Für immer verschwunden !?
Vögel sind wie alle Tiere und Pflanzen Glieder verschiedenster Lebensgemeinschaften, und jede Art stellt spezielle Ansprüche an ihre Umwelt. Das Elbsandsteingebirge bietet uns ein interessantes Beispiel für die sich in den unterschiedlichsten Biotopen widerspiegelnde Artenvielfalt der heimischen Tierwelt.
Langjährige Beobachtungen und daraus resultierende Veröffentlichungen zeigen, daß in unserer Vogelwelt Veränderungen stattfinden oder schon stattgefunden haben. Einzelne Arten ziehen sich in sogenannte Optimalbiotope zurück oder sterben gebietsweise aus. Andere siedeln sich neu oder erneut an, erweitern ihr Areal und breiten sich aus.
Betrachten wir zuerst die im heutigen Jahrhundert aus unserer Heimat verschwundenen Vogelarten und beziehen uns dabei auf die Veröffentlichungen von Rudolf Zimmermann (1931), Hans Förster (1938) und Robert März (1957).
Als erste Art verschwand das bunte Haselhuhn (Bonasa bonasia) aus unseren Wäldern. Die letzten bekannten Brutplätze waren in den 20er Jahren das Arnstein- und Winterberggebiet. Am Großen Winterberg traf H. Förster um 1920 noch eine Henne mit ihrem Gesperre. Gleiches beobachtete Forstmeister Lohwasser 1942 im Lagergrund bei der Balzhütte (Na tokani) in Böhmen. Einzelne Beobachtungen vor dem 2. Weltkrieg gab es noch bei Hinterhermsdorf. Die wohl letzte sächsische Beobachtung gelang K. und P. Augst Ende der 40er Jahre im Knechtsbachtal. Spätere Haselhuhnfest-stellungen, vor allem aus dem linkselbischen Gebiet, müssen angezweifelt werden, zumal dabei oft von Ansammlungen - wie sie aber für das monogam lebende Waldhuhn völlig untypisch sind - berichtet wurde. Viel eher ist dabei an eine Verwechslung mit dem Rebhuhn (Perdixperdix) zu denken, welches durchaus auf Großkahlschlägen kurzzeitig günstige Habitatbedingungen nutzen kann.
Der Rückgang der Haselhühner begann mit der forstlichen Umstellung der Wälder schon recht früh. Monotone Fichtenforsten ersetzten großflächig laubholzreiche Mischwälder mit mannigfaltigen Strukturen, wie Windwürfe oder Brandflächen. Weichlaubhölzer, wie Aspe, Birke und Eberesche, welche für die Ernährung des Haselhuhn unabdingbar sind, wurden ständig aus jeder Kultur "gepflegt". Wie hoch der Bestand dieses kleinen Waldhuhnes noch vor fast 200 Jahren war, belegt ein altes Pirschverzeichnis des Otten-dorfer Forstrevieres. Danach wurden in der Zeit von 1817 bis 1836 in den Thorwalder Wänden 51 Haselhühner erlegt. Bis 1904 kamen dann nur noch 11 Haselhühner zur Strecke.
Das Ende der 50er Jahre besiegelte auch das Schicksal zwei weiterer Vogelarten unserer Heimat: Baumfalke (Falco subbuteo) und Steinkautz (Athene noctua). Der Baumfalke war hier einst ein seltener Brutvogel und sein Vorkommen beschränkte sich auf den westlichen Teil der Sächsischen Schweiz. Noch in den 30er Jahren fand R. März diesen Falken im Rathener Gebiet horstend. Der Baumfalke ist ein Zugvogel, welcher erst relativ spät im Jahre ankommt. Er zieht seine Jungen in Krähennestern und verlassenen Greifvogelhorsten groß. Als seltenen Durchzügler begegnet man hin und wieder einem dieser faszinierenden Vogel- und Insektenjäger mit dem an einen großen Mauersegler (Apus apus) erinnernden Flugbild.
Der Steinkauz besiedelte einst nur die für ihn klimatisch günstigen, tiefer gelegenen Randgebiete, vor allem im wärmeren Elbtal. Hier fand ihn R. März als regelmäßigen, nicht seltenen Brutvogel in den Steinbrüchen um Wehlen. Er kartierte dort um 1930 auf 20 km2 zwölf Steinkauzpaare. Die letzten Brutnachweise wurden bei Lohmen, Strand und Goes südlich von Pirna erbracht. Sehr selten gelingen noch heute Nachweise durchstreifender Vögel, so konnte 1990 ein letzter bei Bad Schandau aus einem Schornstein befreit und am nächsten Tag wieder in die Natur entlassen werden.
Baumfalke und Steinkauz reagierten mit ihrem Verschwinden auf die Veränderungen in der Landschaft, vor allem aber auf den Rückgang von Großinsekten durch intensive Chemisierung in Forst- und Landwirtschaft.
Das Jahr 1972 brachte das Ende für zwei weitere Charaktervogelarten des Elbsandsteingebirges, den Wanderfalken (Falco peregrinus) und das Auerhuhn (Tetrao urogallus).
Der Wanderfalke, einst hier mit seiner größten Siedlungsdichte im Land, wurde das Opfer unsachgemäßer und unkontrollierter Anwendung von Pestiziden. Weltweit brachen ganze Populationen dieses Endgliedes einer Nahrungskette zusammen. Auch vor dem einst wanderfalkenreichen Elbsandsteingebirge machte diese negative Entwicklung nicht halt. Der Niedergang wurde durch das pestizidgeschädigte Fortpflanzungsverhalten der überalterten Brutpaare verursacht. Dünnschalige Gelege und abgestorbene Embryonen in den Eiern beeinträchtigten jahrelang den Bruterfolg. Seit 1965 schlüpften hier keine Jungfalken mehr. Brüteten in unserer Felsenheimat 1930 noch mehr als zehn Wanderfalkenpaare, so waren es 1961 noch fünf oder sechs und 1972 nur noch ein Paar, welches nach mißglücktem Brutversuch für immer verschwand. Ein im Jahre 1989 gestartetes Wiederansiedlungsprogramm zeigte bald Erfolg, darüber wurde in dieser Schrift schon mehrfach berichtet.
Zum Schicksal der heimischen Auerhuhnpopulation wurde eine ausführliche Studie angefertigt, in deren Ergebnis neben der forstlichen Umstrukturierung der Wälder vor allem die touristische Entwicklung als für das Aussterben der Art verantwortlich erkannt wurde.
Bis um 1960 hielt sich in der hinteren Sächsischen Schweiz noch eine lebensfähige Population von über 30 Vögeln. Aus dem Basteigebiet war das scheue Waldhuhn schon in den 30er Jahren verschwunden.
Rapide brachen die Bestände in kürzester Zeit zusammen. Balzten im Domgebiet 1960 noch fünf bis sechs Hähne, so blieb 1967 nur noch eine Henne übrig. Auf dem Balzplatz im Großen Zschand verlief diese Entwicklung analog. K. Augst und J. Ebert beobachteten dort 1960 noch acht Auerhähne; sechs Jahre später war auch dieser Platz verwaist. 1967 wurde in dessen Nachbarschaft ein balzender Hahn mit fünf Hennen festgestellt. Wohl dieser letzte Hahn wurde im April 1971 von einem tschechischen Grenzer abgeschossen. Beobachtungen einzelner Hennen in weiterer Umgebung gelangen noch bis 1974. Im angrenzenden böhmischen Teil versiegten die Nachweise etwa zehn Jahre später. In den linkselbischen Wäldern gelang die letzte Beobachtung eines Auerhahns 1965.
Ebenfalls durch Veränderungen in der Waldstruktur nahm auch die Bestandsentwicklung beim Birkhuhn (Tetrao tetrix) einen negativen Verlauf. R. März berichtete von drei balzenden Birkhähnen auf dem abgebrannten Plateau des großen Zschirnsteines. Dank der jahrelangen Beobachtungen des dortigen Revierförsters R. Laube sind wir gut über Aufleben und Niedergang dieser Population unterrichtet. Ein erster Hahn wurde 1949 auf der Brandfläche gesichtet. Die Zahl der Birkhühner wuchs stetig und erreichte 1957 mit ca. 25 balzenden Hähnen ihren Höhepunkt. Nun kam es zum Abwandern einzelner Tiere und somit zur Neugründung kleinerer Vorkommen in näherer und weiterer Umgebung, welche aber nicht sehr beständig waren. So balzten auf einer Brandfläche auf den Partschenhörnern im Großen Zschand 1959 drei Birkhähne und 1961 zum letzten Mal ein Hahn. Mit dem Hochwachsen der Kulturen, aber sicher auch durch das Einwandern der Schwarzwildes nach dem Kriege, erfolgte ein steter Rückgang und in den 70er Jahren galt die Beobachtung eines Birkhuhnes als eine Besonderheit.
Mit dem Waldsterben im Erzgebirge und den zur Sächsischen Schweiz angrenzenden Gebieten verbesserte sich nach 1990 die Habitatsituation für Birkhühner und es gelangen im Grenzgebiet südlich von Rosenthal kurzzeitig wieder Beobachtungen und Brutnachweise. Dichtes Zupflanzen der gerodeten Waldflächen auf sächsischer Seite und illegaler Abschuß von Hähnen während der Balz jenseits der Landesgrenze machten diese hoffnungsvolle Entwicklung jedoch rasch wieder zunichte.
Auch das in den strukturreichen Feldfluren heimische Rebhuhn mußte weichen, als man begann, Hecken zu roden, großflächige, monotone Felder einzurichten und intensiv Biozide und Herbizide in der Landschaft zu versprühen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit Mitte der 60er Jahre, als in den Wintern die Rebhuhnvölker unter den Beerensträuchern der Gärten am Dorfrand von Lichtenhain, Mittelndorf usw. Zuflucht suchten. Zehn Jahre später kamen nur noch selten Rebhühner zur Beobachtung und heute schaut man vergebens über die Felder, auch wenn durch deren Brachlegungen wieder günstigere Bedingungen entstanden sind. Daran ändern auch die von Jägern getätigten Aussetzungen gezüchteter Rebhühner nichts, sind solche Vögel doch dem Leben in Freiheit nicht oder nur gering angepaßt.
Der etwa taubengroße, eigentümliche Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus), ein den meisten auf Grund seiner nächtlichen Lebensweise unbekannter Bewohner der Heidekiefernwälder, wurde von R. März noch in den 30er Jahren im Basteigebiet angetroffen. Er war nicht häufig, aber an manchen Stellen, z. B. auf den Partschenhörnern und bei den Zschirnsteinen, mit gewisser Regelmäßigkeit zu beobachten. Letzte Beobachtungen an bekannten Plätzen gelangen 1980 und 1981 in den Thorwalder Wänden. 1993 wurde ein Vogel der Art nördlich vom Hohen Schneeberg gesehen. Der Rückgang des Ziegenmelkers ist nicht nur auf unser Gebiet beschränkt und sicher ähnlich wie bei Baumfalke und Steinkauz auf den Entzug der Nahrungsgrundlage zurückzuführen.
Im selben Habitat war einst die Heidelerche (Lullula arborea), ein unscheinbarer Singvogel, aber mit schönem, melancholischem Gesang, ein seltener Brutvogel. Ihr Verschwinden geschah fast unbemerkt, so daß dazu keine genauen Aussagen gemacht werden können. Linkselbisch gelingen hin und wieder Beobachtungen an potentiellen Brutplätzen. Einen letzten Brutverdacht im rechtselbischen Gebietsteil äußerte A. Sturm 1980. Vereinzelte Beobachtungen im böhmischen Sandsteingebiet lassen uns hoffen, die beiden letztgenannten Arten auch auf sächsischer Seite wieder bestätigen zu können.
Ich danke allen Personen, welche mir, z. T. über Jahre hinweg, ihre Beobachtungen mitteilten.
Ulrich Augst, Nationalparkverwaltung
Literatur:
Förster, H. (1938): Aus der Tierwelt der Sächsisch-Böhmischen Schweiz. - Dresden
Klaus, S. & U. Augst (1994): Das Aussterben des Auerhuhns Tetrao urogallus L. im Elbsandsteingebirge - Versuch einer Analyse. - Beiträge zur Tierwelt des Elbsandsteingebirges, Schriftenreihe Nationalpark Sächsische Schweiz 2, S. 18-46
März, R. (1957): Das Tierleben des Elbsandsteingebirges. - Wittenberg-Lutherstadt
Zimmermann, R. (1931): Die Wirbeltierwelt der Sächsischen Schweiz. - Mitt. Ver. Sächs. Heimatsch. XX, S. 53-70