Über die alte und die neue Forstbergsäule bei Hohnstein
Das gepflasterte Steilstück zwischen Brandstraße und Forstgraben wird in Hohnstein immer noch "der Forstberg" genannt. Diese Bezeichnung dürfte wohl aus jener Zeit stammen, wo der Fahrweg nach Schandau von Hohnstein aus über die Alte Brandstraße und durch den Forstgraben zum Tiefen Grund und Lachsbachtal verlief und bei den Fuhrleuten das beschwerliche, sicher auch gefährliche Steilstück durchaus als etwas Beachtenswertes galt. Linkerhand tragen die Felsen etliche Einhauungen von Jahreszahlen, die älteste stammt immerhin von 1712. Am unteren Ende des Forstberges laden unter einem Felsüberhang zwei aus dem anstehenden Sandstein geschlägelte Sitzbänke zur Rast ein.
Oben an der Brandstraße stand die Forstbergsäule. Sie ging auf ein besonderes Ereignis zurück und war nicht bloß ein steinerner Wegweiser wie die beiden Brandsäulen am Neuweg und an den Brandstufen, sondern zugleich ein Denkmal. Alle drei Säulen sind zerstört worden, die untere Brandsäule vermutlich schon 1919 im Rahmen der Notstandsarbeiten am Ochelweg, als im Tiefen Grund bei den Brandstufen die Umlenke mit den beiden Steinbrücken gebaut wurde. Nach 1960 hat man die obere Brandsäule und die Forstbergsäule zerschlagen. Das Kopfstück der oberen Brandsäule konnte von Günter Döring aus Dresden (gebürtiger Hohnsteiner) sichergestellt werden, das Kopfstück der Forstbergsäule blieb dagegen trotz ausgiebiger Nachforschungen bislang verschollen. Lediglich zwei Bruchstücke konnten auf der Talsohle im hinteren Teil des Forstgrabens gefunden werden, die wenigstens zu den Querschnittsmaßen der Säule einen originalgetreuen Nachweis ermöglichten. Ein aufgetauchtes Schwarz-Weiß-Foto zeigt, daß die Forstbergsäule später analog der hier üblichen Wegsäulen im Kopfteil um andere Ortsangaben ergänzt wurde (Brand ®/ Hohnstein ¬ ). Die obere Brandsäule wird übrigens schon 1804 von Götzinger erwähnt.
Welche Bewandtnis hat es nun mit der Forstbergsäule gehabt? Am 1. Mai 1795 fand auf dem Hohnsteiner Galgenberg die letzte Hinrichtung statt. Der Exekution Böhnischs wohnten viele Schaulustige bei, so auch Ernst Friedrich Pieschel, ein "Candidat Theologiae" und Informator beim Ökonomie-Inspektor Sommer in Langburkersdorf sowie einziger Sohn des Pfarrers Pieschel in Wilschdorf. Nach der Hinrichtung wurde Kandidat Pieschel vom Hohnsteiner Pastor Gerschner zu Tisch eingeladen. Wie im Hohnsteiner Kirchenbuch nachzulesen ist, begab sich Ernst Friedrich Pieschel gegen 16 Uhr von Hohnstein aus auf den Weg nach Schandau, um dort Freunde zu besuchen. Doch bei ihnen kam er nie an. Kandidat Pieschel verunglückte unterwegs tödlich, "da er sich ohnfehlbar vom Wege verirrt hatte, daß er seinen blöden Gesichts wegen über eine große Steinwand hinunterstürzte"; er wurde etliche Tage vermißt. Der Hohnsteiner Förster Porschberger ließ daraufhin "Büsche und Schlüchte" absuchen. Der Porschdorfer Holzmächer Hänel fand erst am Abend des 16. Juli 1795 die sterblichen Überreste. Die Fundstelle heißt seither Pieschels Grund, später wurde Barthel-Bieschels-Grund dafür geläufig. Ob Hänel mit Vornamen Bertold hieß? Auf alle Fälle hat der Ortsname nichts mit "Barthels Büschel" zu tun. Am 17. Juli 1795 wurde Pieschels Leiche draußen in den Brandwänden von vier Männern bewacht. "Den 18. J. wurden seine Gebeine, so wie sie gefunden wurden allda, in einen Sarg gelegt und Nachmittags um 4 Uhr unter Verlauten der Glocken in hiesiger Capelle gesezt. Den 19. J. nach der früh Predigt mit einer Parentation unter Läutung der Glocken, auf dem Gottesacker begraben. Er war ohngefehr etl. 30 Jahre alt." Ernst Friedrich Pieschel zu Ehren wurde die Forstbergsäule gesetzt, sicher auch, um die Wegscheide nach Schandau besser zu markieren. Nicolai (1801) und Götzinger (1804) erwähnen in ihren Reisehandbüchern, daß in die steinerne Säule eine Hand mit einem Sch eingehauen ist (also die Richtung nach Schandau gewiesen wird).
Das Sächsische Forstamt Lohmen sah sich 1995 veranlaßt, zur 200. Wiederkehr des Unglückstages bei den Sächsischen Sandsteinwerken in Pirna eine Nachbildung der Forstbergsäule in Auftrag zu geben. Die fachliche Beratung dazu erfolgte durch René Prokoph aus Gohrisch, der sich schon seit Jahren nebenberuflich mit den Steinsäulen in der Sächsischen Schweiz beschäftigt und besonders verdienstvoll für die Pflege und den Erhalt dieser steinernen Zeugen unserer Fremdenverkehrsgeschichte wirkt. Guten Rat erteilte auch Kreisdenkmalpfleger Hartmut Gräfe aus Sebnitz. Für die Gestaltung des Kopfstückes verwendete René Prokoph historische Vorlagen: Die Hand wurde von der Wegsäule an der Kreuzung Hofehainweg/ Alte Böhmische Glasstraße bei Ehrenberg im Umriß abgenommen, die Ausführung der Buchstaben entspricht der Schriftform auf der Säule am Forsthaus im Kirnitzschtal (am Mühlberg nach Mittelndorf stehend und von 1834 stammend). Infolge des Anfang November 1995 einsetzenden Dauerfrostes konnte die Säule im Jubiläumsjahr nicht mehr aufgestellt werden. Das wurde nunmehr am 18. Juni 1996 nachgeholt; eine am nahen hölzernen Wegweiserpfahl angebrachte Erläuterungstafel gibt mit knappen Worten Auskunft zum historischen Hintergrund.
Man kann über den Wert derartiger Nachbildungen sicherlich streiten. Eigentlich sind nur Originale historisch wertvoll. Wenn die neue Forstbergsäule den heutigen Besucher aber vor allem an die hohe Unfallgefahr im Felsgebiet (und damit auch an das Wegegebot im Nationalpark Sächsische Schweiz) ermahnt, dann hat sie auch als Nachbildung durchaus einen aktuellen Sinn.
Dietrich Graf,
Sächsisches Forstamt Lohmen
Wege verbinden Orte und Menschen - vorausgesetzt, daß sie nicht in die Irre führen, also für jedermann leicht zu finden sind. Dieser orientierenden Funktion dienen Wegsäulen, Wegweiser und Wegzeichen. In der Sächsischen Schweiz leistete dazu ab 1908 der damalige Gebirgsverein eine landesweite Pionierarbeit. Nach 1945 baute hier der Kulturbund unter der aufopferungsvollen Leitung des Sebnitzer Lehrers Rolf Gullich ein in sich geschlossenes, anspruchsvolle Maßstäbe setzendes Markierungssystem für Wanderwege auf, das indirekt auch ein weiteres Anliegen verfolgte, nämlich Naturschutz durch Besucherlenkung auf wenige, sicher ausgebaute und gut markierte Wege zu erreichen.
Wir Sebnitzer Naturschützer sind alle durch diese allgemeinnützige Gullich´sche Schule gegangen. Meine Betrachtungen zur alten und neuen Forstbergsäule widme ich daher in großer Dankbarkeit unserem Rolf Gullich, der am 19. Juli 1996 seinen 70. Geburtstag beging und wenige Tage zuvor uns alle mit einem ganz gediegenen Inhalt zum Begriff "Sebnitzer Heimat" überraschte, als er in einem Zeitungsbeitrag schrieb:
"Als Sebnitzer Heimat könnte etwa ein Raum umrissen werden zwischen Stolpen und Nordböhmen in der einen Richtung und dem Valtenberg und der Elbe in der anderen. Diese Abgrenzung wird variabel sein müssen in Abhängigkeit von den persönlichen Ansichten des Betrachters zum schon reichlich diskutierenden Heimatbegriff.
Wir verbleiben so: Was ich ungefähr an einem Tage erwandern kann, wo ich lebe und arbeite, mich bilde, wo man mich akzeptiert, wo ich mehr gebe als nehme, wofür mein Herz schlägt und wohin ich immer wieder gern zurückkehre, das ist meine Heimat."
Wer kennt schon eine bessere Begriffsbestimmung zu dem schönen Wort "Heimat" ?
Dietrich Graf