Zur Lösung des Problems wurde von den oben genannten Einrichtungen eine Studie in Auftrag gegeben, welche ich als Student für Ökologie und Umweltschutz an der HTWS Zittau seit einiger Zeit bearbeite.
Die Ursache für den anhaltend hohen Brutausfall der Uhupopulation im Zittauer Gebirge ist zwangsläufig ein multifaktorielles Zusammenspiel von Nahrungsproblemen, Störungen, ungünstiger Witterung und Unfällen mit technischen Einrichtungen. Ähnlich dem Schwarzstorch und Wanderfalken reagiert der Uhu besonders während der Brutzeit und Jungenaufzucht von Februar bis Juni äußerst sensibel auf plötzlich eintretende Ereignisse. Nach Untersuchungen an der im Elbsandsteingebirge heimischen Population durch die Nationalparkverwaltung "Sächsische Schweiz" kann allein der Sichtkontakt bei einer Distanz von weniger als 100 m zum Tier eine erhebliche Störung bedeuten. Sie endet nicht selten in panikartiger Flucht des Vogels. Für die Brut hat dies fatale Folgen, da das Alttier sehr oft über längere Zeit fernbleibt und so der Nachwuchs erfriert oder Nesträubern zum Opfer fällt. Grund für die hohe Streßanfälligkeit des Uhus ist vor allem die Tatsache, daß die Art über Jahrhunderte hinweg vom Menschen gejagt und verfolgt wurde.
Geklettert wird im Zittauer Gebirge schon seit über 100 Jahren. Der Uhu hat den Raum erneut erst ab 1932 besiedelt, nachdem er in Deutschland nahezu ausgerottet war. Anfangs konnte das Gebiet die jährlich ansteigenden Kletterzahlen verkraften. Aufgrund genügend vorhandener Ausweichplätze innerhalb der Habitate und einer ausreichenden Nahrungsgrundlage war die Uhupopulation in der Lage, ihre Abgänge zu kompensieren. Allgemein bekannt ist, daß im Zuge der Landschaftsausräumung und des starken Ausbaus unseres Verkehrsnetzes das Potential an Niederwild - der einzig effektiven Nahrungsquelle des Uhus - erheblich zurückgegangen ist. Um so stärker wirkt sich der Faktor "Beunruhigungen" auf den Bestand aus. So sind in der heutigen Zeit Beeinträchtigungen im Reproduktionsverhalten des Uhus durch Kletteraktivitäten nicht mehr zu vermeiden, wenn keine geeigneten Schutzmaßnahmen getroffen werden. Die daraus resultierenden Konsequenzen wären vorprogrammiert.
Um einen quantitativen Einblick in die Frequentierung des Zittauer Gebirges durch Kletterer zu erhalten, wurde von mir eine Statistik mit mehr als 22.000 Eintragungen aus den Gipfelbüchern einiger stochastisch ausgewählter Klettergipfel erstellt. Interessant ist, daß der Rückgang der Besucherzahlen nach der Wende schwächer ausgefallen sein dürfte als erwartet. Auch läßt der kontinuierliche Anstieg in den letzten Jahren die Vermutung zu, daß mittelfristig das ursprüngliche Level wieder erreicht sein wird. Die derzeitige Tendenz spricht deshalb für eine ungebrochene bergsteigerische Attraktivität des kleinen Gebirges.
Ohne Zweifel besteht unter den Kletterfreunden ein allgemeines Interesse für die Erhaltung der Natürlichkeit ihrer Klettergebiete. Denn bei einem Wertverlust eines so seltenen Biotoptypes wie diese vom Uhu besiedelten offenen Felsbildungen gibt es im allgemeinen keinen Ersatz.
Hier kommt man schnell zu der Einsicht, daß das Betretungsverbot der betroffenen Kletterfelsen unbedingt eingehalten werden muß, da dies, wie oben erläutert, den einzigen derzeit realisierbaren und wirksamen Uhuschutz darstellt.
Wenn also Vorrangbereiche im Biotop- und Artenschutz festgelegt werden, wie es die Horstschutzzonen im Zittauer Gebirge sind, wird nichts anderes als öffentliches Interesse verfolgt. Es sind alle Beteiligten gefragt, das Problem gemeinsam zu lösen und Verständnis zu zeigen. So müssen beispielsweise die Naturschutzbehörden ihre Arbeit transparent gestalten und die Klettervereine dieses oder jenes Schwarze Schaf reglementieren, welches sich aus Unkenntnis oder mangelnder Bereitschaft nicht an die Restriktionen hält. Denn das Erleben von Natur und Landschaft ist ein Grundbedürfnis und somit Grundrecht von uns allen.
Carsten Enke, Zittau