäste im Durchschnitt? Gibt es Übersichten z.B. über die regionale Herkunft der Übernachtungsgäste und über saisonale Schwankungen?
Die Gäste bleiben durchschnittlich 4,6 Tage in der Sächsischen Schweiz. Von Mai bis Oktober könnten wir, besonders in Ferienzeiten, das Doppelte an Kapazitäten brauchen, so groß ist die Nachfrage. Und im Januar/ Februar ist alles leer. Das heißt, unsere Zielrichtung muß sein, die Vor- und Nachsaison zu verlängern. Dazu brauchen wir aber auch die Gastronomie, Kulturangebote.
Die Herkunftsgebiete nach Bundesländern sind noch nicht genau aufgeschlüsselt. Jedoch zeichnet sich ab, daß bei ausländischen Besuchern mit einem Anteil von nur 2,5 % noch deutliche Reserven liegen.
5. Für wieviel Prozent der Einwohner des Gebietes ist der Fremdenverkehr Haupterwerb und für wieviele Nebenerwerb? Wie groß sind die Unterschiede der touristischen Entwicklung innerhalb der Sächsischen Schweiz bzw. des Landkreises?
Der Tourismusverband hat kürzlich ermittelt, daß in der Tourismusbranche in der Sächsischen Schweiz ca. 4000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte beschäftigt sind. Das sind etwas 8 % der 45.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis. Die Frage des Nebenerwerbes ist schwierig zu beantworten. Sicherlich sind dies noch einmal 2000 Personen.
In den Kurorten der Sächsischen Schweiz werden z.B. 35 bis 40 % aller Übernachtungen gezählt. Im touristischen Leitbild haben wir Entlastungsräume definiert, um Haupttourismusorte zu entlasten und Investitionen dorthin zu lenken. Der Landkreis soll als Ganzes verstanden werden; die Kernbereiche sollen stabilisiert und nicht weiter extensiv erweitert werden; die Randbereiche sollen eingebunden werden.
6. Über eine zu niedrige Auslastung wurde in der Tagespresse bereits mehrfach berichtet. Was ist Ihre Meinung zu den Ursachen? Welche aktuellen Zahlen zur Auslastung von gewerblichen und privaten Anbietern gibt es?
Ich denke, daß es immer an der Unternehmerpersönlichkeit liegt, ob ein Haus voll ist oder nicht. Derjenige, der sein Haus gut führt, der kann unter Umständen mit 70 % Auslastung über das Jahr rechnen, wobei der Landesdurchschnitt momentan bei 36 % liegt. Wer ein schlechtes Angebot, einen schlechten Service, eine schlechte Dienstleistungsmentalität hat, der liegt vielleicht am Existenzminimum von 25 oder 28 % und unter Umständen muß er damit rechnen, nächstes Jahr Konkurs anzumelden.
Nur, dies können wir als Tourismusverband nicht steuern. Wir können nur Angebote machen, und die Leute nehmen sie an oder nehmen sie nicht an. Und deswegen ist meine Philosophie: es geht kein Haus in der Sächsischen Schweiz aus dem Grund fehlender Touristen Pleite, sondern nur aus einer falschen Unternehmensphilosophie, aus einer unbefriedigenden Kommunikation mit dem Tourismusverband oder mit den örtlichen Fremdenverkehrsämtern und vielleicht wegen der fehlenden unternehmerischen Persönlichkeit.
1995 betrug die durchschnittliche Auslastung der Hotelbetten in der Sächsischen Schweiz 37, 9 %. Die Gesamtauslastung mit den Privatferienwohnungen lag 1995 bei 44,6 %. 1994 waren es 46,4 %. Damit hat die Sächsische Schweiz nach Dresden und dem Vogtland die höchste Bettenauslastung im Freistaat Sachsen.
Diese Zahlen stehen aber im Gegensatz zu den Auslastungszahlen des Kurortes Gohrisch, selbst wenn diese nur intern erhoben wurden.
Wir nehmen hier nur die Zahlen des statistischen Landesamtes aus Kamenz. Die gewerblichen Zahlen laufen über die IHK´s direkt an das statistische Landesamt. Im Gegensatz zu den gewerblichen Vermietern werden die Übernachtungen von privaten Vermietern statistisch nicht erfaßt. Die Zahlen von Gohrisch sind eine hausinterne Statistik. Aber das ist eine interessante Geschichte.
7. Noch stehen viele traditionelle Gasthäuser mit Übernachtungskapazität leer, erinnert sei z.B. an das Erbgericht Waltersdorf, die Waltersdorfer Mühle oder den Beuthenfall. Was ist hier geplant?
Als Vorsitzender des Tourismusverbandes und als Abgeordneter will ich alle Bürgermeister mit der Bitte um Zuarbeit für die verschiedenen Objekte anschreiben, ob überhaupt im städtischen oder dörflichen Entwicklungskonzept für diese Objekte weiterhin für eine touristische Nutzung vorgesehen ist. Oder ob man sagt, die Objekte sollen für Wohnungen, für Gewerbe oder für Industrie oder was auch immer umgebaut werden. Es soll einfach einmal definiert werden, wieviel Gebäude wieder für touristische Zwecke genutzt werden sollen. Wir hätten dann ohne einen einzigen Neubau schon ca. 1000 Betten mehr, die früher bereits einmal zur Kapazität dazugehört haben, was auch Staatssekretär Dr. Reinfried zum Landschaftstag erwähnt hat.
Wenn alleine nur diese Gebäude wieder in Betrieb gehen, dann müßte wegen der Kapazitätserweiterung von über 1000 Betten und bei gleichbleibender Auslastung von 40 % ca. 150.000 Übernachtungen zusätzlich erbracht werden. Meine Meinung ist, und da lasse ich mich auch gerne kritisieren: Ich möchte, daß der Vorkriegsstand der Infrastruktur, der Kapazitäten und der kleingliedrigen Struktur der Betriebe, Berggaststätten, Familienhotels usw. bis zum Jahr 2000 bis 2005 wieder erreicht wird. Leider stehen aber die Fördermittel für die touristischen Programme nicht mehr in der Fülle zur Verfügung, auch die Banken sind zurückhaltend. Und es müßten natürlich mehr Touristen kommen. Letzteres ist auch unsere Aufgabe als Tourismusverband.
Sofern die Gemeinde das will, so würde ich als Abgeordneter bzw. wir als Tourismusverband unterstützen, daß die jetzt leerstehenden Häuser wieder der Kapazität zuführen. Die Alternative wäre nur der Abbruch, wenn keine andere Umnutzung wie Wohnungen, Gewerbe o.ä. gefunden wird.
9. Gleichzeitig ist der Neubau von Hotels in Rathen oder im Bielatal beabsichtigt bzw. schon begonnen. Gastwirte kritisieren, daß der damit verbundene Bettenzuwachs in keinem Verhältnis zum Gästezuwachs steht und sich die schon jetzt kritische Auslastung der bestehenden Hotels sowie der gewerblichen und privaten Vermieter weiter verringert.
Wie positioniert sich der Tourismusverband zu den in ihrer Dimension kritisierten Hotelneubauten im Bielatal und in Rathen? Steht die Dimension der Objekte nicht im Widerspruch zum vom Tourismusverband erarbeiteten Tourismusleitbild?
Für mich ist sowohl das Elbschlößchen in Rathen oder das Jagdschloß im Bielatal ein Um- und Ausbau und kein Neubau. Das ist eine ganz entscheidende Frage. Bei den Objekten wird immer von einem Neubau gesprochen. Unter Neubau verstehe ich, daß ein neues Objekt auf der grünen Wiese entsteht. Das ist ein Kernsatz unseres Leitbildes. Wir müssen definieren, was ist Neubau und was ist Um- und Ausbau. Es besteht die Frage, ob wir uns einigen können, daß Hotels wie im Bielatal oder in Rathen nur Um- und Ausbauten auf einer schon bebauten Fläche sind.
Aber egal ob es nun Um- oder Ausbau oder Neubau heißt, dies ist doch nur eine Begriffsdefinition. Die Frage ist aber immer, wie sieht das Objekt dann wirklich aus und wie paßt es sich in die Landschaft ein.
Wir haben nicht mehr Sozialismus, wo vorgeschrieben wird, wer baut und wie gebaut wird. Jeder hat das gleiche Recht und zudem besteht Gewerbefreiheit. Man kann einem Investor nicht vorschreiben, welches Konzept er für richtig hält, und wie er zu bauen hat. Es gibt Untergrenzen für die Größe eines Objektes und Forderungen des Kapitaldienstes. Wenn kein Investor gefunden wird, bleibt als Alternative nur der Abriß.
10. Worin sieht der Tourismusverband wichtige Aufgaben für die nahe Zukunft?
Dies sind vor allem das Zusammenführen von Infrastrukturpartnern und weitere Marketingaktivitäten. Zu nennen wären da die Veranstaltungsreihe "Sandstein und Musik", gemeinsame Angebote mit der Deutschen Bahn AG wie z.B. das Fahrrad am Bahnhof oder das Engagement zum Landschaftstag. Eine wichtige Aufgabe werden die bereits erwähnten Bemühungen zur Erhöhung der Auslastung in der Nebensaison. Außerdem wollen wir eine Initiative zur Erarbeitung eines Verkehrsleitbildes ähnlich dem Tourismusleitbildes anregen, um dieses schwierige Problem anzugehen.
Herr Brähmig, vielen Dank für das Gespräch.
(Das Interview führte Peter Rölke.)