Das aktuelle Thema der Bebauung in den Gemeinden der Sächsischen Schweiz sowie die Frage, wie der Stand der touristischen Entwicklung in der Sächsischen Schweiz derzeit eingeschätzt wird, haben uns veranlaßt, einmal von einer Gemeinde der Region zu berichten und deren Entwicklungskonzepte näher vorzustellen. Ausgewählt wurde dabei der Kurort Gohrisch; weitere Gemeinden wollen wir in der Zukunft für ein Interview in den nächsten Heften ansprechen.
Wir haben versucht, das Thema Tourismus tiefer zu beleuchten, indem wir sowohl das Gespräch an der Basis mit einem Fremdenverkehrsamt einer Gemeinde führen wollten, als auch das Interview mit dem Vorsitzenden des Tourismusverbandes, Klaus Brähmig .
Die Bürgermeisterin der Einheitsgemeinde Gohrisch, Katharina Grieme, übt dieses Amt bereits seit 1990 im Kurort Gohrisch aus und wurde nach der Zusammenlegung der Gemeinden Cunnersdorf, Papstdorf, Kleinhennersdorf und Kurort Gohrisch im Jahr 1994 wiedergewählt. Mit einem Mandat der Freien Wähler arbeitet sie im Kreistag des Landkreises Sächsische Schweiz. Mit ihr führten wir das nachfolgende Gespräch. Bei der Amtsleiterin des Fremdenverkehrsamtes, Gisela Hübner, sowie den Mitarbeiterinnen des Fremdenverkehrsamtes möchten wir uns für ihre Unterstützung und die Bereitstellung der Daten besonders bedanken.
1. Frau Grieme, welche grundsätzlichen Entwicklungsziele hat sich die Gemeinde Gohrisch mit ihren vier Gemeindeteilen gestellt?
Das große Entwicklungsziel des Gemeindeteiles Gohrisch ist die Prädikatisierung als "Luftkurort" in erster Stufe und "Heilklimatischer Kurort" nach mindestens 5 Jahren der "Bewährung". Desweiteren die Neubeantragung des Status "Anerkannter Erholungsort" für die Ortsteile Cunnersdorf, Kleinhennersdorf und Papstdorf, die derzeit noch Bestandsschutz besitzen, durch das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit.
Für Gohrisch und Papstdorf gibt es schon seit 1991 örtliche Entwicklungskonzepte, für Cunnersdorf wird es noch 1996 fertig. Alle Maßnahmen werden den Entwicklungszielen untergeordnet, so ist z.B. die Baumschutzsatzung genauso wichtig wie die Tourismuskonzeption.
Der Fremdenverkehr stellt zwar die wichtigste Aufgabe innerhalb des Gemeindegebietes dar; es soll aber auch immer ein Ort für die Einwohner bleiben.
2. Wie sollen diese Ziele nun ganz konkret erreicht werden? Was hat die Gemeinde z.B. getan, um das Ortsbild zu bewahren? Gab es Anfragen zu überdimensionierten Objekten, wie sie jetzt z.B. in Rathen, im Bielatal oder mit der Kurklinik in Ostrau in der Diskussion sind?
Anfragen von Investoren gab es schon 1990/91, u.a. zu einem 4etagigen Klinikbau. Da sich aber die Gemeinde schon damals eindeutig für die Bewahrung der historisch gewachsenen Ortsbilder ausgesprochen hatte, ist es bei dieser und anderen Voranfragen geblieben und nie zu konkreten Planungen gekommen.
Mit der jetzt erarbeiteten Ortsgestaltungssatzung, die sich derzeit in der Abstimmungsphase befindet, u.a. auch mit der Nationalparkverwaltung, sollen Grundsätze fixiert werden. Wir haben einen Technischen Ausschuß in unserer Gemeinde, der die Ortsgestaltungssatzung bearbeitet hat, und der auch Überzeugungsarbeit mit vielen Bauherren leistet. So konnte schon vor Inkrafttreten der Ortsgestaltungssatzung die Neubebauung in Gohrisch am Parkplatz mit äußeren Anpassungen beeinflußt werden, so daß sie jetzt kleiner und ortsgemäßer ausfällt.
3. Werden mit der neuen Ortsgestaltungssatzung die Blechdächer und -erker, oder die schon oft gesehenen, aber wenig ins Ortsbild passenden, typisch bayerischen Bauelemente noch möglich sein?
Mit der Ortsgestaltungssatzung geben wir den Bauherren eine genaue Vorgabe, um den Charakter unserer Ortschaften zu bewahren. So werden bestimmte Arten von Dacheindeckungen und Dachneigungen vorgeschrieben. Bebauungen mit Blechdächern wird es im Gemeindegebiet dann nicht geben können.
4. In Cunnersdorf war lange Zeit ein Hotelstandort auf exponierter Stelle vorgesehen, wovon wir mehrfach berichteten. Wie ist der aktuelle Stand?
Nach der Zusammenlegung der Gemeinde Cunnersdorf mit den Nachbargemeinden haben wir als Gemeinde das Projekt von Frau Bandermann nicht befürwortet. Alternativstandorte wurden angeboten. Das Regierungspräsidium hat die letzte Variante allerdings zurückgewiesen, da sie einer Neuplanung gleichkommt. Die Anträge müßten jetzt noch einmal für einen anderen Standort neu eingereicht werden, was die Investorin aber seitdem nicht getan hat.
5. Welche Bauaktivitäten sind im Gemeindegebiet in nächster Zeit geplant?
In Kleinhennersdorf ist die Umsetzung des Bebauungsplanes für 29 Eigenheime in Arbeit. In Cunnersdorf wird es innerörtlich ein kleines Siedlungsgebiet mit 13 Eigenheimen geben. Bei einem neuen Bebauungsgebiet in Gohrisch achten wir auf die charakteristischen, nicht zu kleinen Grundstücksgrößen mit Begrünung.
Bei geplanten Um- und Erweiterungsbauten wie beim "Gohrischer Hof" oder beim "Bergblick" haben wir planungsrechtlichen Einfluß. Geplante Kureinrichtungen mit einer kleinen Schwimmhalle für Therapien sollen nicht losgelöst vom Ort auf der grünen Wiese entstehen, sondern werden weitgehend in den Bestand integriert.
6. Was sind Probleme, die Sie als Bürgermeisterin bedrücken?
Problematisch entwickelt sich die immer weiter zurückgehende Finanzausstattung der Gemeinden, die den Kommunen nur noch erlaubt, Pflichtaufgaben zu erfüllen. Projekte zur naturschutzfachlich wichtigen Anlage von Hecken oder zur Begrünung müssen dann zurückgestellt werden. Außerdem fehlen selbst bei Fördermittelvergabe die notwendigen Eigenmittel.
Ein weiteres Problem ist, daß es mitunter leider leichter wäre, auf der grünen Wiese zu bauen, als zum Beispiel eine maßvolle Bebauung auf Wochenendgrundstücken zu ermöglichen, die sich im sogenannten Außenbereich im Innenbereich der Gemeinde befinden. Dies sollte erleichtert werden.
Schwierigkeiten gibt es auch mit der Agrargenossenschaft mit Sitz in Reinhardtsdorf. Der schlechte Zustand der Ställe war oft Anlaß zur Kritik. Und da diese in der Frischluftschneise liegen, besteht der Wunsch zur Verlagerung. Außerdem wurden viele bestehende Gräben verschüttet, so daß in diesem Jahr Schlammlawinen in die Ortschaften Papstdorf und Cunnersdorf fluteten. Leider ist es schwer, bei der Agrargenossenschaft in Reinhardtsdorf einen Ansprechpartner zu finden.
7. Nun zum Thema Tourismus in Ihrem Gemeindegebiet. Uns würde interessieren, wie die aktuelle Situation aussieht. Wieviele Gäste kommen? Wie ist die Auslastung?
Im Gemeindegebiet gibt es 102 gewerbliche oder private Vermieter, die 1995 auf 26.131 Gäste und 127.807 Übernachtungen verweisen konnten. Dabei fällt auf Gohrisch mit 83.505 Übernachtungen der Hauptanteil, wobei die Kurgäste mit ca. 30.000 Übernachtungen beteiligt sind.
Die Kurheime sind auch mit fast 78 % am besten ausgelastet. Dagegen liegt der Auslastungsgrad der gewerblichen Vermieter in Kleinhennersdorf, Papstdorf und Cunnersdorf nur bei maximal 22 % oder darunter. Die Privatvermieter verzeichnen in den Gemeindeteilen unterschiedliche Auslastungen: von 41 % in Gohrisch, über 30 % in Kleinhennersdorf, 25 % in Papstdorf und 22 % in Cunnersdorf. Die Gesamtauslastung kommt damit nach unserer Statistik auf 32,27 %, ohne Kur aber nur auf 24,49 %.
Ortsteil Auslastung
Cunnersdorf gewerbl. Vermietung 20,26 %
private Vermietung 22,60 %
gesamt 20,99 %
Kurort Gohrisch gewerbl. Vermietung 42,22 %
darunter Kur 77,78 %
Landhaus 41,91 %
Hotel, Pension, Gasthof 29,91 %
private Vermietung 41,25 %
gesamt 42,06 %
Kleinhennersdorf gewerbl. Vermietung 17,97 %
private Vermietung 30,55 %
gesamt 20,99 %
Papstdorf gewerbl. Vermietung 21,77 %
private Vermietung 25,48 %
gesamt 23,53 %
Gesamt 32,27 %
8. Aus welchen Gegenden kommen die Gäste? Wie lange bleiben die Gäste im Durchschnitt?
1995 kamen die meisten Übernachtungsgäste mit 30 % aus Sachsen. Aus Berlin kamen 15 % und aus Brandenburg 12 % unserer Gäste. Mit größerem Abstand folgen dann Sachsen-Anhalt (7 %), Baden-Württemberg (6 %), Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (je 5 %), Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen (je 4 %), Bayern und Hessen (je 3 %) und Rheinland-Pfalz mit 1 %.
Die Hälfte unserer Gäste bleiben 4 Nächte und mehr in den Quartieren unseres Gemeindegebietes.
9. Mit welchem Verkehrsmittel reisen die Gäste an?
Wir haben für 1995 geschätzt, daß 99 % unserer Gäste mit dem Auto anreisen und 1 % mit der Bahn.
10. Wie stellt sich der Jahresverlauf der Auslastung dar?
Im Verlauf des Jahres gibt es sehr starke Schwankungen der Zahl der Übernachtungsgäste. Speziell im Winter und im zeitigen Frühjahr ist eine sehr geringe Auslastung zu verzeichnen. Wir haben einmal eine Statistik der Privatvermieter für 1995 und 1996 erstellt, die diesen Jahresgang unterstreicht.
Die nebenstehenden Graphiken für 1995 und 1996 stellen diese Tendenz anschaulich dar. Wichtig ist, auch in der Nebensaison Gäste zu einem Aufenthalt in der Sächsischen Schweiz zu bewegen.
11. Was sollte aus Ihrer Sicht verbessert werden, um die Sächsische Schweiz für die Touristen attraktiver zu machen? Gab es Beschwerden oder Hinweise der Gäste?
Viele Gäste wünschen sich ein Verbundkarte Bahn/ Bus. Außerdem sollten die Busse auch am Wochenende in die vier Orte des Gemeindegebietes fahren. Zwischen Gohrisch und Bad Schandau gibt es am Wochenende überhaupt keine Verbindung, so daß das Auto zwangsläufig genutzt werden muß.
Kritik von Touristen im Fremdenverkehrsamt Gohrisch gab es an den überteuerten Preisen der Kirnitzschtalbahn und der Schifffahrt.
Dagegen wird die S-Bahn von vielen gern genutzt, besonders für Fahrten nach Dresden. Die Parkmöglichkeiten in Bad Schandau erweisen sich dabei für die Gäste deutlich günstiger als die wenigen und teuren Parkplätze in Königstein, wo ein echtes P+R-Angebot fehlt.
Frau Grieme, vielen Dank für das Gespräch und Ihre Informationen.
(Das Interview führte Peter Rölke.)