Vor 40 Jahren wurde die Sächsische Schweiz zum Landschaftsschutzgebiet erklärt
Vor 57 Jahren begann am 1. September der Zweite Weltkrieg, 11 Jahre nach Kriegsende wurde die Sächsische Schweiz zum Landschaftsschutzgebiet erklärt und das sogar als Vorstufe für einen künftigen Nationalpark sächsischer Prägung, der die gesamte Landschaft der Sächsischen Schweiz umfassen und diese als "gute Stube Sachsens" für alle ewig erhalten sollte.
Am 12. November 1989, dem ersten deutsch-deutschen Wochenende nach dem Fall der Berliner Mauer, dachten ostsächsische Naturschützer auf dem Ungerberg bei Neustadt - Anlaß war eine turnusmäßige Tagung der Schwarzstorchbetreuer und Kreisnaturschutzbeauftragten des Bezirkes Dresden - im Anblick des Bundesnaturschutzgesetzes überaus besorgt über den Fortbestand des Landschaftsschutzgebietes Sächsische Schweiz nach. Zu groß war mit einem Male die Gefahr der Vermarktung für dieses einmalige Großschutzgebiet geworden, und zu gering erschien künftig der rechtliche Status als Landschaftsschutzgebiet, um diesen verhängnisvollen Selbstlauf des Geldes in dieser noch weitgehend intakten Landschaft abzuwenden. Die bedrohte Landschaft brauchte umgehend einen höheren Schutzgrad. Ausgehend von den Begriff Landschaft als einem Raum von Naturprodukt und Menschenwerk in einem kam dafür nur das international bereits anerkannte Biosphärenreservat in Frage, doch diese Kategorie gab es seinerzeit noch nicht im deutschen Naturschutzrecht. Von jenem Mangel profitierte die Nationalparkidee, sie erlebte im gesamten Bereich der untergehenden DDR eine nahezu euphorische Renaissance.
Am 1. Oktober 1990 wurden rechtselbisch zwei voneinander getrennte Nationalpark-Teile eingerichtet, zur Wahrung der landschaftlichen Einheit kam die Bezeichnung "Nationalparkregion" auf, der neue Begriff sollte die staatliche Fürsorge für ein gesteigertes Landschaftsschutzgebiet beinhalten. Divide et impera hat jedoch noch nie in der Weltgeschichte zu einem organischen Ganzen geführt. Aus unserem großen Fels-Landschaftsschutzgebiet wurde inzwischen ein kleiner Wald-Nationalpark, der in Verkennung der historischen Bedingungen einseitig dem Prozeßschutz dienen soll und somit dem folgenschweren Dualismus Mensch-Natur untergeordnet wird. Die Namensfindung Nationalparkregion kommt allenfalls dem Fremdenverkehr entgegen, naturschützerisch hatte sie keine strengeren Handhabungen zur Folge. Das Landschaftsschutzgebiet wird - wie seit dem Naturschutzgesetz von 1992 landesweit üblich - durch sogenannte Ausgliederungen immer mehr durchlöchert; de facto hat es längst aufgehört, als Ganzes zu bestehen.
Für einstmals im ehrenamtlichen staatlichen Naturschutz Engagierte bedeutet das eine bittere Erkenntnis und zugleich eine unglaubliche Mißachtung all ihrer Lebensauffassung; das kritische Auge der Nachgeborenen wird eines Tages darüber zu befinden haben. Dann ist es für notwendige Veränderungen aber schon zu spät.
Dietrich Graf
(Sebnitzer Kreisnaturschutzbeauftragter
von 1961 bis 1992)
Erstmals seit der Wende hat wieder ein Landschaftstag in der Sächsischen Schweiz stattgefunden. Es ist eine gute Sache, daß die Traditionen der drei Landschaftstage aus der DDR-Zeit jetzt ihre Weiterführung gefunden haben, auch wenn die Organisatoren auf die Tradition nicht ganz so viel Wert legten und auf die Bezeichnung 4. Landschaftstag wohl bewußt verzichteten.
Mit Sicherheit hat dieser 4. Landschaftstag erneut der gesamten Region, ihren Einwohnern, den Kommunal- und Landespolitikern, den Behörden, selbst der landesweiten Öffentlichkeit die Bedeutung des Schutzgebietes ins Gedächtnis gerufen. (Obwohl dies die "Jäger 96-Übung" der Bundeswehr einen Monat später wahrscheinlich noch besser geschafft hat...) Eine ganze Reihe von Politikern, erinnert sei an den Staatssekretär Reinfried, Landrat Geißler oder den Bundestagsabgeordneten Brähmig, haben sich für die Notwendigkeit eines erhöhten Natur- und Landschaftsschutzes in der Sächsischen Schweiz ausgesprochen.
Wer auf die Einladung schaute, hatte sicher nicht übersehen, daß, entsprechend der drei Veranstalter Umweltministerium, Landkreis und Tourismusverband, vier der fünf Diskussionsredner der Vormittagsveranstaltung der CDU angehörten. Somit war dieser erste Landschaftstag nach der Wende zwar auch nicht gerade als staatsfern einzustufen, in der anschließenden Diskussion wurden dann aber die Brennpunkte wie Bebauung oder Verkehr heiß diskutiert. Vielleicht war es gerade das, was diesen Landschaftstag von den vorigen unterschieden hat und was die ehrenamtlichen Naturschützer mit Freude zur Kenntnis nahmen, selbst wenn die freie Äußerung der Meinung natürlich noch nicht zur sofortigen Verwirklichung der Ideen und Vorstellungen führen wird. Aber es ist ein erster wichtiger Schritt dazu.
Die Vertreter der Naturschutzverbände, so Kareen Seiche (Schutzgemeinschaft), Dr. Albrecht Sturm (NABU) und Peter Hildebrand (Bund Sächsische Schweiz) kritisierten auf dem Landschaftstag insbesondere die derzeitige Praxis der Ausgliederungen und der Zerstückelung des LSG, die den langen Traditionen des Landschaftsschutzes in der Sächsischen Schweiz widerspricht. Genannt wurden z.B. die erfolgten Ausgliederungen für die Kurklinik Ostrau, das Wohngebiet Struppen-Siedlung oder das jetzt leerstehende Gewerbegebiet Leupoldishain. Heftig attackiert wurden auch die Bauprojekte des "Freiherrn" aus Bremen im Bielatal oder das Baugeschehen in Rathen.
Staatssekretär Dr. Dieter Reinfried stellte fest, daß derzeit noch viele ehemalige touristische Objekte leerstehen und verfallen. Allein durch deren Wiederinstandsetzung und Reaktivierung könnten ca. 1000 Betten geschaffen werden. Für Neubauten auf der grünen Wiese sieht sein Ministerium deshalb derzeit keinen Bedarf. Auch eine Wiedereingliederung der für die Kurklinik Ostrau ausgegliederten Fläche sei möglich, falls der Investor nicht baut, so Reinfried auf eine direkte Anfrage. Die Naturschutzverbände registrierten beide Äußerungen mit Erleichterung. Vielleicht wird der Begriff Nationalparkregion doch noch mit Inhalt erfüllt und das LSG inhaltlich, wenn auch nicht formaljuristisch, aufgewertet. Dies wäre sicher ganz im Sinne der im Beitrag von Dietrich Graf dargestellten langen Traditionen des Landschaftsschutzes in der Sächsischen Schweiz.
Im Nachmittagsprogramm des Landschaftstages waren zum Thema "Verkehr der Zukunft?" hochkarätige Fachleute eingeladen, u.a. sei der Verkehrsexperte Professor Knoflacher aus Wien genannt, aber auch kompetente Vertreter wie z.B. von der Deutschen Bahn AG und aus dem Nationalpark Bayerischer Wald standen als Diskussionspartner zur Verfügung. Gemeinderatsmitglied Hasso Franze aus der Gemeinde Kirnitzschtal berichtete zu den aktuellen Verkehrsproblemen im Kirnitzschtal und wies auf notwendige Kompromisse zwischen dem Tourismus als Wirtschaftsfaktor und dem Naturschutz hin. Die Schaffung von Parkplätzen im Kirnitzschtal und an der Hohen Straße sei für ihn aber vordringlicher als Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung im Kirnitzschtal, weil, so Franze, starke Verkehrsspitzen nur an wenigen Wochenenden auftreten würden, und die Gastwirte zumeist die Gäste herbeisehnen.
Der einzige, wirklich traurige Teil der Veranstaltung war wohl der Diskussionsbeitrag sowie die weiteren Auftritte des, wie er selbst sagte, "bekennenden Autofahrers" Michael Jacobs, Mitglied des Verkehrsausschusses des Landkreises und für die CDU derzeit Bürgermeister in Heidenau. Den öffentlichen Verkehr zu fördern und dafür zukünftig Geld bereitzustellen, hält er für grundfalsch. Wenn Herr Jacobs im Verkehrsausschuß des Landkreises etwas zu sagen hat, dann braucht man sich nicht zu wundern, daß Buslinien ausgedünnt oder eingestellt werden, anstatt attraktive Angebote zum Umsteigen auf die öffentlichen Verkehrsmittel zu machen. Natürlich muß zuerst einmal in das Angebot investiert werden, ehe Ergebnisse, nämlich steigende Fahrgastzahlen und weniger Autoverkehr, zu erwarten sind. Der Wert einer gesunden Umwelt und Natur ist allerdings in Geld schwer auszudrücken. Damit bleibt die Frage offen, ob im Verkehrsausschuß des Landkreises, sollte ihn Ausschußmitglied Jacobs repräsentieren, derzeit der Wille zur Förderung des öffentlichen Verkehrs überhaupt vorhanden ist.
Peter Rölke
(Der Diskussionsbeiträge von Professor Knoflacher und von Kareen Seiche sollen im nächsten SSI-Heft veröffentlicht werden.)